Wenn Erfahrung aufhört zu lernen

Wenn Erfahrung aufhört zu lernen - Warum Dienstjahre noch keine Expertise sind – und weshalb die Pflege Erfahrung trotzdem dringend braucht

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Warum Dienstjahre noch keine Expertise sind – und weshalb die Pflege Erfahrung trotzdem dringend braucht

von Christoph J. Zingg

«Erfahrung ist kein Beweis dafür, dass wir richtigliegen. Sie ist Rohstoff. Erst wenn wir sie prüfen, teilen und korrigieren lassen, wird daraus Expertise.»  
-Christoph J. Zingg (2026)

Einleitung

Es gibt einen Satz, den wohl fast alle kennen, die lange in der Pflege gearbeitet haben:

«Das machen wir schon immer so.»

Manchmal steckt darin ein Schatz.

Eine erfahrene Pflegefachperson hat eine Situation vielleicht hundertmal gesehen. Sie erkennt eine Verschlechterung, bevor ein einzelner Messwert alarmierend wird. Sie hört an der Stimme eines Patienten, dass etwas nicht stimmt. Sie weiss, welcher Ablauf auf dem Papier funktioniert und wo er im wirklichen Stationsalltag scheitert. Sie kennt nicht nur Regeln, sondern auch Übergänge, Ausnahmen und leise Warnsignale.

Manchmal steckt im selben Satz aber auch eine Gefahr.

Eine Handlung wird wiederholt, weil sie gestern wiederholt wurde. Eine Abweichung wird normal, weil bisher nichts sichtbar Schlimmes geschah. Eine neue Mitarbeiterin fragt nach der Begründung und erhält keine Antwort, sondern eine Rangordnung: «Ich arbeite seit zwanzig Jahren hier.»

Damit ist die Frage beendet, ohne beantwortet worden zu sein.

Nach rund vierzig Jahren in Pflege, Führung, Ausbildung und Projektarbeit würde ich Erfahrung niemals gering schätzen. Zu oft habe ich erlebt, wie wertvoll sie in unübersichtlichen Situationen ist. Ich habe aber ebenso erlebt, dass lange Berufsdauer und tatsächliche Könnerschaft nicht dasselbe sind.

Erfahrung kann zu Expertise werden.

Sie kann aber auch zu Gewohnheit werden.

Und Gewohnheit kann sich mit der Zeit so sicher anhören, dass niemand mehr nach ihrem Inhalt fragt.

Eine notwendige wissenschaftliche Korrektur zum Ausgangstext

Der Text, der diesen Beitrag angestossen hat, berührt ein echtes Problem. Zwei der darin genannten Studien werden jedoch weiter ausgelegt, als ihre Daten erlauben. Gerade bei einem Beitrag über falsche Sicherheit ist diese Korrektur wichtig.

Justin Kruger und David Dunning untersuchten 1999 nicht Menschen, die seit Jahrzehnten denselben Beruf ausübten. Ihre Versuchspersonen bearbeiteten Aufgaben unter anderem zu logischem Denken, Grammatik und Humor und schätzten anschliessend ihre eigene Leistung ein. Schlechter abschneidende Personen überschätzten ihre Leistung und vor allem ihren Rang innerhalb der Gruppe stärker. Daraus folgt aber nicht: «Wer lange arbeitet, hält sich automatisch für einen Experten.» Die bekannte populäre Karikatur des Dunning–Kruger-Effekts ist wesentlich gröber als die Originalstudie. Zudem wird bis heute diskutiert, welcher Anteil des beobachteten Musters auf Metakognition und welcher auf statistische Effekte wie Regression zur Mitte zurückgeht. Gignac und Zajenkowski argumentierten 2020 sogar, ein grosser Teil könne statistisch erklärt werden. Selbstüberschätzung ist real; der Dunning–Kruger-Effekt ist aber kein Universalstempel für jede Person, deren Sicherheit uns stört. (Kruger & Dunning, 1999; Gignac & Zajenkowski, 2020)

Auch Ruth Butlers Studie von 1988 handelte nicht von der Zuverlässigkeit von Schulnoten als Instrument der Personalrekrutierung. Untersucht wurden zwölf Klassen mit Schülerinnen und Schülern der fünften und sechsten Stufe. Verglichen wurden Rückmeldungen durch Noten, Kommentare sowie Noten plus Kommentare. Aufgabenbezogene Kommentare waren für Interesse und Leistung günstiger; Noten und Noten plus Kommentare wirkten eher ich- beziehungsweise statusbezogen. Das ist bedeutsam für Feedback und Lernen, beweist aber nicht, dass Schulnoten für jede Personalauswahl untauglich seien. (Butler, 1988)

Die Grundthese bleibt dennoch wichtig. Nur braucht sie passendere Forschung.

Erfahrung, Routine, Kompetenz und Expertise sind nicht dasselbe

Im Alltag werden diese Begriffe häufig vermischt.

Erfahrung bezeichnet zunächst, dass ein Mensch Situationen erlebt und Handlungen ausgeführt hat. Sie sagt etwas über Kontakt mit einer Praxis aus, noch nicht automatisch über die Qualität des daraus Gelernten.

