Collective Intelligence – Kollektive Intelligenz

Collective Intelligence - Kollektive Intelligenz: Warum Teams klüger sein können als ihre klügsten Mitglieder

Warum Teams klüger sein können als ihre klügsten Mitglieder

Von Christoph J. Zingg

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“Die grösste Intelligenz eines Teams entsteht nicht im klügsten Kopf. Sie entsteht dort, wo viele Köpfe beginnen, gemeinsam zu denken.”
– Christoph J. Zingg

Einleitung

Wir bewundern aussergewöhnlich intelligente Menschen.

Genies.

Spezialisten.

Koryphäen.

Experten.

Unsere Gesellschaft ist stark auf individuelle Leistung ausgerichtet. Wer den höchsten IQ besitzt, gilt oft automatisch als derjenige, der die besten Entscheidungen trifft.

Doch die moderne Wissenschaft zeichnet ein deutlich differenzierteres Bild.

In vielen Situationen entscheidet nicht die Intelligenz des Einzelnen über den Erfolg.

Entscheidend ist vielmehr,

wie gut Menschen gemeinsam denken können.

Genau dieses Phänomen beschreibt die Forschung unter dem Begriff Collective Intelligence – kollektive Intelligenz.

Die amerikanische Organisationspsychologin Anita Woolley konnte mit ihrem Forschungsteam zeigen:

Manche Gruppen lösen völlig unterschiedliche Aufgaben konstant besser als andere.

Und zwar unabhängig davon,

ob sie aus besonders intelligenten Einzelpersonen bestehen.

Was ist Collective Intelligence?

Collective Intelligence beschreibt die Fähigkeit einer Gruppe,

gemeinsam Probleme zu lösen,

Entscheidungen zu treffen,

Wissen zu verbinden,

kreativ zu denken

und sich an neue Situationen anzupassen.

Dabei entsteht etwas Erstaunliches.

Die Gruppe entwickelt eine eigene Intelligenz.

Sie ist mehr als die Summe ihrer Mitglieder.

Man könnte sagen:

Ein einzelnes Gehirn denkt.

Ein gutes Team beginnt gemeinsam zu denken.

Anita Woolleys Forschung

Im Jahr 2010 veröffentlichte Anita Woolley mit Kolleginnen und Kollegen eine heute wegweisende Studie.

Sie untersuchten zahlreiche Teams mit unterschiedlichsten Aufgaben:

  • mathematische Probleme
  • kreative Aufgaben
  • Planung
  • Kommunikation
  • Verhandlungen
  • logisches Denken

Das Ergebnis überraschte.

Manche Gruppen waren bei nahezu allen Aufgaben erfolgreicher.

Diese Leistungsfähigkeit nannten die Forschenden

den c-Faktor.

Analog zum bekannten IQ des Einzelnen beschreibt der c-Faktor die allgemeine Leistungsfähigkeit einer Gruppe.

Und jetzt kommt der eigentliche Durchbruch.

Der c-Faktor hing nicht wesentlich vom durchschnittlichen IQ der Mitglieder ab.

Auch nicht davon, ob besonders intelligente Menschen im Team waren.

Andere Faktoren waren entscheidender.

Was macht Teams intelligent?

1. Gleiche Redeanteile

Das vielleicht überraschendste Ergebnis.

Die besten Teams hatten keine dominierenden Sprecher.

Niemand bestimmte permanent die Diskussion.

Niemand schwieg dauerhaft.

Die Redezeit war erstaunlich gleichmässig verteilt.

Jede Stimme wurde gehört.

Nicht weil alle gleich viel wussten.

Sondern weil unterschiedliche Perspektiven sichtbar wurden.

2. Soziale Sensibilität

Ein weiterer zentraler Faktor.

Die Forschenden verwendeten unter anderem den sogenannten Reading the Mind in the Eyes Test.

Dabei mussten Personen Emotionen ausschliesslich anhand von Augenpartien erkennen.

Gruppen mit hoher sozialer Sensibilität erzielten deutlich bessere Ergebnisse.

Warum?

Weil sie besser wahrnahmen,

  • wer noch etwas sagen möchte,
  • wer unsicher ist,
  • wer Bedenken hat,
  • wer Unterstützung braucht,
  • wann Spannung entsteht.

