Stempel einer erfundenen Souveränität

Stempel einer erfundenen Souveränität - Was mein Pass über Transkei, die Homelands, Lesotho, Swasiland und Walvis Bay erzählen

Was mein Pass und meine Briefmarken über Transkei, die Homelands, Lesotho, Swasiland und Walvis Bay erzählen

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von Christoph J. Zingg (Autor)

Erinnerungen

Mein Pass trägt Stempel der Transkei, aus Lesotho und Swasiland sowie aus Walvis Bay. Daneben besitze ich Briefmarken aus dem System der südafrikanischen Homelands.

Was zunächst wie eine Sammlung besonderer Reise- und Zeitdokumente erscheint, erzählt bei genauerem Hinsehen von sehr unterschiedlichen Formen politischer Zugehörigkeit: von anerkannten Staaten, kolonial gezogenen Grenzen, international zurückgewiesener Souveränität und dem Versuch, Menschen durch administrative Akte aus ihrem eigenen Land hinauszudefinieren.

Diese Stempel sind deshalb mehr als Erinnerungen. Sie sind Primärquellen. Allerdings muss man genau fragen: Quellen wofür?

Ein Passstempel belegt, dass eine Behörde eine Grenze kontrollierte, Formulare ausstellte und Reisende registrierte. Er beweist nicht, dass diese Grenze gerecht war. Eine Briefmarke belegt, dass eine Verwaltung den Anspruch erhob, wie ein Staat aufzutreten. Sie beweist nicht, dass dieser Anspruch rechtmässig oder international anerkannt war.

Damit stellt meine Sammlung eine Frage, die weit über Südafrika hinausweist:

Kann man Menschen aus einem Staat hinausdefinieren, indem man ihnen einen neuen Staat erfindet?

Vier Stempel – vier verschiedene Arten von Grenze

Transkei, Lesotho, Swasiland und Walvis Bay dürfen historisch nicht in dieselbe Kategorie eingeordnet werden.

Spur in meinem PassHistorischer StatusZentrale Bedeutung
Transkei1976 von Südafrika für „unabhängig“ erklärt, international nicht anerkanntStaatlichkeit als Instrument der Apartheid
LesothoSeit 1966 souveräner und international anerkannter StaatKleine, aber reale Souveränität unter starkem äusserem Druck
SwasilandSeit 1968 souveräner Staat, seit 2018 EswatiniAnerkannte Staatlichkeit, aber verflochten mit der Homeland-Politik Südafrikas
Walvis BayVon Südafrika verwaltete Enklave an der namibischen Küste, 1994 an Namibia übertragenKoloniale Grenzziehung, die Namibias Unabhängigkeit zunächst unvollständig liess

Gerade die Gleichzeitigkeit dieser Stempel macht sie historisch so interessant. Äusserlich sehen sie ähnlich aus: Datum, Ort, Behörde, Wappen, Unterschrift. Politisch erzählen sie jedoch völlig verschiedene Geschichten.

Die Vorgeschichte: Land, Arbeit und die räumliche Ordnung der Apartheid

Das Homeland-System entstand nicht erst in den 1970er-Jahren. Seine räumlichen Grundlagen reichen mindestens bis zum Natives Land Act von 1913 zurück. Dieses Gesetz beschränkte den afrikanischen Landbesitz zunächst auf ungefähr sieben Prozent des südafrikanischen Territoriums. 1936 wurde dieser Anteil formal auf etwa dreizehn Prozent erweitert.

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung sollte damit auf einen kleinen, häufig zerstückelten und wirtschaftlich schwachen Teil des Landes verwiesen werden.

Mit dem Bantu Authorities Act von 1951 und dem Promotion of Bantu Self-Government Act von 1959 entwickelte die Apartheidregierung daraus das System der zehn Homelands. Die offizielle Sprache sprach von „getrennter Entwicklung“. Tatsächlich ging es um Landkontrolle, politische Entrechtung und die Versorgung der südafrikanischen Wirtschaft mit billigen Arbeitskräften.

