Namibia – wo die Multiversität für mich zu keimen begann

Namibia – wo die Multiversität für mich zu keimen begann - Eine persönliche Erinnerung an UNTAG, die SMU und die Entstehung eines Staates

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Eine persönliche Erinnerung an UNTAG, die Swiss Medical Unit und die Entstehung eines friedlichen Staates

Einführung

Manche Gedanken entstehen nicht an einem Schreibtisch.

Sie beginnen als Erfahrung, lange bevor wir dafür Worte haben. Sie lagern sich in uns ab, verbinden sich mit späteren Begegnungen, beruflichen Erfahrungen, Erfolgen, Enttäuschungen und neuen Erkenntnissen. Erst Jahrzehnte später erkennen wir möglicherweise, dass etwas, das wir heute vertreten, schon sehr viel früher seinen Anfang nahm.

Bei meiner Idee der Multiversität könnte ein solcher Anfang in Namibia liegen.

Ich war Mitglied der Swiss Medical Unit, kurz SMU, innerhalb der United Nations Transition Assistance Group, UNTAG. Unser Einsatz fand während des Übergangs Namibias von der südafrikanischen Herrschaft in die staatliche Unabhängigkeit statt.

Ich arbeitete als Laborant und war für die Sterilisation in der Klinik von Grootfontein verantwortlich. Als wir eintrafen, befand sich die Klinik noch auf einer südafrikanischen Militärbasis. Ich erlebte, wie die südafrikanischen Truppen abzogen. Die letzte südafrikanische Flagge, die über dieser Militärbasis geweht hatte, wurde nache denr Einholung vom südafrikanischen Spitalkommandanten mir geschenkt.

Eine Flagge ist zunächst nur ein Stück Stoff.

In diesem Moment war sie jedoch das Symbol eines Herrschaftssystems, das verschwand, und eines neuen Staates, der noch nicht vollständig geboren war.

Gleichzeitig lebte ich in einem Schlafsaal mit Menschen aus zahlreichen Nationen. Unterschiedliche Sprachen, Mentalitäten, Gewohnheiten, Religionen, militärische Traditionen, Berufe und Vorstellungen von Ordnung trafen auf engem Raum aufeinander.

Die südafrikanischen Soldaten waren noch in unmittelbarer Nähe. Für den Betrieb unserer Klinik mussten wir mit ihnen eng zusammenarbeiten. Im Alltag funktionierte medizinische Versorgung nicht entlang politischer Feindbilder. Sterilisation, Laboranalysen, Materialversorgung und Patientensicherheit verlangten Kooperation.

Mit Sicherheit wurde damals unmerklich ein Samen in mir eingepflanzt.

Ich hatte noch keinen Namen dafür. Heute würde ich sagen: Es war eine frühe Erfahrung von Multiversität.

Lies mehr dazu unter Multiversität oder auch unter Diversität oder Multiversität?

Nicht Vielfalt als dekoratives Nebeneinander.

Nicht Toleranz als höfliche Distanz.

Sondern Verschiedenheit, die gezwungen und zugleich eingeladen war, eine gemeinsame Wirklichkeit zu gestalten.

Namibia war nie „ein Volk“ im einfachen Sinn

Wenn wir von einem Staat sprechen, entsteht leicht das Bild eines einheitlichen Volkes mit einer gemeinsamen Sprache, Kultur und Geschichte. Auf Namibia trifft dieses Bild nicht zu.

Namibia ist eine multiethnische und mehrsprachige Gesellschaft. Im Land leben unter anderem Ovambo beziehungsweise verschiedene Ovambo-Gruppen, Kavango, Herero, Himba, Nama, Damara, San, Baster, Menschen aus der früher sogenannten Caprivi-Region beziehungsweise der heutigen Sambesi-Region sowie schwarze, weiße und „coloured“ Gemeinschaften mit unterschiedlichen historischen Hintergründen. Die Weltbank bezeichnet Namibia als multiethnische Gesellschaft mit mindestens elf unterscheidbaren ethnischen Gruppen. (Weltbank⁠)

Auch innerhalb dieser Gruppen bestehen erhebliche Unterschiede.

Es gibt nomadisch oder halbnomadisch geprägte Lebensweisen, Viehzucht, Subsistenzlandwirtschaft, urbane Mittelschichten, moderne Dienstleistungsberufe, traditionelle Autoritäten, christliche Gemeinschaften und kulturelle Überlieferungen, die deutlich älter sind als der heutige Staat.

Sprachen wie Oshiwambo, Khoekhoegowab, Otjiherero, RuKwangali, Silozi, Afrikaans, Deutsch und Englisch tragen unterschiedliche Erinnerungsräume in sich. Englisch wurde nach der Unabhängigkeit zur offiziellen Staatssprache, obwohl es damals nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung Muttersprache war.

Das war eine politische Entscheidung.

Englisch sollte nicht die Sprache der größten Bevölkerungsgruppe sein, sondern eine möglichst neutrale Brücke zwischen den Gruppen und zugleich eine Öffnung zur internationalen Welt.

Der Staat Namibia entstand daher nicht aus kultureller Einheit. Er musste politische Gemeinsamkeit schaffen, ohne die vorhandene Verschiedenheit aufzulösen.

Genau darin liegt bereits eine wichtige Verbindung zu meiner Vorstellung von Multiversität:

Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind. Multiversität beschreibt, wie diese Verschiedenheit zu einer gemeinsamen Stärke wird.

Namibia war und ist kein abgeschlossenes Beispiel dafür. Aber der Staat zeigt, dass politische Einheit nicht zwingend kulturelle Gleichförmigkeit voraussetzt.

Eine Geschichte von Kolonialismus, Gewalt und Fremdherrschaft

Die vorkoloniale Vielfalt

Das Gebiet des heutigen Namibia war bereits seit Jahrtausenden bewohnt. Zu den ältesten Bevölkerungsgruppen gehören San, Damara und Nama. Später kamen verschiedene bantu-sprachige Bevölkerungsgruppen hinzu, darunter Herero-, Ovambo- und Kavango-Gemeinschaften.

Diese Gesellschaften besaßen eigene politische Ordnungen, Handelsbeziehungen, Konflikte, Wanderungsbewegungen und Lebensformen.

Das Land war also keineswegs leer, als europäische Mächte begannen, es unter sich aufzuteilen.

Deutsch-Südwestafrika

1884 erklärte das Deutsche Reich große Teile des Gebietes zu seinem sogenannten Schutzgebiet Deutsch-Südwestafrika.

Der Begriff „Schutzgebiet“ verdeckte die tatsächlichen Machtverhältnisse. Geschützt wurden vor allem koloniale Interessen, Siedler und wirtschaftliche Ansprüche. Die einheimische Bevölkerung wurde zunehmend enteignet, verdrängt, entrechtet und unterworfen.

Zwischen 1904 und 1908 kam es zum Krieg gegen die Herero und Nama. Die deutsche Kolonialmacht reagierte mit Vertreibung, Vernichtung, Internierung, Zwangsarbeit und Konzentrationslagern.

Zehntausende Herero und Nama starben.

Die Massengewalt wird heute weithin als erster Genozid des 20. Jahrhunderts eingeordnet. Deutschland erkannte die Verbrechen 2021 offiziell als Völkermord an. Die Frage einer angemessenen Entschädigung, der direkten Beteiligung betroffener Gemeinschaften und der Rückgabe beziehungsweise Neuverteilung von Land bleibt jedoch umstritten. Namibia beging am 28. Mai 2025 erstmals einen nationalen Gedenktag für den Genozid. (AP News⁠)

Die Folgen sind bis heute sichtbar.

Landbesitz, Vermögen, soziale Positionen und regionale Entwicklung folgen teilweise noch immer den Linien kolonialer Enteignung. Geschichte ist in Namibia deshalb nicht nur Erinnerung. Sie ist Teil der gegenwärtigen sozialen Struktur.

