Was Englisch, Französisch und Spanisch in West- und Zentralafrika bis heute mit Bildung, Macht und Zugehörigkeit machen

von Christoph J. Zingg (Autor)
«Eine gemeinsame Stimme entsteht nicht dadurch, dass alle dieselbe Sprache sprechen. Sie entsteht dort, wo keine Sprache darüber entscheidet, wessen Wirklichkeit gehört wird.»
Christoph J. Zingg
Sprachen und Länder
Wenn ich meine Reiseliste betrachte, sehe ich über 70 Reiseziele – Staaten, Regionen und Sonderterritorien. Viele davon habe ich gemeinsam mit Ivo bereist, andere allein. Hinter den Namen stehen Landschaften, Begegnungen, Konflikte und Erinnerungen.
Besonders nachdenklich macht mich eine Linie, die sich durch sechs afrikanische Länder meiner Reisen zieht:
Senegal. Gambia. Ghana. Nigeria. Kamerun. Äquatorialguinea.
Auf einer politischen Karte sind es souveräne Staaten. Auf einer sprachlichen Karte erscheinen sie häufig als französisch-, englisch- oder spanischsprachige Länder. Doch wer diese Länder nur nach ihren europäischen Amtssprachen ordnet, sieht vor allem ihre Kolonialgeschichte – und übersieht einen grossen Teil ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit.
Denn die Menschen leben nicht einfach in einer Sprache.
Sie bewegen sich zwischen Sprachen.
Zwischen der Sprache der Familie und der Sprache der Schule. Zwischen der Sprache des Marktes und jener der Verwaltung. Und zwischen der Sprache, in der gebetet wird, und jener, in der ein amtliches Formular ausgefüllt werden muss. Und auch zwischen der Sprache, in der man träumt, und jener, in der man beruflich vorankommt.
Dabei geht es nicht nur um Verständigung. Es geht um Bildung, Macht, Gruppenzugehörigkeit und Führung.
Sechs Länder – drei Kolonialsprachen – unzählige Lebenswelten
In Senegal ist Französisch Amtssprache, während Wolof für einen grossen Teil der Bevölkerung die Sprache des Alltags und der Verständigung ist. Im fast vollständig von Senegal umschlossenen Gambia ist Englisch Amtssprache. Gleichzeitig werden Wolof, Mandinka, Fula, Jola und weitere Sprachen auf beiden Seiten der Grenze gesprochen.
Die politische Grenze trennt Staaten. Die Sprachen, Familiengeschichten und Handelsbeziehungen überschreiten sie.
Die Erinnerung an meinen früheren Beitrag «Kolda 1990 – und die Frage» gehört für mich in diesen Zusammenhang. Reisen nach Senegal und Gambia waren nie nur Bewegungen zwischen zwei Ländern. Sie führten durch einen Kulturraum, der älter ist als die Staatsgrenze.
Gerade Gambia macht sichtbar, wie stark koloniale Interessen die politische Geografie Westafrikas geprägt haben. Die langgezogene Form des Landes folgt im Wesentlichen dem Fluss Gambia und dem Gebiet, das Grossbritannien gegenüber dem französisch kontrollierten Senegal behauptete. Aus kolonialer Konkurrenz entstanden zwei Staaten mit unterschiedlichen Verwaltungs- und Bildungssprachen – obwohl zahlreiche Bevölkerungsgruppen, Sprachen und Lebensräume miteinander verbunden blieben.
Die ECOWAS beschreibt Westafrika heute als eine Region mit drei europäischen Amtssprachen – Englisch, Französisch und Portugiesisch –, aber mit weit über tausend lokalen Sprachen. Viele davon, etwa Wolof, Fulfulde, Hausa, Mandingo, Ewe und Yoruba, werden über Staatsgrenzen hinweg gesprochen. Die gesellschaftliche Wirklichkeit widerspricht damit der einfachen politischen Kartografie: Die kolonialen Sprachen halten sich an Staatsgrenzen; viele afrikanische Sprachen tun es nicht. ECOWAS
Die Grenzen wurden nicht an einem einzigen Tag gezogen
Häufig heisst es, die europäischen Mächte hätten Afrika während der Berliner Konferenz von 1884 und 1885 mit dem Lineal aufgeteilt. Diese Vorstellung enthält eine historische Wahrheit, ist aber zu einfach.