Die Homelands dienten als Arbeitskräftereservoir. Männer und Frauen arbeiteten in den Bergwerken, Fabriken, Landwirtschaftsbetrieben und Haushalten des sogenannten weissen Südafrika. Ihre Familien, ihre Altersversorgung und die sozialen Folgen der Wanderarbeit wurden dagegen in die Homelands ausgelagert.

Die Apartheid wollte Schwarze Menschen wirtschaftlich nutzen, ohne sie politisch als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger anerkennen zu müssen.

Schätzungen des südafrikanischen Surplus People Project sprechen von rund 3,5 Millionen Menschen, die zwischen 1960 und 1983 durch verschiedene Massnahmen der Apartheid zwangsweise umgesiedelt wurden. Diese Zahl betrifft nicht ausschliesslich das Homeland-Programm, zeigt aber dessen Einbettung in eine umfassende Politik räumlicher Vertreibung. Eine Übersicht über Entwicklung und Funktion der Homelands bietet South African History Online⁠.

Zehn Homelands – aber nur vier „unabhängige“ Staaten

Das politische Homeland-System umfasste zehn Territorien:

Von Südafrika für „unabhängig“ erklärtNur mit begrenzter Selbstverwaltung
Transkei – 26. Oktober 1976KwaZulu
Bophuthatswana – 6. Dezember 1977Lebowa
Venda – 13. September 1979Gazankulu
Ciskei – 4. Dezember 1981KaNgwane
KwaNdebele
QwaQwa

Aus den Anfangsbuchstaben von Transkei, Bophuthatswana, Venda und Ciskei entstand die Bezeichnung TBVC-Staaten.

Kein Staat ausserhalb des von Pretoria geschaffenen Apartheidsystems erkannte ihre Unabhängigkeit diplomatisch an. Die Vereinten Nationen wiesen bereits am Tag der Unabhängigkeitserklärung der Transkei alle Staaten auf, diese Konstruktion nicht anzuerkennen. In der UN-Resolution 31/6 A vom 26. Oktober 1976⁠ wurde die sogenannte Unabhängigkeit als ungültig bezeichnet.

Am 27. April 1994, dem Tag der ersten demokratischen Wahlen in Südafrika, verschwanden sämtliche Homelands als politische Einheiten und wurden wieder in Südafrika eingegliedert.

Aus Bürgern Ausländer machen

Der vielleicht radikalste Teil des Systems war nicht die Grenzziehung, sondern die Umgestaltung der Staatsbürgerschaft.

Der Bantu Homelands Citizenship Act von 1970 ordnete jeden als Schwarz klassifizierten Südafrikaner einem Homeland zu – unabhängig davon, ob diese Person dort lebte, je gelebt hatte oder eine persönliche Beziehung zu diesem Gebiet besass. Zunächst blieb die südafrikanische Nationalität für bestimmte internationale Zwecke bestehen. Mit den späteren Statusgesetzen der vier TBVC-Territorien wurde die administrative Zuordnung jedoch in eine eigentliche Ausbürgerung überführt: Die betroffenen Menschen galten nach südafrikanischem Recht nicht mehr als südafrikanische Staatsbürger.

Der Gesetzestext ist im Archiv von South African History Online⁠ dokumentiert.

Damit versuchte die Apartheidregierung, ihre eigene politische Mehrheit verschwinden zu lassen. Schwarze Menschen sollten nicht länger als entrechtete Bürger Südafrikas erscheinen, sondern als angebliche Ausländer aus Transkei, Venda oder einem anderen Homeland.

Auf dem Papier war die Operation beinahe elegant: Wer einem anderen Staat angehört, kann in Südafrika arbeiten, ohne dort politische Rechte zu besitzen.