Routine bedeutet, dass Abläufe vertraut und teilweise automatisiert geworden sind. Das entlastet Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis. Ohne Routine wäre eine Akutstation kaum funktionsfähig. Routine ist deshalb nicht der Feind. Sie wird erst riskant, wenn sie Veränderungen nicht mehr bemerkt oder Fragen als Störung behandelt.

Kompetenz zeigt sich darin, dass eine Person eine Aufgabe unter definierten Bedingungen sicher und dem aktuellen Standard entsprechend ausführen kann.

Expertise verlangt mehr: eine wiederholt überlegene Leistung in realitätsnahen Situationen, Anpassungsfähigkeit bei Abweichungen, ein Verständnis der eigenen Grenzen und die Fähigkeit, aus Rückmeldungen weiterzulernen.

Der entscheidende Unterschied lautet deshalb nicht:

jung gegen alt, akademisch gegen praktisch oder neu gegen erfahren.

Er lautet:

ungeprüfte Wiederholung gegen lernende Erfahrung.

Patricia Benner: Erfahrung als Quelle klinischer Könnerschaft

Für die Pflege ist Patricia Benners Modell From Novice to Expert zentral. Aufbauend auf dem Fertigkeitserwerbsmodell der Brüder Dreyfus beschrieb sie fünf Entwicklungsstufen: Anfänger, fortgeschrittener Anfänger, kompetent, erfahren beziehungsweise gewandt und Experte. Mit wachsender Erfahrung wird eine Situation weniger als Ansammlung einzelner Regeln und stärker als zusammenhängendes klinisches Muster wahrgenommen. (Benner, 1982)

Das passt sehr gut zur Pflegepraxis.

Eine neue Pflegefachperson kontrolliert vielleicht bewusst Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Hautfarbe, Vigilanz und Atemarbeit. Eine erfahrene Pflegefachperson nimmt dasselbe Gesamtbild möglicherweise in Sekunden wahr. Sie sieht nicht weniger. Sie bündelt mehr.

Das ist eine Stärke.

Aber Benners Modell wird im Alltag manchmal zu grob gelesen. Aus «Expertise entwickelt sich durch Erfahrung in konkreten Situationen» wird dann «Wer lange genug dabei ist, ist Experte». Das ist nicht dasselbe. Erfahrung bei Benner ist nicht bloss verstrichene Kalenderzeit. Sie ist die Auseinandersetzung mit Situationen, Bedeutungen, Folgen und Veränderungen.

Zudem ist Expertise bereichsspezifisch. Eine hervorragende Pflegefachperson der Pneumologie kann auf einer spezialisierten neurologischen, neonatologischen oder psychiatrischen Station zunächst wieder Anfängeranteile erleben. Vierzig Jahre Pflege ergeben nicht vierzig Jahre Expertise in jeder denkbaren Pflegesituation.

Echte Expertise kennt deshalb nicht nur das eigene Können. Sie erkennt auch den Rand dieses Könnens.

Kahneman und Klein: Wann darf man der Intuition vertrauen?

Daniel Kahneman erforschte systematische Urteilsfehler. Gary Klein untersuchte, wie erfahrene Menschen unter Zeitdruck in realen Hochrisikosituationen erstaunlich gute intuitive Entscheidungen treffen. Man hätte erwarten können, dass beide einander widersprechen.

2009 kamen sie in einer gemeinsamen Arbeit zu einer bemerkenswert klaren Übereinstimmung: Verlässliche Intuition kann vor allem dann entstehen, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind.

Erstens braucht es eine Umgebung mit ausreichend stabilen, erkennbaren Regelmässigkeiten.

Zweitens braucht es genügend Gelegenheit, diese Regelmässigkeiten durch zeitnahe und aussagekräftige Rückmeldungen zu lernen. (Kahneman & Klein, 2009)

Das lässt sich unmittelbar auf die Pflege übertragen.

Wenn eine Pflegefachperson immer wieder Patientinnen und Patienten mit ähnlichen klinischen Verläufen betreut und rasch erlebt, welche Beobachtung welche Entwicklung ankündigte, kann sehr wertvolle Mustererkennung entstehen.

Bei seltenen Ereignissen, stark wechselnden Patientengruppen, verzögerten Folgen oder unklarer Rückmeldung ist das anders. Wer eine riskante Abkürzung hundertmal nimmt und kein sichtbares Ereignis erlebt, erhält scheinbar ebenfalls Feedback: «Es ging doch gut.» Dieses Feedback ist aber trügerisch. Vielleicht war die Handlung tatsächlich ungefährlich. Vielleicht wurde ein Beinahefehler nicht entdeckt. Vielleicht haben andere Personen die Folgen abgefangen. Vielleicht ist das seltene Risiko schlicht noch nicht eingetreten.

Nicht jede Wiederholung liefert Lernen.

Manche Wiederholung liefert lediglich Vertrautheit.

Und Vertrautheit fühlt sich im Kopf häufig wie Wahrheit an.

Ericsson: Expertise muss sich an Leistung zeigen

K. Anders Ericsson und seine Mitautoren stellten die verbreitete Praxis infrage, Expertinnen und Experten vor allem über Ansehen, Funktion oder Berufsjahre zu bestimmen. Ihr Expert-Performance-Ansatz verlangt stattdessen eine unter realistischen Bedingungen wiederholt nachweisbare überlegene Leistung.

