Der Krieg gegen die Ukraine und die schwierige Suche nach Frieden
Historische Ursachen politische Deutungen menschliches Leid und realistische Wege zu Verhandlungen

Ein persönlicher und wissenschaftlich eingeordneter Bericht
von Christoph J. Zingg (Autor)
Eine Reise vor dem Krieg
Dieser Bericht beginnt nicht mit einer Landkarte und nicht mit einer militärischen Lagekarte, sondern mit einer Reise. Im September 2021 fuhr ich in die Ukraine. An der Grenze freuten sich die Grenzbeamten erkennbar über uns Schweizer. Wir wurden herzlich willkommen geheissen, und bei den Formalitäten half man uns mit einer Freundlichkeit, die in Erinnerung bleibt. In Odessa begegneten uns viele Menschen ebenso offen. Gleichzeitig war die Atmosphäre gespannt. Unzählige Ukrainerinnen und Ukrainer sagten, sie rechneten mit einem Krieg. Einige wollten meine Kontaktdaten; manche schrieben mir nach dem russischen Grossangriff. Das schöne Hotel im nostalgischen Stil, in dem wir gewohnt hatten, wurde später bombardiert und nach meinem Kenntnisstand zerstört oder schwer beschädigt. Aus einer Reiseerinnerung wurde eine Verbindung zu Menschen, deren Alltag der Krieg vernichtete.

Reiseerinnerung aus der Ukraine im September 2021. Privataufnahme. Das aufgeschlagene Album steht für eine Normalität, die wenige Monate später zerbrach.
Man zeigte uns den Blick in Richtung Krim. In den Gesprächen fielen sehr harte Worte über Russen: brutal, barbarisch, verfolgend, vergewaltigend, folternd und mordend. Diese Sätze waren keine nüchterne sozialwissenschaftliche Stichprobe. Sie waren Zeugnisse einer bereits seit 2014 verletzten und verängstigten Gesellschaft. Als persönliche Erfahrung besitzen sie Wahrheit, aber nicht die statistische Repräsentativität, für alle Ukrainerinnen und Ukrainer zu sprechen. Ebenso wenig darf aus den dokumentierten Verbrechen russischer Staatsorgane und Militäreinheiten eine Wesensaussage über „die Russen“ werden. Kollektive Entmenschlichung ist selbst ein Rohstoff des Krieges. Verantwortlich sind konkrete Entscheider, Institutionen, Befehlshaber und Täter; nicht eine Ethnie als solche.
Meine Haltung ist nicht neutral gegenüber dem Leid, aber sie ist pazifistisch in ihrem Ziel. Sie ist auch durch meinen Einsatz mit den Vereinten Nationen in Namibia geprägt. Ich sehe keinen Gewinn im Krieg. „Krieg ist kein Zustand“ bedeutet für mich, dass organisierte Gewalt keine tragfähige politische Ordnung und keinen normalen Dauerzustand bilden darf. Verhandlungen sind grundsätzlich besser als fortgesetztes Töten. Zugleich wäre es moralisch zu einfach, vom Angegriffenen Wehrlosigkeit zu verlangen und diese dann Frieden zu nennen. Pazifismus muss deshalb zwei Wahrheiten gleichzeitig aushalten: Waffen schaffen keinen gerechten politischen Zustand; ein ungeschützter Waffenstillstand kann aber bloss die Vorbereitung des nächsten Angriffs sein. Verhandlungen sind nur dann eine wirkliche Alternative zum Militär, wenn sie Sicherheit, Würde und politische Selbstbestimmung nicht lediglich aufschieben oder preisgeben.
Methode und zentrale These
Der Bericht verbindet persönliche Erinnerung mit historischer Forschung, Dokumenten internationaler Organisationen, Wahlbeobachtung, völkerrechtlichen Entscheidungen, Menschenrechtsberichten und Meinungsumfragen. Bei umstrittenen Behauptungen wird zwischen Tatsachen, plausiblen Deutungen und Propaganda unterschieden. Zahlen aus Kriegsgebieten sind stets Mindestzahlen oder Schätzungen. Umfragen in autoritären Staaten messen eher öffentlich äusserbare Haltungen als die intimsten Überzeugungen. Aussagen von Kriegsparteien werden als politische Quellen behandelt, nicht als neutrale Tatsachenberichte.
Die zentrale These lautet: Der Krieg besitzt eine lange Vorgeschichte und mehrere Ursachen, aber keine verteilte Urheberschaft am Grossangriff vom 24. Februar 2022. Die postsowjetische Unordnung, die Erweiterung der NATO, westliche Selbstüberschätzung, russische Sicherheitsängste, ukrainische innere Konflikte, das Scheitern der Minsker Vereinbarungen und die Einmischung verschiedener Mächte erklären, wie ein gefährliches Umfeld entstand. Die Entscheidung, einen souveränen Nachbarstaat mit einer gross angelegten Invasion anzugreifen, traf jedoch die russische Führung. Ursachen zu erklären heisst nicht, diese Entscheidung zu rechtfertigen. Wer diese Ebenen vermischt, macht entweder aus Geschichte eine Anklageschrift gegen den Westen oder aus dem russischen Angriff ein Ereignis ohne Vorgeschichte. Beides ist wissenschaftlich unzureichend.
Eine verflochtene Geschichte ohne gemeinsames Schicksal
Russland und die Ukraine teilen historische Räume, Dynastien, Religionen, Sprachen, Familien und Erinnerungen. Daraus folgt jedoch kein Eigentumsrecht des einen Staates am anderen. Die mittelalterliche Rus war keine moderne russische Nation, die später versehentlich auseinanderfiel. Kiew bestand als politisches Zentrum lange vor der Entstehung Moskaus; zugleich können sich Russen, Ukrainer und Belarussen auf Teile dieses Erbes beziehen. Moderne Nationen entstehen nicht durch eine einzige uralte Abstammungslinie, sondern durch Institutionen, Sprache, Erinnerung, Konflikt, politische Entscheidung und soziale Erfahrung.
Die Gebiete der heutigen Ukraine gehörten zu unterschiedlichen Reichen und Staaten, darunter dem polnisch-litauischen Gemeinwesen, dem Habsburgerreich und dem Russischen Reich. Im 19. Jahrhundert unterdrückte das Zarenreich zeitweise die ukrainische Sprache und behandelte ukrainische Eigenständigkeit als Gefahr. Nach 1917 existierten mehrere kurzlebige ukrainische Staatsprojekte, bevor die Bolschewiki die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik durchsetzten. Die frühe sowjetische Ukrainisierung wurde unter Stalin umgekehrt. Der Holodomor von 1932 und 1933, politische Säuberungen, Deportationen, der Zweite Weltkrieg und die Nachkriegsrussifizierung prägten das historische Gedächtnis tief. Über die juristische Einordnung des Holodomor als Genozid wird international unterschiedlich entschieden; unstrittig sind die Millionen Toten, die staatlich erzwungene Politik und das ukrainische Trauma.
Auch die Geschichte der Krim ist komplexer als die Formel eines „Geschenks Chruschtschows“. Das Russische Reich eroberte die Halbinsel 1783 vom Krimkhanat. Die Krimtataren, eine indigene Bevölkerung, wurden 1944 auf Stalins Befehl kollektiv deportiert; viele starben. Erst danach wurde die Halbinsel durch Ansiedlung stärker russisch dominiert. 1954 übertrug die sowjetische Führung die Krim von der Russischen an die Ukrainische Sowjetrepublik. Innerhalb eines zentralisierten Sowjetstaates schien dies damals weniger folgenreich, hatte aber wirtschaftliche und geografische Gründe: Wasser, Energie, Verkehrswege und Versorgung verbanden die Halbinsel eng mit dem ukrainischen Festland. Wer nur von einem persönlichen Geschenk spricht, löscht die Krimtataren und diese materiellen Zusammenhänge aus der Geschichte.
Putin stellte dieser pluralen Geschichte im Juli 2021 die Behauptung entgegen, Russen und Ukrainer seien „ein Volk – ein einziges Ganzes“ (Putin 2021). Am 21. Februar 2022 sagte er, die moderne Ukraine sei „ganz und gar von Russland geschaffen“ worden (Putin 2022a). Solche Sätze sind nicht lediglich historische Irrtümer. Sie bilden eine politische Ontologie: Wenn ukrainische Staatlichkeit künstlich und die Nation im Kern russisch ist, erscheint ukrainische Selbstbestimmung als fremde Manipulation. Damit wird Souveränität von Moskaus Anerkennung abhängig. Gerade deshalb ist die Geschichtsdebatte ein Teil der Kriegsursache.
Die staatliche Entscheidung von 1991
Die stärkste empirische Widerlegung der These einer nur künstlich abgespaltenen Ukraine ist das Referendum vom 1. Dezember 1991. Bei einer Beteiligung von 84,2 Prozent stimmten 90,3 Prozent für die Unabhängigkeit. In allen Regionen gab es Mehrheiten. Selbst auf der Krim votierten 54,2 Prozent dafür; in den russischsprachig geprägten Gebieten des Donbas war die Zustimmung deutlich höher. Der Historiker Serhy Yekelchyk deutet dies als Entscheidung für eine staatsbürgerliche, nicht bloss ethnische politische Gemeinschaft (Yekelchyk 2023). Diese Zustimmung machte spätere regionale Spannungen nicht unwirklich, aber sie widerlegt die Vorstellung, Russland habe 2014 oder 2022 bloss historisch russisches Land aus einem nie legitimierten Staat zurückgeholt.
