Multiversität

MultiversitätWenn Vielfalt (Diversity) beginnt, gemeinsam Wirklichkeit zu gestalten (Multiversity), #Gruppendynamik, “Leadership, #Kommunikation

Wenn Vielfalt (Diversity) beginnt, gemeinsam Wirklichkeit zu gestalten (Multiversity)

„Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind. Multiversität beschreibt, wie diese Verschiedenheit zu einer gemeinsamen Stärke wird.“
– Christoph J. Zingg

Einleitung

Kaum ein Begriff wird heute häufiger verwendet als Diversität.

Unternehmen fördern Diversity.

Schulen sprechen über Diversity.

Organisationen entwickeln Diversity-Konzepte.

Politik diskutiert Diversity.

Und doch erleben wir gleichzeitig Polarisierung, Konflikte, Ausgrenzung, Misstrauen und gesellschaftliche Spaltung.

Warum?

Vielleicht deshalb, weil Diversität zwar Unterschiede beschreibt, aber noch nicht erklärt, wie Menschen mit diesen Unterschieden erfolgreich zusammenleben.

Genau an diesem Punkt setzt mein Begriff Multiversität an.

Diversität beschreibt Unterschiede.

Multiversität beschreibt Beziehungen.

Diversität beantwortet die Frage:

Wer sitzt am Tisch?

Multiversität fragt:

Wie sprechen diese Menschen miteinander?

Wie lösen sie Konflikte?

Auch wie entwickeln sie Vertrauen?

Wie treffen sie Entscheidungen?

Wie gehen sie mit Macht um?

Und wie entsteht ein gemeinsames Wir?

Vielfalt alleine genügt nicht

Ein Team kann aus zwanzig Nationen bestehen.

Es kann Menschen jeder Religion,

jeden Alters,

jeder politischen Überzeugung,

unterschiedlicher sexueller Orientierung,

verschiedenster Berufe,

unterschiedlicher Bildung

und verschiedener sozialer Herkunft umfassen.

Trotzdem kann dieses Team scheitern.

Warum?

Nicht wegen der Vielfalt.

Sondern wegen fehlender Kommunikation.

Fehlendem Vertrauen.

Machtkämpfen.

Vorurteilen.

Unsicherheit.

Fehlender Führung.

Diversität garantiert keine Zusammenarbeit.

Was bedeutet Multiversität?

Ich verstehe unter Multiversität

die Fähigkeit unterschiedlichster Menschen, durch Kommunikation, gegenseitigen Respekt, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung eine neue gemeinsame Wirklichkeit entstehen zu lassen.

Nicht trotz ihrer Unterschiede.

Sondern gerade wegen ihnen.

Multiversität bedeutet deshalb weit mehr als Integration.

Sie bedeutet gegenseitige Entwicklung.

Kommunikation ist der Schlüssel

Alle Kommunikationsmodelle meines Blogs führen letztlich hierher.

Paul Watzlawick zeigte,

dass wir nicht nicht kommunizieren können.

Carl Rogers zeigte,

dass echtes Verstehen Empathie voraussetzt.

Marshall Rosenberg zeigte,

wie Bedürfnisse wichtiger werden können als Vorwürfe.

Schulz von Thun erklärte,

dass jede Botschaft mehrere Ebenen besitzt.

Grice beschrieb,

wie Kooperation Kommunikation überhaupt erst gelingen lässt.

Gregory Bateson machte deutlich,

dass Bedeutung immer vom Zusammenhang abhängt.

Alle diese Modelle erklären unterschiedliche Seiten derselben Frage:

Wie entsteht zwischen Menschen gemeinsame Wirklichkeit?

Multiversität versteht Kommunikation deshalb nicht als Informationsaustausch.

Sondern als gemeinsames Erschaffen von Realität.

Gruppendynamik entscheidet

Vielfalt allein macht noch kein Team.

Bruce Tuckman beschrieb,

wie Gruppen durch Forming, Storming, Norming und Performing wachsen.

Amy Edmondson zeigte,

dass psychologische Sicherheit entscheidend dafür ist, ob Menschen ihre Ideen überhaupt äussern.

Patrick Lencioni erklärte,

warum fehlendes Vertrauen Teams zerstört.

Henri Tajfel zeigte,

wie schnell Menschen zwischen “wir” und “die anderen” unterscheiden.