In einer Übersichtsarbeit zur Pflege kamen Ericsson, Whyte und Ward 2007 zum Schluss, dass eine längere Berufserfahrung in der Forschung nicht zuverlässig mit einer überlegenen pflegerischen Leistung verbunden war. Sie forderten deshalb, pflegerische Expertise nicht bloss sozial zuzuschreiben, sondern an beobachtbarer Leistung zu untersuchen. (Ericsson, Whyte & Ward, 2007)

Eine kleine Simulationsstudie von Whyte, Ward und Eccles macht die Spannung besonders anschaulich. Zwölf erfahrene und zehn wenig erfahrene Intensivpflegefachpersonen versorgten in vier Szenarien simulierte Patientinnen und Patienten mit respiratorischer Verschlechterung. Die Erfahrenen verfügten über deutlich mehr Wissen. Allein nach Berufsjahren unterschieden sie sich in der tatsächlichen klinischen Leistung jedoch nicht zuverlässig von den Neulingen. Unterschiede zeigten sich erst, als zusätzlich fachzertifizierte Intensivpflegefachpersonen mit den übrigen Teilnehmenden verglichen wurden. Die Studie ist klein und simuliert; sie darf nicht verallgemeinert werden. Sie zeigt aber, weshalb Wissen, Jahre und ausgeführte Leistung getrennt betrachtet werden müssen. (Whyte, Ward & Eccles, 2009)

Auch die Forschung zur gezielten Übung, häufig deliberate practice genannt, weist in diese Richtung. Expertise wächst nicht allein durch häufiges Tun. Sie wächst durch anspruchsvolle Übung an den eigenen Grenzen, klare Qualitätskriterien, Rückmeldung und erneute Korrektur. Wie gross der Anteil gezielter Übung an Spitzenleistung ist, wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert. Unstrittig ist jedoch: Wiederholung ohne Rückmeldung kann ebenso gut einen Fehler stabilisieren wie eine Fähigkeit verbessern.

Der Einstellungseffekt: Wenn eine bekannte Lösung die bessere verdeckt

Abraham Luchins zeigte bereits in den 1940er-Jahren mit seinen Wasserkrug-Aufgaben den sogenannten Einstellungseffekt: Wer eine wiederholt erfolgreiche, aber umständliche Lösungsstrategie gelernt hatte, verwendete sie später weiter, obwohl eine einfachere Lösung möglich gewesen wäre.

Merim Bilalić, Peter McLeod und Fernand Gobet übertrugen dieses Problem auf Schachexperten. Eine vertraute, gute Lösung konnte die Aufmerksamkeit so stark binden, dass eine bessere Lösung nicht gefunden wurde. Selbst Experten waren davor nicht vollständig geschützt. Grössere Expertise verringerte die Anfälligkeit teilweise, beseitigte sie aber nicht. (Bilalić, McLeod & Gobet, 2008a; Bilalić, McLeod & Gobet, 2008b)

Im Stationsalltag klingt der Einstellungseffekt so:

● «Bei dieser Unruhe geben wir zuerst die Bedarfsmedikation.»

● «Diese Patientin klingelt immer nur aus Unsicherheit.»

● «Dieser Blutdruck ist bei ihm normal.»

● «So dokumentieren wir das hier.»

● «Bei uns wird Insulin auf mündliche Anordnung schon immer so verabreicht.»

Jede Aussage kann im Einzelfall richtig sein.

Gefährlich wird sie, wenn die vertraute Deutung alle anderen Möglichkeiten verdeckt: Delir statt Unruhe. Schmerz statt Aufmerksamkeitssuche. Beginnende Sepsis statt persönlicher Normalwert. Eine nicht nachvollziehbare Verordnung statt pragmatischer Zusammenarbeit.

Routine verkürzt den Weg zur Handlung.

Expertise weiss, wann dieser kurze Weg verlassen werden muss.

Was sagt die klinische Forschung über Berufsjahre?

Eine oft zitierte systematische Übersichtsarbeit von Choudhry, Fletcher und Soumerai untersuchte 62 Auswertungen zum Zusammenhang zwischen ärztlichen Berufsjahren beziehungsweise Alter und Qualität. In 32 Auswertungen sank die Leistung mit zunehmenden Berufsjahren bei allen untersuchten Ergebnissen; in weiteren 13 nur bei einem Teil der Ergebnisse. Nur eine Auswertung fand durchgehend bessere Leistung mit mehr Erfahrung. (Choudhry, Fletcher & Soumerai, 2005)

Diese Zahlen wirken eindrücklich, müssen aber begrenzt werden.

Die Arbeit betrifft Ärztinnen und Ärzte, nicht Pflegefachpersonen. Viele eingeschlossene Studien waren beobachtend. Alter, Fortbildung, Arbeitsumfeld, Fallauswahl und Generationseffekte lassen sich nicht vollständig voneinander trennen. Daraus darf weder eine Abwertung älterer Mitarbeitender noch die Behauptung entstehen, Erfahrung verschlechtere grundsätzlich die Versorgung.