Südafrikanische Herrschaft und Apartheid

Nach dem Ersten Weltkrieg verlor Deutschland seine Kolonie. Südafrika besetzte das Gebiet und erhielt vom Völkerbund ein Mandat zur Verwaltung Südwestafrikas.

Dieses Mandat war nicht als dauerhafte Annexion gedacht. Südafrika behandelte das Gebiet jedoch zunehmend wie eine eigene Provinz und übertrug später wesentliche Strukturen der Apartheid auf Namibia.

Menschen wurden nach rassistischen Kategorien eingeteilt. Wohnorte, Bildung, politische Rechte, Arbeitsmöglichkeiten und Bewegungsfreiheit waren ungleich verteilt.

Die südafrikanische Verwaltung schuf sogenannte Homelands und verstärkte territoriale und ethnische Trennungen. Unterschiede, die vorher bereits bestanden hatten, wurden politisch instrumentalisiert und hierarchisch geordnet.

Damit entstand ein Muster, das aus vielen Konfliktgesellschaften bekannt ist:

Unterschiede allein erzeugen nicht zwingend Gewalt.

Gefährlich werden sie, wenn Unterschiede mit Macht, Ressourcen, Angst und institutioneller Ungleichheit verbunden werden.

Der namibische Befreiungskampf

Die South West Africa People’s Organization, SWAPO, entwickelte sich zur wichtigsten Befreiungsbewegung Namibias.

Sie führte den politischen und bewaffneten Kampf gegen die südafrikanische Herrschaft. Ihr militärischer Arm, die People’s Liberation Army of Namibia, operierte vor allem vom benachbarten Angola und Sambia aus.

Der Konflikt wurde zunehmend Teil des Kalten Krieges.

Südafrika betrachtete die SWAPO als kommunistische Bedrohung. Die SWAPO erhielt Unterstützung unter anderem von der Sowjetunion, Kuba und verschiedenen afrikanischen Staaten. Gleichzeitig kämpfte Südafrika im angolanischen Bürgerkrieg gegen die MPLA-Regierung und deren kubanische Verbündete.

Namibia war damit nicht nur Schauplatz eines lokalen Unabhängigkeitskampfes. Das Land befand sich an einer geopolitischen Schnittstelle zwischen:

  • Apartheid und Befreiungsbewegung,
  • Kolonialherrschaft und Selbstbestimmung,
  • westlichen und sowjetischen Interessen,
  • südafrikanischer Regionalmacht und angolanischem Bürgerkrieg.

Die Vereinten Nationen hatten Südafrikas Mandat bereits 1966 beendet. 1978 verabschiedete der Sicherheitsrat die Resolution 435, welche den Rahmen für einen von den Vereinten Nationen überwachten Übergang zur Unabhängigkeit schuf. Die tatsächliche Umsetzung verzögerte sich jedoch mehr als zehn Jahre. (Digitale Bibliothek⁠)

Warum wurde Frieden 1988 und 1989 plötzlich möglich?

Frieden entsteht selten allein deshalb, weil Menschen erkennen, dass Krieg moralisch falsch ist.

Oft entsteht ein politisches Fenster, wenn sich Interessen, Kräfteverhältnisse und Erschöpfung gleichzeitig verändern.

Mehrere Faktoren kamen Ende der 1980er-Jahre zusammen:

Der Kalte Krieg verlor an Schärfe

Die Sowjetunion unter Michail Gorbatschow reduzierte ihre Bereitschaft, kostspielige internationale Stellvertreterkonflikte weiterzuführen. Auch die Vereinigten Staaten suchten nach regionalen Vereinbarungen.

Der Krieg wurde für Südafrika teuer

Südafrikas militärisches Engagement in Angola verursachte hohe Kosten und Verluste. Gleichzeitig nahm der internationale Druck gegen das Apartheidregime zu.

Kuba suchte einen geregelten Rückzug

Kubanische Truppen hatten die angolanische Regierung unterstützt. Eine Vereinbarung über ihren stufenweisen Abzug konnte mit der Umsetzung des namibischen Unabhängigkeitsprozesses verbunden werden.

Eine ausgehandelte Lösung wurde für alle Seiten attraktiver

Keine Partei erhielt alles, was sie ursprünglich angestrebt hatte. Aber alle erhielten etwas, das sie als ausreichenden Gewinn darstellen konnten.

Die sogenannten New Yorker Abkommen von Dezember 1988 verbanden den kubanischen Truppenabzug aus Angola mit der Umsetzung der UN-Resolution 435 für Namibia.

Das ist ein klassisches Beispiel für eine Verhandlungslösung, die nicht auf moralischer Übereinstimmung, sondern auf veränderten Interessen und gegenseitiger Abhängigkeit beruht.

Hier lässt sich ein Bogen zum Harvard-Verhandlungsprinzip schlagen:

Nicht die Positionen allein waren entscheidend, sondern die dahinterliegenden Interessen.

Lies mehr zum Harvard-Verhandlungsprinzip unter Das Harvard -Verhandlungsprinzip

Südafrika wollte Sicherheitsgarantien.

Kuba wollte einen anerkannten und geordneten Rückzug.

Angola wollte territoriale Stabilität.

Die SWAPO wollte die Unabhängigkeit Namibias.

Die Vereinten Nationen wollten einen glaubwürdigen Übergangsprozess.

Erst als diese Interessen in einer gemeinsamen Architektur verbunden wurden, entstand ein tragfähiger Weg.

UNTAG – eine außergewöhnlich erfolgreiche UN-Mission

Die United Nations Transition Assistance Group wurde von April 1989 bis März 1990 eingesetzt.

Ihr Auftrag war klar umrissen: Sie sollte den Sonderbeauftragten des UN-Generalsekretärs dabei unterstützen, die Unabhängigkeit Namibias durch freie und faire Wahlen unter Aufsicht und Kontrolle der Vereinten Nationen sicherzustellen. Dazu gehörten unter anderem die Überwachung des Waffenstillstandes, die Kontrolle militärischer Bewegungen, die Beobachtung der Polizei, die Unterstützung der Rückkehr von Flüchtlingen und die Begleitung des Wahlprozesses. (Friedenssicherung⁠)

Im November 1989 fanden die von den Vereinten Nationen überwachten Wahlen zur verfassungsgebenden Versammlung statt. Die SWAPO erhielt 57,33 Prozent der Stimmen und 41 von 72 Sitzen. Sie gewann deutlich, erreichte aber nicht die Zweidrittelmehrheit, mit der sie die Verfassung allein hätte bestimmen können. (The United Nations in Namibia⁠)

Am 21. März 1990 wurde Namibia unabhängig.

UNTAG gilt zu Recht als eine der großen Erfolgsgeschichten der Vereinten Nationen. Sie war jedoch nicht die einzige erfolgreiche UN-Mission. Auch Einsätze etwa in Mosambik, Sierra Leone, Osttimor, Liberia oder El Salvador erreichten wesentliche Ziele. Die Besonderheit Namibias liegt vielmehr darin, dass Auftrag, politisches Ergebnis und späterer Staatsaufbau in ungewöhnlich klarer Weise zusammenpassten.

Warum gelang dies?

1. Es existierte eine grundsätzlich tragfähige politische Vereinbarung

Friedensmissionen können Frieden nicht beliebig herstellen.

Sie können Vereinbarungen absichern, beobachten und unterstützen. Fehlt jedoch ein Mindestmaß an politischem Willen der wichtigsten Konfliktparteien, wird auch eine große internationale Präsenz schnell machtlos.

UNTAG wurde eingesetzt, nachdem die zentralen regionalen und internationalen Akteure eine Vereinbarung akzeptiert hatten.

Der Frieden war also nicht das Produkt der UNTAG allein.

UNTAG war der institutionelle Rahmen, in dem ein bereits ausgehandelter politischer Kompromiss glaubwürdig umgesetzt werden konnte.

2. Der Auftrag war begrenzt und überprüfbar

UNTAG sollte nicht die namibische Gesellschaft von außen neu erfinden.

