Krieg ist kein Spiel!

Krieg ist kein Spiel! - Warum Panzer, Waffen und militärische Inszenierungen an der OLMA nichts verloren haben

Warum Panzer, Waffen und militärische Inszenierungen an der OLMA nichts verloren haben

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Ein persönlicher Friedensappell gegen die Normalisierung des Krieges, gegen eine blinde Aufrüstung und gegen Militärshows für Kinder und Familien.

von Christoph J. Zingg (Autor)

Kinder gehören nicht an die Waffe.

Kinder und Jugendliche müssen geschützt werden. Vor dem Krieg, vor der Gewalt und vor einer Gesellschaft, die ihnen Waffen als Spielzeug und militärische Stärke als Unterhaltung präsentiert.

Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob wir eigentlich noch merken, was wir tun. Ob wir noch unterscheiden können zwischen Sicherheit und militärischer Machtdemonstration, zwischen notwendiger Aufklärung und der Verharmlosung von Gewalt. Ob wir noch in der Lage sind, kritisch zu hinterfragen, was uns als selbstverständlich präsentiert wird.

Die OLMA ist eine Schweizer Messe für Landwirtschaft und Ernährung, für Land- und Milchwirtschaft, für Tiere, regionale Produkte, Handwerk, Begegnungen und das Leben. Sie ist ein Ort, an dem sich die Ostschweiz trifft. Ein Ort, an dem Familien gemeinsam etwas erleben, Kinder Tiere entdecken und Menschen über Landwirtschaft, Ernährung und unsere Zukunft nachdenken können.

Und dann stehen da Panzer.

Kinder klettern auf Militärfahrzeugen herum. Sie dürfen Drohnen spielerisch abschiessen. Sie schauen durch Zielfernrohre und hantieren an Waffen. Jugendliche können am Simulator mit einer Panzerabwehrlenkwaffe einen Panzer zerstören. Es gibt Kampfszenen in der Arena, Überflüge von Militärflugzeugen und landende Fallschirmspringer. Schwere Militärfahrzeuge werden zur Fotokulisse. Uniformen, Technik, Kletterwände und militärischer Funfaktor verbinden sich zu einem Erlebnis, das offenbar Spass machen soll und Adventure suggeriert.

Bilder: Christoph J. Zingg – Olma 2026 (17.10.26)
Gesichter zum Schutz der abgebildeten Personen mithilfe von KI unkenntlich gemacht.

Diese Bilder sollen weder Kinder und Jugendliche noch ihre Eltern blossstellen oder an den Pranger stellen. Zum Schutz der abgebildeten Personen wurden die Gesichter mithilfe künstlicher Intelligenz unkenntlich gemacht.

Meine Kritik richtet sich an die Verantwortlichen, die solche Angebote gestalten, ermöglichen und in eine Familienmesse einbetten. Kinder sind neugierig. Sie erkunden, was Erwachsene ihnen anbieten. Gerade deshalb tragen diejenigen Verantwortung, die entscheiden, welche Erlebnisse ihnen zugänglich gemacht werden und welche Botschaften damit verbunden sind.

Trotz der unkenntlich gemachten Gesichter bleibt für mich ein verstörender Eindruck: Kinder, Waffen und militärisches Gerät – mitten an einer Schweizer Landwirtschafts- und Ernährungsmesse, die Familien anspricht. Die Anonymisierung schützt die abgebildeten Menschen. Die gesellschaftliche Frage bleibt sichtbar: Was vermitteln wir Kindern hier über Waffen, Krieg und die Bedeutung militärischer Gewalt

Die Menschen auf diesen Bildern verdienen Schutz. Die Verantwortlichen für die Ausstellung schulden der Öffentlichkeit Antworten.

Für diese Sonderausstellung auf 2000 Quadratmeter werden nach den mir vorliegenden Angaben 300’000 Franken ohne Personalkosten aufgewendet (Quelle: SRF 10vor10, 14.10.2026). Rund 250 Soldaten stehen dafür 11 Tage im Einsatz.

Ich frage mich: Was genau soll uns das sagen? Was sollen unsere Kinder dabei lernen? Und was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn militärische Gewalt zum Familienprogramm wird?

Meine Antwort ist klar:
Diese Art von Militärinszenierung ist fehl am Platz.
Nicht weil wir die Realität des Krieges verdrängen sollten.
Sondern weil wir endlich anfangen müssen, sie ernst zu nehmen.

1. Ich schreibe nicht über Krieg, weil ich ihn aus dem Fernsehen kenne

Ich habe Krieg und Gewalt selbst erlebt. Nicht als Computerspiel. Nicht als spektakuläre Bilder auf einem Bildschirm. Nicht als Nachrichtensendung, die man nach wenigen Minuten wieder ausschaltet.

Ich war in Namibia, in Kamerun, in Tansania, in Israel und Palästina und in Myanmar. Ich habe erlebt, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten von Menschen sein können und wie sehr Konflikte das Leben prägen. Ich habe Krieg erlebt.

In Kamerun wurden meine Familie und ich nachts von fünf bewaffneten Banditen überfallen. Wir wurden bedroht und ausgeraubt. Wer eine solche Situation erlebt, weiss, dass eine Waffe kein faszinierendes technisches Objekt ist. Sie ist ein Mittel, mit dem ein Mensch einen anderen Menschen in Angst versetzen, verletzen oder töten kann.

Ich habe einen Partner, der vor dem Krieg geflüchtet ist. Seine Familie leidet in Myanmar täglich unter den Folgen des Krieges.

Ich kenne Menschen und Familien, die Angehörige durch Krieg und Militärgewalt verloren haben. Menschen, deren Leben auseinandergerissen wurde. Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, deren Sicherheit zerstört wurde und die mit Erfahrungen leben, die andere kaum nachvollziehen können.

Ich kenne Menschen auf der Flucht, im Exil und in Flüchtlingslagern.

Ich schreibe deshalb nicht aus einer abstrakten pazifistischen Vorstellung heraus. Ich weiss, dass Gewalt existiert. Ich weiss, dass Menschen bedroht werden. Ich weiss, dass es Situationen gibt, in denen Menschen Schutz brauchen und sich gegen Angriffe verteidigen müssen.

Aber gerade deshalb wehre ich mich dagegen, Gewalt zu einer Attraktion zu machen.

Wer Krieg erlebt hat, weiss: Krieg besteht nicht aus eindrucksvollen Flugmanövern, glänzendem Stahl und spannenden Simulationen. Krieg besteht aus Angst, Verlust, Verletzungen, zerstörten Häusern, auseinandergerissenen Familien, Flucht und Tod.

Hinter jedem Panzer stehen Menschen, die er bedrohen oder verletzen kann. Hinter jeder Rakete stehen Menschen, deren Leben sie zerstören kann. Hinter jeder militärischen Erfolgsmeldung stehen Fragen, die selten in der gleichen Grösse auf den Titelseiten erscheinen: Wie viele Menschen wurden getötet? Wie viele Kinder haben ihre Eltern verloren? Wie viele Familien werden nie wieder in ihr Zuhause zurückkehren?

Der Krieg ist nicht dort, wo wir ihn auf der OLMA inszenieren. Der Krieg ist dort, wo Menschen um ihr Leben rennen.

Und genau diesen Unterschied dürfen wir nicht vergessen.

2. Kinder klettern auf Panzern – und niemand findet das merkwürdig?

Stellen wir uns die Szene einmal ohne die üblichen Erklärungen vor.

Ein Kind klettert auf einen Panzer. Es darf sich fotografieren lassen. Vielleicht trägt es eine Uniform. Es schaut durch ein Zielfernrohr. Es drückt einen Knopf und schiesst am Simulator einen anderen Panzer ab. Eine Drohne wird spielerisch vom Himmel geholt. Ringsherum stehen Familien, schauen zu, lachen und machen Fotos.

Was erlebt dieses Kind?

Es erlebt Abenteuer. Technik. Macht. Spannung. Erfolg. Vielleicht Bewunderung.

Was erlebt es nicht?

Es erlebt nicht den verletzten Menschen, der von einer Waffe getroffen wird. Nicht die Mutter, die ihr Kind sucht. Nicht das zerbombte Schulzimmer. Nicht die Angst eines Menschen, der sich nachts in einem Keller versteckt. Nicht das Leben nach einer Amputation. Nicht die schlaflosen Nächte eines Menschen, der seine Heimat verloren hat.

Das Problem ist nicht, dass Kinder neugierig sind. Neugier ist etwas Wunderbares.
Das Problem ist, welche Bedeutung wir Erwachsenen dieser Neugier geben und welche Bilder wir mit ihr verknüpfen.

Ein Panzer ist kein Klettergerüst. Eine Panzerabwehrlenkwaffe ist kein Spielzeug. Ein Zielfernrohr ist kein harmloses optisches Gerät, wenn es im Zusammenhang mit einer Waffe präsentiert wird. Und das Zerstören eines simulierten Panzers ist nicht einfach nur ein beliebiger Knopfdruck. Es ist eine inszenierte Handlung, deren Zweck die Bekämpfung eines militärischen Ziels ist.

Natürlich wird ein Kind nicht automatisch gewalttätig, weil es einen Panzer besichtigt oder einen militärischen Simulator ausprobiert. Das wäre eine wissenschaftlich nicht haltbare Behauptung. Kinder können solche Erlebnisse unterschiedlich verarbeiten. Manche interessieren sich für Technik, andere für Uniformen, wieder andere für Flugzeuge.

Aber daraus folgt nicht, dass jede Form der Inszenierung pädagogisch unbedenklich ist.

Kinder lernen nicht nur durch Erklärungen. Sie lernen auch durch Beobachtung, Nachahmung, Wiederholung und durch die Wertschätzung, die Erwachsene bestimmten Tätigkeiten entgegenbringen. Was als spannend, heldenhaft oder erstrebenswert präsentiert wird, erhält eine andere Bedeutung als etwas, das mit Leid und Verantwortung verbunden wird.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob ein Kind nach einem Messebesuch sofort eine Waffe benutzen will.
Die Frage lautet vielmehr:

Welches Bild von Gewalt, Konflikt und Sicherheit vermitteln wir unseren Kindern?