Die Berliner Konferenz legte nicht sämtliche heutigen Grenzen Afrikas fest. Sie schuf vielmehr Regeln und Machtlogiken, mit denen europäische Staaten ihre kolonialen Ansprüche absicherten. Viele konkrete Grenzen entstanden erst später durch bilaterale Verträge, militärische Besetzung und koloniale Verwaltung.
Der Rechtswissenschaftler Matthew Craven zeigt, dass die Bedeutung der Berliner Konferenz weniger in einer einmaligen Aufteilungskarte als in der Etablierung eines Systems lag, das europäische wirtschaftliche und politische Ansprüche legitimierte. Oxford Academic
Für die betroffenen Menschen machte diese Differenz wenig Unterschied. Ihre politischen Ordnungen, Handelsräume, Sprachen und Verwandtschaftsbeziehungen wurden Interessen untergeordnet, an deren Aushandlung sie nicht beteiligt waren.
Grenzen sind deshalb nicht nur Linien auf Karten. Sie bestimmen, welche Sprache ein Kind in der Schule sprechen soll, nach welchem Recht ein Konflikt beurteilt wird und in welcher Sprache ein Mensch dem Staat gegenübertreten muss.
Senegal: Wenn die eigene Sprache hörbar wird
Der senegalesische Schriftsteller Boubacar Boris Diop schrieb seine ersten Romane auf Französisch. Später entschied er sich, auf Wolof zu schreiben.
Den Unterschied beschrieb er mit einem eindringlichen Satz:
«Wenn ich auf Wolof schreibe, höre ich jedes Wort.»
Diop spricht damit nicht nur über Literatur. Er beschreibt eine Beziehung zwischen Sprache, Erinnerung und innerer Nähe. Französisch verschaffte ihm Zugang zu einem internationalen Literaturbetrieb. Wolof brachte ihn näher an jene Klangwelt, in der Erfahrungen, Redewendungen und gesellschaftliche Bedeutungen entstanden waren. Public Books
Eine Sprache kann also Türen öffnen und gleichzeitig Distanz schaffen.
Das ist kein Argument gegen Französisch. Es ist ein Hinweis darauf, dass eine Sprache niemals ein neutrales Transportmittel ist. Sie trägt Geschichte, Prestige und institutionelle Macht mit sich.
Ghana und Nigeria: Englisch als Brücke und Zugangskontrolle
In Ghana und Nigeria erfüllt Englisch eine widersprüchliche Funktion. Es ermöglicht Verständigung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Erstsprachen. Gleichzeitig entscheidet die Beherrschung des Englischen wesentlich über Bildungschancen, berufliche Möglichkeiten und politischen Einfluss.
In Ghana wird seit Jahrzehnten darüber gerungen, welche Sprachen in den ersten Schuljahren verwendet werden sollen. Der aktuelle Grundsatz sieht lokale Sprachen in den frühen Schuljahren und einen späteren Übergang zum Englischen vor. In der Praxis fehlen jedoch teilweise Lehrmittel sowie entsprechend ausgebildete Lehrpersonen. Parlament von Ghana
Nigeria wiederum ist ein Land mit Hunderten von Sprachen. Englisch verbindet Verwaltung, Hochschulen, Wirtschaft und nationale Medien. Daneben prägen Hausa, Yoruba, Igbo und Nigerian Pidgin grosse Kommunikationsräume.
Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe wollte das Englische deshalb weder einfach ablehnen noch unverändert übernehmen. Er war überzeugt, es könne die Last seiner afrikanischen Erfahrung tragen – aber nur als ein neues, durch afrikanische Erfahrungen verändertes Englisch. The Guardian
Darin liegt eine Form sprachlicher Selbstermächtigung: Eine ehemals aufgezwungene Sprache wird angeeignet, verändert und mit lokalen Bildern, Rhythmen und Denkformen gefüllt.
Auch Nigerian Pidgin ist nicht bloss «unvollständiges Englisch». Es ist ein lebendiger Kommunikationsraum, in dem Menschen sprachliche Grenzen überbrücken und eine eigene urbane und gesellschaftliche Identität entwickeln.
Menschen warten nicht darauf, dass Politik ihre sprachlichen Probleme löst. Sie schaffen selbst neue Verständigungsformen.
Ghana: Wer erzählt die Geschichte?
Die ghanaische Kunsthistorikerin und Schriftstellerin Nana Oforiatta Ayim beschäftigt sich mit der Frage, wer afrikanisches Wissen sammelt, ordnet und erzählt. Sie beschreibt ihre eigene Biografie als ein Leben zwischen europäischen und ghanaischen Erfahrungswelten.