Das Ziel war konkret:

  • Waffenruhe,
  • Entmilitarisierung des Übergangs,
  • Rückkehr von Flüchtlingen,
  • politische Teilnahme,
  • freie Wahlen,
  • verfassungsgebende Versammlung,
  • Unabhängigkeit.

Ein begrenzter Auftrag hat einen wichtigen Vorteil: Erfolg lässt sich erkennen.

Bei vielen späteren Missionen wurden Mandate immer weiter ausgedehnt oder abgeändert. Friedenssicherung, Terrorismusbekämpfung, Staatsaufbau, Menschenrechtsschutz, Entwicklungsförderung, Polizeireform und militärische Stabilisierung wurden gleichzeitig erwartet.

UNTAG war multidimensional, aber ihr politisches Endziel blieb verständlich.

3. Die UNO besaß eine hohe internationale Legitimität

Die Vereinten Nationen waren seit Jahrzehnten mit der Namibia-Frage befasst. Der Unabhängigkeitsprozess war international rechtlich vorbereitet worden.

Die UN trat deshalb nicht erst am Ende des Konflikts als zufällige externe Organisation auf. Sie hatte über viele Jahre hinweg die Selbstbestimmung Namibias vertreten.

Diese Vorgeschichte stärkte ihre Legitimität, besonders in den Augen der SWAPO und vieler Namibier.

Gleichzeitig war die Mission für Südafrika akzeptabel, weil sie Teil eines international ausgehandelten Gesamtpakets war.

Legitimität bedeutet dabei nicht, dass alle Beteiligten der UN vertrauten oder sie sympathisch fanden. Es bedeutet, dass die Institution als zuständige Schieds- und Übergangsinstanz anerkannt wurde.

4. Die Konfliktparteien konnten ihre Identität behalten

Südafrika musste die SWAPO nicht nachträglich als moralisch richtig anerkennen.

Die SWAPO musste nicht so tun, als hätte es Apartheid und Besatzung nie gegeben.

Die verschiedenen Gruppen wurden nicht aufgefordert, ihre Geschichte zu vergessen.

Stattdessen wurde ein gemeinsamer politischer Rahmen geschaffen, in dem diese unterschiedlichen Geschichten fortbestehen konnten.

Das ist ein wichtiger Gedanke der Multiversität:

Einheit entsteht nicht zwingend dadurch, dass Unterschiede verschwinden.

Sie kann dadurch entstehen, dass Unterschiede in eine gemeinsame Ordnung übersetzt werden.

5. Die Mission schuf praktische Kooperation

UNTAG bestand nicht nur aus Diplomaten und Soldaten. Zur Mission gehörten Polizei, zivile Fachleute, Wahlbeobachter, Verwaltungsmitarbeiter, Kommunikationsexperten und medizinisches Personal.

Damit wurde Frieden im Alltag konkret.

Es ging nicht nur um Resolutionen in New York. Es ging um Transporte, medizinische Versorgung, Funkverbindungen, Hygiene, Material, Unterkünfte, Wahllokale, Registrierung, Sicherheit und Kommunikation.

Hier lag die Bedeutung der Swiss Medical Unit.

Die Swiss Medical Unit – medizinische Versorgung als Friedensinfrastruktur

Die Schweiz beteiligte sich 1989 mit einer ungefähr 150 Personen umfassenden Swiss Medical Unit an der UNTAG. Es war die erste größere friedensfördernde Beteiligung der Schweizer Armee an einer UN-Mission und wurde später zu einem wichtigen Ausgangspunkt für die schweizerische militärische Friedensförderung. (Vtg Admin⁠)

Die SMU betrieb medizinische Einrichtungen und unterstützte die Angehörigen der multinationalen Mission.

Eine medizinische Einheit wird in der öffentlichen Wahrnehmung leicht als ergänzende Dienstleistung verstanden. Tatsächlich ist sie jedoch Teil der Funktionsfähigkeit einer gesamten Friedensmission.

Menschen aus zahlreichen Ländern können nur dann arbeiten, wenn ihre medizinische Versorgung gewährleistet ist.

Verletzungen müssen behandelt werden.

Infektionen müssen verhindert werden.

Medikamente, Laboruntersuchungen, Sterilgut und Notfallversorgung müssen zuverlässig verfügbar sein.

Die SMU war damit nicht nur ein medizinischer Bestandteil der Mission. Sie war ein Teil ihrer Vertrauens- und Sicherheitsarchitektur.

Ein australisches Militärarchiv dokumentiert beispielsweise den im Oktober 1989 bei der Schweizer Klinik in Grootfontein errichteten Funkturm. Bereits dieses scheinbar technische Detail zeigt die internationale Vernetzung: Schweizer medizinische Versorgung, australische Pioniere und eine von den Vereinten Nationen koordinierte Mission arbeiteten am selben Ort zusammen. (Australisches Kriegsdenkmal⁠)

Labor und Sterilisation: Frieden im scheinbar Unsichtbaren

Meine Aufgabe als Laborant und Verantwortlicher für die Sterilisation war nicht spektakulär.

Gerade darin liegt eine wichtige Wahrheit.

Systeme funktionieren selten nur durch jene Menschen, die auf Bildern zu sehen sind.

Sie funktionieren durch zahllose Aufgaben, die zuverlässig erledigt werden müssen:

  • Material wird gereinigt,
  • Instrumente werden sterilisiert,
  • Proben werden korrekt verarbeitet,
  • Resultate werden weitergegeben,
  • Risiken werden erkannt,
  • Abläufe werden eingehalten,
  • Informationen werden dokumentiert,
  • Lieferketten werden organisiert.

Sterilisation ist im Grunde angewandtes Systemdenken.

Ein Fehler kann lange unsichtbar bleiben und später schwerwiegende Folgen haben. Erfolg zeigt sich häufig gerade darin, dass nichts geschieht: keine Infektion, keine Kontamination, keine Übertragung, kein Ausfall.

Das verbindet diese Tätigkeit mit meinem späteren Interesse an Human Factors, CIRS, Just Culture, Shared Mental Models und Resilience Engineering.

Sicherheit ist nicht das Werk eines einzelnen Helden.

Sie entsteht aus einem Netzwerk kleiner, miteinander verbundener Handlungen.

Kooperation mit den Südafrikanern

Als wir in Grootfontein arbeiteten, waren die südafrikanischen Strukturen nicht plötzlich verschwunden.

Die Militärbasis, die Klinik, technische Systeme, Materialbestände und lokale Kenntnisse waren mit Menschen verbunden, die bislang für Südafrika gearbeitet hatten.

Wir konnten den Betrieb nicht aufrechterhalten, indem wir so taten, als gäbe es diese Menschen nicht.

Wir mussten kooperieren.

Das war keine politische Zustimmung zur Apartheid. Es war die Anerkennung einer konkreten Abhängigkeit.

Diese Unterscheidung ist zentral:

Zusammenarbeit bedeutet nicht automatisch Übereinstimmung.

Man kann mit Menschen kooperieren, deren politische Herkunft, Rolle oder Weltbild man nicht teilt, wenn ein übergeordnetes Ziel dies erfordert.

In unserem Fall war dieses Ziel die medizinische Versorgung.

Auch im Blog zum Besuch des IKRK bei San Sun Kyi in Myanmar habe ich auf diese übergeordneten Ziele hingewiesen, wenn das Rote Kreuz scheinbar mit der autoritären Machthabern kooperieren.
Lies mehr dazu unter Myanmar: Ein Foto der Hoffnung – oder politische Inszenierung? – Zwischen Hoffnung

Was die Sozialpsychologie dazu sagt

Die Kontakthypothese

Der Sozialpsychologe Gordon Allport formulierte 1954 seine Kontakthypothese. Danach kann Kontakt zwischen Angehörigen unterschiedlicher Gruppen Vorurteile verringern – allerdings nicht automatisch.