Wird die Waffe als Werkzeug des Todes verstanden oder als faszinierendes technisches Objekt? Wird der Krieg als Katastrophe begriffen oder als Abenteuer? Lernen Kinder, dass Konflikte gelöst werden müssen, oder lernen sie, dass die Überlegenheit der eigenen Waffen ein Zeichen von Stärke ist?

Das sind berechtigte Fragen der politischen Bildung und der Medienpädagogik.

Die Forschung über soziales Lernen, Gewaltinszenierung und die Entwicklung moralischer Urteile gibt Anlass, solche Darstellungen kritisch zu prüfen. Sie liefert allerdings keinen simplen Beweis dafür, dass ein einzelner Besuch einer Militärschau Kinder zu Befürwortern des Krieges macht. Entscheidend sind Kontext, Erklärungen, wiederholte Erfahrungen und das Umfeld, in dem Kinder aufwachsen.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir als Erwachsene Verantwortung übernehmen.

Wenn wir Waffen zeigen, müssen wir auch ihre Folgen zeigen. Wenn wir militärische Technik erklären, müssen wir auch erklären, wozu sie eingesetzt wird. Wenn wir von Verteidigung sprechen, müssen wir über zivile Opfer, humanitäres Völkerrecht, Deeskalation und Diplomatie sprechen.

Eine Ausstellung, die den militärischen Funfaktor in den Vordergrund stellt, vermittelt diese Zusammenhänge nicht automatisch.

Warum werden nicht Flüchtlingsströme, Zeltstädte der Vertriebenen, unsere humanitäre Hilfe und der Wert der Diplomatie und von Gesprächen gezeigt?

Kinder brauchen keine Kriegssimulation, um etwas über Frieden zu lernen. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen erklären, weshalb Frieden geschützt werden muss.

3. Was sagt die Wissenschaft über Kinder und die Normalisierung von Gewalt?

Es wäre zu einfach, zu behaupten, eine Militärschau führe zwangsläufig zu mehr Gewaltbereitschaft. Ebenso unzureichend wäre es, anzunehmen, eine spielerische Darstellung militärischer Gewalt sei allein deshalb unproblematisch, weil sie auf einer öffentlichen Messe stattfindet.

Wissenschaftlich sinnvoll ist es, drei Fragen zu unterscheiden.

Erstens: Was lernen Kinder durch Vorbilder und Wiederholung?

Die sozial-kognitive Lerntheorie, insbesondere die Arbeiten des Psychologen Albert Bandura, beschreibt, wie Menschen Verhaltensweisen und Handlungsmuster durch Beobachtung anderer lernen können. Dabei spielen unter anderem die Aufmerksamkeit, die erwarteten Folgen eines Verhaltens und die soziale Anerkennung eine Rolle.

Auf eine Militärschau übertragen bedeutet das nicht, dass Kinder automatisch militärische Einstellungen übernehmen. Es bedeutet aber, dass die Art der Präsentation wichtig ist.

Wenn eine Waffe mit Spannung, Erfolg, Spass und Anerkennung verbunden wird, während ihre menschlichen Folgen unsichtbar bleiben, entsteht eine einseitige Darstellung.

Wenn hingegen erklärt wird, welche Zerstörungskraft eine Waffe besitzt, welche völkerrechtlichen Grenzen gelten und warum zivile Menschen besonders geschützt werden müssen, entsteht ein anderer Lernkontext.

Die entscheidende pädagogische Frage lautet also: Wird militärische Gewalt kritisch eingeordnet oder bloss attraktiv präsentiert?

Zweitens: Was geschieht, wenn Gewalt zur Normalität wird?

Der Begriff der Normalisierung beschreibt einen Prozess, bei dem etwas, das zunächst aussergewöhnlich oder problematisch erscheint, durch wiederholte Präsenz zunehmend selbstverständlich wirken kann.

Gewalt kann in Medien, Unterhaltung, Politik und öffentlichem Leben auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt werden. Nicht jede Darstellung führt zur gleichen Wirkung. Auch lässt sich aus der blossen Präsenz von Militärfahrzeugen nicht direkt auf eine bestimmte gesellschaftliche Entwicklung schliessen.

Doch wenn Panzer, Waffen und simuliertes Töten immer wieder als unterhaltsame, faszinierende und weitgehend folgenlose Erlebnisse erscheinen, ist es legitim zu fragen, welche Aspekte aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden.

Die Technik ist sichtbar. Das Leid ist unsichtbar.

Die Stärke ist sichtbar. Die Verletzlichkeit ist unsichtbar.

Der Abschuss ist sichtbar. Das zerstörte Leben bleibt ausserhalb des Bildes.

Eine solche Darstellung muss nicht bewusst manipulativ gemeint sein, um ein einseitiges Bild zu erzeugen.

Drittens: Was bedeutet das für die politische Bildung?

Kinder und Jugendliche sollten lernen, politische Konflikte zu verstehen, Informationen zu überprüfen, Propaganda zu erkennen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen.

Dazu gehört auch, die Rolle von Armeen, die Notwendigkeit von Verteidigung, die Risiken von Aufrüstung und die Grenzen militärischer Gewalt zu diskutieren.

Politische Bildung ist jedoch mehr als die Begegnung mit militärischer Ausrüstung.

Ein Simulator, bei dem ein Panzer abgeschossen wird, vermittelt noch kein Verständnis für die Ursachen eines Krieges. Ein Flugzeugüberflug erklärt nicht, wie internationale Konflikte entstehen. Eine Uniform vermittelt nicht automatisch Kenntnisse über das humanitäre Völkerrecht.

Wenn wir Kinder wirklich auf eine friedliche und sichere Zukunft vorbereiten wollen, brauchen wir Räume für kritisches Denken. Räume, in denen nicht nur die Technik bestaunt, sondern auch die Entscheidung hinter ihrem Einsatz hinterfragt wird.

Das ist kein Argument gegen jede Information über das Militär. Es ist ein Argument gegen eine einseitige, unkritische Darstellung militärischer Gewalt als Unterhaltung.

4. Die Kinder in den Kriegsgebieten sind keine abstrakte Statistik

Während bei uns Kinder auf Panzer klettern und mit militärischen Simulatoren spielen, erleben Kinder in anderen Teilen der Welt die Realität dessen, was hier als spannendes Erlebnis inszeniert wird.

Die Zahlen sind erschütternd.

UNICEF berichtete 2024, dass zwischen 2018 und 2022 bei den von den Vereinten Nationen bestätigten Fällen von getöteten oder schwer verletzten Kindern in Konfliktgebieten explosive Waffen für rund die Hälfte der registrierten Fälle verantwortlich waren. Die grosse Mehrheit dieser Fälle ereignete sich in bewohnten Gebieten. Die Zahlen beziehen sich auf dokumentierte und überprüfte Fälle; sie bilden nicht zwingend das gesamte Ausmass ab. UNICEF: Explosive weapons and child casualties

Kinder werden durch Bombardierungen getötet oder verletzt. Sie verlieren Eltern, Geschwister und Freunde. Schulen, Spitäler und Wohnungen werden zerstört. Menschen werden vertrieben. Nicht explodierte Munition und andere explosive Kriegsreste gefährden Kinder noch lange nach dem Ende der Kämpfe. UNICEF: Protecting children from explosive weapons

Das ist keine abstrakte Gefahr. Es ist die Realität von Kindern in der Ukraine, in Myanmar, in Gaza, im Sudan und in vielen weiteren Konfliktgebieten.

In Namibia habe ich als Mitglied der Swiss Medical Unit der UNTAG erlebt, was fünf Kindern passiert ist, die mit einer Handgranate, die sie gefunden haben, gespielt haben.
Zwei waren sofort tot.
Einer hat ein Bein, einer ein Arm und einer sein Augenlicht verloren. Das ist die Realität im Krieg.

Kinder tragen keine Verantwortung für die Entscheidungen, die zu Kriegen führen. Sie bestimmen nicht über Waffenlieferungen, Grenzkonflikte oder militärische Strategien. Sie entscheiden nicht, ob ein Krieg begonnen oder fortgesetzt wird.

Und trotzdem tragen sie einen unverhältnismässig hohen Preis.

Wenn Kinder als Soldaten rekrutiert werden, ist das eine schwere Verletzung ihrer Rechte. UNICEF dokumentierte für den Zeitraum von 2005 bis 2022 weltweit mehr als 105’000 bestätigte Fälle von Kindern, die von Konfliktparteien rekrutiert und eingesetzt wurden. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen. UNICEF: Children recruited by armed forces or armed groups

Hier liegt für mich ein moralischer Widerspruch, den wir nicht ignorieren dürfen.

Einerseits erklären wir, Kinder müssten vor Krieg und Gewalt geschützt werden. Andererseits präsentieren wir ihnen in friedlichen Ländern Waffen und militärische Kampfhandlungen als Freizeitattraktion.

Das ist nicht dasselbe wie die Rekrutierung von Kindersoldaten. Diese Dinge gleichzusetzen wäre falsch und würde das Leid betroffener Kinder verharmlosen. Aber die ethische Frage bleibt bestehen: Welche Verantwortung haben wir, wenn wir jungen Menschen vermitteln, dass militärische Gewalt faszinierend, spielerisch und selbstverständlich sei?

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Schutz. Sie haben ein Recht auf eine Kindheit, in der nicht der Krieg die Fantasie beherrscht.

Sie sollen Flugzeuge bestaunen dürfen. Sie sollen sich für Technik interessieren. Sie sollen lernen, wie Drohnen funktionieren. Aber sie sollen genauso lernen, wie diese Technik Menschen schützen oder töten kann, welche Verantwortung mit ihrer Entwicklung verbunden ist und warum der Frieden nicht mit Waffen allein hergestellt werden kann.

Wir dürfen den Krieg nicht aus der Welt der Kinder verbannen, indem wir ihn verschweigen. Wir müssen ihn erklären, damit sie seine Folgen verstehen. Das ist ein grundlegender Unterschied.

5. Was hat das Militär an einer Landwirtschaftsmesse zu suchen?

Die OLMA steht für Landwirtschaft, Ernährung, Tiere und die Ostschweizer Lebenswelt. Sie ist eine Plattform für bäuerliche Betriebe, regionale Wirtschaft, gesellschaftliche Begegnungen, Volklore, Tradition und die Zukunft der Lebensmittelproduktion.