Die berechtigte Schlussfolgerung ist schmaler und wichtiger:

Berufsjahre allein sind kein verlässlicher Qualitätsnachweis.

Warum der Stationsalltag dieses Problem begünstigt

Pflegestationen sind keine ruhigen Lernlabore. Sie sind komplexe soziale Systeme unter Zeitdruck.

Mehrere Mechanismen wirken gleichzeitig:

1. Erfolgreiches Improvisieren verdeckt Systemfehler

Anita Tucker und Amy Edmondson beobachteten, wie Pflegefachpersonen alltägliche Prozessprobleme rasch lösen, damit die Versorgung weiterläuft. Sie besorgen fehlendes Material, suchen Medikamente, klären unvollständige Verordnungen, ersetzen defekte Geräte und fangen Informationslücken auf. Diese Fähigkeit ist beeindruckend. Sie kann aber verhindern, dass die Organisation aus den Störungen lernt: Das Problem ist für den Moment gelöst und wird deshalb nicht an seiner Ursache bearbeitet. (Tucker & Edmondson, 2003)

In einer weiteren Untersuchung erlebten die beobachteten Pflegefachpersonen durchschnittlich 8,4 Arbeitsablaufstörungen pro Achtstundenschicht. Häufig betroffen waren Medikamente, Verordnungen, Material, Personal und Geräte. Wer solche Lücken täglich kompensiert, entwickelt zwangsläufig Workarounds. (Tucker & Spear, 2006)

Das Problem ist also nicht bloss eine «stur gewordene» Einzelperson. Oft trainiert das System seine Mitarbeitenden darin, Abweichungen still und effizient zu überbrücken.

2. Kein Schaden wird mit sicherem Handeln verwechselt

Wenn eine Abkürzung ohne sichtbare Folgen bleibt, wird das Ausbleiben des Schadens als Bestätigung gedeutet. Dabei wird übersehen, dass Patientensicherheit probabilistisch ist. Eine riskante Handlung verursacht nicht jedes Mal einen Schaden.

Hundertmal Glück ist kein Sicherheitsnachweis.

3. Status ersetzt Begründung

In Teams besitzt lange Zugehörigkeit informelle Macht. Wer alle Abläufe, Personen und Geschichten kennt, kann Diskussionen allein durch Sicherheit beenden. Neue Mitarbeitende, Lernende oder Angehörige anderer Berufsgruppen sehen möglicherweise einen Widerspruch, wissen aber noch nicht, ob sie ihn aussprechen dürfen.

Amy Edmondson zeigte, dass psychologische Sicherheit mit Lernverhalten in Teams verbunden ist. Nembhard und Edmondson untersuchten später 23 neonatologische Intensivstationen. Eine inklusive Führung, welche Beiträge aktiv einlädt und würdigt, war mit höherer psychologischer Sicherheit und stärkerem Engagement in Verbesserungsarbeit verbunden. Gerade Statusunterschiede konnten dadurch abgeschwächt werden. (Edmondson, 1999; Nembhard & Edmondson, 2006)

4. Abweichung wird allmählich normal

Die Soziologin Diane Vaughan prägte bei ihrer Analyse der Challenger-Katastrophe den Begriff Normalization of Deviance: Abweichungen werden normal, wenn sie wiederholt auftreten und zunächst keine Katastrophe folgt.

René Amalberti, Charles Vincent und Kollegen übertrugen dieses Denken auf das Gesundheitswesen. Sie betonten eine wichtige Ambivalenz: Abweichungen können Anpassungen an schlecht passende Regeln und reale Arbeitsbedingungen sein. Sie erhöhen manchmal sogar kurzfristig Leistung und Zufriedenheit. Werden sie jedoch immer weiter toleriert, kann das System schrittweise an die Sicherheitsgrenze wandern. Abweichungen lassen sich deshalb nicht einfach vollständig verbieten; sie müssen sichtbar gemacht, verstanden und je nach Risiko unterschiedlich behandelt werden. (Amalberti et al., 2006)

5. Wissen bedroht manchmal Identität

Wer zwanzig Jahre als besonders erfahren galt, hört in einer Korrektur womöglich nicht nur neue Information. Er hört: «Deine bisherige Arbeit war falsch.»

Dann wird eine fachliche Frage zur Statusfrage.

Das erklärt, weshalb neue Standards gelegentlich nicht sachlich geprüft, sondern persönlich abgewehrt werden. Es entschuldigt riskantes Verhalten nicht. Es zeigt aber, warum blosses Belehren selten genügt.

Was bedeutet das konkret für Pflege und Stationsalltag?

Die Gefahr liegt nicht nur im spektakulären Fehler. Sie liegt in kleinen Selbstverständlichkeiten.

● Eine mündliche Hochrisikoverordnung wird ausgeführt, obwohl sie nicht nachvollziehbar dokumentiert ist.

● Ein Medikament wird geteilt, gemörsert oder über eine Sonde gegeben, weil dies früher möglich war, obwohl Präparat oder Fachinformation inzwischen anders sind.

● Ein auffälliger Wert wird als «bei dieser Person normal» eingeordnet, ohne den aktuellen Verlauf zu prüfen.