Im Leben der Menschen war sie brutal. Der Geburtsort, die Familie, die Arbeit, die Biografie und das persönliche Zugehörigkeitsgefühl wurden einer ethnischen Schublade untergeordnet.

Dabei waren Xhosa, Zulu, Sotho, Tswana, Venda, Swazi und andere Identitäten selbstverständlich nicht erfunden. Es handelte sich um reale Sprachen, Kulturen und Gemeinschaften. Erfunden war der politische Schluss, aus kultureller Verschiedenheit müssten getrennte Staatsbürgerschaften mit ungleichen Rechten folgen.

Die Kulturen waren real. Die daraus abgeleitete Zwangsstaatlichkeit war es nicht.

Transkei: Ein echter Stempel aus einem nicht anerkannten Staat

Die Transkei war der erste Homeland-Staat, den Südafrika 1976 in die sogenannte Unabhängigkeit entliess.

Sie verfügte über eine Regierung, ein Parlament, eine Flagge, eine eigene Verwaltung, Pässe, Grenzposten und Briefmarken. Oberflächlich erfüllte sie damit mehrere der klassischen Kriterien von Staatlichkeit: Bevölkerung, Territorium und Regierung.

Nach der oft zitierten Montevideo-Konvention von 1933⁠ gehören zu einem Staat eine dauerhafte Bevölkerung, ein bestimmtes Territorium, eine Regierung und die Fähigkeit, Beziehungen zu anderen Staaten aufzunehmen. Die Konvention hält zudem fest, dass die politische Existenz eines Staates nicht allein von seiner Anerkennung abhängt.

Deshalb wäre die einfache Aussage „nicht anerkannt, also kein Staat“ wissenschaftlich zu kurz gegriffen.

Entscheidend ist, wie diese Staatlichkeit zustande kam. Die Transkei war wirtschaftlich, finanziell und sicherheitspolitisch von Südafrika abhängig. Ihre Unabhängigkeit beruhte nicht auf einer freien Entscheidung der betroffenen Bevölkerung, sondern auf der rassistischen Neuordnung der südafrikanischen Staatsbürgerschaft. Ihre Aussenbeziehungen blieben äusserst beschränkt. Der Zweck ihrer Gründung bestand gerade darin, Menschen politische Rechte in Südafrika zu entziehen.

Man könnte von einer administrativ aufgeführten, aber politisch nicht legitimierten Souveränität sprechen.

Mein Transkei-Stempel ist deshalb kein falscher Stempel. Im Gegenteil: Er ist ein echtes Dokument einer Behörde, die eine politisch hergestellte Grenze tatsächlich vollzog. Gerade darin liegt seine historische Bedeutung.

Er zeigt, wie weit eine staatliche Inszenierung in den Alltag eindringen kann. Ein Grenzbeamter, ein Formular, ein Wappen und ein Stück Stempelfarbe genügen, um eine politische Konstruktion für einen Moment selbstverständlich erscheinen zu lassen.

Briefmarken als Miniaturen politischer Macht

Briefmarken sind kleine, aber erstaunlich wirkungsvolle Staatszeichen. Sie tragen einen Landesnamen, nennen eine Währung und zeigen Landschaften, Tiere, historische Persönlichkeiten, technische Errungenschaften oder kulturelle Traditionen.

Damit vermitteln sie eine Botschaft: Wir sind ein Land. Wir besitzen eine Geschichte. Wir verwalten ein Territorium. Und wir gehören zur Welt der Staaten.

Der Geograf Daniel Hammett untersuchte genau diese Funktion in seiner Studie „Expressing ‘Nationhood’ under Conditions of Constrained Sovereignty“⁠. Er zeigt, wie die Briefmarken der Bantustans territoriale Identität, politische Autorität und den Anspruch auf internationale Staatlichkeit darstellten.