Besonders günstig sind vier Bedingungen:

  1. ein möglichst gleichwertiger Status in der konkreten Situation,
  2. gemeinsame Ziele,
  3. tatsächliche Zusammenarbeit statt Konkurrenz,
  4. Unterstützung durch Institutionen und Autoritäten.

Eine große Metaanalyse von Thomas Pettigrew und Linda Tropp untersuchte 713 unabhängige Stichproben aus 515 Studien. Sie kam zum Ergebnis, dass Kontakt zwischen Gruppen Vorurteile im Durchschnitt reduziert. Die von Allport beschriebenen Bedingungen verstärken diesen Effekt, auch wenn positiver Kontakt nicht in jedem Fall alle Bedingungen vollständig erfüllen muss. (Wharton IDEAS Lab⁠)

Unser Zusammenleben im Schlafsaal, die Zusammenarbeit innerhalb der UNTAG und die Kooperation mit südafrikanischen Fachpersonen erfüllten mehrere dieser Bedingungen:

  • Wir hatten gemeinsame Aufgaben.
  • Wir waren im Alltag voneinander abhängig.
  • Die Zusammenarbeit wurde institutionell durch die UN-Mission getragen.
  • Persönlicher Kontakt war nicht oberflächlich, sondern wiederholt und praktisch.
  • Menschen wurden nicht nur als Vertreter ihrer Nation erlebt, sondern als konkrete Kollegen mit Fähigkeiten, Eigenheiten und Verantwortung.

Das bedeutet nicht, dass alle Vorurteile verschwanden.

Aber die Kategorien begannen durchlässiger zu werden.

Aus „die Schweizer“, „die Südafrikaner“, „die Australier“ oder „die Finnen“ wurden konkrete Menschen.

Übergeordnete Ziele

Muzafer Sherif zeigte in seinen klassischen Untersuchungen zu Gruppenkonflikten, dass bloßer Kontakt zwischen rivalisierenden Gruppen nicht ausreicht.

Werden Gruppen nur zusammengebracht, können Spannungen sogar zunehmen.

Entscheidend sind übergeordnete Ziele, die keine Gruppe allein erreichen kann. Sherif bezeichnete sie als superordinate goals. Erst als die beteiligten Gruppen gemeinsam Aufgaben lösen mussten, ging die Feindseligkeit zurück. (Brock University⁠)

Eine Klinik ist voller übergeordneter Ziele.

Ein Patient muss versorgt werden.

Eine Infektion muss verhindert werden.

Steriles Material muss verfügbar sein.

Ein Laborbefund muss stimmen.

Diese Ziele sind stärker als nationale Eitelkeiten, sofern alle Beteiligten sie wirklich als gemeinsam verbindlich anerkennen.

UNTAG selbst besaß ein solches übergeordnetes Ziel:

Der friedliche Übergang Namibias zur Unabhängigkeit.

Nicht alle Beteiligten hatten dieselbe Motivation. Aber sie konnten ihre Arbeit an einem gemeinsamen Endpunkt ausrichten.

Shared Mental Models – gemeinsam handlungsfähig werden

In komplexen Teams genügt es nicht, dass jede Person ihre eigene Aufgabe kennt.

Die Beteiligten benötigen zumindest teilweise ein gemeinsames Verständnis davon,

  • was gerade geschieht,
  • was als Nächstes geschehen muss,
  • wer wofür verantwortlich ist,
  • welche Risiken bestehen,
  • welche Informationen weitergegeben werden müssen.

Die Forschung bezeichnet solche geteilten Vorstellungen als Shared Mental Models.

Lies mehr dazu unter Shared Mental Models – Warum erfolgreiche Teams scheinbar blind zusammenarbeiten

Gerade in sicherheitskritischen Bereichen wie Medizin, Luftfahrt und Militär können fehlende oder widersprüchliche mentale Modelle zu Fehlern führen. Übersichtsarbeiten zur Gesundheitsversorgung zeigen, dass gemeinsame mentale Modelle wahrscheinlich wesentlich zur Koordination, Teamleistung und Patientensicherheit beitragen. (ScienceDirect⁠)

Innerhalb einer multinationalen Mission ist das besonders anspruchsvoll.

Menschen bringen unterschiedliche berufliche Standards, Hierarchieverständnisse, Kommunikationsstile und Erwartungen mit.

Ein Befehl kann in einer Armee anders verstanden werden als in einer anderen.

Eine direkte Rückmeldung kann in einer Kultur als professionell, in einer anderen als respektlos erlebt werden.

Schweigen kann Zustimmung bedeuten – oder Unsicherheit, Widerspruch, Höflichkeit oder Angst.

Shared Mental Models entstehen daher nicht von selbst. Sie müssen durch Briefings, klare Rollen, wiederkehrende Abläufe, Rückfragen und gemeinsames Lernen geschaffen werden.

Dies verbindet die Erfahrungen von UNTAG mit meinen späteren Blogs über:

Psychologische Sicherheit in multinationalen Teams

Psychologische Sicherheit beschreibt die gemeinsam geteilte Überzeugung, dass ein Team ein sicherer Ort für zwischenmenschliche Risiken ist.

Ein Mitglied kann sagen:

  • „Ich habe etwas nicht verstanden.“
  • „Ich glaube, hier liegt ein Fehler vor.“
  • „Ich brauche Hilfe.“
  • „Diese Information stimmt möglicherweise nicht.“
  • „Ich sehe ein Risiko.“

In medizinischen und militärischen Kontexten kann genau diese Offenheit lebenswichtig sein.

Forschung zeigt, dass psychologische Sicherheit Teamlernen, Informationsaustausch und die Bereitschaft unterstützt, Probleme frühzeitig anzusprechen. Sie ist jedoch nicht mit Harmonie oder Anspruchslosigkeit zu verwechseln. Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass niemand kritisiert wird. Sie bedeutet, dass Kritik, Fragen und Unsicherheit nicht automatisch zu persönlicher Abwertung führen. (PubMed Central (PMC)⁠)

In einem Schlafsaal mit Menschen aus vielen Nationen entsteht psychologische Sicherheit nicht durch Leitbilder.

Sie entsteht im Alltag:

Wer hilft wem?

Wer macht sich über einen Akzent lustig?

Und wer erklärt etwas nochmals?

Wer darf widersprechen?

Wer wird ernst genommen?

Und wer übernimmt Verantwortung, wenn etwas schiefläuft?

Vielleicht begann auch hier meine spätere Beschäftigung mit der Frage, wie Kommunikation Wirklichkeit formt.

UNTAG war erfolgreich – aber keineswegs fehlerfrei

Eine Erfolgsgeschichte wird schnell zur Legende, wenn ihre Brüche verschwinden.

UNTAG begann mit einer schweren Krise.

Am 1. April 1989, dem vorgesehenen Beginn des Übergangsprozesses, überschritten bewaffnete SWAPO-Kämpfer von Angola aus die Grenze beziehungsweise hielten sich bewaffnet im nördlichen Namibia auf. Südafrikanische beziehungsweise südwestafrikanische Sicherheitskräfte reagierten militärisch.

Es kam zu heftigen Kämpfen und zahlreichen Toten.

Die UNTAG war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig einsatzbereit. Die Situation hätte den gesamten Friedensprozess zum Scheitern bringen können.

Erst durch intensive politische Vermittlung, insbesondere durch den UN-Sonderbeauftragten Martti Ahtisaari und internationale Diplomatie, wurde eine neue Vereinbarung erreicht.

Diese Krise zeigt etwas Wichtiges:

Erfolgreiche Friedensprozesse verlaufen nicht linear und störungsfrei.

Sie sind erfolgreich, wenn sie Störungen überleben.

Das ist Resilience Engineering auf politischer Ebene.

Resilienz bedeutet nicht, dass ein System nie erschüttert wird. Sie bedeutet, dass es auf Abweichungen reagieren, sich anpassen und seine zentrale Funktion erhalten kann.

UNTAG bewies diese Anpassungsfähigkeit bereits in den ersten Tagen.