Sie hörten nicht nur Worte.

Sie nahmen Menschen wahr.

3. Psychologische Sicherheit

Spätere Forschung – insbesondere von Amy Edmondson – erklärt diesen Zusammenhang.

Menschen bringen ihre Gedanken nur dann ein,

wenn sie keine Angst vor Lächerlichkeit,

Kritik,

Demütigung

oder Schuldzuweisungen haben.

Fehlt diese Sicherheit,

verschwindet ein grosser Teil der vorhandenen Intelligenz.

Nicht,

weil Menschen weniger wissen.

Sondern,

weil sie schweigen.

Lies mehr dazu im Blog Psychologische Sicherheit – Der unsichtbare Schlüssel erfolgreicher Kommunikation und Zusammenarbeit

Der Irrtum des Genies

Viele Organisationen suchen nach den Besten.

Dem intelligentesten Arzt.

Der erfahrensten Pflegefachperson.

Der brillantesten Führungskraft.

Doch Collective Intelligence zeigt:

Ein Team voller Genies kann scheitern.

Ein durchschnittliches Team kann Spitzenleistungen erreichen.

Der Unterschied liegt nicht im IQ.

Sondern in der Qualität der Zusammenarbeit.

Bedeutung für die Pflege

Pflege ist Teamarbeit.

Kein Patient wird von einer einzigen Person betreut.

Jeder bringt eine andere Perspektive ein.

Die Pflege beobachtet Veränderungen.

Die Ärztin stellt Diagnosen.

Die Physiotherapie beurteilt Mobilität.

Die Ergotherapie fördert Alltagskompetenzen.

Die Ernährungsberatung erkennt Mangelernährung.

Die Angehörigen kennen die Lebensgeschichte.

Erst wenn diese Informationen zusammengeführt werden,

entsteht das vollständige Bild.

Collective Intelligence ist deshalb keine Theorie.

Sie ist gelebter Stationsalltag.

Zusammenhang mit dem Transactive Memory System

Der vorherige Blog erklärte:

Ein Team muss wissen,

wer was weiss.

Collective Intelligence geht einen Schritt weiter.

Selbst wenn bekannt ist,

wer Experte ist,

entsteht Höchstleistung erst,

wenn dieses Wissen auch gemeinsam genutzt,

diskutiert,

hinterfragt

und integriert wird.

Das Transactive Memory System beschreibt die Struktur des Wissens.

Collective Intelligence beschreibt,

wie daraus gemeinsames Denken entsteht.

Lies mehr hierzu unter Transactive Memory Systems (TMS) – Warum erfolgreiche Teams nicht alles wissen müssen – sondern wissen

Zusammenhang mit Psychological Safety

Psychologische Sicherheit ist der Nährboden kollektiver Intelligenz.

Menschen,

die Angst haben,

teilen ihre Gedanken nicht.

Sie stellen keine Fragen.

Sie äussern keine Zweifel.

Und sie widersprechen nicht.

Damit verliert das Team genau jene Informationen,

die später entscheidend gewesen wären.

Collective Intelligence braucht deshalb Sicherheit,

nicht Harmonie.

Kritische Fragen,

abweichende Meinungen

und konstruktiver Widerspruch

machen Teams intelligenter.

Zusammenhang mit Crew Resource Management

CRM entstand in der Luftfahrt,

weil Unfälle häufig nicht durch fehlendes Fachwissen,

sondern durch mangelnde Kommunikation verursacht wurden.

Das Ziel lautet:

Jede relevante Information muss ausgesprochen werden.

Unabhängig von Hierarchie.

Collective Intelligence erklärt,

warum dieses Prinzip funktioniert.

Nur wenn alle Perspektiven einfliessen,

kann die Gruppe ihr volles Potenzial entfalten.

Zusammenhang mit Human Factors

Human Factors zeigen,

dass Menschen begrenzte Aufmerksamkeit,

begrenztes Arbeitsgedächtnis

und begrenzte Wahrnehmung besitzen.

Collective Intelligence kompensiert diese Grenzen.

Was der eine übersieht,

bemerkt vielleicht die andere.

Die Fehler des Einzelnen

werden durch das Team ausgeglichen.