● Eine Klingel wird aufgrund einer früheren Zuschreibung anders bewertet.

● Ein Sturz, eine Hypoglykämie oder ein Beinahefehler wird individuell aufgefangen, aber nicht in den Prozess zurückgespiegelt.

● Eine Pflegefachperson korrigiert still die lückenhafte Arbeit des Systems und wird gerade deshalb zum unsichtbaren Puffer.

● Eine Lernende beobachtet einen Widerspruch, schweigt aber, weil die erfahrenste Person im Raum bereits entschieden hat.

● Eine Übergabe transportiert eine alte Deutung weiter: «schwierig», «fordernd», «unkooperativ». Die nächste Schicht sieht anschliessend, was die vorherige angekündigt hat.

Hier verbinden sich Routine, Framing, Hierarchie, Bestätigungsfehler und Gruppendynamik.

Ein einzelner Mensch muss nicht inkompetent sein. Ein ganzes System kann gemeinsam einen blinden Fleck stabilisieren.

Wie lässt sich das begrenzen, ohne Erfahrung zu entwerten?

Die Lösung kann nicht darin bestehen, erfahrenen Mitarbeitenden grundsätzlich zu misstrauen. Ebenso falsch wäre es, neue Mitarbeitende automatisch für unvoreingenommener oder wissenschaftlicher zu halten.

Es braucht Korrekturmechanismen, die für alle gelten.

1. Dienstjahre würdigen, Kompetenz aber beobachten

Jubiläen messen Zugehörigkeit. Kompetenznachweise messen Können. Beides darf Anerkennung erhalten, aber es ist nicht dasselbe.

Bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten sollte nicht die Frage lauten: «Wie lange macht die Person das schon?», sondern:

● Führt sie die Tätigkeit nach aktuellem Standard sicher aus?

● Erkennt sie Abweichungen und Grenzen?

● Kann sie ihre Entscheidung begründen?

● Holt sie rechtzeitig Unterstützung?

● Bleibt ihre Leistung auch unter realistischen Bedingungen zuverlässig?

Kompetenzprüfung darf dabei nicht als Misstrauensvotum gegen ältere Mitarbeitende erscheinen. Sie muss für alle Funktionen und Altersgruppen selbstverständlich sein.

2. Bei Hochrisikosituationen das Gedächtnis nicht zur letzten Instanz machen

Insulin, Antikoagulanzien, Opiate, konzentrierte Elektrolyte, Blutprodukte, invasive Verfahren und akute Verschlechterungen verdienen bewusst gesetzte Haltepunkte.

Nicht jede Handlung braucht eine zweite Person. Flächendeckende Doppelkontrollen können zu leerem Abhaken führen und Personal binden, ohne automatisch Sicherheit zu schaffen. Entscheidend sind risikobasierte, klar definierte Kontrollen dort, wo ein Irrtum grossen Schaden verursachen kann, sowie eine überprüfbare schriftliche Verordnung und ein gemeinsames Verständnis des Auftrags.

Ein sinnvoller Haltepunkt fragt:

richtige Person – richtige Indikation – richtige Substanz oder Massnahme – richtige Dosis – richtiger Weg – richtiger Zeitpunkt – aktuelle Werte – dokumentierte Anordnung – erwartete Wirkung – möglicher Schaden.

3. Vor der gewohnten Antwort eine zweite Möglichkeit verlangen

Bei unklaren oder sich verschlechternden Situationen kann eine einfache Teamregel helfen:

Bevor wir handeln, nennen wir mindestens eine alternative Erklärung.

Ist es wirklich nur Unruhe – oder Schmerz, Delir, Hypoxie, Harnverhalt, Angst oder eine Medikamentenwirkung?

Ist der tiefe Blutdruck wirklich bekannt – oder ist der Verlauf neu?

Ist die Verweigerung mangelnde Kooperation – oder fehlen Sprache, Verständnis, Vertrauen oder Entscheidungskapazität?

Diese kleine Unterbrechung bekämpft nicht Erfahrung. Sie schützt Erfahrung vor dem Einstellungseffekt.

4. Die rangniedrigste oder neueste Stimme zuerst hören

Wenn die erfahrenste Person zuerst ihre Diagnose oder Lösung nennt, werden spätere Beiträge leicht daran verankert. Bei Fallbesprechungen, Visiten und Debriefings kann die Reihenfolge bewusst umgekehrt werden:

● zuerst Beobachtungen der Lernenden oder neu eingetretenen Person,

● danach Einschätzungen der weiteren Berufsgruppen,

● zuletzt die vorläufige Synthese der verantwortlichen Fach- oder Führungsperson.

Das bedeutet nicht, Verantwortung demokratisch aufzulösen. Entscheiden muss weiterhin, wer dafür zuständig ist. Aber eine Entscheidung wird besser, wenn relevante Wahrnehmungen vorher überhaupt in den Raum gelangen.

5. Fragen nicht mit Status beantworten

Auf «Warum machen wir das so?» sind folgende Antworten Warnsignale:

● «Weil ich es sage.»

● «Weil es immer so war.»

● «Du bist noch nicht lange genug hier.»