Gary Baines ordnet solche Postwertzeichen in seiner Untersuchung zur postalischen Politik afrikanischer Pseudostaaten⁠ in einen grösseren Zusammenhang ein. Briefmarken waren nicht nur Zahlungsmittel für eine Dienstleistung. Sie waren politische Bildprogramme.

Die Motive konnten durchaus schön, kulturell interessant und handwerklich gelungen sein. Gerade deshalb funktionierten sie. Propaganda besteht selten nur aus offensichtlichen Lügen. Häufiger zeigt sie sorgfältig ausgewählte Wahrheiten, während sie die entscheidenden Machtverhältnisse unsichtbar macht.

Eine philatelistische Präzisierung

Wenn von „Briefmarken aller Homelands“ gesprochen wird, ist eine Unterscheidung wichtig: Das politische Homeland-System umfasste zehn Gebiete. Reguläre Postwertzeichen unter eigenem Landesnamen wurden jedoch vor allem von den vier sogenannten unabhängigen TBVC-Staaten Transkei, Bophuthatswana, Venda und Ciskei herausgegeben.

Die sechs selbstverwalteten Homelands blieben grundsätzlich Teil des südafrikanischen Postsystems. Sie können in einer Sammlung durch Poststempel, Briefe, amtliche Belege oder thematische Ausgaben vertreten sein, besassen aber keine vergleichbaren staatlichen Briefmarkenprogramme.

Diese Unterscheidung mindert den Wert der Sammlung nicht. Sie macht sie wissenschaftlich sogar interessanter: Die Unterschiede zwischen Briefmarke, Poststempel und Verwaltungsbeleg spiegeln unterschiedliche Stufen des staatlichen Anspruchs.

Lesotho: Kleine Staaten können reale Staaten sein

Lesotho darf nicht mit den Homelands verwechselt werden.

Das frühere britische Schutzgebiet Basutoland wurde am 4. Oktober 1966 unabhängig und kurz darauf Mitglied der Vereinten Nationen. Es war und ist ein international anerkannter Staat – vollständig von Südafrika umschlossen und wirtschaftlich stark von seinem grossen Nachbarn abhängig, aber völkerrechtlich souverän.

Abhängigkeit allein macht einen Staat also nicht zum Scheinstaat. Auch anerkannte Staaten können ökonomisch verwundbar sein. Der Unterschied liegt unter anderem in der Entstehungsgeschichte, der internationalen Rechtsstellung und der Möglichkeit freier politischer Selbstbestimmung.

Besonders bemerkenswert ist Lesothos Verhalten gegenüber der Transkei. Die Regierung in Maseru weigerte sich, deren angebliche Unabhängigkeit anzuerkennen. Südafrika reagierte mit der Schliessung von Grenzübergängen und setzte das vollständig eingeschlossene Land wirtschaftlich unter Druck.

Der UN-Sicherheitsrat würdigte Lesothos Haltung und verurteilte den südafrikanischen Zwang in der Resolution 402 vom 22. Dezember 1976⁠.

Mein Lesotho-Stempel trägt deshalb eine andere Bedeutung als derjenige der Transkei. Beide stammen aus dem südlichen Afrika, beide wurden an kontrollierten Grenzen angebracht – doch der eine dokumentiert die Einreise in einen anerkannten Staat, der andere die administrative Aufführung einer international zurückgewiesenen Staatlichkeit.

Lesotho zeigt zugleich, dass Würde und Souveränität nicht von Grösse abhängen. Ein kleines Land konnte sich einer mächtigen Regionalmacht widersetzen und für internationales Recht einen realen Preis bezahlen.

Swasiland, Eswatini und die Grenzen ethnischer Zuordnung

Auch Swasiland war kein Homeland. Das britische Schutzgebiet wurde am 6. September 1968 unabhängig und am 24. September desselben Jahres in die Vereinten Nationen aufgenommen. Seit 2018 trägt das Land den Namen Eswatini. Für historische Passstempel ist die Bezeichnung Swasiland selbstverständlich korrekt.