1994 gab die Ukraine das auf ihrem Territorium verbliebene sowjetische Nukleararsenal auf. Im Budapester Memorandum bekräftigten Russland, die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu achten und auf Gewalt sowie wirtschaftlichen Zwang zu verzichten. Das Dokument war keine automatische militärische Beistandsgarantie nach Art eines NATO-Vertrags. Politisch und normativ war es dennoch bedeutsam. Russlands Annexion der Krim verletzte genau jene Zusicherungen, deren Vertrauen die nukleare Abrüstung erleichtert hatte. Für künftige Friedensgarantien ist dieses gebrochene Versprechen zentral: Ukrainische Skepsis gegenüber blossen Papierzusagen ist keine Starrköpfigkeit, sondern historisch begründet.
Die postsowjetische Ukraine blieb lange ein hybrides Gemeinwesen. Wahlen wechselten Regierungen tatsächlich aus, zugleich beherrschten Oligarchen Medien und Wirtschaft; Korruption war systemisch; regionale Identitäten und Sprachpräferenzen wurden von politischen Eliten instrumentalisiert. Die Präsidentschaftswahl 2010 gewann Viktor Janukowytsch in einer Wahl, die internationale Beobachter im Wesentlichen anerkannten. Das ist wichtig: Er war kein von Russland eingesetzter Statthalter ohne demokratische Legitimation. Ebenso wichtig ist, dass seine spätere Machtkonzentration, selektive Justiz und Korruption breite Opposition hervorriefen. Die Geschichte bis 2014 ist weder die eines makellosen westlichen Demokratieprojekts noch die eines von aussen zerstörten harmonischen Staates.
Die unvollendete europäische Sicherheitsordnung
Nach 1989 entstand keine gesamteuropäische Ordnung, in der sich Russland und seine Nachbarn dauerhaft sicher fühlten. Die NATO blieb bestehen und nahm ab 1999 Staaten Mittel- und Osteuropas auf. Aus Sicht Polens, der baltischen Staaten und anderer Länder war dies keine amerikanische Eroberung, sondern eine selbst gewählte Versicherung gegen historische russische Dominanz. Aus Moskauer Sicht rückte ein von den Vereinigten Staaten geführtes Militärbündnis immer näher. Beide Wahrnehmungen sind historisch verständlich; sie sind nicht moralisch oder rechtlich gleichbedeutend.
Die oft wiederholte Aussage, der Westen habe rechtsverbindlich versprochen, die NATO „keinen Zoll“ nach Osten zu erweitern, ist in dieser Form falsch. Es existiert kein Vertrag, der die spätere Aufnahme mittel- und osteuropäischer Staaten verbot. Ebenso falsch ist jedoch die westliche Behauptung, es habe überhaupt keine gegenteiligen Zusicherungen gegeben. Freigegebene Akten zeigen, dass James Baker, Hans-Dietrich Genscher, Helmut Kohl und andere 1990 im Kontext der deutschen Einheit informell von einer Nichtausdehnung nach Osten sprachen. Die genaue Reichweite dieser Aussagen war nicht fixiert; der Zwei-plus-Vier-Vertrag regelte vor allem Deutschland. Joshua Shifrinson fasst die Forschung nüchtern zusammen: Kein schriftlicher Deal, aber tatsächliche informelle Nichtausdehnungszusicherungen (Shifrinson 2016; Savranskaya und Blanton 2017). Spätere Erweiterungen konnten deshalb in Russland als Wortbruch erlebt werden, ohne juristisch ein Vertragsbruch zu sein.
Eine kluge westliche Politik hätte diesen Unterschied ernst nehmen müssen. NATO-Erweiterung, der Kosovo-Krieg ohne Mandat des Sicherheitsrats, der Irakkrieg, Raketenabwehrpläne und die amerikanische Neigung, eigene Macht als universelle Ordnung darzustellen, stärkten russische Bedrohungsnarrative. Der NATO-Gipfel von Bukarest 2008 versprach der Ukraine und Georgien eine spätere Mitgliedschaft, bot aber weder einen Zeitplan noch unmittelbaren Schutz. Das war strategisch die riskanteste Zwischenlage: genug, um Moskau zu alarmieren, zu wenig, um Kiew abzusichern.
Doch die realistische Schule der internationalen Politik wird falsch angewandt, wenn aus „Grossmächte reagieren auf Einflusssphären“ die Aussage „kleine Staaten besitzen kein Recht auf freie Bündniswahl“ wird. Sicherheitsdilemmata erklären Eskalation, sie begründen keine Herrschaftsrechte. Noch im Februar 2022 stand ein ukrainischer NATO-Beitritt nicht unmittelbar bevor. Die Invasion war eine gewählte Antwort unter mehreren denkbaren Antworten, nicht ein physikalischer Reflex. Diplomatie, Rüstungskontrolle, Inspektionen, Neutralitätsverhandlungen und eine erneuerte europäische Sicherheitskonferenz waren mögliche, wenn auch schwierige Alternativen.
Maidan Revolution und umstrittener Machtwechsel
Der Euromaidan begann im November 2013, nachdem Janukowytsch die Unterzeichnung eines lange verhandelten Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union aussetzte. Russland hatte erheblichen wirtschaftlichen Druck ausgeübt und bot seinerseits Kredite und günstigere Energiebedingungen. Die ersten Demonstrationen waren vor allem europäisch orientiert. Der brutale Polizeieinsatz gegen Studierende in der Nacht zum 30. November verbreiterte die Mobilisierung. Von da an ging es mindestens ebenso sehr um Polizeigewalt, Korruption, Rechtsstaatlichkeit und die autoritäre Entwicklung des Regimes wie um die EU.
Sozialwissenschaftliche Protestforschung widerspricht dem Bild einer kleinen, vom Ausland bezahlten Schar. Olga Onuchs Vor-Ort-Erhebung unter 1.304 Demonstrierenden zeigte eine sozial vielfältige, stark mittelständische und selbstorganisierte Bewegung (Onuch 2014). Nationalistische und rechtsextreme Gruppen waren sichtbar und bei Strassenkämpfen überproportional aktiv. Sie waren real, zum Teil gewaltbereit und dürfen nicht romantisiert werden. Sie waren aber nicht die demografische oder politische Mehrheit des Maidan.
Westliche Einmischung gab es. Amerikanische und europäische Politiker besuchten Demonstrierende, westliche Stiftungen und Behörden finanzierten seit Jahren zivilgesellschaftliche, mediale und rechtsstaatliche Projekte. Ein 2014 abgehörtes Gespräch zwischen der US-Diplomatin Victoria Nuland und Botschafter Geoffrey Pyatt zeigte, dass Washington klare personelle Präferenzen für eine künftige Regierung hatte; Nuland sagte über Arsenij Jazenjuk: „Yats is the guy“ (BBC 2014). Das war Einmischung und widerlegt die Erzählung eines völlig passiven Westens. Es beweist aber nicht, dass Washington hunderttausende Menschen erschuf, ihre Motive steuerte oder den gesamten Machtwechsel operativ inszenierte. Auch Russland intervenierte politisch, wirtschaftlich und medial zugunsten Janukowytschs. Ukrainische Akteure besassen eigene Interessen und Handlungsfähigkeit.
Im Februar 2014 eskalierte die Gewalt; Demonstrierende und Polizisten starben. Bis heute werden einzelne Abläufe und Schützenzuordnungen kontrovers diskutiert. Nach einem von europäischen Aussenministern vermittelten Abkommen verliess Janukowytsch Kiew und später das Land. Am 22. Februar stellte das Parlament mit 328 von 450 Stimmen fest, dass er seine Amtsgeschäfte nicht mehr ausübe, und setzte Neuwahlen an. Das in Artikel 111 der Verfassung vorgesehene förmliche Amtsenthebungsverfahren mit Untersuchung und Verfassungsgericht wurde nicht vollständig durchgeführt. Wer von einer verfassungsrechtlich sauberen Amtsenthebung spricht, beschönigt diese Improvisation. Wer nur von einem westlichen Putsch spricht, unterschlägt Janukowytschs Flucht, den Zerfall seiner Machtbasis, die breite Parlamentsmehrheit und die anschliessende demokratische Bestätigung.
Die Präsidentschaftswahl vom Mai 2014 bezeichnete die OSZE als echte Wahl, weitgehend im Einklang mit internationalen Verpflichtungen, trotz der Besetzung der Krim und gewaltsamer Behinderung im Donbas (OSZE/ODIHR 2014). 2019 wurde Wolodymyr Selenskyj mit 73,2 Prozent gewählt und gewann fast landesweit. Diese Wahlen heilten nicht rückwirkend jeden Verfahrensmangel des Februar 2014; sie widerlegen aber die Vorstellung einer seitdem bloss putschistischen, nicht legitimierten Herrschaft.
Annexion der Krim und Krieg im Donbas
Russlands Zugriff auf die Krim hatte vordergründige und hintergründige Motive. Vordergründig berief sich Moskau auf den Schutz russischsprachiger Menschen und Selbstbestimmung. Tatsächlich existierten auf der Halbinsel eine russische Bevölkerungsmehrheit, enge Bindungen an Russland und Unzufriedenheit mit Kiew. Diese Tatsachen müssen anerkannt werden. Sie machten die Annexion dennoch nicht rechtmässig.
Bewaffnete Soldaten ohne Hoheitszeichen besetzten Ende Februar 2014 strategische Orte und das Regionalparlament. Putin bestritt zunächst, dass es russische Soldaten seien, und räumte die Operation später ein. Unter militärischer Kontrolle wurde am 16. März ein Referendum abgehalten. Es gab keine freie Status-quo-Option, keine normale öffentliche Debatte und keine glaubwürdige internationale Beobachtung. Die ukrainische Verfassung erlaubte keine regionale Abstimmung über Staatsgebiet. Die UN-Generalversammlung erklärte das Referendum für nicht autorisiert und ohne Gültigkeit; es könne keine Statusänderung begründen (UN-Generalversammlung 2014).