Eine professionelle Antwort kann auch lauten:

«Ich weiss es im Moment nicht sicher. Wir prüfen den Standard.»

Dieser Satz schwächt Autorität nicht. Er macht aus Autorität Verlässlichkeit.

6. Workarounds sichtbar und zeitlich begrenzt machen

Ein Workaround kann in einer konkreten Situation notwendig sein. Gefährlich wird er, wenn er unsichtbar zum neuen Normalzustand wird.

Jede wiederkehrende Umgehung sollte deshalb vier Fragen erhalten:

1. Welches Hindernis zwingt uns dazu?

2. Welches Risiko entsteht dadurch?

3. Wer bearbeitet die Ursache?

4. Bis wann wird entschieden, ob der Standard angepasst oder die Abweichung beendet wird?

Eine temporäre Lösung braucht einen Verantwortlichen und ein Ablaufdatum. Sonst wird aus Provisorium Kultur.

7. Aus dem schnellen Retten ein organisationales Lernen machen

Pflegefachpersonen dürfen nicht dafür bestraft werden, dass sie den Betrieb am Laufen halten. Ihre Improvisationen sind wertvolle Daten über Schwachstellen des Systems.

Deshalb sollte die Station nicht nur Fehler sammeln, sondern auch wiederkehrende Kompensationen:

● Wo suchen wir täglich Material?

● Welche Verordnungen müssen regelmässig nachtelefoniert werden?

● Welche Software zwingt zu Umwegen?

● Wo hängen sichere Abläufe an einer einzigen erfahrenen Person?

● Welche Probleme werden von der Pflege gelöst, ohne dass Führung oder Prozessverantwortliche davon erfahren?

CIRS, Kurzdebriefings und Verbesserungsrunden entfalten nur dann Wirkung, wenn Meldende eine Rückmeldung erhalten. Sonst lernt das Team nicht «Melden hilft», sondern «Melden verschwindet».

8. Audit und Feedback konkret gestalten

Die aktualisierte Cochrane-Übersicht von Ivers und zahlreichen Mitautorinnen und Mitautoren umfasst 292 Studien. Audit und Feedback verbesserten die gewünschte berufliche Praxis im Median absolut um 2,7 Prozentpunkte; die Wirkungen schwankten stark. Günstiger waren unter anderem individuelle statt nur aggregierte Daten, der Vergleich mit guten Referenzwerten, interaktive Rückmeldung, eine glaubwürdige lokale Bezugsperson sowie Unterstützung durch konkrete Handlungspläne. Die meisten Studien betrafen ärztliche Praxis; die Ergebnisse sind daher nicht eins zu eins Pflegeforschung. Sie zeigen dennoch: «Wir haben es einmal gesagt» ist keine Lernstrategie. (Ivers et al., 2026)

Für eine Station bedeutet das:

● wenige, relevante Kennzahlen statt Datenfriedhof,

● zeitnahe Rückmeldung,

● konkrete Fälle statt abstrakte Ermahnungen,

● gemeinsames Festlegen der nächsten Handlung,

● erneute Messung,

● Anerkennung von Verbesserung.

9. Psychologische Sicherheit mit fachlicher Verbindlichkeit verbinden

Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass jede Vorgehensweise gleich gut ist oder niemand kritisiert werden darf.

Sie bedeutet:

Jeder darf eine Unsicherheit, Beobachtung, Frage oder einen möglichen Fehler ansprechen, ohne dafür beschämt zu werden.

Eine Just Culture ergänzt dies um Verantwortung. Menschliche Irrtümer, riskante Gewohnheiten und bewusst rücksichtsloses Verhalten sind nicht dasselbe. Sie brauchen unterschiedliche Antworten: Systemverbesserung und Trost, Coaching und klare Grenzen oder – bei bewusstem erheblichem Risiko – konsequente Verantwortungsübernahme.

Wertschätzung ohne Grenze wird Beliebigkeit.

Grenze ohne Wertschätzung wird Schweigen.

Patientensicherheit braucht beides.

10. Simulation, Fallreflexion und Teach-back nutzen

Seltene, aber gefährliche Situationen liefern im Alltag zu wenig verlässliche Lerngelegenheiten. Simulation kann diese Lücke teilweise schliessen. Entscheidend ist nicht die Vorführung, sondern die anschliessende präzise Rückmeldung:

● Was wurde wahrgenommen?

● Was wurde übersehen?

● Welche Annahme leitete das Handeln?

● Welche Information hätte die Entscheidung verändert?

● Was wird beim nächsten Mal konkret anders gemacht?

Auch erfahrene Mitarbeitende gehören in solche Lernformen. Gerade sie verfügen über reiches Fallwissen, das im Debriefing für das Team sichtbar werden kann. Gleichzeitig erhalten auch ihre Routinen eine faire Möglichkeit zur Überprüfung.

Was muss die Stationsleitung tun?

Führung entscheidet wesentlich darüber, ob Erfahrung zum Schutzfaktor oder zur unangreifbaren Machtquelle wird.