Warum Namibia nach der Unabhängigkeit nicht in einen neuen Krieg fiel

Die UNTAG konnte Wahlen organisieren und den Übergang absichern.

Sie konnte aber nicht garantieren, dass Namibia danach dauerhaft friedlich bleiben würde.

Dieser Erfolg war vor allem das Werk namibischer Akteure.

Mehrere Entscheidungen waren dabei wesentlich.

1. Eine inklusive Verfassung

Die gewählte verfassungsgebende Versammlung erarbeitete eine demokratische Verfassung mit Grundrechten, Gewaltenteilung, unabhängigen Gerichten, Mehrparteiensystem und Schutz des Eigentums.

Weil die SWAPO keine Zweidrittelmehrheit hatte, musste sie Kompromisse mit anderen Parteien eingehen.

Das war politisch möglicherweise ein Glücksfall.

Die Verfassung wurde nicht zum Dokument einer siegreichen Bewegung, sondern zu einem ausgehandelten Rahmen.

Sie schuf kein vollkommen gerechtes Land. Aber sie begrenzte die Möglichkeit, dass die Unabhängigkeitsbewegung den Staat vollständig mit sich selbst gleichsetzte.

2. Nationale Versöhnung

Die neue Regierung unter Sam Nujoma setzte auf nationale Versöhnung.

Weiße Namibier wurden nicht pauschal vertrieben. Bestehende Verwaltungsstrukturen, Fachwissen und wirtschaftliche Betriebe blieben weitgehend erhalten.

Der politische Slogan lautete:

One Namibia, One Nation.

Diese Politik hatte große Vorteile:

  • Sie verringerte die Angst vor Vergeltung.
  • Sie verhinderte einen massenhaften Exodus von Fachpersonen.
  • Sie stabilisierte Verwaltung und Wirtschaft.
  • Sie erleichterte internationale Anerkennung.
  • Sie reduzierte die Wahrscheinlichkeit eines erneuten bewaffneten Konflikts.

Sie hatte aber auch einen Preis.

Versöhnung ohne umfassende materielle Gerechtigkeit kann alte Ungleichheiten einfrieren.

Land, Vermögen und wirtschaftliche Chancen blieben sehr ungleich verteilt.

Die Frage lautet daher bis heute:

Wie lässt sich Frieden bewahren, ohne historische Ungerechtigkeit einfach zu konservieren?

3. Institutionelle Kontinuität

Namibia übernahm einen funktionierenden Verwaltungsapparat, Infrastruktur, Gerichte, Verkehrswege und wirtschaftliche Strukturen.

Diese Institutionen waren durch Kolonialismus und Apartheid geprägt. Dennoch wurden sie nicht vollständig zerstört, sondern schrittweise in einen neuen Verfassungsstaat überführt.

In der Institutionenforschung gilt dies als wichtiger Vorteil.

Staaten scheitern oft nicht allein an schlechten Absichten, sondern daran, dass grundlegende Funktionen zusammenbrechen:

  • Steuern werden nicht erhoben,
  • Löhne nicht bezahlt,
  • Recht nicht durchgesetzt,
  • Straßen nicht unterhalten,
  • Gesundheitsversorgung nicht organisiert,
  • Eigentum nicht verlässlich geregelt.

Namibia vermied einen radikalen institutionellen Bruch.

4. Politische Selbstbegrenzung

Sam Nujoma regierte von 1990 bis 2005. Eine umstrittene Verfassungsänderung ermöglichte ihm eine dritte Amtszeit. Danach erfolgte jedoch ein friedlicher Machtwechsel zu Hifikepunye Pohamba.

Auch die späteren Übergänge verliefen verfassungsgemäß.

Das ist im afrikanischen wie im weltweiten Vergleich keineswegs selbstverständlich.

Namibia entwickelte keine Tradition von Militärputschen. Die Streitkräfte blieben der zivilen Ordnung unterstellt.

Gleichzeitig muss kritisch festgehalten werden, dass die SWAPO seit der Unabhängigkeit die dominierende Regierungspartei blieb. Langjährige Parteidominanz kann demokratische Institutionen schwächen, Patronage fördern und die Grenze zwischen Partei und Staat verwischen.

5. Eine gemeinsame nationale Erzählung

„One Namibia, One Nation“ war mehr als ein Slogan.

Die Formel bot eine übergeordnete Identität, ohne die ethnischen und kulturellen Unterschiede vollständig zu leugnen.

Sozialpsychologisch könnte man von Rekategorisierung sprechen.

Menschen bleiben Angehörige ihrer jeweiligen Gemeinschaften, werden aber zugleich Mitglieder einer umfassenderen Gruppe: der namibischen Nation.

Das entspricht dem Common-Ingroup-Identity-Ansatz: Konflikte können abnehmen, wenn frühere Fremdgruppen sich zusätzlich als Teil einer gemeinsamen übergeordneten Gruppe erleben.

Doch auch hier gilt:

Eine gemeinsame Identität darf Unterschiede nicht unsichtbar machen.

Aus Multiversität wird keine Assimilation.

Die Herausforderung besteht darin, gleichzeitig sagen zu können:

Wir sind verschieden.

und

Wir tragen gemeinsam Verantwortung für diesen Staat.

War Namibia wirklich immer friedlich?

Namibia blieb seit der Unabhängigkeit von einem landesweiten Bürgerkrieg verschont.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es keine Gewalt, politische Spannungen oder militärischen Interventionen gab.

1999 kam es im Caprivi-Streifen, der heutigen Sambesi-Region, zu einem Sezessionsversuch. Die Regierung schlug den Aufstand militärisch nieder. Dabei kam es zu Verhaftungen, Fluchtbewegungen und langwierigen Gerichtsverfahren.

Namibia beteiligte sich außerdem militärisch am Krieg in der Demokratischen Republik Kongo.

Die Regierung unter Sam Nujoma wurde wiederholt wegen autoritärer Tendenzen, Druck auf Medien, Umgang mit Oppositionellen und intoleranter Äußerungen kritisiert. Auch sein historisches Vermächtnis ist deshalb nicht ausschließlich positiv. (Reuters⁠)

Namibias Erfolg sollte also nicht romantisiert werden.

Es ist kein konfliktfreies Land.

Seine Leistung besteht vielmehr darin, dass Konflikte überwiegend innerhalb staatlicher und politischer Strukturen ausgetragen werden und nicht in einen dauerhaften Bürgerkrieg münden.

Wie geht es Namibia heute?

Namibia wird seit dem 21. März 2025 von Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah geführt. Sie ist die erste Frau im Präsidentenamt des Landes. In ihrer Antrittsrede betonte sie, die Errungenschaften der Unabhängigkeit bewahren und die noch unvollendete wirtschaftliche und soziale Agenda angehen zu wollen. (OP⁠)

Politisch gehört Namibia weiterhin zu den stabileren Staaten Afrikas.

Es verfügt über:

  • regelmäßige Wahlen,
  • eine verfassungsmäßige Ordnung,
  • funktionsfähige Gerichte,
  • eine aktive Zivilgesellschaft,
  • vergleichsweise stabile staatliche Institutionen,
  • eine professionelle Verwaltung,
  • eine grundsätzlich offene Wirtschaft,
  • relativ gute Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen.

Die friedliche politische Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land vor tiefen sozialen und wirtschaftlichen Problemen steht.

Die große Wunde: Ungleichheit

Namibia gehört statistisch zu den ungleichsten Gesellschaften der Welt.

Diese Ungleichheit ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis von Kolonialismus, Apartheid, Landenteignung, ungleichem Bildungszugang und einer Wirtschaft, die stark zwischen einem modernen formellen Sektor und armen ländlichen oder informellen Lebenswelten geteilt ist.