Die Verbindung zum Homeland-System liegt an anderer Stelle: Innerhalb Südafrikas wurde KaNgwane als Homeland für Swazi-sprachige Menschen geschaffen.

Anfang der 1980er-Jahre verhandelten Südafrika und Swasiland sogar über eine Übertragung von KaNgwane sowie des Gebiets Ingwavuma an Swasiland. Das Königreich hätte dadurch unter anderem einen Zugang zum Meer erhalten. Für Pretoria hätte die Abtretung zugleich die Homeland-Politik und die regionale Sicherheitsstrategie unterstützt. Widerstand der Bevölkerung und juristische Auseinandersetzungen trugen dazu bei, dass das Vorhaben scheiterte.

John Aerni-Flessner und Chitja Twala analysieren diese Pläne in ihrer Studie „Bargaining with Land: Borders, Bantustans, and Sovereignty in 1970s and 1980s Southern Africa“⁠.

Der Vorgang legt einen Grundfehler ethnisch definierter Staatskonzepte offen: Sprachliche oder kulturelle Verwandtschaft schafft noch keine natürliche Staatsgrenze. Ein Swazi-sprachiger Mensch in Südafrika wurde nicht automatisch zu einem Menschen, dessen politische Heimat Swasiland sein musste.

Menschen besitzen mehrere Zugehörigkeiten gleichzeitig: Familie, Sprache, Ort, Beruf, Religion, politische Überzeugung und persönliche Geschichte. Keine einzelne dieser Zugehörigkeiten beschreibt einen ganzen Menschen.

Walvis Bay: Die Grenze, die Namibias Unabhängigkeit überlebte

Walvis Bay – auf Afrikaans Walvisbaai – war ebenfalls kein eigenständiger Staat.

Grossbritannien beanspruchte den strategisch wichtigen Hafen 1878; 1884 wurde er Teil der Kapkolonie. Dadurch entstand später eine südafrikanische Enklave innerhalb des von Deutschland kolonisierten Südwestafrika.

Ab 1922 wurde Walvis Bay gemeinsam mit Südwestafrika verwaltet, rechtlich jedoch weiterhin als südafrikanisches Gebiet behandelt. 1977 gliederte Südafrika die Verwaltung wieder direkt der Kapprovinz an. Damit sollte der Anspruch auf die Enklave zusätzlich von der Zukunft Namibias getrennt werden.

Der UN-Sicherheitsrat erklärte dagegen 1978 in seiner Resolution 432⁠, die territoriale Integrität Namibias verlange die Wiedereingliederung von Walvis Bay.

Als Namibia am 21. März 1990 unabhängig wurde, gehörte Walvis Bay dennoch zunächst nicht zum neuen Staat. Erst am 1. März 1994 übertrug Südafrika die Enklave und die vorgelagerten Inseln an Namibia. Grundlage war unter anderem der südafrikanische Transfer of Walvis Bay to Namibia Act von 1993⁠.

Diese Geschichte berührt meine Biografie unmittelbar. Während meines Einsatzes bei der Schweizer Sanitätseinheit der UNTAG erlebte ich in Grootfontein, wie sich Namibia auf seine Unabhängigkeit vorbereitete. Wie ich in meinem Beitrag „Namibia – wo die Multiversität für mich zu keimen begann“⁠ beschrieben habe, wurde dort erfahrbar, wie Menschen aus verschiedenen Ländern gemeinsam Verantwortung übernehmen konnten.

Doch selbst nach diesem historischen Übergang blieb Namibias staatliches Territorium zunächst unvollständig. Mein Stempel aus Walvis Bay dokumentiert daher eine koloniale Grenze, die sogar den Moment der Unabhängigkeit überlebte.

Er erinnert daran, dass Staaten nicht in einer einzigen feierlichen Stunde entstehen. Sie werden ausgehandelt, anerkannt, bestritten und manchmal erst Jahre später territorial vollendet.