Hintergründig ging es um Macht. Sewastopol war der Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte. Die Kontrolle der Krim sicherte militärische Projektion im Schwarzen Meer und im Mittelmeerraum. Die Annexion verhinderte, dass eine nach Westen orientierte Ukraine die Bedingungen russischer Flottenpräsenz neu ordnete. Sie gab Putin zudem einen enormen innenpolitischen Popularitätsschub. Schliesslich passte sie in ein imperial geprägtes Geschichtsbild, in dem russische Kulturzugehörigkeit territoriale Ansprüche erzeugt. Sicherheits-, innenpolitische und identitäre Motive wirkten zusammen; „Schutz der Bevölkerung“ war nicht die ganze Erklärung.
Im Donbas entstanden 2014 bewaffnete separatistische Gebilde. Lokale Unzufriedenheit und echte Unterstützung für Russland waren vorhanden. Ebenso belegt sind russische Waffen, Personal, Führung und später offene militärische Eingriffe. Der Konflikt war deshalb weder bloss ein spontaner Bürgerkrieg noch ausschliesslich eine äussere Invasion ohne lokale Basis. Treffender ist die Beschreibung als internationalisierter Krieg mit innerukrainischen Bruchlinien und entscheidender russischer Ermöglichung.
Zwischen 2014 und Ende 2021 starben nach UN-Schätzungen insgesamt rund 14.000 Menschen, darunter etwa 3.400 Zivilpersonen sowie Kämpfer beider Seiten. Diese oft zitierte Gesamtzahl wird propagandistisch als Zahl „von Kiew getöteter Zivilisten“ missbraucht; das ist falsch. Menschenrechtsverletzungen, willkürliche Haft, Folter und wahlloser Beschuss wurden auf beiden Seiten dokumentiert. Die Behauptung eines von der Ukraine begangenen Genozids an Russischsprachigen wurde jedoch nicht belegt. Der Internationale Gerichtshof stellte 2022 fest, ihm lägen keine Belege vor, die Russlands Genozidvorwurf substantiieren, und ordnete vorläufig die Aussetzung der russischen Militäroperationen an (IGH 2022). Der Konflikt war schwer und schmutzig, aber das Wort Genozid wurde als Kriegsbegründung missbraucht.
Die Minsker Vereinbarungen von 2014 und 2015 reduzierten zeitweise die Intensität, lösten den Konflikt aber nicht. Ihr Text verband Waffenruhe, Abzug schwerer Waffen, Amnestie, lokale Wahlen, einen Sonderstatus und die spätere Wiederherstellung ukrainischer Grenzkontrolle. Die Reihenfolge blieb strittig. Kiew wollte zuerst Sicherheit und Kontrolle, Moskau und die Separatisten zuerst politische Integration zu Bedingungen, die Russland dauerhaften Einfluss auf ukrainische Entscheidungen verschafft hätten. Verstösse kamen von mehreren Seiten; Russland bestritt zudem, Konfliktpartei zu sein, obwohl es faktisch zentrale Kontrolle ausübte. Minsk scheiterte nicht an einer einzigen Person. Es litt an unvereinbaren Zielen, fehlender Durchsetzung und zu wenig Vertrauen.
Der Weg zur gross angelegten Invasion
Nach der Krimannexion verstärkte die Ukraine ihre Westorientierung, ihre Armee und ihre eigenständige nationale Identität. Was Russland angeblich verhindern wollte, beschleunigte seine Politik. Selenskyj wurde 2019 mit dem Versprechen gewählt, Frieden im Donbas zu suchen. Er führte Gespräche, akzeptierte Gefangenenaustausche und versuchte zeitweise Truppenentflechtungen. Die innenpolitische Angst vor einem aufgezwungenen Frieden schränkte seinen Spielraum ein. Russland wiederum verteilte Pässe in den besetzten Gebieten und integrierte sie wirtschaftlich und militärisch immer enger.
2021 und Anfang 2022 zog Russland grosse Truppenverbände rund um die Ukraine zusammen. Die Menschen, denen ich im September 2021 in Odessa begegnete, beobachteten nicht nur abstrakte Geopolitik. Seit 2014 lebten sie mit Krieg; zugleich war der erste russische Aufmarsch des Frühjahrs 2021 noch frisch in Erinnerung. Ihre Vorahnung war keine Beweisführung für einen bereits feststehenden Plan, aber sie war rational.
Russland verlangte im Dezember 2021 weitreichende Sicherheitsgarantien: keine weitere NATO-Erweiterung, keine Aufnahme der Ukraine und ein Rückbau westlicher militärischer Infrastruktur. Teile davon waren verhandelbar; andere hätten die Souveränität mehrerer Staaten dauerhaft begrenzt. Der Westen bot Gespräche über Rüstungskontrolle, Raketen und Manöver an, lehnte eine geschlossene NATO-Tür ab. Ob intensivere Diplomatie den Angriff noch hätte verhindern können, bleibt eine kontrafaktische Frage. Belegt ist, dass Russland Alternativen zur Invasion hatte.
Am 24. Februar 2022 erklärte Putin, die Ukraine „entmilitarisieren und entnazifizieren“ zu wollen (Putin 2022b). Russische Verbände griffen von Norden, Osten und Süden an, auch in Richtung Kiew. Umfang und Achsen des Angriffs sprechen gegen die nachträgliche Behauptung einer bloss begrenzten Schutzoperation für den Donbas. Das anfängliche Vorgehen zielte offenbar auf einen raschen politischen Zusammenbruch der Ukraine. Die ukrainische Gegenwehr, logistische Fehler Russlands und westliche Hilfe verhinderten dies.
Ursachen erklären Verantwortung benennen
Historische Ursachen lassen sich auf drei Ebenen ordnen, ohne sie in eine Rangliste zu verwandeln. Auf der strukturellen Ebene standen der Zerfall eines Imperiums, konkurrierende Sicherheitsordnungen, die asymmetrische Macht zwischen Russland und der Ukraine und die nicht überwundene Logik von Einflusssphären. Auf der mittleren Ebene wirkten die ungelöste Krim- und Donbasfrage, das Scheitern von Minsk, wirtschaftliche Verflechtungen, Informationskrieg, Aufrüstung und die zunehmende autoritäre Abschottung Russlands. Auf der Entscheidungsebene stand die Wahl der russischen Führung, ihre Ziele mit gross angelegter Gewalt durchzusetzen.
Diese Unterscheidung beantwortet die Frage nach der „wirklichen Schuld“ genauer als ein einziges Schlagwort. Der Westen trägt Mitverantwortung für eine unkluge und unvollständige Sicherheitsordnung und für verpasste Diplomatie. Ukrainische Regierungen tragen Verantwortung für Korruption, Polarisierung, Minderheitenkonflikte und manche Verstösse im Donbaskrieg. Diese Verantwortungen sind real. Für die Annexion von 2014 und die Invasion von 2022 trägt jedoch Russland als handelnder Staat die primäre politische und völkerrechtliche Verantwortung. Die UN-Generalversammlung bezeichnete den Angriff 2022 mit 141 Stimmen als Aggression und verlangte den Abzug russischer Truppen (UN-Generalversammlung 2022). Kontext ist keine Entschuldigung; Provokation ist kein Zwang; Einflussnahme ist keine Invasion.
Umstrittene Aussagen im Faktencheck
Der Westen trägt die Schuld am Krieg
Diese Aussage enthält einen diskutierbaren Kern und eine falsche Schlussfolgerung. Der diskutierbare Kern lautet, dass westliche Entscheidungen die europäische Sicherheitskrise verschärften. Die NATO erweiterte sich, ohne Russland in eine belastbare gemeinsame Ordnung einzubinden. Der Bukarester Beschluss von 2008 stellte der Ukraine eine Mitgliedschaft in Aussicht, ohne sie zu schützen. Die Vereinigten Staaten und europäische Staaten nahmen in ukrainische Innenpolitik Einfluss, wandten Völkerrecht in Kosovo und Irak selektiv an und unterschätzten, wie ihre Politik in Moskau gelesen wurde. Wer dies leugnet, ersetzt Analyse durch Selbstrechtfertigung.
Die falsche Schlussfolgerung lautet, Russland habe deshalb keine Wahl gehabt oder der Westen sei Urheber der Invasion. Staaten reagieren nicht mechanisch auf Reize. Zwischen politischer Kränkung, Sicherheitsbesorgnis und einem Angriffskrieg liegen Entscheidungen, Planungen und Befehle. Russland griff ein Land an, dessen NATO-Beitritt weder terminiert noch unmittelbar bevorstand. Es verlangte nicht nur Schutz vor bestimmten Waffensystemen, sondern ein politisches Vetorecht über die Bündnisse seiner Nachbarn. Die These von der alleinigen westlichen Schuld entzieht der russischen Führung ihre Handlungsfähigkeit und der Ukraine ihre eigene politische Subjektivität.
Putin musste handeln
„Musste“ ist die entscheidende Irreführung. Ein Sicherheitsdilemma kann den Handlungsdruck erhöhen, doch es hebt Alternativen nicht auf. Ende 2021 lagen Vorschläge zu Raketenstationierung, Transparenz, Übungen und Rüstungskontrolle auf dem Tisch. Eine dauerhaft neutrale Ukraine hätte verhandelt werden können, wenn sie freiwillig, international garantiert und demokratisch legitimiert gewesen wäre. Auch eine verstärkte OSZE-Mission oder eine neue Konferenz über konventionelle Streitkräfte wären denkbar gewesen. Putin entschied sich stattdessen für eine Invasion mit Angriffsachsen auf Kiew, Charkiw und den Süden. Der Satz, er habe handeln müssen, verwandelt eine politische Wahl nachträglich in Naturgesetz.
