Kamerun – Der vergessene Krieg

Kamerun – Der vergessene Krieg: Warum ein Bürgerkrieg seit Jahren Tausende Menschenleben kostet – und warum Europa kaum hinschaut.

Warum ein Bürgerkrieg seit Jahren Tausende Menschenleben kostet – und warum Europa kaum hinschaut.

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Ein ganz persönlicher Einstieg

Es gibt Länder, die einen nie mehr loslassen.

Kamerun gehört für mich dazu.

Ich durfte dort fast zehn Jahre meines Lebens verbringen und arbeiten. Ich habe Menschen kennengelernt, die mich geprägt haben. Und ich habe Freundschaften geschlossen, mit Familien gelebt, gefeiert, gelacht und getrauert, Krankenhäuser besucht, Entwicklungsprojekte begleitet und erlebt, wie gross Gastfreundschaft, Hoffnung und Zusammenhalt sein können – trotz schwierigster Lebensbedingungen.

Gerade deshalb schmerzt es mich, dass heute über Kamerun in Europa fast nur dann berichtet wird, wenn es um Fussball oder Naturkatastrophen geht.

Denn seit Jahren herrscht im englischsprachigen Teil des Landes ein bewaffneter, grausamer Konflikt mit tausenden Todesopfern, hunderttausenden Vertriebenen und einer ganzen Generation von Kindern, deren Schulbildung zerstört wurde.

Trotzdem bleibt dieser Krieg für viele Menschen in Europa praktisch unsichtbar.

Warum?

Kamerun – Afrika im Kleinen

Kamerun wird oft als „Afrika im Kleinen“ bezeichnet.

Kaum ein anderes afrikanisches Land vereint eine solche Vielfalt.

  • über 250 Ethnien
  • zahlreiche Sprachen
  • Christen und Muslime
  • Regenwald, Savanne, Berge und Küste
  • moderne Grossstädte und abgelegene Dörfer

Diese Vielfalt war immer eine Stärke.

Sie brachte aber auch politische Spannungen mit sich.

Der Ursprung liegt in der Kolonialgeschichte

Um den heutigen Krieg zu verstehen, muss man weit zurückgehen.

Von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg war Kamerun deutsche Kolonie.

Nach dem Krieg wurde das Gebiet zwischen Frankreich und Grossbritannien aufgeteilt.

Frankreich verwaltete den grössten Teil.

Grossbritannien erhielt zwei kleinere Gebiete entlang der nigerianischen Grenze.

Damit entstanden zwei unterschiedliche Systeme.

Frankreich:

  • französische Sprache
  • französisches Recht
  • französisches Schulsystem

Grossbritannien:

  • englische Sprache
  • Common Law
  • britisches Bildungssystem

Diese Unterschiede prägen Kamerun bis heute.

Die Wiedervereinigung

1961 schloss sich der südliche britische Teil mit der Republik Kamerun zusammen.

Die Hoffnung war gross.

Viele erwarteten einen föderalen Staat mit zwei gleichberechtigten Sprachregionen.

Doch mit den Jahren wurde die Macht zunehmend zentralisiert.

Viele englischsprachige Kameruner hatten das Gefühl,

dass

  • ihre Sprache,
  • ihre Gerichte,
  • ihr Bildungssystem,
  • ihre politische Mitsprache

immer stärker zurückgedrängt wurden.

Diese Wahrnehmung bildete den Nährboden für den heutigen Konflikt.

Der Wendepunkt 2016

Im Jahr 2016 begannen erst Anwälte, Lehrpersonen und Studenten friedlich zu demonstrieren.

Ihre Forderungen waren zunächst keineswegs revolutionär.

Sie wollten:

  • den Erhalt des englischen Rechtssystems,
  • englischsprachige Richter,
  • englischsprachige Lehrpersonen,
  • mehr politische Mitsprache.
  • Englisch als gleichberechtigte Sprache

Viele Beobachter gingen damals davon aus, dass politische Gespräche möglich wären.

Doch die Proteste wurden mit Gewalt aufgelöst.

Es kam zu Verhaftungen.

Das Internet wurde zeitweise abgeschaltet.

Das Vertrauen brach zusammen.

Aus politischen Protesten entwickelte sich schrittweise ein bewaffneter Konflikt.

Ambazonia

Im Laufe der Eskalation entstanden mehrere separatistische Gruppen.

Sie sprechen von einem unabhängigen Staat Ambazonia.

Ihr Ziel ist die Abspaltung der beiden englischsprachigen Regionen.

Die kamerunische Regierung lehnt dies entschieden ab und betrachtet die Gruppen als bewaffnete Separatisten.

Seither eskaliert der Konflikt.

Dabei werden sowohl den staatlichen Sicherheitskräften Kameruns als auch den bewaffneten Separatisten Abazoniens schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Wie in vielen Bürgerkriegen leidet vor allem die Zivilbevölkerung.

Die humanitäre Situation

Die Folgen sind dramatisch.

Hunderttausende Menschen mussten ihre Heimat verlassen.

Viele flohen innerhalb Kameruns.

Andere suchten Schutz im benachbarten Nigeria.

Schulen wurden zerstört oder geschlossen.

Kinder konnten über Jahre keinen Unterricht besuchen.

Gesundheitszentren wurden beschädigt.

