Milgram: Wenn Autorität stärker wird als das eigene Gewissen

Milgram: Wenn Autorität stärker wird als das eigene Gewissen - Das Milgram-Experiment – warum gute Menschen manchmal das Falsche tun

Das Milgram-Experiment – warum gute Menschen manchmal das Falsche tun

„Die grösste Gefahr geht selten von bösen Menschen aus. Sie entsteht dort, wo gute Menschen aufhören, ihrem eigenen Gewissen zu vertrauen.“
– Christoph J. Zingg

Einleitung

Die meisten Menschen sind überzeugt:

“Ich würde niemals einem anderen Menschen absichtlich Leid zufügen.”

Diese Überzeugung gibt uns Sicherheit. Sie vermittelt das Gefühl, dass Moral eine stabile Eigenschaft unseres Charakters ist.

Doch stimmt das wirklich?

Was geschieht, wenn eine anerkannte Autorität uns auffordert, etwas zu tun, das unserem Gewissen widerspricht?

Wie weit würden wir gehen?

Diese Frage stellte sich Anfang der 1960er-Jahre der amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram. Seine Experimente gehören bis heute zu den bekanntesten und zugleich verstörendsten Untersuchungen der Psychologie.

Sie zeigen nicht, wie böse Menschen sein können.

Sie zeigen, wie stark Situationen unser Verhalten beeinflussen können.

Der historische Hintergrund

Milgram begann seine Forschung kurz nach dem Eichmann-Prozess in Jerusalem.

Adolf Eichmann war einer der Organisatoren der Deportationen während des Holocausts.

Viele Beobachter fragten sich:

Wie konnten so viele gewöhnliche Menschen an schrecklichen Verbrechen beteiligt sein?

Handelte es sich um besonders grausame Persönlichkeiten?

Oder konnte jeder Mensch unter bestimmten Umständen dazu gebracht werden?

Milgram wollte diese Frage wissenschaftlich untersuchen.

Das berühmte Experiment

Versuchspersonen wurden eingeladen, an einer angeblichen Studie über Lernen und Gedächtnis teilzunehmen.

Sie übernahmen die Rolle des “Lehrers”.

Eine zweite Person – tatsächlich ein Schauspieler – spielte den “Schüler”.

Der Lehrer sollte dem Schüler bei falschen Antworten angeblich immer stärkere Stromstösse verabreichen.

Die Spannungen reichten scheinbar bis 450 Volt.

In Wirklichkeit erhielt niemand Strom.

Der Schauspieler spielte jedoch Schmerzen, Proteste und schliesslich völlige Stille überzeugend vor.

Wenn Versuchspersonen zögerten, sagte der Versuchsleiter ruhig:

  • „Bitte machen Sie weiter.“
  • „Das Experiment erfordert, dass Sie fortfahren.“
  • „Sie haben keine Wahl. Sie müssen weitermachen.“

Die meisten Versuchspersonen glaubten, an einer echten Studie teilzunehmen.

Das überraschende Ergebnis

Vor Beginn schätzten Psychologen, Studierende und Laien, dass nur wenige Menschen bis zur höchsten Stromstufe gehen würden.

Sie lagen fast alle falsch.

Rund zwei Drittel der Versuchspersonen gingen bis zur maximalen Spannung von 450 Volt.

Viele waren dabei sichtbar belastet.

Sie zitterten.

Sie schwitzten.

Einige lachten nervös.

Andere baten darum, abbrechen zu dürfen.

Dennoch machten viele weiter.

Nicht aus Grausamkeit.

Sondern weil eine Autorität ihnen sagte, dass sie weitermachen sollten.

Der Agentic State

Milgram entwickelte daraus das Konzept des agentischen Zustands (Agentic State).

Menschen erleben sich dabei nicht mehr als eigenverantwortliche Handelnde.

Sie verstehen sich als Ausführende im Auftrag einer Autorität.

Die Verantwortung wird psychologisch nach oben abgegeben.

Nicht ich entscheide.

Der Chef entscheidet.

Der Arzt entscheidet.

Die Leitung entscheidet.

Die Vorschrift entscheidet.

Genau hier beginnt die Gefahr.

Denn moralische Verantwortung verschwindet nicht dadurch, dass jemand anderes Anweisungen gibt.

Was Milgram weiter erforschte

Milgram führte zahlreiche Varianten seines Experiments durch.

Er veränderte jeweils einzelne Bedingungen.

Die räumliche Nähe

Je näher die Versuchsperson dem “Schüler” war, desto seltener gehorchte sie.

Wenn sie den vermeintlichen Schmerz direkt miterlebte oder sogar die Hand des Schülers auf eine Platte drücken musste, sank der Gehorsam deutlich.

Mit zunehmender Distanz fiel Gehorsam leichter.

Dieses Prinzip kennen wir bis heute.

Menschen treffen oft härtere Entscheidungen über andere, wenn sie deren Leid nicht unmittelbar erleben.

Die Autorität

War der Versuchsleiter sichtbar anwesend, gehorchten deutlich mehr Menschen.

Gab er Anweisungen nur telefonisch, nahm der Gehorsam deutlich ab.

Autorität wirkt besonders stark, wenn sie persönlich präsent ist.

Das Umfeld

Wenn mehrere Personen gleichzeitig die Durchführung verweigerten, sank die Bereitschaft zum Gehorsam drastisch.

Mut ist ansteckend.

Aber Gehorsam ebenso.

Ein einziger Mensch, der widerspricht, kann anderen den Mut geben, ebenfalls Nein zu sagen.

Hier schliesst sich der Kreis zum Gruppendenken.