Kurt Lewin beschrieb,

wie Gruppen Verhalten formen.

Multiversität verbindet diese Erkenntnisse.

Nicht die Unterschiede entscheiden.

Sondern der Umgang mit ihnen.

Führung entscheidet darüber, ob Vielfalt gelingt

Eine Führungskraft kann Diversität fördern.

Oder sie zerstören.

Sie entscheidet,

ob Menschen

sprechen dürfen,

Fragen stellen dürfen,

Fehler eingestehen dürfen,

anderer Meinung sein dürfen,

sich sicher fühlen.

Multiversität ist deshalb immer auch eine Führungsaufgabe.

Vertrauen verbindet Unterschiede

Vertrauen reduziert Angst.

Angst erzeugt Rückzug.

Rückzug verhindert Zusammenarbeit.

Zusammenarbeit verhindert Lernen.

Ohne Vertrauen bleibt Diversität oberflächlich.

Mit Vertrauen entsteht Multiversität.

Vertiefung: Vertrauen – Die unsichtbare Währung der Kommunikation

Humor verbindet

Humor baut Spannungen ab.

Gemeinsames Lachen schafft Zugehörigkeit.

Ironie kann verletzen.

Respektvoller Humor dagegen verbindet Menschen unterschiedlichster Kulturen.

Auch Humor ist deshalb Teil der Multiversität.

Vertiefung: Humor, Ironie, Spaß und Lachen – Warum gemeinsames Lachen Menschen verbindet und falscher Humor Gruppen zerstören kann

Macht entscheidet über Offenheit

Wo Status wichtiger wird als Argumente,

verstummt Vielfalt.

Wo Hierarchie wichtiger wird als Wahrheit,

geht Wissen verloren.

Multiversität braucht Führung,

aber keine Dominanz.

Sie braucht Autorität,

aber keine Einschüchterung.

Vertiefung: Macht und Status – Die unsichtbaren Kräfte der Kommunikation und Gruppendynamik

Gewaltfreie Kommunikation

Gewaltfreie Kommunikation macht Multiversität praktisch möglich.

Sie hilft,

Menschen nicht auf ihre Aussagen,

sondern auf ihre Bedürfnisse hin zu verstehen.

Wer verstanden werden möchte,

muss zuerst bereit sein zu verstehen.

Vertiefung: Gewaltfreie Kommunikation (GFK)

Salutogenese

Aaron Antonovsky fragte:

Was hält Menschen gesund?

Multiversität erweitert diese Frage:

Was hält Teams gesund?

Antworten finden sich in

Vertrauen,

Sinn,

Zugehörigkeit,

Orientierung,

Verständlichkeit,

Mitgestaltung,

Wertschätzung.

Gesunde Kommunikation schafft gesunde Organisationen.

Vertiefung: Salutogenese – Warum Kommunikation Gesundheit schaffen kann

Ethik

Multiversität ist nicht nur effizient.

Sie ist auch ethisch.

Sie anerkennt die Würde jedes Menschen.

Nicht weil alle gleich sind.

Sondern weil alle verschieden sind.

Gerade diese Verschiedenheit verdient Respekt.

Vertiefung: Ethik und Moral in der Pflege

Pflege als Beispiel

Während meiner Tätigkeit in der Pflege arbeitete ich in Teams mit Mitarbeitenden aus über zehn Nationen, mit zehn verschiedenen Muttersprachen, mehreren Weltreligionen, unterschiedlichen Generationen, Berufserfahrungen, Lebensmodellen und Weltanschauungen.

Diese Vielfalt war längst Alltag.

Die eigentliche Herausforderung bestand nie darin, dass Menschen verschieden waren.

Die Herausforderung bestand darin, ob sie bereit waren, einander zuzuhören, voneinander zu lernen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.

Genau dort beginnt Multiversität.

Lies auch: Von der Diversität zur Multiversität

Die Möbiusschleife

Mein Möbius-Denkmodell beschreibt,

dass Kommunikation niemals linear verläuft.

Jede Aussage verändert den anderen.

Und dessen Antwort verändert wiederum uns selbst.

Multiversität versteht Gemeinschaft deshalb nicht als statischen Zustand.

Sondern als fortlaufenden Kreislauf gegenseitiger Veränderung.