Eine Stationsleitung sollte:

● Erfahrung ausdrücklich anerkennen, aber Dienstalter nie als Ersatz für Begründung akzeptieren;

● bei neuen Standards erklären, welches Problem gelöst werden soll und welche Evidenz dahintersteht;

● Lernende und neue Mitarbeitende gezielt nach dem fragen, was ihnen unverständlich oder widersprüchlich erscheint;

● selbst sichtbar sagen können: «Das weiss ich nicht; wir klären es»;

● wiederkehrende Workarounds als Systeminformation behandeln;

● sicherheitsrelevante Kompetenzen regelmässig und fair überprüfen;

● fachliche Aktualisierung in der Arbeitszeit ermöglichen;

● bei Hinweisen zuerst neugierig reagieren und erst danach bewerten;

● CIRS- und Qualitätsmeldungen mit sichtbaren Antworten schliessen;

● informelle Meinungsführerinnen und Meinungsführer einbinden, ohne ihnen ein Vetorecht gegen Veränderung zu geben;

● dort klare Grenzen setzen, wo trotz Information, Unterstützung und Rückmeldung bewusst an erheblichem Risiko festgehalten wird.

Besonders wichtig ist die erste Reaktion der Führung auf eine unbequeme Frage.

Rollt sie mit den Augen, rechtfertigt sofort das Bestehende oder fragt nach dem «Schuldigen», hat das Team die Lektion verstanden.

Bedankt sie sich, prüft die Beobachtung und meldet das Ergebnis zurück, hat es ebenfalls verstanden.

Kultur wird nicht durch Leitbilder gelernt.

Sie wird an Reaktionen gelernt.

Wo liegen die Grenzen dieser Forderung?

Auch die Kritik an Routine kann selbst zur Ideologie werden. Deshalb braucht sie Grenzen.

Nicht jede alte Praxis ist veraltet

Manche Vorgehensweise hat sich nicht nur lange gehalten, sondern wurde häufig geprüft und bewährt. Neu ist nicht automatisch besser.

Nicht jede Abweichung ist Fahrlässigkeit

Regeln können unvollständig, widersprüchlich oder unter realen Bedingungen nicht ausführbar sein. Abweichungen können zeigen, wo ein System schlecht gestaltet ist. Sie müssen verstanden werden, bevor sie verurteilt werden.

Nicht alles Wertvolle lässt sich vollständig messen

Beziehungsarbeit, klinisches Gespür, Beruhigung, Priorisierung und das frühe Wahrnehmen einer Veränderung lassen sich nur teilweise in Kennzahlen abbilden. Was schwer messbar ist, ist nicht deshalb unwissenschaftlich oder wertlos.

Standards ersetzen kein Urteil

Checklisten und Leitlinien sind Geländer, keine vollständige Landkarte eines Menschen. Eine sichere Pflege braucht Standardisierung dort, wo Variabilität gefährlich ist, und professionelles Urteil dort, wo individuelle Situationen Anpassung verlangen.

Neue Mitarbeitende haben ebenfalls blinde Flecken

Der frische Blick ist wertvoll, aber fehlende Erfahrung kann Risiken unsichtbar machen. Eine neue Person erkennt möglicherweise eine unnötige Gewohnheit – oder sie versteht den guten Grund hinter einer Praxis noch nicht.

Wissenschaft ist vorläufig

Auch Studien sind keine letzte Wahrheit. Sie unterscheiden sich in Qualität, Kontext und Übertragbarkeit. Evidenzbasierte Pflege verbindet bestmögliche Forschung, klinische Expertise, Situation und Präferenzen der betroffenen Menschen. Sie ersetzt nicht ein Dogma durch ein anderes.

Die Verbindung zu meinen Denkmodellen

Das Thema berührt mehrere meiner eigenen, praxisbasierten Denkmodelle. Diese sind keine bereits empirisch bestätigten wissenschaftlichen Theorien. Sie sind integrative Heuristiken, die Beobachtungen ordnen und prüfbare Fragen ermöglichen.

Die Möbiusschleife des Menschlichen

Der Weg von Erfahrung zu Expertise ist keine gerade Leiter, die man einmal hinaufsteigt und danach oben bleibt.

Er ist eine Möbiusschleife:

wahrnehmen – handeln – Wirkung beobachten – deuten – hinterfragen – korrigieren – erneut handeln.

Wer die Schleife an der Stelle des Hinterfragens durchtrennt, behält Erfahrung, verliert aber Lernen.

Das Märkliheft-Prinzip

Berufsjahre wirken wie gesammelte Märkli. Jedes Jahr bringt einen weiteren sichtbaren Nachweis von Zugehörigkeit. Viele Märkli erzeugen Status. Sie beweisen Ausdauer und Erfahrung – aber nicht automatisch, dass jede heutige Handlung richtig ist.

Das Märkliheft darf Anerkennung geben.

Es darf keine fachliche Immunität verleihen.

Das Informations–Gerüchte-Gesetz

Wenn die fachliche Begründung einer Routine fehlt, bleibt kein leerer Raum. Er wird gefüllt:

● «Das will die Leitung so.»

● «Das darf man nicht anders.»

● «Die andere Schicht macht es immer falsch.»

● «Das war schon einmal ein Problem.»