Der Maidan war ein westlicher Putsch
Der Machtwechsel im Februar 2014 war verfassungsrechtlich unvollkommen, gewaltsam und von ausländischer Einflussnahme begleitet. Diese Teile der Behauptung sind wahr. Westliche Regierungen unterstützten Zivilgesellschaft, traten demonstrativ auf und wollten den Ausgang beeinflussen. Die abgehörte Nuland-Pyatt-Unterhaltung ist dafür ein belastbarer Beleg. Unwahr ist die stärkere These, der Westen habe den Aufstand erfunden oder eine kleine Marionettengruppe gegen eine passive Bevölkerung eingesetzt. Monate lange Massenmobilisierung, die soziale Breite der Proteste, der Zerfall von Janukowytschs Machtbasis, die Parlamentsabstimmung und die späteren kompetitiven Wahlen lassen sich damit nicht erklären. Treffend ist die Bezeichnung einer einheimischen Revolution mit ausländischer Einmischung und einem verfassungsrechtlich improvisierten Machtübergang.
Im Donbas fand ein Genozid statt
Zwischen 2014 und 2021 litten Menschen im Donbas unter Beschuss, Minen, Vertreibung, Folter, Entführung und wirtschaftlicher Isolation. Opfer auf separatistisch kontrolliertem Gebiet sind nicht weniger betrauernswert. Aus diesem realen Leid folgt jedoch nicht der juristische Tatbestand des Genozids, der die Absicht voraussetzt, eine geschützte Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Für eine solche ukrainische Vernichtungsabsicht gibt es keine belastbaren Belege. Die russische Führung benutzte einen maximal aufgeladenen Rechtsbegriff, um eine viel grössere Gewaltanwendung zu legitimieren. Das Internationale Gericht stellte fest, dass die ihm vorliegenden Informationen den russischen Vorwurf nicht stützten.
Die Ukraine unterdrückte Russischsprachige
Sprachpolitik war und ist ein realer Konflikt. Nach 2014 stärkte die Ukraine Ukrainisch in Bildung, Verwaltung und Medien; einzelne Gesetze wurden wegen unzureichender Rücksicht auf Minderheiten kritisiert, auch von europäischen Institutionen. Im Februar 2014 beschloss das Parlament voreilig, ein Sprachgesetz aufzuheben; der Übergangspräsident setzte diese Aufhebung allerdings nicht in Kraft. Solche Politik konnte Russischsprachige entfremden. Sie ist aber nicht gleichbedeutend mit physischer Verfolgung oder einem Verbot des privaten Russischen. Selenskyj selbst wuchs russischsprachig auf; Millionen russischsprachige Ukrainer verteidigen heute den ukrainischen Staat. Sprache bestimmt politische Loyalität nicht automatisch.
Die Ukraine ist ein nationalsozialistischer Staat
Rechtsextreme Milieus und bewaffnete Formationen existieren in der Ukraine, wie in Russland und vielen europäischen Ländern. Das Asow-Regiment hatte rechtsextreme Ursprünge; Symbolik und einzelne Netzwerke verdienen kritische Untersuchung. Daraus folgt keine nationalsozialistische Staatsordnung. Bei der Parlamentswahl 2019 erreichte die vereinigte Liste der äusseren Rechten rund 2,15 Prozent und gewann ein Direktmandat. Die Macht wechselte durch Wahlen; der Präsident ist jüdischer Herkunft und Angehörige seiner Familie wurden im Holocaust ermordet. „Entnazifizierung“ war kein diagnostischer Begriff, sondern eine propagandistische Entmenschlichung des politischen Gegners.
Die Krim kehrte freiwillig nach Russland zurück
Eine erhebliche Zahl von Bewohnern der Krim bevorzugte 2014 wahrscheinlich Russland; frühere Wahlen und Umfragen zeigen eine besondere regionale Identität und starke russische Bindungen. Dies darf nicht wegerklärt werden. Der genaue Volkswille vom März 2014 ist dennoch nicht feststellbar, weil die Abstimmung unter fremder Militärkontrolle stattfand, keine unveränderte Zugehörigkeit zur Ukraine als klare Option bot und ohne anerkannte Beobachtung organisiert wurde. Selbst eine ehrliche lokale Mehrheit hätte nach ukrainischem Verfassungsrecht und allgemeinem Völkerrecht keine einseitige, militärisch erzwungene Annexion legitimiert. Selbstbestimmung und Gebietsübernahme durch den Nachbarstaat sind nicht dasselbe.
Boris Johnson verhinderte 2022 den Frieden
Im Frühjahr 2022 verhandelten Russland und die Ukraine in Belarus und Istanbul ernsthaft über Neutralität, Sicherheitsgarantien und den Umfang ukrainischer Streitkräfte. Das Istanbuler Kommuniqué war mehr als Theater. Es war aber kein unterschriftsreifer Friedensvertrag. Territorialfragen, die Durchsetzbarkeit von Garantien, Truppenstärken und die Reihenfolge russischen Rückzugs blieben offen. Die Entdeckung der Toten von Butscha zerstörte zusätzlich Vertrauen, und die militärische Lage hatte sich nach Russlands Rückzug aus dem Raum Kiew verändert. Westliche Regierungen, darunter Boris Johnson, waren skeptisch und bestärkten die Ukraine im Weiterkämpfen. Für die Behauptung, Johnson habe einen fertigen, von beiden Seiten akzeptierten Vertrag verboten, gibt es jedoch keine belastbaren Belege. Samuel Charap und Sergey Radchenko zeigen, dass eine mögliche Verhandlungschance bestand und zugleich substantielle Hindernisse ungelöst blieben (Charap und Radchenko 2024).
Worte der Machthaber und ihre politische Funktion
Politische Zitate sind keine Fenster, durch die sich Absichten unvermittelt ablesen lassen. Sie sind Handlungen: Sie mobilisieren, rechtfertigen, drohen, beruhigen oder schaffen Verhandlungsspielraum. Gerade deshalb lohnt es sich, unterschiedliche Stimmen nebeneinander zu lesen.
Putins Formel von Russen und Ukrainern als „ein Volk“ entzog der ukrainischen Nation die Gleichrangigkeit. Seine Rede vom 24. Februar 2022 verband einen begrenzten Sicherheitswortschatz mit maximalen Zielen. Die Begriffe „entmilitarisieren“ und „entnazifizieren“ liessen offen, welche ukrainischen Institutionen überhaupt fortbestehen sollten. Als Putin im Juni 2025 sagte, „die ganze Ukraine gehört uns“, wurde der imperiale Horizont deutlicher, auch wenn er den Satz als historische Theorie formulierte (Reuters 2025a). Diese Äusserungen passen schlecht zur Behauptung, es gehe lediglich um einige defensive Korrekturen im Donbas.
Selenskyj wandte sich zu Kriegsbeginn auf Russisch direkt an die russische Bevölkerung. Er rief sie auf, auf die Strasse zu gehen und „Frieden für Europa, Frieden für die Ukraine“ zu verlangen (Selenskyj 2022). Auch dies war strategische Kommunikation, aber eine bemerkenswerte: Sie trennte die russischen Bürger vom Kreml und appellierte an ihre moralische Handlungsfähigkeit. Später wurde seine Sprache härter und auf Sieg, Gerechtigkeit und territoriale Integrität ausgerichtet. Darin spiegeln sich nicht nur persönlicher Wille, sondern die Gewalterfahrung und die Abhängigkeit eines angegriffenen Präsidenten von gesellschaftlichem Durchhaltewillen.
UN-Generalsekretär António Guterres erklärte am Tag des Angriffs: „Es ist falsch. Es verstösst gegen die Charta. Es ist inakzeptabel. Aber es ist nicht unumkehrbar“ (Guterres 2022). Der letzte Satz ist für eine Friedensperspektive ebenso wichtig wie die Verurteilung. Rechtliche Klarheit muss Diplomatie nicht ausschliessen; sie kann deren Ausgangspunkt sein.
Indiens Premierminister Narendra Modi sagte Putin im September 2022, die heutige Epoche sei „keine Ära des Krieges“ (Reuters 2022). China schrieb in seinem Positionspapier, Konflikt und Krieg nützten niemandem, verband dies aber mit Kritik an Sanktionen und Bündnisdenken (Aussenministerium der Volksrepublik China 2023). Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa wirbt unter Berufung auf die eigene Verhandlungsgeschichte für Gespräche ohne Vorbedingungen. Diese Formeln sind weniger konfrontativ als westliche Erklärungen und oft bewusst mehrdeutig. Sie widerlegen dennoch die Vorstellung, der sogenannte Globale Süden wünsche geschlossen einen russischen Sieg.
Das Leiden in der Ukraine
Statistik schützt vor selektiver Wahrnehmung, aber sie kann Trauer nicht abbilden. Nach Angaben der UN-Menschenrechtsbeobachtung waren seit dem 24. Februar 2022 bis Ende August 2026 mindestens 17 257 Zivilpersonen getötet und 53 693 verletzt worden. Die Vereinten Nationen betonen, dass die tatsächlichen Zahlen erheblich höher liegen, besonders in Mariupol und in nicht zugänglichen besetzten Gebieten. Allein von Januar bis August 2026 wurden 2 222 Tote und 13 058 Verletzte verifiziert; dies waren 55 Prozent mehr zivile Opfer als im gleichen Zeitraum 2025 (OHCHR 2026). Das ist kein Krieg, der langsam ausbrennt. Für Zivilpersonen wurde er zuletzt wieder tödlicher.
Hinter diesen Zahlen liegen zerborstene Wohnungen, unterbrochene Schwangerschaften, amputierte Gliedmassen, verlorene Schulen, Minenangst, nächtlicher Alarm und die Frage, ob Angehörige unter Trümmern oder in Gefangenschaft leben. Ende 2025 waren nach UNHCR-Angaben rund 5,86 Millionen Menschen aus der Ukraine im Ausland und 3,7 Millionen innerhalb des Landes vertrieben. Schätzungsweise 2,5 Millionen Wohnungen waren beschädigt oder zerstört; 10,8 Millionen Menschen sollten 2026 humanitäre Hilfe benötigen (UNHCR 2026). Die Zerstörung des Hotels meiner Reise ist in dieser Perspektive materiell klein und biografisch gross. Gebäude tragen Erinnerungen. Ihre Vernichtung verwandelt Orte, an denen Menschen willkommen waren, in Koordinaten eines Kriegsberichts.