Warum muss eine solche Messe zur Bühne einer militärischen Leistungsschau werden?

Die Armee kann argumentieren, dass sie Teil der Gesellschaft ist. Sie kann erklären, welche Aufgaben sie erfüllt, wie der Bevölkerungsschutz funktioniert und welche Rolle die Landesverteidigung in einem demokratischen Staat spielt. Das sind legitime Anliegen.

Auch die Begegnung zwischen Zivilbevölkerung und Armee muss nicht grundsätzlich problematisch sein.

Aber daraus folgt nicht, dass jede Form der Präsentation sinnvoll ist. Eine Informationsveranstaltung über Katastrophenhilfe, Logistik, Rettungsdienste, Cyberabwehr oder den Schutz der Zivilbevölkerung ist etwas anderes als eine Inszenierung, bei der Kinder mit Panzerabwehrwaffen simulierte Ziele zerstören und Kampfszenen zur Attraktion werden.

Die Frage ist nicht, ob das Militär überhaupt in der Öffentlichkeit auftreten darf.

Die Frage ist, welches Bild des Militärs die Öffentlichkeit zu sehen bekommt.

Wird die Armee als Institution präsentiert, die Verantwortung trägt und deren Auftrag kritisch diskutiert werden kann? Oder wird sie als Erlebniswelt dargestellt, in der schwere Waffen, Uniformen und Kampfhandlungen vor allem Begeisterung auslösen sollen?

Eine Landwirtschaftsmesse muss nicht militärisch steril sein. Sie darf kontroverse Themen behandeln. Aber der Schwerpunkt und die konkrete Gestaltung einer Ausstellung sind Entscheidungen, die begründet werden müssen.

Nach den Angaben, die mir vorliegen, kostet die Sonderausstellung 300’000 Franken, ohne Personalkosten. Rund 250 Angehörige der Armee sind im Einsatz.

Diese Zahlen sollten öffentlich nachvollziehbar sein. Was genau umfasst der Betrag? Wie hoch sind die Personal- und Logistikkosten zusätzlich? Welche Kosten trägt die Armee, welche die Messe? Welches Ziel wird mit dem Einsatz verfolgt? Wie wird dessen Erfolg gemessen?

Ohne eine detaillierte Kostenaufstellung lässt sich nicht seriös behaupten, die gesamten Kosten beliefen sich auf einen bestimmten Betrag. Aber gerade deshalb braucht es Transparenz.

Und selbst wenn ein Teil der Kosten aus bestehenden Budgets gedeckt wird, verschwindet die wirtschaftliche Frage nicht. Personal, Transport, Material und Organisation beanspruchen Ressourcen, die auch für andere Aufgaben eingesetzt werden könnten.

Dreihunderttausend Franken ohne Personalkosten sind kein nebensächlicher Betrag. Wir müssen fragen dürfen, ob diese Form der Öffentlichkeitsarbeit ihren Aufwand rechtfertigt.

Wäre es nicht sinnvoller, dieselben Ressourcen in die Katastrophenhilfe, in die Ausbildung für den Schutz der Zivilbevölkerung oder in eine Ausstellung über die humanitären Folgen von Kriegen zu investieren?

Eine Messe darf unterhalten. Sie muss aber nicht jede Unterhaltung bieten.

Und eine Armee darf über ihre Aufgaben informieren. Sie sollte sich dabei nicht darauf verlassen, dass militärische Faszination bereits ein Beweis für den gesellschaftlichen Nutzen ihrer Präsentation ist.

6. 300’000 Franken: Was verstehen wir unter Sicherheit?

Wenn über Sicherheit gesprochen wird, stehen oft Panzer, Kampfflugzeuge, Raketenabwehr und andere Rüstungsgüter im Zentrum.

Sicherheit ist jedoch mehr als die Fähigkeit, einen Angriff militärisch abzuwehren.

Sicherheit bedeutet auch, dass Menschen sauberes Trinkwasser haben. Dass Spitäler funktionieren. Dass Kinder zur Schule gehen können. Dass kritische Infrastruktur geschützt ist. Dass Menschen nicht in Armut leben müssen, dass demokratische Institutionen stabil bleiben und Konflikte möglichst früh entschärft werden.

Eine funktionierende Gesellschaft braucht unterschiedliche Formen von Sicherheit. Militärische Verteidigung kann dazu gehören. Sie ersetzt aber weder den Schutz vor Naturkatastrophen noch den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Diplomatie oder die Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur.

Darum müssen wir auch über die Opportunitätskosten der Aufrüstung sprechen: über das, was wir nicht finanzieren, wenn wir mehr Geld für militärische Zwecke ausgeben.

Die internationale Dimension ist deutlich. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI schätzte die weltweiten Militärausgaben für 2025 auf 2’887 Milliarden US-Dollar. Das war das elfte Jahr in Folge mit steigenden Ausgaben und der höchste Stand, den SIPRI bis dahin erfasst hatte. Gegenüber 2024 stiegen die Ausgaben real um 2,9 Prozent. SIPRI: Trends in World Military Expenditure 2025

Diese Zahlen beweisen nicht, dass jede militärische Ausgabe falsch ist. Sie zeigen aber, in welchem Ausmass sich die Welt erneut auf militärische Stärke konzentriert.

Gleichzeitig stehen viele Länder vor grossen Aufgaben: Klimawandel, soziale Ungleichheit, fragile Gesundheitssysteme, fehlende Bildungschancen und die Folgen bewaffneter Konflikte.

Jeder Franken kann nur einmal ausgegeben werden.

Das bedeutet nicht, dass Verteidigung und soziale Sicherheit immer gegeneinander ausgespielt werden müssen. Es bedeutet, dass politische Entscheidungen Prioritäten setzen und begründet werden müssen.

Wenn wir mehr Geld für Rüstung verlangen, müssen wir beantworten können, welche konkrete Bedrohung damit reduziert werden soll, ob die gewählten Mittel geeignet sind und welche anderen Massnahmen ebenfalls zur Sicherheit beitragen.

Wenn wir Milliarden für militärische Fähigkeiten bereitstellen, müssen wir dieselbe Sorgfalt anwenden wie bei anderen grossen öffentlichen Ausgaben: Kosten prüfen, Alternativen vergleichen, Risiken benennen und Ergebnisse kontrollieren.

Nicht jede Ausgabe, die mit Sicherheit begründet wird, schafft automatisch Sicherheit.

Und nicht jede Waffe, die technisch beeindruckend ist, ist deshalb strategisch notwendig.

Die Ausstellung auf der OLMA ist dafür ein kleines, aber aufschlussreiches Beispiel. Sie zwingt uns, darüber nachzudenken, wie viel Aufmerksamkeit, Geld und gesellschaftliche Anerkennung wir militärischer Stärke widmen – und wie viel wir in die Fähigkeit investieren, Konflikte zu verhindern.

7. Aufrüstung: Schaffen immer mehr Waffen tatsächlich mehr Sicherheit?

Die sicherheitspolitische Lage Europas hat sich durch Russlands Angriff auf die Ukraine erheblich verändert. Das ist eine Tatsache, die niemand ignorieren sollte.

Die Ukraine hat erlebt, was es bedeutet, wenn ein Staat militärisch angegriffen wird. Menschen wurden getötet, Städte zerstört und Millionen aus ihrer Heimat vertrieben. Der russische Angriffskrieg ist keine Erfindung der Medien und keine blosse rhetorische Drohkulisse.

Für die Ukraine ist militärische Verteidigung eine unmittelbare Überlebensfrage. Ein Land, das angegriffen wird, hat das Recht, sich zu verteidigen. Es wäre zynisch, von den Menschen dort zu verlangen, sie sollten sich einer Invasion einfach widerstandslos ergeben.

Aber aus dieser Realität folgt nicht automatisch, dass jede Erhöhung der Rüstungsausgaben in jedem Land angemessen ist. Ebenso wenig folgt daraus, dass jede Waffe, jeder Beschaffungsentscheid oder jede militärische Inszenierung notwendig ist.

Zwischen der Feststellung, dass es reale militärische Bedrohungen gibt, und der Schlussfolgerung, dass immer mehr Waffen die beste Antwort seien, liegt eine politische und strategische Debatte.

Die Argumente der Befürworter

Wer eine stärkere Armee fordert, argumentiert vor allem mit Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit.

Die Logik lautet: Ein potenzieller Angreifer soll erkennen, dass ein Angriff hohe Kosten verursachen würde und deshalb nicht erfolgversprechend wäre. Eine glaubwürdige Verteidigung kann einen Angriff unattraktiv machen. Militärische Fähigkeiten können zudem helfen, die Bevölkerung, das Territorium und wichtige Infrastruktur zu schützen.

Diese Argumentation ist nicht grundsätzlich unsinnig. Abschreckung kann wirken. Staaten müssen mit der Möglichkeit rechnen, dass andere Staaten Gewalt anwenden. Die Geschichte zeigt, dass friedliche Absichten allein einen Angriff nicht verhindern.

Auch die Schweiz ist nicht von allen Risiken ausgenommen. Cyberangriffe, Spionage, Sabotage, Desinformation und Störungen kritischer Infrastruktur sind sicherheitspolitische Herausforderungen. Die Schweiz muss ihre Bevölkerung schützen und darf sich nicht darauf verlassen, dass andere Staaten ihre Sicherheit immer gewährleisten werden.

Das ist die ernst zu nehmende Seite des Arguments für Verteidigungsfähigkeit.

Die Gegenargumente der Friedens- und Abrüstungsbewegung

Friedensforscher, Abrüstungsorganisationen und Kritiker einer unbegrenzten Aufrüstung wenden ein, dass militärische Stärke allein keine stabile Friedensordnung schafft.

Rüstung kann Gegenrüstung auslösen. Wenn ein Staat seine militärischen Fähigkeiten erweitert, kann ein anderer Staat dies als Bedrohung interpretieren und ebenfalls aufrüsten. Was die eine Seite als defensive Vorsorge versteht, kann die andere Seite als Vorbereitung auf einen Angriff wahrnehmen.

Dieses Sicherheitsdilemma ist ein zentraler Begriff der internationalen Beziehungen. Es beschreibt, wie selbst Massnahmen, die aus Sicht eines Staates der eigenen Sicherheit dienen, die Unsicherheit anderer Staaten erhöhen können.