Sprache schafft politische Wirklichkeit

In meinem Beitrag „Sprache – das unsichtbare Betriebssystem unserer Wirklichkeit“⁠ beschäftige ich mich mit der Frage, wie Begriffe unser Denken und Handeln strukturieren.

Das Homeland-System ist dafür ein drastisches Beispiel.

Die Bezeichnung „getrennte Entwicklung“ verwandelte Unterdrückung sprachlich in ein Entwicklungsprogramm. „Selbstverwaltung“ klang nach Freiheit, obwohl die entscheidende Macht bei Pretoria blieb. „Unabhängigkeit“ suggerierte Selbstbestimmung, obwohl sie vielen Betroffenen gegen ihren Willen zugeordnet wurde. „Staatsbürgerschaft“ bezeichnete nicht die Erweiterung politischer Rechte, sondern deren Entzug.

Sprache beschrieb die Wirklichkeit nicht nur. Sie half, sie herzustellen.

Darin liegt auch die Verbindung zu meinem Beitrag „Kommunikation formt Wirklichkeit“⁠. Wiederholte Begriffe werden zu Kategorien, Kategorien zu Verwaltungsakten und Verwaltungsakte zu gelebten Grenzen.

Die Rückkopplung ist beinahe modellhaft: Der Staat benennt eine ethnische Gruppe als politische Einheit. Gesetze geben dieser Kategorie materielle Folgen. Räumliche Trennung erzeugt unterschiedliche Lebensbedingungen. Diese Unterschiede werden anschliessend als Beweis dafür präsentiert, dass die ursprüngliche Trennung natürlich gewesen sei.

Damit schliesst sich jene systemische Schleife, die ich in „Die Möbiusschleife des Menschlichen“⁠ beschreibe: Wahrnehmung beeinflusst Kommunikation, Kommunikation gestaltet Beziehungen, Beziehungen bilden Strukturen – und diese Strukturen verändern wiederum unsere Wahrnehmung.

Macht, Status und die Normalität des Stempels

Apartheid bestand nicht nur aus offenem Zwang. Sie funktionierte auch durch Routine.

Menschen füllten Formulare aus. Beamte prüften Dokumente. Postangestellte verkauften Briefmarken. Karten wurden gedruckt. Grenzbalken gingen auf und zu. Gerade diese Alltäglichkeit verlieh dem System Stabilität.

Wie ich in „Macht und Status – die unsichtbaren Kräfte“⁠ beschreibe, muss Macht nicht ständig laut auftreten. Sie wirkt besonders dauerhaft, wenn ihre Ordnung selbstverständlich erscheint.

Ein Stempel ist dafür ein passendes Symbol. Er braucht keine lange Begründung. Er sagt lediglich: geprüft, eingereist, ausgereist, gültig, ungültig, zugehörig, nicht zugehörig.

Hinter diesem scheinbar neutralen Verwaltungsakt steht jedoch immer eine Macht, die bestimmt, welche Kategorien zählen.

Anderson, Sen und die Frage nach der erfundenen Nation

Benedict Anderson bezeichnete Nationen als vorgestellte Gemeinschaften. Damit meinte er nicht, Nationen seien einfach unwahr. Sie sind vorgestellt, weil sich die meisten Angehörigen eines Staates nie persönlich begegnen werden und sich dennoch als Teil einer gemeinsamen Gemeinschaft verstehen.

Flaggen, Karten, Schulen, Zeitungen, Pässe und Briefmarken helfen, diese Vorstellung zu stabilisieren.

Auch die Homelands nutzten solche Zeichen. Der entscheidende Unterschied bestand jedoch darin, dass ihre politische Gemeinschaft nicht aus einem freien gemeinsamen Willen hervorging. Sie wurde von einem übergeordneten Staat definiert, um Menschen aus dessen eigener politischen Gemeinschaft auszuschliessen.