«Wir alle sehnen uns danach, irgendwo dazuzugehören.»
Mit ihrer Arbeit versucht sie, Geschichte nicht allein durch koloniale Archive und westliche Institutionen erzählen zu lassen. Wissen soll dort gesammelt werden, wo es gelebt wird – in Familien, lokalen Gemeinschaften, Objekten, Erzählungen und Erinnerungen. Vogue
Die Frage nach Sprache ist deshalb immer auch eine Frage nach Deutungshoheit:
Wer besitzt die Begriffe?
Wer führt das Archiv?
Und wer entscheidet, welches Wissen wissenschaftlich, welches traditionell und welches angeblich unbedeutend ist?
Äquatorialguinea: Das spanischsprachige Afrika
Äquatorialguinea ist innerhalb Afrikas ein besonderer Fall. Das Land wurde 1968 von Spanien unabhängig. Spanisch blieb die wichtigste Sprache von Verwaltung und Bildung. Später kamen Französisch und Portugiesisch als weitere Amtssprachen hinzu. Im Alltag werden unter anderem Fang, Bubi, Ndowe, Pichinglis und Fa d’Ambô gesprochen.
Damit ist Äquatorialguinea nicht einfach «das spanischsprachige Land Afrikas». Es ist eine mehrsprachige Gesellschaft, deren internationale Wahrnehmung stark von einer ehemaligen Kolonialsprache bestimmt wird.
Der aus Annobón stammende Schriftsteller Juan Tomás Ávila Laurel schreibt auf Spanisch über Diktatur, Ausgrenzung, Migration und das Leben einer Minderheit. Seine Arbeit zeigt das gleiche Spannungsfeld wie jene von Achebe und Diop: Die Kolonialsprache kann Instrument der Herrschaft sein – und zugleich ein Werkzeug, mit dem Herrschaft kritisiert wird.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, woher eine Sprache kommt. Entscheidend ist auch, wer sie heute verwendet, verändern darf und mit ihr Öffentlichkeit erreicht.
Kamerun: Wenn Sprache zur politischen Identität wird
In keinem der sechs Länder habe ich diese Zusammenhänge so tief erlebt wie in Kamerun. Fast zehn Jahre meines Lebens sind mit diesem Land, seinen Menschen, Krankenhäusern, Projekten und Widersprüchen verbunden.
In meinem Beitrag «Kamerun – Der vergessene Krieg» habe ich beschrieben, wie aus dem Gefühl, nicht gehört zu werden, Misstrauen entsteht – und wie aus dauerhaftem Misstrauen ein Konflikt werden kann.
Kamerun war zunächst deutsche Kolonie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gebiet zwischen Frankreich und Grossbritannien aufgeteilt. Daraus entstanden unterschiedliche Bildungs-, Verwaltungs- und Rechtssysteme. Bei der staatlichen Vereinigung 1961 verschwanden diese Unterschiede nicht. Sie wurden Teil des neuen Staates.
Der kamerunische Schriftsteller Patrice Nganang beschreibt seine Biografie als ein Leben in Medumba, Französisch, Deutsch und Englisch. Über sein Land schreibt er:
«In Kamerun sind Französisch und Englisch nicht einfach Sprachen; sie sind neue Ethnien.»
Damit meint er nicht, dass Sprache und Ethnie dasselbe wären. Er beschreibt, wie tief die kolonialen Sprachen in politische Zugehörigkeiten, Bildungswege und Lebenserfahrungen eingedrungen sind. Patrice Nganang
Als 2016 englischsprachige Anwältinnen, Anwälte und Lehrpersonen gegen die Zurückdrängung des Common Law und des anglophonen Bildungssystems protestierten, ging es deshalb nicht um Grammatik. Es ging um Anerkennung, Teilhabe und institutionelle Macht.
Die gewaltsame Reaktion des Staates trug zur Eskalation bei. Im April 2026 berichtete Reuters unter Berufung auf die International Crisis Group von mehr als 6’500 Getöteten und über einer halben Million Vertriebenen. Der kamerunische Priester Killian Ndonui Nshamikara formulierte es schlicht:
«Kamerun ist eine Nation, die Heilung braucht.»
Der Konflikt beweist nicht, dass Mehrsprachigkeit zwangsläufig zu Gewalt führt. Er zeigt vielmehr, was geschehen kann, wenn sprachliche Unterschiede mit ungleicher Macht, politischer Marginalisierung und fehlender Dialogbereitschaft verbunden werden.