Das bedeutet nicht, dass jede Aufrüstung zwangsläufig zu Krieg führt. Es bedeutet aber, dass die Wirkung militärischer Massnahmen nicht allein von den Absichten des aufrüstenden Staates abhängt. Entscheidend ist auch, wie andere Akteure sie wahrnehmen und darauf reagieren.

Ein weiterer Einwand betrifft die Ressourcen. Geld, das in Rüstung fliesst, steht nicht automatisch für Diplomatie, Entwicklungszusammenarbeit, Konfliktprävention oder zivile Resilienz zur Verfügung. Wenn Militärausgaben stark steigen, muss geprüft werden, welche gesellschaftlichen Aufgaben darunter leiden.

Und schliesslich bleibt die Frage, ob politische Rhetorik die Bedrohungslage differenziert darstellt oder Ängste verstärkt, bis immer höhere Ausgaben als alternativlos erscheinen.

Was folgt daraus für die Schweiz?

Weder «Wir brauchen keine Armee» noch «Wir brauchen immer mehr Waffen» ist eine ausreichende sicherheitspolitische Analyse.

Eine ernsthafte Debatte muss die konkrete Bedrohung untersuchen, die Wirksamkeit möglicher Gegenmassnahmen prüfen und auch nichtmilitärische Optionen berücksichtigen.

Dazu gehören Diplomatie, internationale Zusammenarbeit, Rüstungskontrolle, Krisenkommunikation, der Schutz kritischer Infrastruktur, die Vorbereitung auf Katastrophen und die Fähigkeit, gesellschaftliche Konflikte ohne Gewalt zu bewältigen.

Die Frage ist nicht, ob Sicherheit wichtig ist. Die Frage ist, wie wir sie erreichen, welche Risiken wir dabei eingehen und wie wir verhindern, dass die Mittel der Sicherheit selbst neue Gefahren schaffen.

Wir dürfen Verteidigung nicht mit Aufrüstung um jeden Preis verwechseln. Und wir dürfen Kritik an Rüstungsausgaben nicht mit Gleichgültigkeit gegenüber realen Bedrohungen verwechseln.

Beides wäre zu einfach.

Gerade deshalb braucht es eine unabhängige, faktenbasierte Diskussion – nicht bloss eine öffentliche Inszenierung militärischer Stärke.

8. Russland, die Schweiz und die Angst vor dem nächsten Krieg

Ich höre die Warnungen. Russland sei gefährlich. Europa müsse sich wappnen. Die Schweiz müsse ihre Verteidigung stärken. Wir dürften nicht naiv sein.

Aber ich frage: Wo endet die notwendige Wachsamkeit, und wo beginnt die politische Übersteigerung von Bedrohungen?

Ist ein militärischer Angriff auf die Schweiz realistisch? Welche konkreten Szenarien sind gemeint? Wie wahrscheinlich sind sie? Welche Fähigkeiten bräuchte ein Angreifer? Welche militärischen und politischen Kosten hätte ein solcher Angriff? Und welche Verteidigungsmassnahmen wären geeignet, ihn zu verhindern?

Diese Fragen sind keine Naivität. Sie sind die Grundlage vernünftiger Sicherheitspolitik.

Russland hat mit seinem Angriff auf die Ukraine bewiesen, dass es bereit ist, militärische Gewalt zur Durchsetzung seiner politischen Ziele einzusetzen. Es wäre falsch, daraus zu schliessen, Russland werde unter keinen Umständen andere Staaten bedrohen oder angreifen.

Es wäre aber ebenso falsch, aus dem Angriff auf die Ukraine automatisch abzuleiten, dass ein russischer Angriff auf die Schweiz unmittelbar bevorsteht.

Zwischen einer realen Bedrohung, einer langfristigen militärischen Möglichkeit und einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr liegen erhebliche Unterschiede.

Die Schweiz muss diese Unterschiede benennen und ihre Verteidigungsplanung auf überprüfbare Szenarien stützen. Bedrohungsanalysen sollten offenlegen, welche Annahmen sie verwenden, wie gross die Unsicherheiten sind und weshalb bestimmte Investitionen als notwendig beurteilt werden.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob wir uns auf Gefahren vorbereiten sollen. Natürlich sollen wir das.

Die entscheidende Frage lautet, ob wir die richtigen Gefahren erkennen und die richtigen Antworten wählen.

Ein Land kann sich auf einen konventionellen militärischen Angriff vorbereiten. Es kann zugleich seine Verwundbarkeit gegenüber Cyberangriffen, Sabotage, Desinformation, Ausfällen der Stromversorgung und anderen Störungen reduzieren. Es kann die Zusammenarbeit mit anderen Staaten stärken, diplomatische Kanäle offenhalten und sich für Rüstungskontrolle einsetzen.

Das sind keine sich gegenseitig ausschliessenden Aufgaben.

Aber eine Sicherheitsdebatte, die fast ausschliesslich von Panzern, Flugzeugen, Raketen und militärischer Stärke handelt, droht andere Dimensionen von Sicherheit zu vernachlässigen.

Ist die Schweiz als Ziel wirklich so wichtig?

Auch diese Frage muss erlaubt sein.

Die Schweiz ist wirtschaftlich bedeutend, liegt im Zentrum Europas und beherbergt internationale Institutionen. Sie ist nicht bedeutungslos. Gleichzeitig wäre es unseriös, allein aus ihrer geografischen Lage oder ihrer wirtschaftlichen Bedeutung abzuleiten, wie wahrscheinlich ein konkreter Angriff wäre.

Militärische Planungen müssen verschiedene Szenarien berücksichtigen. Aber die blosse Möglichkeit eines Ereignisses ist noch kein Beweis dafür, dass es wahrscheinlich ist oder dass jede denkbare Gegenmassnahme sinnvoll wäre.

Eine vernünftige Debatte verlangt Wahrscheinlichkeiten, Folgenabschätzungen, Kostenvergleiche und eine ehrliche Darstellung von Unsicherheiten.

Wenn eine Regierung erklärt, eine bestimmte Waffe sei notwendig, muss sie erklären können, welches Problem diese Waffe lösen soll. Wenn ein neues System Milliarden kostet, muss nachvollziehbar sein, welche Risiken dadurch reduziert werden und ob günstigere oder wirksamere Alternativen existieren.

Und wenn uns erklärt wird, ein Land müsse sich auf eine Vielzahl möglicher Bedrohungen vorbereiten, müssen wir fragen dürfen, wie diese Bedrohungen gewichtet werden.

Das ist keine Verharmlosung Russlands. Es ist die Pflicht einer demokratischen Öffentlichkeit, sicherheitspolitische Entscheidungen kritisch zu prüfen.

Die Frage nach den Panzern

Ich frage mich auch, ob wir den militärischen Nutzen bestimmter Systeme ausreichend gegen ihre Kosten abwägen.

Moderne Kriege zeigen, dass Drohnen, elektronische Kampfführung, Aufklärung, Luftverteidigung, Cyberfähigkeiten und Logistik eine wichtige Rolle spielen. Der Krieg in der Ukraine zeigt zugleich, dass auch konventionelle Waffen, Artillerie, gepanzerte Fahrzeuge und industrielle Produktionskapazitäten weiterhin relevant sein können.

Daraus lässt sich nicht ableiten, Panzer seien nutzlos. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, die Schweiz müsse jede verfügbare Waffenkategorie in beliebigem Umfang beschaffen.

Die Frage muss lauten: Welche Fähigkeiten braucht die Schweiz für ihre geografische Lage, ihre Verteidigungsdoktrin und ihre realistischen Einsatzszenarien?

Nicht jedes Waffensystem, das auf einem Schlachtfeld eingesetzt wird, ist deshalb automatisch die richtige Investition für jedes Land.

Und nicht jede militärische Fähigkeit ist deshalb sinnvoll, weil sie technisch beeindruckend wirkt.

Sicherheitspolitik braucht weniger Symbolik und mehr überprüfbare Begründungen.

Das gilt für die Beschaffung von Waffen. Und es gilt für ihre Präsentation auf einer Messe.

9. Wer sein Sparschwein in die Luft sprengt

Das Bild ist einfach: Jemand spart jahrelang Geld. Dann nimmt er das Ersparte, setzt es in Brand und erklärt anschliessend, er habe damit seine finanzielle Sicherheit verbessert.

Absurd? Natürlich.

Bei der Aufrüstung ist die Sache komplizierter. Waffen können eine abschreckende Wirkung haben. Verteidigungsfähigkeit kann notwendig sein. Es wäre deshalb falsch, militärische Ausgaben grundsätzlich mit Geldverschwendung gleichzusetzen.

Aber das Bild stellt eine berechtigte Frage:
Wie viel investieren wir in die Fähigkeit, uns gegenseitig zu zerstören, und wie viel in die Fähigkeit, gemeinsam zu überleben?

Jede Regierung muss mit begrenzten Ressourcen umgehen. Jede Beschaffung hat Kosten, Alternativen und Risiken. Militärische Systeme müssen gewartet, modernisiert und irgendwann ersetzt werden. Sie können technisch veralten. Beschaffungsprojekte können teurer werden als geplant. Und die blosse Verfügbarkeit einer Waffe garantiert noch nicht, dass ein Staat auf alle relevanten Gefahren vorbereitet ist.

Auch die Schweiz muss deshalb prüfen, ob ihre Investitionen angemessen, wirksam und finanziell tragbar sind.

Das ist keine abstrakte Frage. Es geht um Steuergeld. Es geht um die Prioritäten einer Gesellschaft. Und es geht darum, ob wir Sicherheit als ein umfassendes gesellschaftliches Ziel begreifen oder sie fast ausschliesslich durch militärische Fähigkeiten definieren.

Die jüngsten internationalen Zahlen sollten uns nachdenklich stimmen. Nach Angaben von SIPRI stiegen die weltweiten Militärausgaben 2025 auf rund 2,9 Billionen US-Dollar. Europa verzeichnete dabei einen besonders starken Anstieg. SIPRI, April 2026

Natürlich kann kein einzelner Staat diesen Trend allein umkehren. Und natürlich lässt sich nicht jede Ausgabe für Bildung, Gesundheit oder Entwicklung unmittelbar mit einer militärischen Ausgabe vergleichen.