Amartya Sen warnt in Identity and Violence davor, Menschen auf eine einzige, vermeintlich alles bestimmende Identität zu reduzieren. Jeder Mensch gehört gleichzeitig zu verschiedenen Gemeinschaften und trifft Entscheidungen darüber, welche Zugehörigkeiten in welcher Situation wichtig werden.

Die Apartheid verweigerte genau diese Offenheit. Sie erklärte eine staatlich festgelegte „ethnische“ Identität zum politischen Schicksal.

Mein Menschenbild: Der Mensch ist mehr als seine Kategorie

Hier liegt die tiefste Verbindung zu meinem Menschenbild.

In einem humanistisch und personzentriert geprägten Verständnis verschwindet der Mensch niemals hinter einer Kategorie. Nicht hinter seiner Herkunft, Hautfarbe, Sprache, Diagnose, beruflichen Rolle oder Staatsangehörigkeit.

Kategorien können zur Orientierung notwendig sein. In der Medizin kann eine Diagnose eine Behandlung ermöglichen. In der Verwaltung kann eine Staatsangehörigkeit Rechte sichern. Und in einer Gemeinschaft kann kulturelle Identität Heimat vermitteln.

Aber jede Kategorie wird gefährlich, wenn nicht mehr sie dem Menschen dient, sondern der Mensch ihr dienen muss.

Ein Pass kann schützen oder ausschliessen. Eine Diagnose kann helfen oder stigmatisieren. Eine Gruppenidentität kann tragen oder zur Grenze gegen andere werden. Der ethische Massstab liegt deshalb nicht in der Kategorie selbst, sondern in ihren Folgen für Würde, Freiheit, Beziehung und Teilhabe.

Auch „Die blinden Männer und der Elefant“⁠ gehört in diesen Zusammenhang. Unterschiedliche Perspektiven können verschiedene Teile einer komplexen Wirklichkeit sichtbar machen. Das bedeutet jedoch nicht, alle Deutungen seien moralisch gleichwertig. Perspektivenvielfalt darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden.

Man kann die politischen Interessen Pretorias, die Abhängigkeit einzelner Homeland-Regierungen, die Handlungsspielräume lokaler Amtsträger und die Alltagserfahrungen der Bevölkerung gleichzeitig untersuchen. Aber diese Komplexität ändert nichts am grundlegenden Befund: Das System entzog Menschen aufgrund rassistischer Zuordnung gleiche politische Rechte.

Multiversität als Gegenentwurf

Die Homeland-Ideologie und meine Idee der Multiversität⁠ beginnen beide mit derselben Beobachtung: Menschen sind verschieden.

Danach gehen sie in entgegengesetzte Richtungen.

Logik der HomelandsLogik der Multiversität
Verschiedenheit begründet TrennungVerschiedenheit ermöglicht Ergänzung
Identität wird von aussen festgelegtMenschen gestalten ihre Zugehörigkeiten mit
Gruppen werden territorial isoliertGruppen treten miteinander in Beziehung
Einheit entsteht durch HomogenisierungGemeinsamkeit entsteht durch Kooperation
Zugehörigkeit verteilt unterschiedliche RechteGleiche Würde begrenzt jede Differenzierung
Vielfalt gilt als GefahrVielfalt kann gemeinsame Stärke werden

Die Homelands machten aus Vielfalt ein Instrument der Absonderung. Multiversität fragt, wie aus Verschiedenheit eine gemeinsame Handlungsfähigkeit entstehen kann.

Sie verlangt nicht, Unterschiede aufzulösen. Sie widerspricht aber der Vorstellung, Menschen könnten nur dann zusammenleben, wenn sie einander gleichen.

Gerade meine Erfahrungen in Namibia zeigten mir einen anderen Weg: Menschen aus verschiedenen Nationen, Berufen und kulturellen Zusammenhängen konnten unter schwierigen Bedingungen eine gemeinsame Aufgabe übernehmen. Nicht obwohl sie verschieden waren, sondern teilweise gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten und Perspektiven.