In den von Russland besetzten Gebieten dokumentieren internationale Stellen rechtswidrige Tötungen, Verschwindenlassen, Folter, sexualisierte Gewalt, Zwangspassvergabe, Unterdrückung ukrainischer Kultur und die Verbringung von Kindern. Der Internationale Strafgerichtshof erliess im März 2023 Haftbefehle gegen Putin und die russische Kinderrechtsbeauftragte Marija Lwowa-Belowa wegen des Verdachts der rechtswidrigen Deportation und Überführung ukrainischer Kinder (IStGH 2023). Ein Haftbefehl ist noch kein Urteil. Er zeigt aber, dass die Vorwürfe den Schwellenwert einer unabhängigen internationalen Vorprüfung überschritten haben.
Auch ukrainische Kräfte sind nicht ausserhalb des Rechts. UN-Berichte verzeichneten Misshandlungen russischer Kriegsgefangener, einzelne mutmassliche Hinrichtungen und die Stationierung militärischer Ziele in zivilen Räumen. Solche Fälle müssen untersucht und verfolgt werden. Die Pflicht zur Differenzierung darf jedoch nicht zu falscher Symmetrie führen. Der überwiegende Teil der dokumentierten zivilen Zerstörung entstand aus Russlands Angriff und aus Kämpfen auf ukrainischem Gebiet; Russland schuf durch die Invasion die Gesamtlage, in der diese Verstösse stattfinden.
Russische Opfer und die moralische Falle kollektiver Schuld
Auch russische Familien verlieren Kinder, Partner und Eltern. Wehrpflichtige und mobilisierte Männer wurden teils schlecht informiert, ungenügend ausgebildet oder unter wirtschaftlichem und sozialem Druck angeworben. Besonders stark rekrutierte der Staat in ärmeren Regionen und ethnischen Republiken. Gefallene russische Soldaten sind nicht deshalb ohne menschlichen Wert, weil sie auf der Seite des Angreifers kämpften. Ihre Familien tragen eine Trauer, die staatliche Zeremonien, Geldzahlungen und das Wort „Heldentod“ nicht aufheben.
Der Krieg erreicht zudem russische Grenzregionen durch Drohnen, Artillerie, Evakuierungen und zerstörte Häuser. Russische Behörden meldeten für August 2026 zivile Tote und Verletzte in Russland sowie in besetzten ukrainischen Gebieten. Die UN konnte einen grossen Teil dieser Angaben mangels Zugangs nicht unabhängig verifizieren (OHCHR 2026). Das gebietet weder pauschales Misstrauen noch unkritische Übernahme, sondern transparente Unsicherheit. Angriffe auf Zivilpersonen bleiben verboten, unabhängig davon, welche Flagge über ihrem Wohnort weht.
Die moralische Falle besteht darin, Empathie als politische Parteinahme zu behandeln. Wer um einen russischen Rekruten trauert, rechtfertigt den Angriff nicht. Wer die primäre russische Verantwortung benennt, erklärt ein russisches Kind nicht zum Feind. Gerade eine pazifistische Perspektive muss die Einteilung in betrauerbare und nicht betrauerbare Tote zurückweisen. Sie darf zugleich Täter, Befehlsstrukturen und die Asymmetrie von Angriff und Verteidigung nicht verwischen.
Wo die Stimmen der Eltern bleiben
Eltern, die Kinder verloren haben, erscheinen in der Öffentlichkeit oft nur für einen Augenblick: vor einem Sarg, auf einem Friedhof, mit einem Foto in der Hand. Ukrainische Medien und internationale Reporter dokumentieren Familien, die bei Raketenangriffen mehrere Angehörige zugleich verloren. In Lwiw wurden 2024 eine Mutter und ihre drei Töchter nach einem russischen Angriff beerdigt; der Vater blieb als einziger unmittelbarer Angehöriger zurück (Reuters 2024a). In überfüllten Militärfriedhöfen sprechen Eltern und Partner von Stolz, Wut, Erschöpfung und dem Wunsch, das Sterben möge enden. Diese Gefühle widersprechen einander nicht. Ein Mensch kann Frieden wünschen und dennoch fürchten, dass ein ungerechter Waffenstillstand den Tod des eigenen Kindes bedeutungslos erscheinen lässt.
In Russland suchen Eltern vermisste Soldaten, beklagen mangelhafte Ausrüstung oder bitten Behörden um Auskunft. Manche unterstützen den Krieg und verlangen entschlosseneres Vorgehen; manche wollen nur die Rückkehr ihrer Söhne; andere protestieren. Unabhängige russische Medien haben solche Stimmen gesammelt, während offene Kritik durch Gesetze gegen angebliche „Falschnachrichten“ über die Armee und gegen deren „Diskreditierung“ kriminalisiert wird. Nach Angaben der Menschenrechtsgruppe OVD-Info gab es bis Ende 2024 mehr als tausend strafrechtliche Verfolgungen und ungefähr zwanzigtausend Festnahmen im Zusammenhang mit Antikriegsäusserungen und Protesten (Reuters 2024b). Schweigen kann in diesem Umfeld Zustimmung, Angst, Anpassung, Erschöpfung oder schlicht privaten Schmerz bedeuten.
Die Vereinten Nationen verifizierten allein 2025 in der Ukraine 1 899 schwere Rechtsverletzungen gegen 781 Kinder, darunter 94 getötete und 659 verletzte Kinder sowie Hunderte Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser (Vereinte Nationen 2026). Jede Zahl enthält ein nicht gelebtes Leben und ein Familiengedächtnis, das Jahrzehnte überdauern wird. Friedensverhandlungen, die nur Linien auf Karten behandeln, unterschätzen diese Zukunftslast. Wahrheit, Vermisstensuche, Rückführung von Kindern, Gefangenenaustausch, Entschädigung und psychosoziale Hilfe sind keine späteren Nebenthemen; sie gehören zum Frieden selbst.
Wollen die Russen diesen Krieg
Die Frage hat keine ehrliche Ja-oder-Nein-Antwort. Russland ist eine grosse, ungleiche Gesellschaft mit überzeugten Nationalisten, Nutzniessern der Kriegswirtschaft, pflichtorientierten Soldatenfamilien, Gleichgültigen, verängstigten Gegnern, Exilierten und Menschen, die widersprüchliche Dinge gleichzeitig glauben. „Die Russen“ besitzen keinen einzigen Willen.
Die unabhängige Levada-Erhebung vom Januar 2026 fand 76 Prozent Unterstützung für das Vorgehen der russischen Streitkräfte. Zugleich befürworteten 61 Prozent den Übergang zu Friedensverhandlungen, während 31 Prozent eine Fortsetzung der Kampfhandlungen bevorzugten. 74 Prozent erwarteten einen russischen Sieg; falls keine Friedensvereinbarung zustande komme, befürworteten 59 Prozent verstärkte Angriffe (Lewada-Zentrum 2026). Das ist keine pazifistische Gesellschaft. Es ist aber auch keine einfache Volksabstimmung für endlosen Krieg.
Autoritäre Bedingungen erschweren die Deutung. Manche Menschen verweigern Interviews, andere geben sozial sichere Antworten; die Begriffe „Unterstützung“ und „Spezialoperation“ sind durch staatliche Medien gerahmt. Levada argumentiert überzeugend, solche Umfragen blieben als Messung öffentlich vertretbarer Einstellungen sinnvoll, seien aber kein Gedankenlesegerät (Lewada-Zentrum 2023). Darüber hinaus kann dieselbe Person die Armee unterstützen, weil ein Angehöriger dient, und zugleich Verhandlungen wollen. Sie kann staatlicher Propaganda glauben und die Mobilisierung des eigenen Sohnes fürchten. Zustimmung kann ideologisch, defensiv, konformistisch oder konditional sein.
Eine breite russische Mitverantwortung für die gesellschaftliche Ermöglichung des Krieges darf diskutiert werden. Kollektivschuld ist dennoch ein schlechter analytischer Begriff. Er macht Widerstand unsichtbar, entlastet konkrete Machthaber und droht Versöhnung generationsübergreifend zu blockieren. Verantwortung sollte nach Entscheidungsmacht, Wissen, Beteiligung und Handlungsspielraum abgestuft werden. Putin und der engste Sicherheitsapparat tragen eine andere Verantwortung als ein unter Zensur lebender Rentner; ein Folterer eine andere als die Mutter eines Gefallenen.
Wollen die Ukrainer weiterkämpfen
Auch die ukrainische öffentliche Meinung ist weder statisch noch frei von Kriegsbedingungen. Nach dem Angriff 2022 stieg die Bereitschaft zur Verteidigung stark. Besatzungsverbrechen, Raketenangriffe und die Erfahrung, dass russische Truppen 2022 durch militärischen Widerstand aus dem Raum Kiew gedrängt wurden, verstärkten die Überzeugung, Waffen könnten weiteres Unheil verhindern. Zugleich verändern Jahre des Verlusts, der Mobilisierung und der unsicheren westlichen Hilfe die Haltung.
Eine Gallup-Erhebung vom Frühjahr 2026 zeigte, dass 66 Prozent der Befragten ein möglichst baldiges Verhandlungsende bevorzugten; 24 Prozent wollten bis zum Sieg weiterkämpfen. Nur 23 Prozent hielten ein dauerhaftes Kriegsende innerhalb von zwölf Monaten für wahrscheinlich (Gallup 2026). Verhandlungsbereitschaft bedeutet allerdings nicht automatisch Zustimmung zu russischen Bedingungen oder rechtliche Anerkennung von Annexionen. Menschen können einen Waffenstillstand wünschen und territoriale Ansprüche aufrechterhalten. Umfragen in einem Land mit Millionen Geflüchteten, besetzten Gebieten und Soldaten an der Front besitzen zudem unvermeidliche Reichweitenprobleme.