Aber die politische Grundfrage bleibt: Wohin fliesst das Geld der Welt? Welche Zukunft finanzieren wir damit?

Wenn immer mehr Staaten aufrüsten, entsteht eine Dynamik, die schwer zu stoppen ist. Jede Seite verweist auf die Waffen der anderen. Jede Seite erklärt, die eigenen Ausgaben seien notwendig, weil die anderen aufrüsten. Und am Ende stehen immer mehr Waffen, immer höhere Kosten und weiterhin ungelöste politische Konflikte.

Das ist kein Naturgesetz. Es ist eine politische Entwicklung, die Menschen beeinflussen können.

Wir sollten deshalb nicht nur fragen, wie viel Geld wir für Rüstung ausgeben müssen. Wir sollten auch fragen, wie viel Geld wir für Friedensarbeit, Diplomatie, zivile Krisenvorsorge, internationale Zusammenarbeit und die Verhinderung von Kriegen bereitstellen.

Abrüstung bedeutet nicht, Gefahren zu ignorieren. Es bedeutet, die Möglichkeit ernst zu nehmen, dass weniger Waffen, bessere Kommunikation, überprüfbare Vereinbarungen und politische Zusammenarbeit die Sicherheit erhöhen können.

Nicht jede Waffe lässt sich einfach abschaffen. Nicht jeder Konflikt lässt sich durch Gespräche lösen. Aber daraus folgt nicht, dass Diplomatie zwecklos wäre oder Aufrüstung keine Grenzen brauche.

Wenn wir Frieden wollen, müssen wir auch in seine Voraussetzungen investieren.

10. Gibt es im Krieg wirklich Gewinner?

Manche sprechen von militärischen Siegen. Von eroberten Gebieten, zerstörten gegnerischen Fähigkeiten, gewonnenen Schlachten oder erzwungenen Kapitulationen.

Solche Ergebnisse sind real. Kriege können militärisch entschieden werden. Aggressoren können zurückgedrängt werden. Menschen können von Besatzung und Gewalt befreit werden. Ein angegriffenes Land kann seine Unabhängigkeit verteidigen.

Es wäre falsch, die Unterschiede zwischen Angreifern und Angegriffenen zu verwischen. Es wäre falsch, Menschen das Recht auf Selbstverteidigung abzusprechen. Und es wäre falsch, einen militärischen Sieg eines angegriffenen Landes moralisch mit einem Angriffskrieg gleichzusetzen.

Aber ein militärischer Sieg ist nicht dasselbe wie ein menschlicher Gewinn.

Auch wenn eine Seite ein Kriegsziel erreicht, bleiben Tote, Verletzte, traumatisierte Menschen, zerstörte Infrastruktur und zerbrochene Familien. Wirtschaftliche Verluste, Flucht, Misstrauen und politische Feindschaften können Generationen prägen.

Manchmal ist militärischer Widerstand notwendig, um noch grössere Verluste oder dauerhafte Unterwerfung zu verhindern. Aber auch dann bleibt der Preis des Krieges hoch.

Deshalb würde ich nicht behaupten, dass es im Krieg niemals einen militärischen Gewinner geben kann.

Ich sage etwas anderes:

Selbst dort, wo eine Seite militärisch gewinnt, ist damit noch lange kein menschlicher Frieden gewonnen.

Ein Land kann eine Schlacht gewinnen und Jahrzehnte brauchen, um die Folgen des Krieges zu überwinden. Es kann Territorium zurückerobern und trotzdem Familien verlieren, die nie wieder zurückkehren. Es kann eine Besatzungsmacht vertreiben und gleichzeitig mit Traumata, Minen, zerstörter Infrastruktur und wirtschaftlichen Schäden leben müssen.

Wer nur die militärische Bilanz betrachtet, sieht nicht das ganze Bild.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet deshalb nicht nur: Wer hat gewonnen?

Sie lautet auch: Was wurde zerstört? Wer hat den Preis bezahlt? Welche Möglichkeiten für ein friedliches Zusammenleben bleiben? Und was tun wir, damit sich der Krieg nicht wiederholt?

Eine Gesellschaft, die den militärischen Sieg feiert, ohne das menschliche Leid zu benennen, erzählt nur die halbe Geschichte.

11. Wolfgang Borchert: «Dann gibt es nur eins – Sag Nein!»

Es gibt Texte, die nicht altern, weil die Fragen, die sie stellen, nicht verschwinden.

Wolfgang Borcherts Manifest Dann gibt es nur eins! gehört dazu. Es entstand 1947, nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Zeit, in der die Folgen militärischer Gewalt noch überall sichtbar waren.

Borchert richtet sich nicht nur an Politiker und Generäle. Er spricht Menschen in Fabriken, Büros, Laboratorien, Spitälern, Kirchen, auf Schiffen und Bahnhöfen an. Er spricht jene an, deren Arbeit für die Vorbereitung und Durchführung eines Krieges gebraucht werden könnte.

Seine Botschaft ist unbequem und radikal:

Wenn sie dir befehlen, du sollst am nächsten Krieg mitwirken, dann gibt es nur eins: Sag Nein!

Borcherts Manifest ist kein ausgearbeitetes sicherheitspolitisches Programm. Es beantwortet nicht alle Fragen über Verteidigung, Abschreckung oder den Schutz eines angegriffenen Landes. Es ist ein moralischer Appell. Ein Aufruf, die eigene Verantwortung nicht hinter Befehlen, Institutionen oder vermeintlichen Sachzwängen zu verstecken.

Gerade darin liegt seine Bedeutung.

Borchert erinnert uns daran, dass Krieg nicht einfach geschieht. Er wird vorbereitet. Menschen entwickeln Waffen. Unternehmen produzieren Material. Wissenschaftler forschen. Verwaltungen organisieren. Politiker entscheiden. Gesellschaften gewöhnen sich an die Sprache der Konfrontation.

Nicht jede dieser Tätigkeiten ist automatisch verwerflich. Forschung kann schützen. Medizin kann Leben retten. Verteidigung kann Menschen vor Gewalt bewahren.

Aber jeder Mensch bleibt verantwortlich für die Frage, wozu seine Arbeit eingesetzt wird und welche Grenzen er nicht überschreiten will.

Borcherts Nein richtet sich gegen die Vorstellung, ein Befehl mache eine Handlung moralisch richtig. Es richtet sich gegen die Entlastung des eigenen Gewissens durch den Hinweis, man habe lediglich seine Aufgabe erfüllt.

Das ist heute genauso relevant wie damals.

Wenn wir uns an eine Sprache gewöhnen, in der von Zielen, Kapazitäten, Abschreckungswirkungen und militärischer Überlegenheit gesprochen wird, müssen wir fragen, wo die Menschen bleiben, die von diesen Entscheidungen betroffen sind.

Wenn wir von der notwendigen Produktion immer neuer Waffen sprechen, müssen wir fragen, welche politischen Alternativen wir noch verfolgen.

Wenn wir Kindern militärische Technik als Erlebnis präsentieren, müssen wir fragen, ob wir ihnen damit auch die Verantwortung vermitteln, die mit dieser Technik verbunden ist.

Borcherts Manifest fordert uns auf, nicht einfach mitzumachen, nur weil alle mitmachen.

Nicht einfach zu schweigen, nur weil Widerspruch unbequem ist.

Nicht einfach zu akzeptieren, dass die Vorbereitung auf Krieg als alternativlos gilt.

Und vor allem: nicht die eigene Menschlichkeit an eine Institution abzugeben.

Das Nein beginnt vor dem Krieg

Borcherts Aufruf ist nicht erst dann relevant, wenn ein Befehl zur Teilnahme an einem Krieg erteilt wird.

Das Nein kann viel früher beginnen.

Es beginnt, wenn wir verlangen, dass militärische Bedrohungen realistisch und transparent beurteilt werden.

Es beginnt, wenn wir überhöhte oder schlecht begründete Rüstungsausgaben kritisieren.

Es beginnt, wenn wir uns gegen politische Rhetorik wenden, die Feindbilder verstärkt und jede Alternative als Schwäche darstellt.

Es beginnt, wenn wir darauf bestehen, dass Kinder nicht mit einer einseitigen Vorstellung militärischer Gewalt aufwachsen.

Es beginnt, wenn wir Friedensarbeit, Diplomatie und Konfliktprävention nicht als naive Ergänzungen, sondern als ernst zu nehmende Aufgaben verstehen.

Und es beginnt, wenn wir uns weigern, die menschlichen Folgen des Krieges aus dem öffentlichen Bild zu verdrängen.

Sag Nein zur Gleichgültigkeit. Sag Nein zur Verharmlosung. Sag Nein zur Vorstellung, mehr Waffen seien automatisch mehr Frieden.

Und sage Ja zu einer Gesellschaft, die Sicherheit nicht nur an ihrer Feuerkraft misst, sondern auch an ihrer Fähigkeit, Menschen zu schützen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen.Schreiben

12. Albert Einstein: Was bedeutet es, wenn wir das Töten normalisieren?

Albert Einstein war nicht nur einer der bedeutendsten Physiker des 20. Jahrhunderts. Er war auch ein engagierter Kritiker des Militarismus und setzte sich für internationale Verständigung und Abrüstung ein.

Ein Satz wird ihm in Friedensdebatten immer wieder zugeschrieben:

«Töten im Krieg ist Mord!»

Die genaue Herkunft und der Wortlaut dieser zugespitzten Formulierung sollten vor einer wissenschaftlichen Veröffentlichung anhand einer Primärquelle überprüft werden. Als moralischer Appell bringt sie jedoch eine Frage auf den Punkt, die wir nicht verdrängen dürfen: Wie verändert sich unser Denken, wenn das Töten im Krieg als selbstverständlich gilt?

Das Recht unterscheidet zwischen verschiedenen Formen der Gewalt. Das humanitäre Völkerrecht regelt, wie Kriege geführt werden dürfen. Es schützt Zivilpersonen, begrenzt die Wahl der Mittel und Methoden der Kriegsführung und verbietet bestimmte Handlungen. Nicht jede Tötung im Krieg ist rechtlich Mord. Insbesondere ist die rechtliche Beurteilung einer Handlung von den Umständen abhängig.