Der Internationale Währungsfonds ordnete Namibia 2025 weltweit an zweiter Stelle bei der Einkommensungleichheit ein. (IMF eLibrary⁠)

Die Weltbank betont ebenfalls, dass das Wirtschaftswachstum nicht ausreichend inklusiv war und zu wenige Arbeitsplätze geschaffen hat. Besonders Jugendliche und Frauen sind von Arbeitslosigkeit betroffen. (Weltbank⁠)

Zwischen 2003/04 und 2015/16 sank die offizielle nationale Armutsquote zwar deutlich von 37,5 auf 17,4 Prozent. Danach verlangsamte sich der Fortschritt. Die Volkszählungs- und Arbeitsmarktdaten von 2023 weisen eine Arbeitslosenquote von 36,9 Prozent unter der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus. (World Bank⁠)

Bei Jugendlichen lag sie nach IMF-Angaben bei 54,8 Prozent. (IMF eLibrary⁠)

Das ist nicht nur ein ökonomisches Problem.

Dauerhafte Ungleichheit kann die Legitimität einer politischen Ordnung untergraben.

Menschen fragen sich zu Recht:

Was bedeutet Unabhängigkeit, wenn politische Freiheit nicht in wirtschaftliche Teilhabe übersetzt wird?

Land – Frieden ohne vollständige Gerechtigkeit

Die Landfrage bleibt eng mit der kolonialen Geschichte verbunden.

Ein großer Teil des kommerziell nutzbaren Farmlandes befindet sich weiterhin in den Händen einer vergleichsweise kleinen Zahl meist weißer Eigentümer. Gleichzeitig leben viele schwarze Namibier in kommunalen Gebieten oder ohne ausreichenden Zugang zu produktivem Land.

Namibia setzte lange auf das Prinzip „willing buyer, willing seller“.

Der Staat kaufte Land von verkaufsbereiten Eigentümern und verteilte es weiter. Dieses Verfahren war friedlicher und rechtsstaatlicher als gewaltsame Enteignungen, verlief jedoch langsam und erreichte viele Betroffene nicht.

Hier zeigt sich das Dilemma der nationalen Versöhnung:

Zu schnelle Enteignung kann wirtschaftliche Instabilität, Kapitalflucht und neue Gewalt auslösen.

Zu langsame Reform kann den Eindruck erwecken, dass Unrecht dauerhaft geschützt wird.

Multiversität verlangt nicht, solche Konflikte zu beschönigen.

Sie verlangt, sie offen auszuhandeln, ohne den jeweils anderen zum Feind zu erklären.

Bildung und Arbeitsmarkt

Namibia investiert einen erheblichen Teil seiner öffentlichen Mittel in Bildung.

Trotzdem bestehen große Unterschiede in Qualität, Ausstattung und Lernerfolg.

Schulen in wohlhabenderen städtischen Regionen verfügen über andere Möglichkeiten als Schulen in armen ländlichen Gebieten.

Gleichzeitig beklagen Unternehmen Qualifikationslücken, während viele junge Menschen keine Arbeit finden.

Der IMF fordert deshalb Reformen, die Qualifikationsdefizite verringern, Bürokratie abbauen, Digitalisierung fördern und privatwirtschaftliche Beschäftigung erleichtern. (IMF⁠)

Hier zeigt sich ein klassisches systemisches Problem:

Es genügt nicht, einzelne Menschen besser auszubilden, wenn die Wirtschaft nicht genügend Stellen schafft.

Es genügt aber auch nicht, Unternehmen anzusiedeln, wenn benötigte Qualifikationen fehlen.

Bildung, Wirtschaft, Infrastruktur, soziale Absicherung und Regionalpolitik müssen als zusammenhängendes System betrachtet werden.

Gesundheit

Namibia verfügt im regionalen Vergleich über eine beachtliche Gesundheitsinfrastruktur.

Gleichzeitig bestehen große Unterschiede zwischen Städten und abgelegenen Regionen.

Das Land war und ist stark von HIV betroffen, hat jedoch durch internationale Programme, Prävention und antiretrovirale Therapie bedeutende Fortschritte erzielt.

Weitere Herausforderungen sind:

  • Tuberkulose,
  • Mutter-Kind-Gesundheit,
  • Mangelernährung in armen Regionen,
  • chronische Erkrankungen,
  • psychische Gesundheit,
  • weite Distanzen,
  • Personalmangel,
  • ungleicher Zugang zu spezialisierter Versorgung.

Meine damalige Erfahrung in Grootfontein erinnert mich daran, dass Gesundheitsversorgung immer auch Friedenspolitik ist.

Wo Menschen medizinisch versorgt werden, entsteht Vertrauen.

Wo Versorgung systematisch ausfällt oder einzelnen Gruppen vorenthalten wird, wächst das Gefühl politischer Ausgrenzung.

Klima, Dürre und Wasser

Namibia ist das trockenste Land südlich der Sahara.

Wasser war schon immer ein begrenzender Faktor. Der Klimawandel verstärkt Dürreperioden, Unsicherheit in der Landwirtschaft und Druck auf ländliche Lebensgrundlagen.

Der IMF zählt wetterbedingte Schocks zu den wesentlichen Risiken für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung Namibias. (IMF⁠)

Wasser ist damit ein potenzielles Konfliktthema.

Es kann aber auch zu einem übergeordneten Ziel werden.

Keine ethnische oder politische Gruppe kann langfristige Wassersicherheit allein herstellen. Dafür braucht es Wissenschaft, grenzüberschreitende Kooperation, Infrastruktur, lokale Erfahrung und gemeinsame Prioritäten.

Wieder begegnen wir Sherifs superordinate goals:

Manchmal zwingt uns die Wirklichkeit zur Zusammenarbeit.

Naturschutz als namibische Stärke

Namibia gilt international als bemerkenswertes Beispiel gemeindebasierten Naturschutzes.

Die Verfassung verpflichtet den Staat zum Schutz von Umwelt und natürlichen Ressourcen. Kommunale Schutzgebiete ermöglichen ländlichen Gemeinschaften, an Einnahmen aus Tourismus und Wildtiermanagement beteiligt zu werden.

Dieses Modell verbindet Naturschutz mit lokaler Verantwortung.

Es ist nicht konfliktfrei. Probleme mit Wilderei, Mensch-Wildtier-Konflikten, ungleicher Verteilung von Einnahmen und Abhängigkeit vom Tourismus bleiben bestehen.

Trotzdem zeigt das Modell einen wichtigen Grundsatz:

Menschen schützen Systeme eher, wenn sie nicht nur Vorschriften empfangen, sondern an Entscheidungen und Nutzen beteiligt sind.

Das entspricht meinem Blog über Selbstwirksamkeit, dem SCARF-Modell und auch der psychologische Sicherheit.

Menschen wollen nicht nur Objekt einer Maßnahme sein.

Sie wollen gehört werden, Einfluss haben und erkennen können, dass ihr Beitrag zählt.

Diamanten, Uran und die Gefahr des Ressourcenfluchs

Namibias Wirtschaft ist stark von Rohstoffen abhängig.

Diamanten, Uran, Gold, Kupfer, Zink, Mangan und andere Mineralien spielen eine zentrale Rolle. Diese Ressourcen schaffen Exporterlöse, Steuern und Arbeitsplätze.

Sie machen das Land aber auch abhängig von Weltmarktpreisen.

2025 verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum deutlich. Nach Einschätzung des IMF wuchs die namibische Wirtschaft 2025 nur noch um rund 1,7 Prozent. Die schwache globale Diamantennachfrage, hohe Energiepreise und die enge Konzentration auf Rohstoffe belasteten die Entwicklung. Das Wachstum reichte nicht aus, um Arbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit wesentlich zu reduzieren. (IMF⁠)

Der sogenannte Ressourcenfluch beschreibt das Paradox, dass rohstoffreiche Länder nicht automatisch wohlhabender, demokratischer oder stabiler werden.

Rohstoffe können:

  • Korruption fördern,
  • Macht zentralisieren,
  • andere Wirtschaftsbereiche verdrängen,
  • Währungen aufwerten,
  • regionale Konflikte verschärfen,
  • Abhängigkeiten erzeugen.

Namibia hat diesen Ressourcenfluch bisher teilweise vermieden, aber keineswegs vollständig überwunden.