Geschichte ist eine Warnung, keine Schablone

Der Begriff „Bantustan“ wird heute häufig auf andere Konflikte und Gebiete übertragen. Solche Vergleiche können aufschlussreich sein, aber sie erfordern historische Disziplin.

Nicht jede Enklave, jedes abhängige Territorium und jeder nicht anerkannte Staat ist automatisch ein Bantustan. Eine belastbare Analogie müsste mindestens fragen:

  • Wurde das Gebiet von einer äusseren Macht zur räumlichen Absonderung einer Bevölkerungsgruppe geschaffen?
  • Dient die neue Staatsangehörigkeit dazu, Menschen gleiche Rechte im übergeordneten Staat zu entziehen?
  • Besteht eine strukturelle Abhängigkeit bei gleichzeitig inszenierter Selbstständigkeit?
  • Konnte die betroffene Bevölkerung frei über ihre politische Zukunft entscheiden?
  • Werden kulturelle Unterschiede benutzt, um rechtliche Ungleichheit zu legitimieren?

Ohne solche Kriterien wird Geschichte zur rhetorischen Waffe. Mit ihnen kann sie zu einem Instrument kritischer Erkenntnis werden.

Meine Sammlung als persönliches Archiv

Ich betrachte meine Stempel und Briefmarken heute anders als zur Zeit ihrer Entstehung.

Sie sind keine Trophäen untergegangener Staaten. Sie sind materielle Zeugen dafür, wie politische Systeme Wirklichkeit produzieren: mit Papier, Bildern, Namen, Grenzen und alltäglichen Verwaltungsakten.

Der Transkei-Stempel erzählt von erfundener Souveränität. Die Briefmarken der TBVC-Staaten erzählen von der bildlichen Inszenierung nationaler Normalität. Der Lesotho-Stempel steht für die reale Souveränität eines kleinen Staates, der sich der Anerkennungspolitik Pretorias widersetzte. Der Stempel aus Swasiland verweist auf eine anerkannte Monarchie und zugleich auf die Unmöglichkeit, menschliche Zugehörigkeit sauber in ethnische Territorien zu zerlegen. Walvis Bay dokumentiert schliesslich eine koloniale Grenze, die erst 1994 überwunden wurde.

Zusammen bilden diese Objekte ein Gegenarchiv. Sie bewahren nicht nur, was Regierungen über sich selbst behaupteten. Sie ermöglichen, diese Behauptungen mit ihren historischen Folgen zu konfrontieren.

Auf meine Ausgangsfrage gibt die Geschichte eine doppelte Antwort:

Administrativ kann ein Staat versuchen, Menschen hinauszudefinieren. Er kann ihnen Pässe entziehen, andere Staatsangehörigkeiten zuweisen und Grenzen vor ihre Haustüren setzen. Die Apartheid hat bewiesen, wie reale und leidvolle Folgen eine solche politische Fiktion entfalten kann.

Legitim wird sie dadurch nicht.

1994 verschwanden die Homelands von den Landkarten. Die Menschen, deren Zugehörigkeit bestritten worden war, verschwanden nicht. Sie wurden wieder Bürgerinnen und Bürger eines gemeinsamen Südafrika – nicht weil ein Staat ihnen ihre Menschlichkeit zurückgab, sondern weil das Recht endlich anerkennen musste, was nie hätte bestritten werden dürfen.

„Ein Stempel kann eine Grenze amtlich machen, aber niemals gerecht. Ein Staat kann Menschen umbenennen, umsortieren und hinausdefinieren – doch keine Macht darf aus Verschiedenheit geringere Würde machen. Menschlichkeit beginnt dort, wo Zugehörigkeit nicht als Privileg vergeben, sondern als gleiche Würde anerkannt wird.“
— Christoph J. Zingg

Quellen und wissenschaftliche Vertiefung


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