Die medizinische Versorgung verschlechterte sich erheblich.

Ganze Dörfer wurden mehrfach zwischen den Fronten aufgerieben.

Besonders tragisch ist:

Kinder wachsen in einer Umgebung auf, in der Hass und Gewalt zum Alltag geworden ist.

Warum hören wir so wenig davon?

Diese Frage beschäftigt mich besonders.

Warum kennen wir nahezu jedes Detail anderer Konflikte –

aber kaum etwas über Kamerun?

Die Medienforschung liefert mehrere Erklärungen.

1. Nachrichtenwerte

Nach Galtung und Ruge berichten Medien bevorzugt über Ereignisse,

die

  • geografisch nahe sind,
  • bekannte Persönlichkeiten betreffen,
  • grosse wirtschaftliche Bedeutung haben,
  • spektakuläre Bilder liefern.

Kamerun erfüllt nur wenige dieser Kriterien.

2. Konkurrenz anderer Krisen

Seit Beginn des Konflikts dominierten weltweit andere Ereignisse.

  • Syrien
  • Afghanistan
  • COVID-19
  • Ukraine
  • Naher Osten
  • Sudan
  • Trump

Der Krieg in Kamerun verschwand aus dem Blickfeld.

Nicht weil er unwichtig wäre.

Sondern weil andere Krisen mehr Aufmerksamkeit erhielten.

3. Keine unmittelbaren Auswirkungen auf Europa

Es gibt vergleichsweise wenige Flüchtlingsbewegungen aus Kamerun nach Europa.

Auch wirtschaftlich steht das Land selten im Fokus der öffentlichen Debatte.

Dadurch fehlt jener politische Druck, der Konflikte oft erst dauerhaft in die Schlagzeilen bringt.

Warum gibt es kaum Sanktionen?

Auch hier ist die Realität komplex.

Viele Regierungen verurteilen die Gewalt.

Gleichzeitig verfolgen Staaten eigene Interessen.

Kamerun gilt als wichtiger Stabilitätsfaktor in Zentralafrika.

Das Land spielt eine Rolle im Kampf gegen Boko Haram und andere bewaffnete Gruppen in der Region.

Zudem bestehen wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen, die politische Entscheidungen beeinflussen.

Internationale Politik folgt leider nicht immer allein moralischen Kriterien.

Sie ist häufig auch von Sicherheits-, Wirtschafts- und Machtinteressen geprägt.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Konfliktforschung beschreibt Bürgerkriege selten als Folge eines einzigen Ereignisses.

Vielmehr entstehen sie meist durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren.

Im Fall Kameruns werden unter anderem genannt:

  • historische Entwicklungen,
  • Identitätsfragen,
  • Sprachpolitik,
  • Machtverteilung,
  • wirtschaftliche Ungleichheiten,
  • fehlende politische Dialoge,
  • Eskalationsprozesse.

Friedensforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass militärische Lösungen kaum nachhaltigen Frieden schaffen.

Langfristige Stabilität entsteht meist erst durch Vertrauen, politische Beteiligung und glaubwürdige Dialogprozesse.

Kommunikation formt auch Konflikte

Wer meine bisherigen Blogs kennt, weiss:

Kommunikation ist weit mehr als Sprache.

Sie schafft Wirklichkeit.

Wenn Menschen über Jahre das Gefühl entwickeln,

nicht gehört,

nicht vertreten,

oder nicht ernst genommen zu werden,

entstehen Misstrauen,

Frustration

und irgendwann Konflikte.

Natürlich rechtfertigt dies niemals Gewalt.

Aber nachhaltiger Frieden entsteht selten durch Waffen.

Er entsteht dort, wo Menschen wieder miteinander sprechen können.

Ein persönlicher Gedanke

Wenn ich heute an Kamerun denke,

denke ich nicht zuerst an Krieg.

Ich denke an Menschen.

An Kolleginnen und Kollegen.

An Freunde.

Und an Patientinnen und Patienten.

An Dörfer.

An Kinder.

Und auch an Begegnungen.

Gerade deshalb wünsche ich diesem wunderbaren Land mehr Aufmerksamkeit.

Nicht Mitleid.

Nicht Bevormundung.

Sondern Interesse.

Denn vergessene Konflikte verschwinden nicht dadurch, dass niemand mehr darüber spricht.

Mein Fazit

Der Krieg im englischsprachigen Kamerun ist weit mehr als ein regionaler Konflikt.

Er erinnert uns daran,

wie tief historische Entscheidungen bis heute nachwirken,

wie schnell fehlender Dialog eskalieren kann

und wie selektiv unsere weltweite Aufmerksamkeit manchmal ist.

Vielleicht sollten wir uns deshalb häufiger fragen:

Nicht nur, welche Konflikte in den Nachrichten erscheinen. Sondern auch, welche nicht – und warum.

Denn Frieden beginnt oft dort,

wo Menschen einander wieder zuhören,

lange bevor sie einander zustimmen.

„Die Welt entscheidet oft nicht danach, wo Menschen leiden. Sie entscheidet danach, wo sie hinschaut. Vergessene Kriege sind deshalb nicht weniger tragisch – sie sind nur leiser.“
– Christoph J. Zingg

Autor: Christoph J. Zingg

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