Die ukrainische Führung steht deshalb vor einem Legitimationsdilemma. Sie muss das Leben der Bevölkerung schützen, darf aber nicht über dauerhafte Gebiets- und Verfassungsfragen entscheiden, als seien diese persönliche Verfügungsmasse des Präsidenten. Ein belastbarer Kompromiss benötigt parlamentarische, gesellschaftliche und gegebenenfalls spätere plebiszitäre Legitimation unter freien Bedingungen. Frieden kann nicht allein im Präsidentenpalast unterzeichnet und danach der Gesellschaft verordnet werden.
Was nach Putin oder Selenskyj geschehen könnte
Personalisierte Systeme verleiten zu der Vorstellung, mit dem Tod des Machthabers ändere sich automatisch die politische Richtung. In Russland ist Putins Rolle aussergewöhnlich gross. Er hat Institutionen entleert, Eliten voneinander abhängig gemacht und die Entscheidung über Krieg und Frieden stark auf die Präsidentschaft konzentriert. Sein plötzlicher Tod würde deshalb Unsicherheit erzeugen. Nach der Verfassung würde zunächst der Ministerpräsident amtieren; die tatsächliche Nachfolge würde jedoch wahrscheinlich in Verhandlungen zwischen Präsidialverwaltung, Sicherheitsdiensten, Militär, Wirtschaftsinteressen und regionalen Machtzentren entschieden.
Ein solcher Übergang wäre nicht automatisch prowestlich. Die heutige Elite ist durch Repression, Kriegswirtschaft, persönliche Haftungsrisiken und das gemeinsame Interesse am Regimeerhalt gebunden. Ein Nachfolger könnte den Krieg fortsetzen, um Schwäche zu vermeiden, oder ihn sogar verschärfen, um nationalistische Konkurrenz zu überbieten. Ebenso denkbar wäre eine pragmatische Führung, die einen Waffenstillstand sucht, weil die Kosten das System bedrohen. Wahrscheinlicher als ein plötzlicher demokratischer Westkurs wäre zunächst Kontinuität mit verändertem Ton. Die Chance auf Bewegung entstünde nicht aus dem Tod selbst, sondern aus einer neuen Koalition, die Sicherheit und wirtschaftliche Entlastung höher bewertet als maximale Kriegsziele und der zugleich ein gesichtswahrender Verhandlungsweg offensteht.
Selenskyjs Tod würde die Ukraine schwer erschüttern, aber den Staat nicht führungslos machen. Nach der ukrainischen Verfassung übernimmt bei vorzeitiger Beendigung des Präsidentenamts der Vorsitzende der Werchowna Rada kommissarisch die Aufgaben. Unter Kriegsrecht wären freie Wahlen zunächst kaum durchführbar; Parlament, Regierung, Streitkräfte, Kommunen und Zivilgesellschaft blieben dennoch handlungsfähige Institutionen. Seit 2014 und besonders seit 2022 hat sich ukrainische Identität nicht um eine einzige Person, sondern um Selbstregierung und Widerstand verdichtet.
Ein Tod Selenskyjs würde daher nicht wahrscheinlich zu einem prorussischen Kurs führen. Er könnte gegenteilig einen Märtyrereffekt auslösen, die Gesellschaft verhärten und den Spielraum für Kompromisse verkleinern. Ein Nachfolger könnte allerdings einen anderen Stil, eine breitere Koalition oder grössere Verhandlungsbereitschaft entwickeln. Entscheidend wären die Umstände des Todes, die militärische Lage, westliche Garantien und die öffentliche Legitimität eines Abkommens. Dasselbe Ereignis kann je nach Kontext Öffnung oder Eskalation bewirken; seriöse Prognose muss diese Unsicherheit sichtbar lassen.
Bleibt die Ukraine als Staat erhalten
Realistisch betrachtet ist der Fortbestand eines international anerkannten ukrainischen Staates sehr wahrscheinlich, auch über Putin und Selenskyj hinaus. Die Ukraine verfügt über eine anerkannte Regierung, Verwaltung, Streitkräfte, internationale Beziehungen, eine ausgeprägte Zivilgesellschaft und eine politische Identität, die der Angriff nicht auflöste, sondern stärkte. Selbst Russlands anfänglicher Versuch, Kiew rasch zu unterwerfen, scheiterte. Die grosse Mehrheit der Staaten erkennt die russische Annexion der beanspruchten ukrainischen Gebiete nicht als rechtmässig an.
Ungewiss sind dagegen Umfang, Bevölkerungsstruktur, wirtschaftliche Lebensfähigkeit und Sicherheitsordnung dieses Staates. Langfristige Besatzung oder eine faktische Teilung sind möglich, ohne dass die Ukraine als Staat verschwindet. Schwerer als Karten zeigen sind die demografischen Folgen: Tote und Versehrte, eine niedrige Geburtenrate, Millionen Ausgewanderte, getrennte Familien, zerstörte Infrastruktur und die Abwanderung junger Fachkräfte. Der Wiederaufbau wird nicht nur Beton, sondern Vertrauen, Rechtsstaatlichkeit und Möglichkeiten zur Rückkehr benötigen.
Die gefährlichste Zukunft wäre ein nur nominell souveräner, entvölkerter Frontstaat unter ständigem Raketenrisiko. Ein tragfähiger Frieden muss daher mehr sichern als das Überleben einer Flagge. Er muss wirtschaftliche Anschlussfähigkeit, Luftschutz, Minenräumung, Energieversorgung, demokratische Kontrolle des Sicherheitssektors und glaubwürdige äussere Garantien einschliessen. Ukrainische Staatlichkeit hat den Personenkult nicht nötig; sie braucht funktionierende Institutionen.
Warum China Indien Nordkorea Südafrika und BRICS Russland stützen
Die Bezeichnung „Unterstützerstaaten“ erfasst sehr unterschiedliche Beziehungen. Nordkorea leistet direkte militärische Hilfe. China stützt Russlands wirtschaftliche und technologische Widerstandsfähigkeit, ohne sich offiziell als Kriegspartei zu bezeichnen. Indien kauft grosse Mengen russischer Energie und pflegt sicherheitspolitische Beziehungen, ruft aber zugleich zu Verhandlungen auf. Südafrika vertritt politische Nähe und Blockfreiheit, liefert jedoch keine vergleichbare materielle Kriegsunterstützung. BRICS ist kein Militärbündnis und besitzt keine einheitliche Ukrainepolitik.
China hat mehrere Interessen zugleich. Es will eine russische Niederlage vermeiden, die amerikanische Macht und westliche Sanktionsfähigkeit stärken würde. Russland liefert Energie, Rohstoffe, strategische Tiefe und diplomatische Rückendeckung im Wettbewerb mit den Vereinigten Staaten. Handel und chinesische Dual-Use-Güter helfen der russischen Industrie, Engpässe zu umgehen; europäische Sanktionen richten sich deshalb auch gegen einzelne chinesische Unternehmen. Gleichzeitig schaden ein unkontrollierter Krieg, nukleare Eskalation und globale Rezession chinesischen Interessen. Peking beruft sich daher auf Souveränität und Verhandlungen, gibt Moskau aber keine harte öffentliche Frist zum Rückzug. Seine bevorzugte Ordnung ist nicht endloser Krieg, sondern eine Beendigung, die Russland nicht demütigt, westliche Bündnisse schwächt und China als unverzichtbaren Vermittler erscheinen lässt.
Indiens Politik folgt der Tradition strategischer Autonomie. Die Sowjetunion war während des Kalten Krieges ein wichtiger Partner, während Indien die Vereinigten Staaten und China als häufig Pakistan nahestehend erlebte. Noch heute stammen wesentliche Teile indischer Militärausrüstung aus russischer Produktion. Nach 2022 bot verbilligtes russisches Erdöl einem importabhängigen Land mit 1,4 Milliarden Einwohnern einen starken wirtschaftlichen Anreiz. New Delhi betrachtet westliche Sekundärsanktionen zudem als Eingriff in eigene Souveränität. Das finanziert mittelbar Russlands Staatshaushalt, auch wenn Indien erklärt, es sichere Energiepreise und Weltmarktstabilität (Reuters 2026). Modis Satz von der „keinen Ära des Krieges“ zeigt zugleich, dass Indien kein ideologisches Interesse an dauerndem Töten hat. Es will Beziehungen zu Russland, zum Westen und zum Globalen Süden gleichzeitig bewahren.
Südafrikas Haltung ist ohne die Geschichte des Apartheidkampfs schwer verständlich. Die Sowjetunion unterstützte den African National Congress, während westliche Regierungen lange ambivalente oder kooperative Beziehungen zum Apartheidstaat unterhielten. Diese Erinnerung schafft Loyalität. Hinzu kommen blockfreie Tradition, BRICS-Solidarität und die verbreitete Wahrnehmung westlicher Doppelstandards bei Irak, Palästina, Kolonialgeschichte und Sanktionen. Südafrika enthielt sich 2022 bei der UN-Verurteilung des russischen Angriffs, statt die Annexionen anzuerkennen. Seine Regierung will verhandeln und sieht sich eher als unabhängige Vermittlerin denn als westliche Gefolgschaft (Reuters 2025b). Diese Selbstbeschreibung darf kritisch geprüft werden, insbesondere wenn Neutralität praktisch den stärkeren Angreifer begünstigt; sie ist aber nicht mit Kriegsbegeisterung gleichzusetzen.