Diese Unterscheidung ist wichtig. Eine Friedensbewegung muss nicht ungenau werden, um deutlich zu sein.

Aber eine rechtliche Unterscheidung beantwortet nicht jede moralische Frage.

Auch wenn eine Handlung nach dem Kriegsvölkerrecht zulässig sein kann, bleiben die menschlichen Folgen bestehen. Auch wenn eine militärische Operation einem legitimen Verteidigungszweck dient, können Menschen sterben, Familien auseinandergerissen und Lebensgrundlagen zerstört werden.

Wir dürfen das Recht auf Selbstverteidigung anerkennen und trotzdem fragen, wie viel Leid eine Gesellschaft bereit ist hinzunehmen, bevor sie ernsthaft nach Alternativen sucht.

Wir dürfen die Notwendigkeit bestimmter Schutzmassnahmen anerkennen und trotzdem jede neue Waffe kritisch prüfen.

Und wir dürfen anerkennen, dass Soldatinnen und Soldaten schwierige Aufgaben erfüllen, ohne militärische Gewalt zu glorifizieren.

Einsteins Vermächtnis liegt nicht darin, dass alle sicherheitspolitischen Fragen mit einem einzigen Satz beantwortet wären. Es liegt auch in der Aufforderung, über nationale Grenzen und kurzfristige Machtinteressen hinauszudenken.

Wissenschaft und Technik können das Leben verbessern. Sie können aber auch die Zerstörungskraft von Waffen erhöhen. Erkenntnis allein macht eine Gesellschaft nicht menschlicher. Entscheidend ist, wofür sie ihr Wissen einsetzt und welchen moralischen Massstäben sie folgt.

Einstein war selbst lange nicht grundsätzlich Pazifist. Angesichts der Bedrohung durch den Nationalsozialismus unterstützte er 1939 den Brief an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der vor der möglichen Entwicklung deutscher Atomwaffen warnte. Später wurde er zu einem prominenten Mahner vor den Gefahren atomarer Vernichtung und setzte sich für internationale Kontrolle und Zusammenarbeit ein.

Diese Entwicklung zeigt, wie schwierig die Frage nach Gewalt und Verantwortung sein kann. Sie zeigt aber auch, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Realität des Krieges nicht im Glauben an immer mehr militärische Stärke enden muss.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir Waffen technisch perfektionieren können. Die Frage ist, ob wir auch die politische und moralische Reife entwickeln, ihre Anwendung zu verhindern.

13. Was sagen die Kritiker – in der Schweiz und international?

Wer gegen Aufrüstung und militärische Inszenierungen argumentiert, muss sich auch mit den stärksten Gegenargumenten auseinandersetzen. Eine ernsthafte Friedensdebatte darf nicht so tun, als gäbe es keine Bedrohungen oder keine Menschen, die aus guten Gründen eine starke Verteidigung fordern.

Die Schweizer Friedensbewegung: Sicherheit braucht mehr als Waffen

Schweizer Friedensorganisationen und abrüstungspolitische Initiativen stellen die Frage, ob die zunehmende Konzentration auf militärische Mittel langfristig tatsächlich zu mehr Sicherheit führt. Sie betonen die Bedeutung von Diplomatie, internationalem Recht, Rüstungskontrolle und ziviler Konfliktprävention.

Ihr zentraler Einwand lautet: Wenn Staaten Sicherheit fast ausschliesslich durch militärische Stärke definieren, geraten politische Lösungen leicht ins Hintertreffen.

Die Schweizer Friedensstiftung swisspeace beschäftigt sich wissenschaftlich mit Konflikten, Friedensförderung und der Frage, wie Gewalt verhindert und überwunden werden kann. Ihre Arbeit steht für einen Ansatz, der Konflikte nicht allein als militärische Probleme betrachtet, sondern auch ihre politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ursachen untersucht.

Das bedeutet nicht, dass Friedensforschung grundsätzlich gegen jede militärische Verteidigung argumentiert. Es bedeutet, dass sie andere Fragen in den Mittelpunkt rückt: Wie entstehen Konflikte? Welche Interessen stehen dahinter? Welche Möglichkeiten gibt es, Eskalationen zu verhindern? Wie können Institutionen gestärkt werden, damit Gewalt nicht zur bevorzugten Methode der Konfliktlösung wird?

Diese Perspektive ist unverzichtbar. Denn Waffen können einen Angriff erschweren. Sie können aber nicht allein die politischen Ursachen eines Konflikts beseitigen.

Die internationale Friedensforschung: Das Sicherheitsdilemma

In der internationalen Forschung wird seit Jahrzehnten untersucht, wie Aufrüstung und Unsicherheit zusammenhängen.

Das sogenannte Sicherheitsdilemma beschreibt eine paradoxe Situation: Ein Staat stärkt seine Verteidigung, um sich sicherer zu fühlen. Andere Staaten sehen darin möglicherweise eine Bedrohung und rüsten ebenfalls auf. Die ursprüngliche Massnahme führt dann nicht unbedingt zu mehr Sicherheit, sondern kann neue Unsicherheit erzeugen.

Dieses Konzept ist keine Behauptung, dass jede militärische Aufrüstung zwangsläufig einen Krieg auslöst. Es beschreibt vielmehr einen Mechanismus, den Regierungen berücksichtigen sollten.

Gerade in einer angespannten internationalen Lage braucht es deshalb Kommunikation, Transparenz, Rüstungskontrolle und diplomatische Kanäle. Wo militärische Aktivitäten falsch interpretiert werden können, wächst das Risiko von Fehlkalkulationen.

Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) dokumentiert seit Jahrzehnten internationale Militärausgaben, Waffenlieferungen und Entwicklungen im Bereich der Rüstungskontrolle. Seine Zahlen zeigen, wie stark die weltweiten Ausgaben für militärische Zwecke zuletzt gestiegen sind.

Diese Daten belegen für sich allein nicht, dass Abrüstung in jeder Situation die richtige Antwort wäre. Sie machen aber deutlich, dass Aufrüstung eine internationale Dynamik ist, deren Kosten und Folgen politisch bewertet werden müssen.

Die Gegenposition: Ohne Verteidigungsfähigkeit kann Frieden zerbrechlich sein

Die Schweizer Behörden und sicherheitspolitische Befürworter einer stärkeren Armee argumentieren, dass sich die Sicherheitslage in Europa seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verschlechtert hat. Der Bundesrat begründet seine Rüstungsplanung unter anderem mit der Notwendigkeit, die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz zu stärken und auf neue Bedrohungen zu reagieren. Bundesrat: Rüstungspolitische Strategie, 20. Juni 2025

Dieses Argument verdient eine sachliche Auseinandersetzung.

Eine Gesellschaft kann sich nicht darauf verlassen, dass alle anderen Staaten friedlich handeln. Wer einen Angriff verhindern will, kann unter bestimmten Bedingungen eine glaubwürdige Verteidigung benötigen. Auch die Fähigkeit, Bevölkerung und Infrastruktur zu schützen, gehört zu den Aufgaben eines Staates.

Doch selbst wenn man dieses Argument anerkennt, bleiben entscheidende Fragen offen:

  • Welche militärischen Fähigkeiten sind für die Schweiz tatsächlich notwendig?
  • Wie werden Bedrohungen gewichtet und überprüft?
  • Welche Beschaffungen bieten einen nachweisbaren Sicherheitsgewinn?
  • Wie lassen sich Kostensteigerungen und Fehlinvestitionen vermeiden?
  • Wie viel Gewicht erhalten Diplomatie, zivile Krisenvorsorge und internationale Zusammenarbeit?
  • Wie verhindern wir, dass die öffentliche Darstellung der Armee militärische Gewalt als Selbstzweck erscheinen lässt?

Diese Fragen richten sich nicht gegen die Sicherheit der Bevölkerung. Sie sind Teil der Verantwortung, die mit grossen sicherheitspolitischen Entscheidungen verbunden ist.

Die wichtigste Unterscheidung

Wir müssen nicht zwischen einer Welt ohne jede Verteidigung und einer Welt unbegrenzter Aufrüstung wählen.

Es gibt einen dritten Weg: eine kritische, demokratisch kontrollierte Sicherheitspolitik, die Verteidigungsfähigkeit dort gewährleistet, wo sie notwendig ist, gleichzeitig aber Rüstung begrenzt, Diplomatie stärkt und die Verhinderung von Kriegen als eigenständiges Ziel verfolgt.

Eine solche Politik ist anspruchsvoll. Sie verlangt mehr als Schlagworte. Sie verlangt die Bereitschaft, auch die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen.

Und genau diese Bereitschaft wünsche ich mir bei der Diskussion über die OLMA-Sonderausstellung.

Die Armee darf ihre Aufgaben erklären. Die Bevölkerung darf kritische Fragen stellen. Die Befürworter einer starken Verteidigung dürfen ihre Argumente vorbringen. Friedensorganisationen dürfen vor den Risiken einer Aufrüstung warnen.

Aber keine dieser Positionen sollte von der Pflicht entbunden sein, ihre Aussagen zu begründen.

14. Die Kriegsrhetorik: Wenn wir uns an die Sprache der Eskalation gewöhnen

Es beginnt oft mit Worten.

Wir sprechen von Feinden, Bedrohungen, Zielen, Abschreckung und Vernichtungskapazitäten. Wir hören, dass wir uns vorbereiten müssen. Dass wir Stärke zeigen müssen. Dass Schwäche gefährlich sei. Dass wir uns keine Illusionen machen dürften.

Ein Teil dieser Sprache kann in der Sicherheitsplanung notwendig sein. Bedrohungen müssen benannt werden. Militärische Fähigkeiten müssen beschrieben werden. Politische Entscheidungen müssen auf Risiken reagieren.

Aber Sprache ist nicht neutral.

Wenn politische Debatten fast nur noch von militärischen Lösungen handeln, verändert sich der Raum dessen, was als realistisch gilt. Diplomatie erscheint dann schnell als naiv. Abrüstung gilt als gefährlich. Friedensarbeit wird als moralischer Luxus behandelt, während militärische Stärke als einzig ernsthafte Antwort präsentiert wird.

Das ist ein Problem.

Denn die Frage, ob eine militärische Massnahme notwendig ist, darf nicht dadurch beantwortet werden, dass jede Alternative als unrealistisch abgestempelt wird.