Wir beeinflussen einander ständig.

Vertiefungen:
Die Möbiusschleife des Menschlichen
Die Möbiusschleife der Veränderung
Das Möbius-Denkmodell

Das Märkliheft

Jeder Mensch trägt sein eigenes inneres Märkliheft.

Erfahrungen,

Verletzungen,

Vorurteile,

Erfolge,

Ängste,

Hoffnungen.

Multiversität bedeutet,

nicht davon auszugehen,

dass unser eigenes Märkliheft das einzig richtige ist.

Vertiefung: Das Märkliheft-Prinzip und der Butterfly Effekt

Das Informations–Gerüchte-Gesetz

Wo Kommunikation fehlt,

entstehen Gerüchte.

Wo Gerüchte wachsen,

schrumpft Vertrauen.

Wo Vertrauen verschwindet,

zerfällt Gemeinschaft.

Multiversität lebt deshalb von transparenter Kommunikation.

Vertiefung: Das Informations-Gerüchte-Gesetz

Systemische Integration

Multiversität bedeutet nicht,

Unterschiede aufzulösen.

Sie bedeutet,

sie miteinander zu verbinden.

Nicht Uniformität.

Nicht Beliebigkeit.

Sondern Integration.

Ein neues Ganzes entsteht,

das mehr ist als die Summe seiner Teile.

Vertiefung: Systemtheorie: Kommunikation, Beziehungen und Wechselwirkungen

Eine mögliche Definition

Multiversität bezeichnet den bewussten Prozess, in dem Menschen unterschiedlichster Herkunft, Identität, Erfahrungen und Überzeugungen durch Kommunikation, Vertrauen, gegenseitigen Respekt und gemeinsame Verantwortung eine tragfähige gemeinsame Wirklichkeit schaffen. Sie beschreibt nicht das Nebeneinander von Vielfalt, sondern ihr gelingendes Miteinander.

Schlussgedanken

Wahrscheinlich müssen wir einen Schritt weitergehen:
Vom Schlagwort Diversität (Diversity) zumr Multiversiität.

Ganz sicher brauchen unsere Gesellschaften künftig nicht weniger Diversität.

Vielleicht aber brauchen sie auch deutlich mehr Multiversität.

Nicht mehr Unterschiede.

Sondern mehr Fähigkeit,

mit Unterschieden zu leben.

Nicht mehr Meinungen.

Sondern mehr echtes Verstehen.

Nicht mehr Identitäten.

Sondern mehr gemeinsame Verantwortung.

Denn Vielfalt wird erst dann zu einer Stärke, wenn Menschen lernen, ihre Unterschiede nicht als Grenze, sondern als gemeinsame Ressource zu begreifen.

„Diversität zeigt uns, wie verschieden wir sind. Multiversität zeigt uns, wie wir trotz unserer Verschiedenheit zu einem gemeinsamen Wir werden können. Nicht die Vielfalt verändert die Welt – sondern die Art, wie wir miteinander umgehen.“

Christoph J. Zingg

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Über den Autor Christoph J. Zingg

2 Kommentare

  1. Sehr wichtige und richtige Erkenntnis! Wärhrend Diversity etwas starres beschreibt, bringt Multiversity Dynamik in das Geschehen und fordert den Einzelnen. Sehr wichtiger Punkt. In der heutigen Zeit darf niemand auf der Stufe „Diversity“ stehen bleiben – Es muss der Schritt zur Multiversität gemacht werden.

  2. Sprache ist ein lebendiges Wesen und entsprechend interessant ist es zu beobachten, wie sie sich verändert. Deine Idee mit Multiversität ist schön und wer weiss vielleicht wird er sich auch im Laufe der Zeit in weiteren Kreisen etablieren. In meiner Einschätzung können wir das Organisation nicht entscheidend dazu beitragen, diesen Begriff zu etablieren oder weiterzuentwickeln, da wir nicht die entsprechenden Ressourcen haben. Kritisch sehe ich den Bezug zu Multikulti, was heute leider zu einem Schimpfwort geworden ist und m. E. auch schwierig wieder zu korrigieren ist.

    Daniel Furter (er/il) | Geschäftsleiter/secrétaire général
    +41 79 886 18 88 | daniel.furter@pinkcross.ch

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