Nordkorea steht in einer anderen Kategorie. Es liefert Russland nach NATO-Angaben Waffen und Munition und entsandte Truppen; Pjöngjang bestätigte 2025 einen Einsatz an russischer Seite (Reuters 2025c). Dafür erhält das Regime Devisen, Nahrungsmittel, Energie, diplomatischen Schutz sowie vermutlich militärisches Wissen und Technologie. Der Krieg bietet reale materielle und strategische Gewinne und bindet westliche Ressourcen. Hier ist die These eines Interesses an der Fortsetzung am ehesten begründet. Gleichzeitig entscheidet darüber eine abgeschottete Diktatur, nicht eine frei befragte nordkoreanische Bevölkerung.
Auch andere Staaten des Globalen Südens unterscheiden zwischen der UN-Charta und der westlichen Sanktionspolitik. Viele stimmten für die Resolution zur territorialen Integrität oder enthielten sich, lehnen aber Sanktionen ausserhalb des Sicherheitsrats ab. Sie fürchten steigende Lebensmittel- und Energiepreise, wollen günstige Rohstoffe, Rüstungsgüter und politischen Spielraum und erinnern an westliche Regelbrüche. Manche Regierungen gewinnen durch Preisnachlässe oder ihre Rolle als Zwischenhändler. Daraus folgt nicht, dass sie massenhaft den Krieg als solchen wünschen. Häufiger wollen sie ein Ende, dessen Bedingungen nicht allein Washington, Brüssel oder Moskau festlegen und bei dem ihre eigenen Interessen zählen.
Die moralische Kritik bleibt dennoch berechtigt. Wer russisches Öl, Dual-Use-Technik, Geschosse oder Soldaten bereitstellt, verändert die Fähigkeit, Krieg zu führen. „Neutralität“ beschreibt dann nicht fehlende Wirkung. Umgekehrt sollte der Westen seine Partner nicht mit einer Auswahl zwischen moralischer Unterordnung und Feindschaft konfrontieren. Glaubwürdiger wäre eine Ordnung, die dieselben Massstäbe auf russische Aggression, den Irakkrieg, Besatzung und ziviles Leid in anderen Konflikten anwendet. Doppelstandards entschuldigen kein Unrecht; sie schwächen aber die Koalition, die ihm entgegentreten soll.
Verhandlungen sind notwendig aber nicht von selbst friedlich
In der Friedensforschung bezeichnet negativer Frieden zunächst die Abwesenheit unmittelbarer Gewalt; positiver Frieden umfasst zusätzlich Institutionen, Rechte und Verhältnisse, die eine erneute Gewaltwahrscheinlichkeit senken. Diese Unterscheidung schützt vor zwei Irrtümern. Der erste lautet, ein Waffenstillstand sei wertlos, solange er nicht alle Ursachen löse. Für Menschen unter Beschuss ist das Ende des Feuers ein eigenständiges Gut. Der zweite lautet, jedes Schweigen der Waffen sei bereits dauerhafter Frieden. Eine unüberwachte Kampfpause kann Einheiten neu bewaffnen, Besatzung verfestigen und den nächsten Angriff vorbereiten.
Verhandeln bedeutet auch nicht, die moralische Gleichwertigkeit aller Forderungen anzuerkennen. Man verhandelt gerade mit Gegnern, deren Handeln man für falsch hält. Diplomatie ist kein Preis für gutes Verhalten, sondern ein Verfahren, um Gewalt unter Bedingungen tiefen Misstrauens zu begrenzen. Sie braucht militärische und politische Realitätssinne, darf aber Gewaltgewinne nicht automatisch in Recht verwandeln.
Die Gespräche von 2022 zeigen, dass selbst während schwerer Kämpfe Annäherungen möglich sind. Sie zeigen ebenso, weshalb abstrakte Appelle nicht genügen. Eine Neutralitätszusage ist nur so tragfähig wie ihre Sicherheitsgarantie. Eine Garantie ist nur glaubwürdig, wenn feststeht, wer bei einem Verstoss was tut und ob die Garantiemächte politisch sowie militärisch dazu fähig sind. Das Budapester Memorandum hat die Ukraine gelehrt, dass feierliche Zusicherungen ohne Durchsetzungsmechanismus zu wenig sein können.
Wo sich die Parteien bewegen müssten
Die grösste Bewegung ist von Russland erforderlich, weil Russland den grossen Krieg begann, ukrainisches Gebiet besetzt und seine Forderungen weit über defensiven Grenzschutz hinaus formuliert hat. Ein ernsthafter Friedenswille würde sich zunächst in einer überprüfbaren Einstellung von Angriffen auf Städte und Energieversorgung, dem Ende territorialer Maximalforderungen, der Anerkennung einer fortbestehenden souveränen Ukraine sowie der Bereitschaft zeigen, Rückzug und Statusfragen verbindlich zu verhandeln. Dazu gehören die Rückgabe verschleppter Kinder, Zugang für internationale Beobachter und umfassende Gefangenenaustausche. Ein blosses Angebot, dass die Ukraine ihre Verteidigung reduziert und Russland besetztes Gebiet behält, während künftige Sicherheit offenbleibt, wäre eher ein Diktat als ein stabiler Kompromiss.
Auch die Ukraine wird schwierige Entscheidungen treffen müssen, falls vollständige militärische Rückeroberung auf absehbare Zeit nicht erreichbar ist. Sie könnte zwischen rechtlichem Anspruch und vorläufiger tatsächlicher Kontrolle unterscheiden. Ein Waffenstillstand entlang einer überwachten Linie müsste die Annexionen nicht anerkennen; die endgültige territoriale Frage könnte aufgeschoben werden. Das wäre schmerzhaft und riskant, aber historisch nicht ungewöhnlich. Dauerhafte Gebietsabtretungen oder Verfassungsänderungen dürften nicht unter unmittelbarem Zwang und ohne demokratische Legitimation beschlossen werden. Kiew müsste ausserdem rechtsstaatliche Reformen, Minderheitenschutz und die Untersuchung eigener Rechtsverstösse fortführen, gerade weil es eine andere politische Ordnung verteidigt.
Die westlichen Staaten müssen Abschreckung und Diplomatie zusammendenken. Militärische Unterstützung kann verhindern, dass Verhandlungen zur Kapitulation werden; sie darf aber nicht zur Ersatzstrategie ohne politisches Ziel erstarren. Der Westen sollte präzisieren, welche Sicherheitsgarantien er langfristig tragen kann, welche Sanktionen bei welchen überprüfbaren Schritten gelockert würden und welche bei Vertragsbruch automatisch zurückkehrten. Er darf keinen Frieden über ukrainische Köpfe hinweg schliessen. Ebenso wenig sollte er jeden ukrainischen Maximalwunsch ungeprüft zu einer eigenen unbegrenzten Verpflichtung machen. Solidarität ist nicht dasselbe wie die Abschaffung politischer Urteilskraft.
China besitzt durch Handel, Technologie und politischen Rückhalt den grössten äusseren Hebel auf Moskau. Indien kann über Energiebeziehungen und seine akzeptierte blockfreie Rolle wirken. Südafrika, Brasilien und andere Staaten können helfen, eine Verhandlungssprache zu schaffen, die ausserhalb westlicher Bündnislogik glaubwürdig ist. Ihre Vermittlung gewinnt aber nur dann Substanz, wenn sie konkrete Verstösse benennt und materielle Anreize oder Kosten mobilisiert. Allgemeine Friedensformeln ohne Druck auf denjenigen, der weiter angreift, werden leicht zur diplomatischen Kulisse.
Wie ein belastbarer Prozess aussehen könnte
Ein realistischer Prozess müsste nicht mit der endgültigen Friedensurkunde beginnen. Er könnte zunächst besonders gefährliche Bereiche begrenzen: Angriffe auf Energieanlagen, kerntechnische Einrichtungen, Häfen und dicht bewohnte Gebiete; danach eine zeitlich definierte Feuerpause mit verifizierten Koordinaten. Satellitendaten, Drohnenbeobachtung, technische Sensoren und internationale Teams könnten Verstösse dokumentieren. Direkte militärische Kommunikationskanäle wären nötig, damit ein einzelner Zwischenfall nicht sofort die gesamte Vereinbarung zerstört.
Parallel müssten humanitäre Fragen behandelt werden, die keine endgültige Grenzentscheidung voraussetzen. Dazu zählen Gefangenenaustausch, Aufklärung über Vermisste, Rückführung deportierter Kinder und sterblicher Überreste, Zugang des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sowie Schutz der Schifffahrt und von Getreideexporten. Frühe, sichtbare Erfolge können Vertrauen nicht ersetzen, aber die innenpolitische Behauptung widerlegen, jede Kooperation sei unmöglich.
Die schwierigsten Fragen wären territoriale Kontrolle, ausländische Truppen, Sanktionen und ukrainische Sicherheit. Denkbar wäre eine gestufte Vereinbarung: militärische Entflechtung und Überwachung gegen schrittweise, jederzeit umkehrbare Sanktionslockerung; eine stark verteidigungsfähige Ukraine ohne bestimmte Stationierungen; Garantien mehrerer Staaten mit vorab vereinbarten Reaktionen; spätere Gespräche über den endgültigen Status umstrittener Gebiete. Freie Abstimmungen wären erst nach Entmilitarisierung, Rückkehr Vertriebener, Medienfreiheit und längerer internationaler Verwaltung aussagekräftig. Ein unter Besatzung organisiertes Referendum wäre keine Lösung.
Gerechtigkeit und Frieden dürfen dabei nicht als vollständige Gegensätze behandelt werden. Pauschale Straflosigkeit für internationale Kernverbrechen wäre rechtlich und moralisch problematisch; die Forderung, vor jeder Feuerpause sämtliche Täter abzuurteilen, wäre praktisch tödlich. Strafverfolgung, Wahrheitsdokumentation, Wiedergutmachung und institutionelle Reform können unterschiedliche Zeitachsen haben. Entscheidend ist, Beweise zu sichern und die Opfer nicht aus dem Prozess zu verdrängen.