Der Ort

Selbst der Ort spielte eine Rolle.

Fand das Experiment nicht an einer angesehenen Universität, sondern in einem gewöhnlichen Bürogebäude statt, sank die Bereitschaft zum Gehorsam.

Institutionen verleihen Autorität Glaubwürdigkeit.

Was sagt uns das Experiment heute?

Milgrams Forschung zeigt nicht, dass Menschen böse sind.

Sie zeigt, dass Menschen soziale Wesen sind.

Wir orientieren uns an Autoritäten.

Wir möchten dazugehören.

Wir wollen Regeln befolgen.

Diese Eigenschaften sind grundsätzlich sinnvoll.

Sie ermöglichen Zusammenarbeit.

Sie schaffen Ordnung.

Sie fördern Vertrauen.

Doch genau diese Eigenschaften können gefährlich werden, wenn Autoritäten irren oder Kritik unterdrücken.

Verbindung zum Gruppendenken

In meinem Blog über Gruppendenken habe ich beschrieben, wie Gruppen kritisches Denken verlieren können.

Milgram ergänzt dieses Bild.

Nicht nur Gruppen können kritisches Denken unterdrücken.

Auch Autorität kann dazu führen, dass Menschen ihre eigene moralische Einschätzung zurückstellen.

Gruppendenken und Autoritätsgehorsam verstärken sich häufig gegenseitig.

Wenn niemand widerspricht, scheint Zustimmung selbstverständlich.

Führung bedeutet Verantwortung

Für Führungskräfte enthält Milgrams Forschung eine wichtige Botschaft.

Macht beeinflusst Verhalten.

Menschen orientieren sich an Vorgesetzten.

Sie übernehmen deren Haltung.

Sie passen sich an.

Gerade deshalb tragen Führungskräfte eine besondere Verantwortung.

Nicht nur für ihre Entscheidungen.

Sondern auch für die Kultur des Widerspruchs.

Gute Führung bedeutet nicht, dass Mitarbeitende blind gehorchen.

Sie bedeutet, dass Mitarbeitende Fragen stellen dürfen.

Die Bedeutung für die Pflege

Im Gesundheitswesen sind Hierarchien notwendig.

In Notfallsituationen müssen Entscheidungen rasch getroffen werden.

Dennoch zeigt Milgram, dass Hierarchien niemals kritisches Denken ersetzen dürfen.

Pflegefachpersonen tragen eine eigene berufsethische Verantwortung.

Wenn eine Medikamentendosis offensichtlich falsch erscheint,

wenn eine Patientenverwechslung droht,

wenn Sicherheitsregeln missachtet werden,

darf Gehorsam niemals wichtiger sein als Patientensicherheit.

Deshalb fördern moderne Sicherheitskonzepte wie Crew Resource Management, Speak-up-Konzepte oder CIRS ausdrücklich den respektvollen Widerspruch.

Nicht aus Misstrauen.

Sondern aus Verantwortung.

Kritik am Milgram-Experiment

Milgrams Studien wurden auch kritisch diskutiert.

Vor allem ethische Fragen standen im Mittelpunkt.

Viele Teilnehmende erlebten erheblichen psychischen Stress, weil sie glaubten, einem anderen Menschen Schmerzen zuzufügen.

Heute wären solche Experimente in dieser Form kaum noch genehmigungsfähig.

Auch die Interpretation wurde differenziert.

Neuere Forschungen zeigen, dass viele Teilnehmende nicht einfach blind gehorchten. Einige vertrauten darauf, dass der wissenschaftliche Leiter Verantwortung übernahm und niemand ernsthaft zu Schaden kommen würde.

Trotz dieser Einwände bleibt Milgrams Arbeit ein Meilenstein der Sozialpsychologie. Sie hat unser Verständnis von Autorität, Verantwortung und moralischem Handeln nachhaltig geprägt.

Schlussgedanken

Milgram wollte nie beweisen, dass Menschen grausam sind.

Er wollte zeigen, wie wichtig es ist, die eigene Verantwortung nicht an Autoritäten abzugeben.

Vielleicht besteht moralische Reife nicht darin, niemals Fehler zu machen.

Sondern darin, den Mut zu haben, innezuhalten und zu fragen:

“Ist das wirklich richtig?”

Organisationen brauchen deshalb nicht nur kompetente Mitarbeitende.

Sie brauchen Menschen, die denken.

Menschen, die Verantwortung übernehmen.

Und Führungskräfte, die Widerspruch nicht als Bedrohung verstehen, sondern als Ausdruck professioneller Verantwortung.

Denn blinder Gehorsam schützt keine Organisation.

Verantwortungsbewusstes Denken schon.

„Autorität verdient Respekt. Aber kein Mensch und keine Hierarchie dürfen unser Gewissen ersetzen. Wirkliche Verantwortung beginnt dort, wo wir den Mut haben, trotz Autorität selbst zu denken.“
– Christoph J. Zingg

Literatur (Auswahl)

  • Blass, T. (2004). The Man Who Shocked the World: The Life and Legacy of Stanley Milgram.
  • Milgram, S. (1963). Behavioral Study of Obedience. Journal of Abnormal and Social Psychology, 67(4), 371–378.
  • Milgram, S. (1974). Obedience to Authority: An Experimental View.
  • Haslam, S. A., Reicher, S. D., & Birney, M. E. (2014). Nothing by mere authority: Evidence that in an experimental analogue of the Milgram paradigm participants are motivated not by orders but by appeals to science. Journal of Social Issues, 70(3), 473–488.

Autor: Christoph J. Zingg – Über den Autor Christoph J. Zingg

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