Öl vor der Küste – historische Chance oder neue Abhängigkeit?

In den vergangenen Jahren wurden vor der namibischen Küste bedeutende Öl- und Gasvorkommen entdeckt.

Sollte eine kommerzielle Förderung beginnen, könnte dies enorme Staatseinnahmen schaffen.

Die Chancen sind offensichtlich:

  • Infrastruktur,
  • Bildung,
  • Gesundheitsversorgung,
  • soziale Sicherung,
  • neue Unternehmen,
  • staatliche Rücklagen.

Ebenso offensichtlich sind die Risiken:

  • Korruption,
  • politische Patronage,
  • ökologische Schäden,
  • Abhängigkeit vom Erdöl,
  • Vernachlässigung anderer Branchen,
  • ungleiche Verteilung,
  • neue Konflikte um Küstenregionen und Einnahmen.

Der IMF fordert ausdrücklich einen klaren Rahmen zur Verwaltung möglicher Öleinnahmen und anderer natürlicher Ressourcen. (IMF⁠)

Entscheidend ist nicht nur, ob Namibia Öl besitzt.

Entscheidend ist, ob die Gesellschaft ein gemeinsames mentales Modell dafür entwickelt, wem dieser Reichtum gehört und welchem Zweck er dienen soll.

Gehört er der aktuellen Regierung?

Den Unternehmen?

Den Regionen?

Den heute lebenden Menschen?

Oder auch zukünftigen Generationen?

Diese Fragen sind ethisch, politisch und kommunikativ.

Grüner Wasserstoff – Fortschritt und Erinnerung

Namibia verfügt über außerordentlich gute Bedingungen für Solar- und Windenergie.

Große Projekte für grünen Wasserstoff könnten das Land zu einem wichtigen internationalen Energieexporteur machen.

Auch hier bestehen große Chancen.

Doch Entwicklungsprojekte berühren Land, Wasser, Ökosysteme und historische Erinnerungsorte.

Besonders umstritten sind Planungen in der Region um Lüderitz und Shark Island, wo sich ein Konzentrationslager aus der deutschen Kolonialzeit befand. Vertreter betroffener Nama-Gemeinschaften kritisieren, dass wirtschaftliche Großprojekte ihre Interessen und die Erinnerung an die Opfer nicht ausreichend berücksichtigen. (The Guardian⁠)

Das zeigt:

Technischer Fortschritt ist nicht automatisch sozialer Fortschritt.

Ein Projekt kann klimafreundlich sein und gleichzeitig alte Machtverhältnisse wiederholen.

Multiversität verlangt deshalb mehr als Konsultation.

Sie verlangt, dass betroffene Perspektiven tatsächlich in Entscheidungen eingehen.

Was Namibia anders machte

Namibia hatte günstige Voraussetzungen, aber sein Erfolg war nicht selbstverständlich.

Es machte mehrere Dinge anders als viele Staaten, die nach Kolonialherrschaft oder Bürgerkrieg in neue Gewalt gerieten:

Es verband Befreiung mit Verfassung

Die SWAPO gewann die politische Macht, aber die neue Ordnung wurde nicht ausschließlich als Parteistaat konstruiert.

Es bewahrte Funktionsfähigkeit

Verwaltung, Wirtschaft, Infrastruktur und Fachwissen wurden nicht pauschal zerstört.

Es setzte auf Versöhnung

Vergeltung wurde begrenzt, auch wenn dadurch manche Gerechtigkeitsfragen vertagt wurden.

Es akzeptierte politische Kompromisse

Die Verfassung entstand durch Verhandlung.

Es schuf eine übergeordnete Identität

„One Namibia, One Nation“ bot einen gemeinsamen Rahmen.

Es hielt das Militär aus der unmittelbaren Machtübernahme heraus

Die politische Ordnung blieb zivil.

Es nutzte internationale Unterstützung, ohne dauerhaft von einer UN-Verwaltung abhängig zu bleiben

UNTAG hatte ein Ende.

Namibia musste danach selbst handeln.

Warum UNTAG erfolgreich war

UNTAG war erfolgreich, weil mehrere Ebenen zusammenpassten:

  1. Die geopolitische Situation war reif.
  2. Die wichtigsten Parteien akzeptierten grundsätzlich den Übergang.
  3. Das Mandat war klar.
  4. Die UNO besaß Legitimität.
  5. Die Mission war multinational und multidimensional.
  6. Praktische Infrastruktur wie die SMU machte den Einsatz funktionsfähig.
  7. Die Wahlen führten zu einer verfassungsgebenden Versammlung.
  8. Die Sieger mussten Kompromisse eingehen.
  9. Namibische Akteure übernahmen nach dem Abzug der UN die Verantwortung.
  10. Die Gesellschaft verzichtete weitgehend auf kollektive Vergeltung.

UNTAG hat Namibia nicht „gerettet“.

Diese Formulierung wäre kolonial und falsch.

Die Mission schuf einen glaubwürdigen Rahmen, in dem Namibier ihren Staat selbst gründen konnten.

Was die Swiss Medical Unit erfolgreich machte

Auch der Erfolg der SMU lässt sich wissenschaftlich erklären.

Klare Aufgabe

Medizinische Versorgung ist konkret. Zuständigkeiten und Qualitätsstandards lassen sich definieren.

Hohe praktische Relevanz

Alle Nationen waren auf die medizinische Infrastruktur angewiesen.

Professionelle Identität

Gesundheitsfachpersonen orientieren sich idealerweise an fachlichen Standards, die nationale Grenzen teilweise überbrücken.

Vertrauen durch Verlässlichkeit

Jede korrekt durchgeführte Untersuchung, jede sichere Sterilisation und jede gelungene Behandlung stärkte das Vertrauen in das System.

Übergeordnete Ziele

Gesundheit und Sicherheit waren gemeinsame Interessen.

Multinationale Kooperation

Die SMU arbeitete nicht isoliert, sondern innerhalb eines internationalen Netzes.

Systemische Wirkung

Medizinische Einsatzfähigkeit unterstützte die gesamte Mission.

Man könnte sagen:

Die SMU schuf keinen Frieden im diplomatischen Sinn.

Aber sie schuf Bedingungen, unter denen Friedensarbeit möglich blieb.

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Namibia und meine Blogs

Wenn ich heute meine bisherigen Themen betrachte, erkenne ich Spuren Namibias in vielen davon.

Kommunikation formt Wirklichkeit

UNTAG funktionierte, weil Gegner begannen, über eine gemeinsame Zukunft zu sprechen, ohne dieselbe Vergangenheitserzählung zu besitzen.

Das Informations–Gerüchte-Gesetz

In Übergangssituationen entsteht jedes Informationsvakuum sofort als Gerücht, Angst oder Propaganda neu.

Wenn offizielle Information fehlt, wird die Wirklichkeit nicht leer. Sie wird anders gefüllt.

Shared Mental Models

Eine multinationale Mission benötigt ein gemeinsames Verständnis von Auftrag, Rollen und Risiken.

Psychologische Sicherheit

Menschen müssen Unsicherheiten und Fehler ansprechen können, bevor sie gefährlich werden.

Just Culture

Ein komplexer Übergang kann nur lernen, wenn nicht jede Abweichung sofort als persönlicher Verrat gedeutet wird.

Resilience Engineering

Der 1. April 1989 zeigte, dass ein System nicht dadurch resilient ist, dass nichts schiefgeht, sondern dadurch, dass es trotz einer Krise seinen Zweck wiederfindet.

Harvard-Verhandlungsprinzip

Der namibische Übergang wurde möglich, als Interessen neu miteinander verbunden wurden.

Systemtheorie

UNTAG, SMU, Südafrika, SWAPO, Angola, Kuba, USA, Sowjetunion, lokale Gemeinschaften und internationale Organisationen bildeten ein komplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten.

Multiversität

Unterschiedliche Menschen wurden nicht gleich.

Sie wurden gemeinsam handlungsfähig.