Eine demokratische Gesellschaft muss sich auch dann mit friedlichen Lösungen beschäftigen, wenn die internationale Lage angespannt ist. Gerade dann.

Wir sollten zudem vorsichtig sein, wenn politische Akteure komplexe Gefahren auf einfache Feindbilder reduzieren. Staaten handeln nicht immer rational. Ihre Entscheidungen werden von unterschiedlichen Interessen, innenpolitischen Konflikten, historischen Erfahrungen und Fehleinschätzungen beeinflusst.

Es wäre deshalb ebenso falsch, einen möglichen Gegner als grundsätzlich vernünftig und friedlich zu betrachten, wie es falsch wäre, ihn als vollkommen irrational und unberechenbar darzustellen.

Beides verhindert eine differenzierte Analyse.

Die Aussage «Sind die Russen wirklich so blöd?» stellt eine berechtigte Frage nach strategischer Rationalität, ist aber als allgemeine Charakterisierung zu pauschal. Russlands politische Führung hat Entscheidungen getroffen, deren Folgen für Russland, die Ukraine und Europa schwerwiegend sind. Daraus folgt weder, dass Russland keinerlei weitere Risiken eingeht, noch, dass jede denkbare Bedrohung unmittelbar bevorsteht.

Wir müssen über konkrete Handlungen, Interessen, Fähigkeiten und Wahrscheinlichkeiten sprechen, nicht über pauschale Vorstellungen von ganzen Völkern.

Kritisches Denken beginnt dort, wo wir weder Propaganda noch Gegenpropaganda einfach übernehmen.

Dazu gehört auch, Nachrichten kritisch zu lesen, zwischen Tatsachen und Prognosen zu unterscheiden und zu fragen, welche Informationen fehlen. Es gehört dazu, die menschlichen Folgen militärischer Entscheidungen ebenso ernst zu nehmen wie ihre strategischen Ziele.

Und es gehört dazu, die Vorstellung zurückzuweisen, dass Krieg eine normale Fortsetzung der Politik sei.

15. Was müsste eine Friedensmesse zeigen?

Wenn die Armee an der OLMA über ihre Aufgaben informieren möchte, gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, das zu tun, ohne militärische Gewalt als Familienabenteuer zu inszenieren.

Wie wäre es mit einer Ausstellung, die erklärt, wie die Schweiz ihre Bevölkerung bei Katastrophen schützt? Wie kritische Infrastruktur gegen Cyberangriffe gesichert wird? Wie Rettungsdienste, Logistik und medizinische Versorgung funktionieren? Wie internationale humanitäre Hilfe organisiert wird?

Wie wäre es mit einem Bereich, in dem Kinder lernen, wie Drohnen bei der Suche nach Vermissten, bei der Kartierung von Katastrophengebieten oder in der Landwirtschaft eingesetzt werden können?

Wie wäre es mit einer Ausstellung über die Geschichte der Friedensförderung, über das humanitäre Völkerrecht, über die Arbeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz und über die Folgen bewaffneter Konflikte für Familien?

Man könnte erklären, weshalb Staaten Armeen unterhalten, wie Verteidigung funktioniert und welche Grenzen dem Einsatz militärischer Gewalt gesetzt sind. Man könnte zeigen, welche Rolle Verhandlungen, Vermittlung und internationale Organisationen bei der Verhinderung von Kriegen spielen.

Auch schwierige Fragen könnten Platz finden:

  • Was bedeutet Neutralität in einer Welt bewaffneter Konflikte?
  • Welche Aufgaben hat die Schweizer Armee, und welche nicht?
  • Wie werden Rüstungsprojekte kontrolliert?
  • Welche Folgen haben Waffenlieferungen?
  • Wie schützt das humanitäre Völkerrecht Zivilpersonen?
  • Welche Verantwortung tragen Wissenschaft, Industrie und Politik?
  • Wie lassen sich Konflikte verhindern, bevor Waffen eingesetzt werden?

Das wäre keine naive Darstellung der Welt. Es wäre eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit ihr.

Es wäre auch keine Verharmlosung militärischer Aufgaben. Im Gegenteil: Es würde die Verantwortung sichtbar machen, die mit militärischer Macht verbunden ist.

Kinder könnten Technik entdecken, ohne das Zerstören von Zielen als Unterhaltung zu erleben. Jugendliche könnten lernen, wie Sicherheitspolitik funktioniert, ohne dass militärische Stärke als alleiniger Massstab für Erfolg präsentiert wird.

Eine solche Ausstellung würde nicht einfach nur Begeisterung erzeugen wollen. Sie würde Fragen ermöglichen.

Und vielleicht wäre genau das der Unterschied zwischen einer Leistungsschau und einer wirklich verantwortungsvollen öffentlichen Bildung.

16. Was ich von der OLMA und der Armee fordere

Ich fordere keine Geschichtsvergessenheit. Ich fordere nicht, dass die Schweiz ihre Sicherheitsprobleme ignoriert. Ich fordere auch nicht, dass militärische Einrichtungen aus der Öffentlichkeit verschwinden.

Ich fordere etwas anderes.

Erstens: Militärische Gewalt darf nicht als harmlose Familienunterhaltung präsentiert werden. Insbesondere sollten Kinder nicht dazu eingeladen werden, mit Waffen oder Waffensimulatoren das Zerstören militärischer Ziele spielerisch nachzuvollziehen, ohne dass die menschlichen Folgen angemessen thematisiert werden.

Zweitens: Die OLMA und die zuständigen Stellen sollen offenlegen, welche Kosten die Sonderausstellung verursacht. Die genannten 300’000 Franken ohne Personalkosten und der Einsatz von rund 250 Soldaten müssen nachvollziehbar eingeordnet werden. Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu erfahren, welche Mittel eingesetzt werden und welchem Zweck sie dienen.

Drittens: Militärische Öffentlichkeitsarbeit sollte stärker auf Aufklärung, Schutz der Zivilbevölkerung, humanitäres Völkerrecht, Katastrophenhilfe und die gesellschaftliche Verantwortung der Armee ausgerichtet werden.

Viertens: Rüstungsausgaben müssen kritisch, transparent und anhand konkreter Bedrohungen geprüft werden. Die Schweiz braucht eine Sicherheitspolitik, die zwischen notwendigen Fähigkeiten und überhöhten oder schlecht begründeten Ausgaben unterscheidet.

Fünftens: Diplomatie, Konfliktprävention, internationale Zusammenarbeit und Abrüstung müssen als ernsthafte Bestandteile der Sicherheitspolitik behandelt werden. Sie dürfen nicht erst dann Aufmerksamkeit erhalten, wenn militärische Lösungen bereits gescheitert sind.

Sechstens: Kinder müssen vor der Verharmlosung von Krieg geschützt werden. Sie haben ein Recht darauf, die Welt zu verstehen, ohne dass ihnen Gewalt als besonders aufregendes Abenteuer verkauft wird.

Das sind keine Forderungen, die eine einzige politische Weltanschauung voraussetzen. Sie richten sich an alle, denen eine demokratische, verantwortungsbewusste und friedliche Gesellschaft wichtig ist.

17. Ein persönlicher Appell: Denken wir wieder normal!

Was mich an der Ausstellung besonders beschäftigt, ist nicht nur der Panzer. Es ist nicht nur die Waffe. Es ist nicht einmal allein das Geld.

Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der all das präsentiert wird.

Als wäre es normal, dass Kinder begeistert auf schweren Militärfahrzeugen herumklettern.

Als wäre es normal, dass sie mit simulierten Panzerabwehrwaffen Ziele zerstören.

Als wäre es normal, dass militärische Gewalt auf einer Familienmesse zum Spassprogramm gehört.

Als wäre es normal, dass wir uns immer stärker an die Bilder des Krieges gewöhnen, während wir gleichzeitig hoffen, dass er niemals zu uns kommt.

Ich frage mich, wann wir aufgehört haben, diese Dinge merkwürdig zu finden.

Wann haben wir begonnen, die Technik des Krieges spannender zu finden als die Aufgabe, ihn zu verhindern?

Wann haben wir begonnen, militärische Stärke so selbstverständlich mit Sicherheit gleichzusetzen, dass wir kaum noch fragen, welche anderen Wege es gibt?

Und wann haben wir zugelassen, dass die Angst vor möglichen Bedrohungen unsere Vorstellungskraft so stark bestimmt, dass Frieden manchmal als unrealistisch erscheint?

Ich weiss, dass die Welt kompliziert ist. Ich weiss, dass es Aggressoren gibt. Ich weiss, dass Menschen verteidigt werden müssen und dass militärische Mittel in bestimmten Situationen notwendig sein können.

Aber ich weigere mich, daraus zu folgern, dass wir uns an den Krieg gewöhnen müssen.

Ich weigere mich, Waffen als harmlose Spielzeuge zu betrachten.

Ich weigere mich, die Folgen militärischer Gewalt aus dem Bild zu verdrängen, nur weil ihre Darstellung unbequem ist.

Und ich weigere mich, Kinder zu Zuschauern einer Gesellschaft zu machen, die militärische Stärke bewundert, aber die Voraussetzungen des Friedens vernachlässigt.

Kinder gehören nicht an die Waffe. Kinder gehören in eine Welt, in der Erwachsene alles Zumutbare unternehmen, um sie vor Krieg zu schützen.

Wir können Kindern erklären, weshalb es Armeen gibt. Wir können ihnen zeigen, wie Konflikte entstehen. Wir können über Verteidigung, Verantwortung und die Gefahren der Welt sprechen.

Aber wir sollten ihnen nicht vermitteln, dass das Zerstören eines Ziels ein lustiges Erlebnis ist, während das Leid der Menschen, die hinter einem solchen Ziel stehen, unsichtbar bleibt.

Wir sollten ihnen beibringen, Fragen zu stellen. Zweifel zuzulassen. Widerspruch auszuhalten. Andere Menschen nicht als Feinde zu betrachten, nur weil sie auf der anderen Seite einer Grenze leben.

Wir sollten ihnen zeigen, dass Stärke auch darin liegen kann, einen Konflikt zu entschärfen. Dass Mut auch bedeutet, sich gegen die eigene Gruppe zu stellen. Dass Verantwortung auch bedeutet, Nein zu sagen.