Lies hierzu Human Factors

Zusammenhang mit SCARF

Das SCARF-Modell erklärt,

warum Menschen manchmal schweigen.

Angst um Status.

Unsicherheit.

fehlende Zugehörigkeit.

Ungerechtigkeit.

Kontrollverlust.

Alle diese Faktoren reduzieren die kollektive Intelligenz.

Eine gute Führungskraft schützt deshalb nicht nur Prozesse.

Sie schützt die Bedingungen,

unter denen Denken möglich wird.

Lies mehr dazu im Blog Das SCARF-Modell – Warum unser Gehirn auf Kommunikation stärker reagiert als auf Fakten

Zusammenhang mit Multiversität

Hier zeigt sich die Stärke deines Begriffs der Multiversität.

Diversität beschreibt Unterschiede.

Collective Intelligence zeigt,

warum diese Unterschiede wertvoll sind.

Nicht,

weil Vielfalt an sich gut wäre.

Sondern,

weil unterschiedliche Erfahrungen,

Kulturen,

Berufe,

Lebenswege

und Denkweisen

die Wahrscheinlichkeit erhöhen,

dass eine Gruppe bessere Lösungen findet.

Multiversität bedeutet deshalb,

Unterschiede nicht nur zu tolerieren,

sondern aktiv miteinander denken zu lassen.

Zu Multiversität kannst Du unter Von der Diversität zur Multiversität mehr lesen.

Grenzen der Collective Intelligence

Collective Intelligence entsteht nicht automatisch.

Gruppen können auch erstaunlich schlechte Entscheidungen treffen.

Bekannte Risiken sind:

  • Groupthink
  • Konformitätsdruck
  • Dominanz einzelner Personen
  • Hierarchien
  • soziale Faulheit (Social Loafing)
  • Polarisierung
  • Echo-Kammern

Deshalb braucht kollektive Intelligenz Struktur.

Moderation.

Respekt.

Klare Kommunikation.

Reflexion.

Wissenschaftliche Einordnung

Collective Intelligence gehört heute zu den bedeutendsten Forschungsfeldern der Organisationspsychologie.

Sie wird unter anderem genutzt in:

  • Medizin
  • Pflege
  • Luftfahrt
  • Militär
  • Raumfahrt
  • Krisenmanagement
  • Unternehmensführung
  • Innovationsforschung
  • Softwareentwicklung
  • Politik
  • Forschungsteams

Besonders in komplexen Systemen gilt heute:

Die Qualität einer Entscheidung hängt zunehmend von der Qualität der Zusammenarbeit ab.

Was bedeutet das für Führung?

Führung bedeutet nicht,

immer die besten Antworten zu geben.

Führung bedeutet,

die besten Antworten im Team sichtbar zu machen.

Die wichtigste Aufgabe einer Führungskraft ist deshalb,

eine Kultur zu schaffen,

in der Menschen denken dürfen,

Fragen stellen,

einander zuhören,

Respekt zeigen

und voneinander lernen.

Nicht die lauteste Stimme soll gewinnen.

Sondern das beste gemeinsame Verständnis.

Fazit

Die Zukunft gehört nicht den Einzelkämpfern.

Sie gehört Teams,

die gelernt haben,

gemeinsam zu denken.

Denn Wissen allein genügt nicht.

Auch Erfahrung genügt nicht.

Selbst Intelligenz genügt nicht.

Erst dort,

wo Menschen einander zuhören,

Unterschiede nutzen,

Vertrauen leben

und Gedanken miteinander verbinden,

entsteht das,

was Anita Woolley als Collective Intelligence beschreibt.

Vielleicht ist genau das die grösste Erkenntnis moderner Teamforschung:

Nicht der Intelligenteste gewinnt.

Sondern jene Gruppe,

die es schafft,

aus vielen Gedanken

einen gemeinsamen zu machen.

“Die Qualität eines Teams zeigt sich nicht daran, wie viele kluge Menschen darin arbeiten. Sondern daran, ob ihre Gedanken miteinander in Verbindung treten.”
– Christoph J. Zingg

Lies mehr über Kommunikation und Gruppendynamik unter Die Möbiusschleife des Menschlichen

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