Je weniger überprüfbare Information vorhanden ist, desto mehr lokale Erzählung übernimmt die Steuerung.
Mehr zum Märklihft-Prizinp

Multiversität

Ein lernendes Team braucht nicht nur unterschiedliche Nationalitäten oder Berufsabschlüsse. Es braucht unterschiedliche Erfahrungshorizonte: die langjährige Pflegefachperson mit ihrem Musterwissen, die Lernende mit ihrer unbequemen Warum-Frage, die neu eingetretene Person mit dem Vergleich zu einem anderen System, die Ärztin, Therapie, Hotellerie und vor allem die betroffene Patientin oder den Patienten.

Nicht eine Perspektive gewinnt.

Die Verschiedenheit wird so verbunden, dass eine tragfähigere gemeinsame Wirklichkeit entsteht.

Mehr dazu unter: Von der Diversität zur Multiversität

Integratives Systemdenken

Wenn eine riskante Routine besteht, ist die einfachste Erklärung: «Diese Person ist stur.»

Systemisches Denken fragt weiter:

● Welche Arbeitsbedingungen belohnen die Abkürzung?

● Welche Rückmeldung fehlt?

● Welche Hierarchie verhindert Widerspruch?

● Welche Regel passt nicht zur Realität?

● Welches Problem löst die Abweichung für das Team?

● Wer profitiert davon, dass alles scheinbar weiterläuft?

Erst dann wird aus moralischer Verurteilung eine veränderbare Situation.

Eine kurze Prüfroutine für den Alltag

Vor einer vertrauten, aber sicherheitsrelevanten Handlung können sieben Fragen genügen:

1. Was beobachte ich tatsächlich – und was deute ich nur?

2. Was hat sich seit dem letzten Mal verändert?

3. Auf welchen aktuellen Standard stütze ich mich?

4. Welche andere Erklärung ist möglich?

5. Welche Information würde meine Meinung ändern?

6. Wer im Team könnte etwas sehen, das ich übersehe?

7. Wie erfahren wir später, ob unsere Entscheidung gut war?

Diese Fragen nehmen der Erfahrung nicht ihre Kraft.

Sie geben ihr einen Korrekturmechanismus.

Fazit

Die Pflege braucht erfahrene Menschen.

Sie braucht ihre Ruhe in Krisen, ihr Musterwissen, ihre Geschichten, ihre Improvisationsfähigkeit, ihre Kenntnis von Patientenverläufen und ihre Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.

Aber die Pflege darf Erfahrung nicht mit Unfehlbarkeit verwechseln.

Zwanzig Jahre Berufstätigkeit können zwanzig Jahre fortlaufendes Lernen bedeuten. Sie können ebenso bedeuten, dass ein Jahr zwanzigmal wiederholt wurde. Von aussen sehen beide Lebensläufe ähnlich aus. Der Unterschied zeigt sich im Umgang mit Fragen, Rückmeldung, neuen Erkenntnissen und eigenen Grenzen.

Eine wirkliche Expertin muss nicht bei jeder Frage recht behalten.

Sie muss erkennbar bleiben, wenn sie nicht recht hat.

Ein wirklicher Experte verliert durch Korrektur nicht seinen Status.

Er beweist dadurch seine Professionalität.

Die Aufgabe einer guten Station ist deshalb nicht, Erfahrung zu limitieren. Sie muss die Macht ungeprüfter Erfahrung begrenzen und zugleich die Lernkraft reflektierter Erfahrung schützen.

Dann arbeiten Wissen und Erfahrung nicht gegeneinander.

Sie korrigieren einander.

Und genau darin entsteht Expertise.

«Die gefährlichste Routine ist nicht jene, die oft funktioniert. Es ist jene, die niemand mehr begründen muss.»  
-Christoph J. Zingg (2026)

Ausgewählte wissenschaftliche Literatur

Amalberti, R., Vincent, C., Auroy, Y., & de Saint Maurice, G. (2006). Violations and migrations in health care: A framework for understanding and management. Quality and Safety in Health Care, 15(Suppl. 1), i66–i71. https://doi.org/10.1136/qshc.2005.015982

Benner, P. (1982). From novice to expert. American Journal of Nursing, 82(3), 402–407. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/6917683/

Bilalić, M., McLeod, P., & Gobet, F. (2008a). Inflexibility of experts—Reality or myth? Quantifying the Einstellung effect in chess masters. Cognitive Psychology, 56(2), 73–102. https://doi.org/10.1016/j.cogpsych.2007.02.001

Bilalić, M., McLeod, P., & Gobet, F. (2008b). Why good thoughts block better ones: The mechanism of the pernicious Einstellung effect. Cognition, 108(3), 652–661. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2008.05.005

Butler, R. (1988). Enhancing and undermining intrinsic motivation. British Journal of Educational Psychology, 58(1), 1–14. https://doi.org/10.1111/j.2044-8279.1988.tb00874.x

Choudhry, N. K., Fletcher, R. H., & Soumerai, S. B. (2005). Systematic review: The relationship between clinical experience and quality of health care. Annals of Internal Medicine, 142(4), 260–273. https://doi.org/10.7326/0003-4819-142-4-200502150-00008

Edmondson, A. C. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(4), 350–383. https://doi.org/10.2307/2666999

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