Denn eine friedliche Gesellschaft entsteht nicht allein dadurch, dass sie genügend Waffen besitzt.

Sie entsteht auch dadurch, dass Menschen gelernt haben, Konflikte zu verstehen, Gewalt zu begrenzen und die Würde anderer Menschen anzuerkennen.

18. Sag Nein – und gib dem Frieden eine Chance

Wolfgang Borcherts Manifest ist ein Aufruf, die eigene Verantwortung ernst zu nehmen.

Albert Einsteins Einsatz für internationale Verständigung erinnert uns daran, dass wissenschaftlicher Fortschritt ohne moralische Verantwortung gefährlich werden kann.

Die Erfahrungen von Menschen in Kriegsgebieten zeigen uns, was geschieht, wenn politische Konflikte mit Waffen ausgetragen werden.

Die Forschung erinnert uns daran, dass wir die Wirkungen unserer Darstellungen kritisch prüfen müssen, ohne einfache Kausalitäten zu behaupten.

Die internationale Sicherheitspolitik zeigt uns, dass Verteidigung notwendig sein kann, Aufrüstung aber nicht automatisch Frieden schafft.

Und unsere Kinder erinnern uns daran, wofür wir das alles eigentlich tun sollten.

Wir sollten eine Welt schaffen, in der sie sicher leben können. Eine Welt, in der sie spielen, lernen, träumen und ihre Zukunft gestalten können, ohne dass Krieg ihre Kindheit bestimmt.

Dafür müssen wir Gefahren ernst nehmen. Aber wir dürfen uns nicht von Angst regieren lassen.

Wir müssen unsere Verteidigung überprüfen. Aber wir dürfen nicht jede Erhöhung der Rüstungsausgaben als Fortschritt feiern.

Wir müssen über Waffen sprechen. Aber wir dürfen sie nicht verharmlosen.

Wir müssen Konflikte verstehen. Aber wir dürfen nicht akzeptieren, dass Gewalt zur normalen Antwort wird.

Und wir müssen unsere Kinder schützen. Nicht nur vor den Waffen, die tatsächlich abgefeuert werden, sondern auch vor einer Kultur, die Krieg als unvermeidlich und militärische Gewalt als faszinierend darstellt.

Ich wünsche mir eine Schweiz, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist. Eine Schweiz, die ihre Bevölkerung schützt, ohne die Welt in Freund und Feind einzuteilen. Eine Schweiz, die sich für Frieden einsetzt, statt sich mit der Vorbereitung auf den nächsten Krieg zufriedenzugeben.

Ich wünsche mir eine OLMA, die Landwirtschaft, Ernährung, Natur, Gemeinschaft und Zukunft ins Zentrum stellt – und die Kinder nicht mit militärischer Gewalt unterhält.

Ich wünsche mir eine Politik, die nicht nur fragt, wie viel Geld wir für Waffen ausgeben müssen, sondern auch, wie viel wir investieren wollen, damit Kriege gar nicht erst entstehen.

Und ich wünsche mir Menschen, die nicht schweigen, wenn etwas zur Normalität wird, das niemals selbstverständlich werden darf.

Denn Frieden beginnt nicht erst dann, wenn die Waffen schweigen.

Frieden beginnt dort, wo wir uns weigern, Gewalt als unvermeidlich hinzunehmen.

Wo wir Fragen stellen.

Wo wir Widerspruch wagen.

Wo wir Menschen sehen und nicht nur militärische Ziele.

Wo wir uns daran erinnern, dass hinter jeder Grenze Menschen leben, die lieben, hoffen, arbeiten, lachen und ihre Kinder grossziehen wollen.

Und wo wir bereit sind, der Versuchung zu widerstehen, die eigene Sicherheit ausschliesslich durch die Bedrohung anderer zu definieren.

Sag Nein zur Verharmlosung des Krieges.

Sag Nein zur Aufrüstung ohne Grenzen.

Sag Nein zur militärischen Inszenierung von Gewalt als Kinderspass.

Sag Ja zum kritischen Denken. Sag Ja zur Diplomatie. Sag Ja zum Schutz der Kinder. Sag Ja zum Frieden.

Denn eine Welt, in der immer mehr Waffen produziert werden, ist nicht automatisch eine sichere Welt.

Eine Welt, in der Kinder lernen, dass Krieg ein Abenteuer ist, ist nicht automatisch eine friedliche Welt.

Und eine Gesellschaft, die sich an die Bilder des Krieges gewöhnt, riskiert, dass sie irgendwann auch das Leid dahinter nicht mehr wirklich wahrnimmt.

Das darf nicht geschehen.

Wir müssen wieder lernen, die richtigen Fragen zu stellen. Wir müssen wieder lernen, zwischen einer realen Gefahr und einer übersteigerten Angst zu unterscheiden. Wir müssen wieder lernen, dass militärische Macht nicht dasselbe ist wie menschliche Stärke.

Und wir müssen wieder lernen, dass Frieden nicht Schwäche bedeutet.

Krieg ist kein Spiel. Kinder sind keine Rekrutierungsfläche. Waffen sind keine harmlosen Attraktionen. Und Frieden ist keine naive Hoffnung.

Frieden ist eine Aufgabe. Eine politische Entscheidung. Eine moralische Verpflichtung.

Dieser Wahnsinn muss aufhören.

Nicht irgendwann. Nicht erst nach dem nächsten Krieg. Sondern jetzt, bevor wir uns so sehr an die Vorbereitung auf den Krieg gewöhnt haben, dass wir vergessen, wie man Frieden vorbereitet.

Denn nur ein gemeinsames Nein kann dem Wahnsinn Grenzen setzen und dem Frieden eine Chance geben.

Frei nach Wolfgang Borcherts «Dann gibt es nur eins!»

-Christoph J. Zingg


Quellen und weiterführende Literatur

Die folgenden Quellen bieten einen Ausgangspunkt für eine vertiefte, wissenschaftlich fundierte Diskussion. Sie unterscheiden sich in ihrer Funktion: Einige dokumentieren Fakten, andere liefern theoretische Grundlagen oder vertreten institutionelle Positionen.

  1. Wolfgang Borchert: Dann gibt es nur eins! (1947). Literarischer und moralischer Appell gegen die Beteiligung an künftigen Kriegen. Text und Hintergrund.
  2. UNICEF: Protecting children from explosive weapons. Informationen über die körperlichen, psychischen und langfristigen Folgen explosiver Waffen für Kinder. UNICEF.
  3. UNICEF: Children recruited by armed forces or armed groups. Fakten über die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten. UNICEF.
  4. Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI): Trends in World Military Expenditure 2025 (2026). Internationale Vergleichsdaten zu Militärausgaben und deren Entwicklung. SIPRI.
  5. Bundesamt für Rüstung armasuisse: Rüstungspolitische Strategie des Bundesrates (2025). Offizielle Begründung der schweizerischen Rüstungspolitik. Mitteilung des Bundesrates.
  6. Albert Bandura: Social Learning Theory (1977). Grundlegendes Werk zur Bedeutung von Beobachtung und sozialem Lernen für menschliches Verhalten.
  7. John H. Herz: Idealist Internationalism and the Security Dilemma (1950). Klassischer Beitrag zum Verständnis des Sicherheitsdilemmas in den internationalen Beziehungen.
  8. swisspeace: Forschung und Hintergrundinformationen zu Friedensförderung, Konfliktanalyse und ziviler Konfliktbearbeitung. swisspeace.
  9. Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK): Informationen zum humanitären Völkerrecht und zum Schutz von Zivilpersonen in bewaffneten Konflikten. IKRK.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag ist ein politischer Meinungsbeitrag, keine wissenschaftliche Studie; die genannten Quellen stützen einzelne Sachfragen, nicht automatisch sämtliche Werturteile des Beitrags.

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Da gibt es nur eins!

Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtoepfe mehr machen – sondern Stahlhelm und Maschinengewehre, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Maedchen hinterm Ladentisch und Maedchen im Buero. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten fuellen und Zielfernrohre fuer Scharfschuetzengewehre montieren,

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Besitzer der Fabrik. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst statt Puder und Kakao Schiesspulver verkaufen, dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Forscher im Laboratorium. Wenn sie Dir morgen befehlen, du sollst einen neuen Tod erfinden gegen das alte Leben, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Dichter in deiner Stube. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Liebeslieder, du sollst Hasslieder singen, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Arzt am Krankenbett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst die Maenner kriegstauglich schreiben, dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Pfarrer auf der Kanzel. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst den Mord segnen und den Krieg heilig sprechen, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Kapitaen auf dem Dampfer. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keinen Weizen mehr fahren – sondern Kanonen und Panzer, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Pilot auf dem Flugfeld. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Bomben und Phosphor ueber die Staedte tragen, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Schneider auf deinem Bett. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Uniformen zuschneiden, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Richter im Talar. Wenn sie dir morgen befehlen, Du sollst zum Kriegsgericht gehen, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Mann auf dem Bahnhof. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst das Signal zur Abfahrt geben fuer den Munitionszug und fuer den Truppentransporter, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt. Wenn sie morgen kommen und dir den Gestellungsbefehl bringen, 

dann gibt es nur eins: 

Sag NEIN! 

Du. Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du am Hoangho und am Missisippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo – Muetter in allen Erdteilen, Muetter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebaeren, Krankenschwestern fuer Kriegslazarette und neue Soldaten fuer neue Schlachten, Muetter in der Welt, 

dann gibt es nur eins: 

Sagt NEIN! 

Mutter, sagt NEIN! 

Du Mann in der Ukraine, sag Nein!

Du Mann in Moskau, sag Nein!

Du Mann in der Afghanistan, sag Nein!

Du Mann in Burma oder Myanmar, sag Nein!

Du Mann im Kamerun, sag Nein!

Du Mann in China, Taiwan, du Uigure, Tibeter, oder du Thai, sag Nein!

Du Mann in Israel, sag Nein!

Du Mann in Palästina, in Gaza sagNein!

Du Mann in Nordkorea, sag Nein!

Du Mann in Iran, sag Nein!

Du Mann in Asien, Afrika, Europa, Amerika, sag einfach NEIN!

Denn nur ein gemeinsames NEIN macht dem Wahnsinn ein Ende und gibt Frieden eine Chance!

(frei nach Wolfgang Borchert)

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