Die Vereinten Nationen könnten humanitäre, technische und beobachtende Aufgaben übernehmen, auch wenn Russlands Vetorecht den Sicherheitsrat blockiert. Die OSZE verfügt über Erfahrungen mit Beobachtung, benötigt aber ein neues Mandat, Zugang und Schutz. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist für Gefangene und Vermisste unverzichtbar. Die Schweiz kann gute Dienste, Fachwissen und einen diskreten Gesprächsort anbieten. Ihre Übernahme europäischer Sanktionen hat in Moskau Vertrauen vermindert, doch Neutralität bedeutet nicht Gleichgültigkeit gegenüber der UN-Charta. Glaubwürdigkeit entstünde durch konsequenten humanitären Zugang, gleiche Rechtsmassstäbe und Bereitschaft, auch unbequeme Gesprächskanäle offen zu halten.
Die Lehre aus Namibia
Meine Erfahrung mit den Vereinten Nationen in Namibia prägt die Überzeugung, dass Krieg keinen Gewinn hervorbringt. Der Vergleich darf nicht überdehnt werden: Kolonialherrschaft, südafrikanische Besetzung, regionaler Befreiungskrieg und der heutige russisch-ukrainische Krieg besitzen verschiedene Akteure und Rechtslagen. Dennoch zeigt Namibias Weg zur Unabhängigkeit ein allgemeines Muster. Die Resolution 435 des Sicherheitsrats lag seit 1978 vor, wurde aber erst 1989 umgesetzt. Papier allein schuf keinen Frieden. Erst veränderte regionale Kräfteverhältnisse, die Abkommen über Angola, Bewegung der äusseren Mächte, akzeptierte Verfahrensregeln und eine internationale Übergangsmission machten Wahlen und Unabhängigkeit möglich.
Auch dort gab es zu Beginn der Umsetzung tödliche Gewalt und tiefes Misstrauen. UNTAG musste überwachen, vermitteln und institutionelle Bedingungen sichern. Die Lehre ist weder, die Konflikte seien gleich, noch, eine Blaupause könne kopiert werden. Sie lautet: Verhandlungen werden wirksam, wenn Interessen sich verändern, externe Unterstützer mitwirken, eine überprüfbare Sequenz vereinbart wird und die betroffene Bevölkerung eine politische Zukunft erhält. Frieden braucht Geduld, aber Geduld darf nicht Passivität gegenüber fortgesetztem Töten bedeuten.
Stand der Diplomatie im September 2026
Nach einer sechsmonatigen Unterbrechung wurden Anfang September 2026 unter amerikanischer Führung getrennte Gespräche mit Russland und der Ukraine wieder aufgenommen. Nach Einschätzung der Bibliothek des britischen Unterhauses brachten sie wenig erkennbare Annäherung. Moskau verwies weiter auf militärische Fortschritte und seine sogenannten Grundursachen; Kiew erklärte die Territorialfrage zur Angelegenheit der Staatschefs. Dreiseitige Gespräche in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden für Oktober grundsätzlich akzeptiert, ein Datum und die Ebene der Teilnehmer standen am 22. September noch nicht fest (Mills 2026). Parallel blieb eine begrenzte Vereinbarung zum Schutz der Energieinfrastruktur Gegenstand diplomatischer Bemühungen.
Das ist wenig, aber nicht bedeutungslos. Teilabkommen können Leben schützen und Kommunikationskanäle stabilisieren. Sie werden einen umfassenden Frieden jedoch kaum ersetzen, solange Russland auf territorialen und sicherheitspolitischen Forderungen beharrt, die Ukraine ohne glaubwürdige Garantien eine erneute Invasion fürchtet und beide Seiten hoffen, ihre Verhandlungsposition militärisch zu verbessern. Diplomatie existiert; ein gemeinsamer Verhandlungsraum ist noch nicht gross genug.
Ausblick
Kurzfristig ist ein fortgesetzter Abnutzungskrieg wahrscheinlicher als ein umfassender Friedensvertrag. Russland besitzt grössere personelle und industrielle Reserven, zahlt dafür aber hohe menschliche, fiskalische und technologische Kosten. Die Ukraine kann mit eigener Innovation und ausländischer Hilfe Widerstand leisten, ist jedoch stärker von verlässlicher externer Unterstützung und ihrer demografischen Basis abhängig. Beide Seiten führen zugleich einen Krieg gegen die Zeit: Moskau hofft auf westliche Ermüdung; Kiew auf steigende russische Kosten und dauerhafte Sicherheitsbindung seiner Partner.
Ein begrenzter Waffenstillstand oder eine faktisch eingefrorene Front ist mittelfristig plausibler als ein abschliessender territorialer Vergleich. Ein solches Ergebnis könnte viele Leben retten und dennoch gefährlich instabil bleiben. Ohne glaubwürdige Überwachung und Garantien könnte Russland die Pause zur Wiederaufrüstung nutzen; ohne politische Perspektive könnte die Ukraine den Stillstand als vorübergehende Besatzung behandeln. Der koreanische Waffenstillstand zeigt, dass ein unvollständiges Abkommen Jahrzehnte halten kann; er zeigt ebenso, dass Schweigen der Waffen nicht Versöhnung bedeutet.
Ein militärischer Durchbruch einer Seite ist möglich, aber nicht zuverlässig prognostizierbar. Selbst ein russischer Geländegewinn würde die politische Loyalität einer grossen ukrainischen Bevölkerung nicht automatisch herstellen. Selbst eine ukrainische Rückeroberung würde die Sicherheitskonfrontation mit einem nuklear bewaffneten Russland nicht beenden. Führungswechsel, Wirtschaftskrisen oder internationale Eskalationen könnten plötzlich neue Möglichkeiten schaffen, bergen aber ebenso grosse Gefahren.
Der günstigste realistische Weg ist daher kein einzelner Gipfel und kein rettender Machthaber. Er ist eine Folge begrenzter, überprüfbarer Vereinbarungen, verbunden mit glaubwürdiger ukrainischer Sicherheit und einer für Russland sichtbaren Möglichkeit, aus weiterer Aggression auszusteigen, ohne dass Annexion als Recht anerkannt wird. Frieden braucht Druck und einen Ausgang. Nur Druck kann Eskalation erzeugen; nur ein Ausgang ohne Druck belohnt Gewalt.
Schlussgedanke
Die Menschen, denen ich im September 2021 begegnete, hatten die Spannung früher gespürt als viele westliche Beobachter. Ihre Herzlichkeit gegenüber uns Schweizern und ihre Angst vor Russland gehörten zur selben Wirklichkeit. Ihre harten Worte kamen aus Erfahrung und Vorahnung. Sie verdienen, ernst genommen zu werden. Sie dürfen dennoch nicht in eine Verurteilung aller Russen als barbarisches Volk übersetzt werden. Eine solche Verallgemeinerung würde genau die Entmenschlichung fortsetzen, aus der Kriege Nahrung ziehen.
Die wissenschaftlich belastbare Antwort auf die Schuldfrage ist asymmetrisch, aber nicht eindimensional. Westliche Politik schuf Fehler, Kränkungen und riskante Grauzonen. Die Ukraine war kein makelloser Staat; der Machtwechsel 2014 war nicht verfassungsrechtlich sauber und ausländische Mächte mischten sich ein. Im Donbas litten Menschen auf beiden Seiten. All dies gehört zur Wahrheit. Es ändert nicht, wer die Krim militärisch besetzte, wer 2022 die Grenze mit einer Invasionsarmee überschritt und wer den Krieg jederzeit durch Rückzug aus einem souveränen Nachbarstaat grundlegend beenden könnte.
Krieg ist kein Zustand. Er ist die fortgesetzte Zerstörung der Bedingungen, unter denen Politik, Familie und Erinnerung überhaupt möglich sind. Verhandlungen sind immer besser als die Vorstellung, Töten sei selbst eine Lösung. Aber eine Verhandlung ist nicht schon deshalb gerecht, weil gesprochen wird, und eine Kapitulation ist nicht schon deshalb Frieden, weil danach weniger geschossen wird. Mein Pazifismus verlangt deshalb nicht Wehrlosigkeit. Er verlangt, dass jeder militärische Zweck an der Rückkehr zur Politik gemessen wird, dass jedes Menschenleben auf beiden Seiten zählt und dass Schutz niemals zum Selbstzweck endloser Gewalt wird.
Die Stimmen der Eltern gehören an den Verhandlungstisch, auch wenn sie dort nicht persönlich sitzen: die ukrainische Mutter, deren Kind unter Trümmern starb; der russische Vater, der den Sohn ohne verlässliche Auskunft verlor; die Familie eines verschleppten Kindes; die Angehörigen eines Gefangenen. Sie werden nicht alle dasselbe fordern. Gerade deshalb darf kein Machthaber behaupten, allein in ihrem Namen zu sprechen. Frieden beginnt, wenn ihre Verluste nicht mehr als Treibstoff für den nächsten Verlust benutzt werden.
Die Ukraine wird mit hoher Wahrscheinlichkeit als Staat bestehen bleiben. Ob sie als sichere, demokratische und lebensfähige Gesellschaft bestehen kann, hängt von mehr ab als von Putin oder Selenskyj. Es hängt davon ab, ob Russland imperiale Verfügung durch Nachbarschaft ersetzt, ob die Ukraine schmerzhafte Entscheidungen demokratisch tragen kann, ob der Westen Schutz mit Diplomatie verbindet und ob China, Indien, Südafrika und andere Mächte ihre Friedensrhetorik in politischen Einfluss übersetzen. Der Ausgang ist offen. Gerade deshalb ist Handeln möglich.
Quellen und Literatur
Nachrichtenquellen dienen vor allem zur Dokumentation konkreter Aussagen und Ereignisse; historische und rechtliche Bewertungen stützen sich vorrangig auf Fachliteratur und Primärdokumente.
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