Der Schlafsaal als Lernort

Vielleicht begann die Multiversität für mich tatsächlich in einem Schlafsaal in Grootfontein.

Dort lebten Menschen aus unzähligen Ländern auf engem Raum zusammen.

Niemand konnte seine Herkunft an der Tür abgeben.

Wir brachten unsere Sprache, unsere Gewohnheiten, unsere Vorurteile, unsere Kompetenzen, unsere Unsicherheiten und unseren Humor mit.

Wir waren nicht automatisch eine Gemeinschaft, nur weil wir dasselbe Dach teilten.

Doch wir besaßen einen gemeinsamen Auftrag.

Wir mussten lernen, Unterschiede auszuhalten, Missverständnisse zu klären, Aufgaben zu koordinieren und einander praktisch zu vertrauen.

Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Diversität und Multiversität.

Diversität beschreibt den Schlafsaal:

Viele Nationen befinden sich im selben Raum.

Multiversität beschreibt die Aufgabe:

Diese Menschen lernen, den Raum gemeinsam zu bewohnen und gemeinsam Verantwortung zu tragen.

Eine Flagge und eine offene Frage

Die letzte südafrikanische Flagge der Militärbasis Grootfontein steht für ein Ende.

Aber jedes Ende enthält eine offene Frage.

Was tritt an die Stelle des Alten?

Eine neue Flagge allein erschafft noch keinen gerechten Staat.

Eine Wahl allein überwindet keine Ungleichheit.

Eine Verfassung allein beseitigt keine kolonialen Folgen.

Versöhnung allein verteilt kein Land.

Rohstoffe allein schaffen keinen Wohlstand für alle.

Diversität allein wird nicht zur Multiversität.

Dazu braucht es Institutionen, Kommunikation, gemeinsame Ziele, begrenzte Macht, Lernfähigkeit und die Bereitschaft, den anderen nicht nur zu tolerieren, sondern als notwendigen Teil der gemeinsamen Wirklichkeit anzuerkennen.

Was Namibia uns heute lehren kann

Namibia ist weder ein afrikanisches Wunderland noch ein gescheiterter Staat.

Es ist ein vergleichsweise friedliches, institutionell stabiles Land mit tiefen historischen Wunden und enormen sozialen Gegensätzen.

Seine Geschichte lehrt uns:

Frieden ist möglich, wenn ehemalige Gegner einen gemeinsamen Rahmen akzeptieren.

Frieden wird wahrscheinlicher, wenn Sieger ihre Macht begrenzen.

Vielfalt muss politisch gestaltet werden.

Versöhnung ist wichtig, ersetzt aber keine Gerechtigkeit.

Institutionen sind weniger sichtbar als Helden, aber oft nachhaltiger.

Internationale Hilfe wirkt am besten, wenn sie lokale Verantwortung ermöglicht und sich anschließend zurückzieht.

Und Zusammenarbeit beginnt häufig nicht mit vollständigem gegenseitigem Verständnis.

Manchmal beginnt sie mit einer Aufgabe, die erledigt werden muss.

Der Samen der Multiversität

Ich habe später in vielen Ländern gearbeitet und gelebt.

Ich verbrachte Jahre in Kamerun, begegnete Menschen auf mehreren Kontinenten, arbeitete in Pflege, Führung, Bildung und internationalen Projekten und erlebte Teams mit zahlreichen Nationalitäten, Muttersprachen und Religionen.

All diese Erfahrungen formten meine heutige Vorstellung von Multiversität.

Aber vielleicht wurde der erste Samen in Namibia gelegt.

Damals wusste ich nicht, dass ich Jahrzehnte später über Kommunikation, Gruppendynamik, Führung, Kultur und gemeinsame Wirklichkeit schreiben würde.

Ich wusste nicht, dass ich einmal versuchen würde, einen Begriff dafür zu finden, wie Verschiedenheit nicht nur nebeneinander existiert, sondern gemeinsam etwas Neues hervorbringt.

Heute erkenne ich eine Linie:

von einem multinationalen Schlafsaal,

über die Klinik auf einer sich auflösenden südafrikanischen Militärbasis,

über die Zusammenarbeit mit Menschen, die kurz zuvor noch auf unterschiedlichen Seiten eines Konfliktes gestanden hatten,

bis zu meiner heutigen Idee:

Multiversität beginnt dort, wo Vielfalt nicht mehr nur beschrieben, verwaltet oder toleriert wird, sondern gemeinsam Wirklichkeit gestaltet.

Namibia zeigte mir, ohne dass ich es damals benennen konnte, dass Frieden nicht Gleichheit voraussetzt.

Frieden braucht einen Raum, in dem Verschiedene miteinander handeln können.

UNTAG schuf einen solchen Raum für einen begrenzten historischen Moment.

Die Swiss Medical Unit trug dazu bei, dass dieser Raum funktionsfähig blieb.

Namibia füllte ihn anschließend mit einem eigenen Staat.

Der Erfolg ist bis heute sichtbar.

Aber er ist nicht abgeschlossen.

Denn Multiversität ist kein erreichter Zustand.

Sie ist eine fortwährende Aufgabe.

Persönliches Schlusswort

Manche Samen liegen Jahrzehnte in trockener Erde.

Von außen sieht man nichts.

Doch Erfahrungen verschwinden nicht, nur weil wir noch keine Sprache für sie besitzen.

Vielleicht brauchte es all die späteren Jahre, Begegnungen, Teams, Konflikte, Reisen und Führungsaufgaben, damit ich verstehen konnte, was Namibia in mir hinterlassen hatte.

Heute beginnt dieser Samen aufzugehen.

Und vielleicht ist gerade Namibia der Beweis dafür, dass selbst in einem trockenen Land etwas wachsen kann, wenn Unterschiede nicht ausgelöscht werden, sondern lernen, gemeinsam Zukunft zu tragen.

“Namibia hat mir gezeigt, dass Frieden nicht entsteht, wenn alle gleich sind. Frieden entsteht, wenn unterschiedliche Menschen lernen, ein gemeinsames Morgen zu gestalten. Genau das ist für mich Multiversität.”
– Christoph J. Zingg

Beitrag vom Autor Christoph J. Zingg

Literatur und Quellen

Allport, G. W. (1954). The nature of prejudice. Addison-Wesley.

Burtscher, M. J., Manser, T., Kolbe, M., Grote, G., Grande, B., & Spahn, D. R. (2011/2012). Adaptation of team mental models in healthcare and their contribution to teamwork and patient safety. Übersicht zur Bedeutung gemeinsamer mentaler Modelle in der Gesundheitsversorgung. (ScienceDirect⁠)

Edmondson, A. C. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.

International Monetary Fund. (2025). Namibia: 2025 Article IV Consultation. (IMF⁠)

International Monetary Fund. (2025). Namibia: Labor markets and resource dependence. (IMF eLibrary⁠)

International Monetary Fund. (2026). Executive Board concludes 2026 Article IV consultation with Namibia. (IMF⁠)

Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751–783. (Wharton IDEAS Lab⁠)

Sherif, M. (1958). Superordinate goals in the reduction of intergroup conflict. American Journal of Sociology, 63(4), 349–356. (Brock University⁠)

Schweizer Armee. (2021). Wegweisender UNO-Einsatz in Namibia. (Vtg Admin⁠)

Schweizer Armee. (2025). UNTAG: Erste Schweizer Beteiligung an einer UNO-Mission. (Vtg Admin⁠)

United Nations. United Nations Transition Assistance Group – UNTAG, April 1989 bis März 1990. (Friedenssicherung⁠)

United Nations Namibia. (2022). The UN’s role in Namibian independence. (The United Nations in Namibia⁠)

World Bank. (2025). Namibia – Country Overview. (Weltbank⁠)

World Bank. (2025). Namibia Poverty and Equity Brief. (World Bank⁠)

World Bank. (2025). New World Bank Group Strategy Aims to Boost Job Creation in Namibia. (Weltbank⁠)

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