Nicht die Verschiedenheit ist das Problem.
Das Problem beginnt dort, wo eine Gruppe erlebt, dass ihre Sprache, ihre Institutionen und ihre Geschichte weniger gelten.
Sprache als symbolisches Kapital
Der französische Soziologe Pierre Bourdieu bezeichnete Sprache als eine Form symbolischen Kapitals. Auf einem «sprachlichen Markt» haben nicht alle Ausdrucksweisen denselben Wert. Institutionen bestimmen, welche Sprache als gebildet, professionell oder legitim gilt. Harvard University Press
Das zeigt sich auch ausserhalb Afrikas.
Ein Mensch kann intelligent, erfahren und differenziert denken – und dennoch weniger kompetent erscheinen, wenn er sich in einer institutionell bevorzugten Sprache nicht sicher ausdrücken kann. Umgekehrt kann sprachliche Gewandtheit mit fachlicher oder moralischer Autorität verwechselt werden.
Für Führung ist das entscheidend.
Wer nur den Menschen zuhört, die sich in der offiziellen Sprache besonders souverän ausdrücken, verwechselt Sprachkompetenz mit Sachkompetenz. Wer Sitzungen, Beurteilungen und Entscheidungen ausschliesslich an einer dominanten Kommunikationsform ausrichtet, schliesst möglicherweise genau jene Menschen aus, die das grösste lokale Wissen besitzen.
Bildung: Lernen beginnt mit Verstehen
Forschung und internationale Bildungsarbeit zeigen, dass Kinder besonders in den ersten Schuljahren besser lernen, wenn Unterricht an eine Sprache anknüpft, die sie verstehen. Trotzdem wird ein grosser Teil der Kinder weltweit nicht in seiner Erst- oder Familiensprache unterrichtet. UNESCO Institute for Statistics
Das bedeutet nicht, dass Englisch, Französisch oder Spanisch aus den Schulen verschwinden sollten. Diese Sprachen können nationale und internationale Möglichkeiten eröffnen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Erweitert die neue Sprache das vorhandene sprachliche Repertoire – oder ersetzt und entwertet sie die bisherige Sprache?
Moderne Mehrsprachigkeitsforschung spricht von «Translanguaging». Menschen greifen beim Denken und Kommunizieren nicht auf sauber getrennte Sprachschubladen zurück. Sie nutzen ihr gesamtes sprachliches Repertoire, wechseln, übersetzen, verbinden und schaffen neue Bedeutungen.
Was in Schulen gelegentlich als Defizit bewertet wird, ist im Alltag oft eine anspruchsvolle kommunikative Leistung.
Wer führt wirklich?
Die Reise durch diese Länder hat für mich noch eine zweite Frage geöffnet: Wer führt eine Gemeinschaft tatsächlich?
Das Organigramm zeigt Ministerien, Behörden, Unternehmen und offiziell eingesetzte Vorgesetzte. Die soziale Wirklichkeit kann anders aussehen.
Ein traditioneller Würdenträger kann mehr Vertrauen besitzen als ein staatlicher Funktionär. Eine religiöse Autorität kann Konflikte vermitteln. Eine erfahrene Marktfrau kann wirtschaftliche und soziale Netzwerke zusammenhalten. Lehrpersonen, Pflegefachpersonen, Familienälteste, Jugendvertreter oder lokale Unternehmerinnen können Einfluss ausüben, ohne einen formellen Führungstitel zu tragen.
Allerdings darf traditionelle Autorität nicht romantisiert werden. Auch sie kann Menschen ausschliessen, Macht vererben oder politisch instrumentalisiert werden. Forschung aus Kamerun zeigt, wie traditionelle Autoritäten zwischen kultureller Legitimität, staatlicher Einbindung und politischer Vereinnahmung stehen. Journal of Modern African Studies
Führung entsteht also nicht nur durch Amt und Hierarchie. Sie entsteht dort, wo Menschen jemandem zutrauen, ihre Wirklichkeit zu verstehen, ihre Sprache zu sprechen und ihre Interessen glaubwürdig zu vertreten.
Von Namibia zur Multiversität
In meinem Beitrag «Namibia – wo die Multiversität für mich zu keimen begann» habe ich beschrieben, wie Englisch nach der Unabhängigkeit als gemeinsame Staatssprache gewählt wurde. Es sollte eine Brücke zwischen unterschiedlichen Sprachgemeinschaften bilden.
Diese Entscheidung war nachvollziehbar. Doch auch eine als neutral gedachte Sprache bleibt sozial nicht neutral. Menschen verfügen über unterschiedliche Zugänge zu Bildung, Ausdruckssicherheit und institutionellen Netzwerken.
Hier berührt die Sprachenfrage mein Konzept der Multiversität.
Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind.
Multiversität fragt, wie aus Verschiedenheit eine gemeinsame Stärke werden kann.
Für Sprache bedeutet das:
Eine Gemeinschaft braucht nicht zwingend eine einzige Stimme. Sie braucht Bedingungen, unter denen unterschiedliche Stimmen an einer gemeinsamen Wirklichkeit mitwirken können.
Das verlangt Übersetzung – sprachlich und kulturell. Es verlangt Geduld gegenüber Menschen, die langsamer formulieren. Es verlangt die Bereitschaft, zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten zu unterscheiden. Und es verlangt Führungskräfte, die verstehen, dass Macht auch darin liegt, festzulegen, welche Sprache als normal gilt.
Was Führung daraus lernen kann
Die Erfahrungen aus West- und Zentralafrika lassen sich nicht einfach auf europäische Organisationen übertragen. Aber sie stellen universelle Fragen:
- In welcher Sprache wird offiziell entschieden – und in welcher Sprache wird tatsächlich gedacht?
- Wer schweigt, weil ihm die Worte fehlen, und wer schweigt, weil seine Worte keinen institutionellen Wert besitzen?
- Welche Akzente und Ausdrucksweisen werden mit mangelnder Kompetenz verwechselt?
- Wer übersetzt zwischen Gruppen, ohne dafür formelle Anerkennung zu erhalten?
- Welche Konflikte erscheinen sachlich, sind aber in Wirklichkeit Kämpfe um Würde und Zugehörigkeit?
- Wird von Minderheiten Integration verlangt, während die Mehrheit ihre eigenen Kommunikationsnormen nie hinterfragt?
Gute Führung bedeutet nicht, alle Unterschiede aufzulösen. Sie schafft Räume, in denen Unterschiede ausgesprochen werden können, ohne dass daraus automatisch Hierarchien des menschlichen Wertes entstehen.
Eine gemeinsame Stimme muss mehrstimmig sein
Meine Reisen nach Senegal, Gambia, Ghana, Nigeria, Kamerun und Äquatorialguinea haben mich nicht gelehrt, dass koloniale Sprachen nur schlecht oder lokale Sprachen automatisch befreiend seien.
Die Wirklichkeit ist widersprüchlicher.
Englisch, Französisch und Spanisch können ausgrenzen und verbinden. Sie können koloniale Macht fortschreiben und zugleich für Widerstand, Literatur und internationale Verständigung genutzt werden. Lokale Sprachen können Zugehörigkeit schenken, aber ebenfalls gesellschaftliche Grenzen markieren.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
Welche Sprache ist die richtige?
Die entscheidende Frage lautet:
Wer darf in welcher Sprache mitreden, lernen, führen und über die gemeinsame Wirklichkeit entscheiden?
In meinem Beitrag «Kommunikation formt Wirklichkeit» habe ich beschrieben, dass Kommunikation nicht nur Informationen überträgt. Sie beeinflusst, was Menschen für wirklich, glaubwürdig und möglich halten.
Die kolonialen Grenzen Afrikas zeigen, wie lange politische Entscheidungen nachwirken können. Die Sprachen Afrikas zeigen aber auch, dass Menschen diese Wirklichkeit nicht einfach hinnehmen. Sie übersetzen, vermischen, verändern und bewahren. Sie schaffen Verbindungen über jene Grenzen hinweg, die andere gezogen haben.
Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung.
Nicht in einer Welt, in der alle gleich sprechen.
Sondern in einer Welt, in der Verschiedenheit nicht mehr darüber entscheidet, wer gehört wird.
«Frieden beginnt nicht mit einer gemeinsamen Sprache. Er beginnt in dem Augenblick, in dem wir aufhören, nur jene Menschen für verständlich zu halten, die sprechen wie wir.»
Christoph J. Zingg
Hinweis: Die Aussagen von Boubacar Boris Diop, Chinua Achebe, Nana Oforiatta Ayim, Patrice Nganang und Killian Ndonui Nshamikara stammen aus veröffentlichten Texten beziehungsweise Interviews. Die englischen Aussagen wurden für diesen Beitrag sinngemäss ins Deutsche übertragen. Es wurden keine persönlichen Begegnungen oder wörtlichen Aussagen von Reisenden erfunden.
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