Warum ein gemeinsames Deutsch noch keine gemeinsame Kommunikation schafft

von Christoph J. Zingg (Autor)
«Wenn ich Schweizerdeutsch rede, höre ich jedes Wort und ich fühle es. Auf Hochdeutsch höre ich oft nur die Aussage.»
Christoph J. Zingg
Wenn einer genügt, damit alle wechseln –Die unsichtbare Einbahnstrasse der sprachlichen Anpassung
«Wenn ich nach Deutschland gehe, spreche ich Hochdeutsch. Wenn Deutsche in die Schweiz kommen, sprechen wir ebenfalls Hochdeutsch. Auffällig ist nicht, dass wir uns verständigen. Auffällig ist, dass sich fast immer dieselbe Seite anpasst.»
— Christoph J. Zingg
Ich habe mehr als 70 Länder besucht. Wenn ich die örtliche Sprache nicht verstand, erwartete ich nicht, dass eine ganze Gruppe wegen mir ihre gewohnte Sprache aufgibt. Ich war Gast. Ich hörte zu, fragte nach, lernte einzelne Wörter oder war auf Übersetzung angewiesen.
In der Deutschschweiz erlebe ich etwas anderes.
In einer Weiterbildung genügt bisweilen eine einzige hochdeutsch sprechende Person. Die Kursleitung fragt, ob Schweizerdeutsch in Ordnung sei. Sagt diese Person Nein, wechseln alle anderen ins Hochdeutsche.
Im Spital verlangte ein Chefarzt, der seit rund 20 Jahren in der Schweiz arbeitete, dass auf der Visite ausschliesslich Hochdeutsch gesprochen werde. Eine Stationsleiterin erklärte:
«Hier machen wir es auf die deutsche Art!»
Dieselbe Vorgesetzte machte sich mehrfach über das angeblich unsichere, verklausulierte Sprechen der Schweizer lustig.
Es sind Einzelerfahrungen. Sie beweisen nicht, dass Deutsche grundsätzlich arrogant oder Deutschschweizer grundsätzlich unterwürfig seien. Aber sie weisen auf ein wiederkehrendes Muster hin:
Die Anwesenheit einer einzelnen deutschen Person kann genügen, damit eine ganze Schweizer Gruppe ihre Sprache wechselt.
Damit stellt sich eine Machtfrage: Wer darf sprachlich bei sich bleiben – und wer muss sich bewegen?
Schweizerdeutsch ist keine private Marotte
Schweizerdeutsch ist keine einheitlich kodifizierte Amtssprache. Es umfasst verschiedene alemannische Dialekte. Trotzdem ist es in der Deutschschweiz die normale Sprache des mündlichen Alltags – in Familien, Teams, Pausengesprächen, Vereinen, Geschäften und vielfach auch in Sitzungen.
Nach den Zahlen des Bundesamtes für Statistik wurde Schweizerdeutsch 2022 von 61,4 Prozent der Bevölkerung üblicherweise bei der Arbeit gesprochen, Hochdeutsch von 34,4 Prozent; Mehrfachnennungen waren möglich. Dialekt ist damit kein sprachliches Randphänomen, sondern ein zentraler Bestandteil des schweizerischen Berufsalltags. Bundesamt für Statistik
Die Sprachwissenschaft beschreibt das Verhältnis zwischen Schweizerdeutsch und Standarddeutsch häufig als besondere Form der Diglossie: Dialekt dominiert viele mündliche Situationen, Standarddeutsch vor allem Schriftlichkeit, Schule und bestimmte formelle Kontexte. Anders als in vielen klassischen Diglossiesituationen besitzt der Dialekt in der Schweiz jedoch ein hohes gesellschaftliches Prestige und eine starke identitätsstiftende Funktion.
Zudem ist Deutsch eine plurizentrische Sprache. Es gibt nicht nur das bundesdeutsche Standarddeutsch, sondern auch ein schweizerisches und ein österreichisches Standarddeutsch. Diese Varianten sind sprachwissenschaftlich gleichwertig. Trotzdem wird bundesdeutsches Hochdeutsch häufig als das eigentlich «richtige» Deutsch wahrgenommen. Schweizerhochdeutsch erscheint daneben schnell als akzentbehaftet, unbeholfen oder fehlerhaft.
Die Schweizer Sprachwissenschaftlerin Rebekka Studler beschreibt genau diese Ambivalenz: Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer betrachten bundesdeutsches Hochdeutsch einerseits als Massstab für «gutes Deutsch», erleben gleichzeitig aber eine emotionale Distanz zu dieser für sie weniger vertrauten gesprochenen Sprachform. Studler: Einstellungen zu Standarddeutsch und Dialekt
Das erklärt einen Teil meiner Unsicherheit: Ich beherrsche Hochdeutsch. Aber ich spreche es nicht aus derselben sprachlichen Selbstverständlichkeit heraus.
Wer wechselt, arbeitet mehr
Howard Giles’ Communication Accommodation Theory untersucht, wie Menschen ihre Sprache, Aussprache, Lautstärke und Gesprächsweise an andere anpassen. Diese Konvergenz kann Nähe schaffen, Unsicherheit reduzieren und Verständigung ermöglichen. Sie ist zunächst etwas Positives. Giles, Gallois und Ogay: Communication Accommodation Theory
Doch Anpassung verursacht auch Kosten.
Wenn ich vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche wechsle, übersetze ich nicht einfach Wörter. Ich kontrolliere stärker meine Aussprache, suche nach standardsprachlichen Formulierungen und beobachte mich beim Sprechen. Ein deutscher Gesprächspartner kann währenddessen in seiner vertrauten Varietät bleiben.
Er formuliert.
Ich formuliere und kontrolliere zugleich, wie ich formuliere.
Das bedeutet nicht, dass ich weniger weiss oder schlechter argumentiere. Es bedeutet, dass wir mit unterschiedlichen sprachlichen Ausgangsbedingungen in das Gespräch gehen. Was anschliessend als grössere Schlagfertigkeit, Sicherheit oder Kompetenz erscheint, kann teilweise daraus entstehen, dass eine Person auf ihrem sprachlichen Heimfeld spricht, während die andere ihre Gedanken gleichzeitig in eine weniger vertraute Sprechweise übertragen muss.
Pierre Bourdieu bezeichnete Sprache als eine Form symbolischen Kapitals. Auf einem «sprachlichen Markt» besitzen nicht alle Ausdrucksformen denselben Wert. Institutionen und gesellschaftliche Normen bestimmen mit, welche Sprache als kompetent, gebildet und legitim gilt. Wer die anerkannte Varietät selbstverständlich beherrscht, verfügt deshalb über einen Vorteil, der leicht mit persönlicher Überlegenheit verwechselt wird. Pierre Bourdieu: Language and Symbolic Power
Wenn eine Schweizer Sitzung allein durch die Anwesenheit eines Deutschen sprachlich ins bundesdeutsch geprägte Hochdeutsch kippt, verändert sich dieser sprachliche Markt. Die Person, die sich am wenigsten anpassen muss, erhält den Heimvorteil.
Die Forschung beobachtet genau diesen Wechsel
Sandra Wolf untersuchte in ihrer 2025 erschienenen Dissertation Isch Schwiizerdüütsch okei? authentische betriebliche Gespräche zwischen deutschen und deutschschweizerischen Beschäftigten.
Die Untersuchung ist aufgrund ihrer kleinen qualitativen Stichprobe nicht repräsentativ. Ihre Ergebnisse sind trotzdem bemerkenswert: Alle sieben untersuchten deutschen Mitarbeitenden lösten bei ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen in unterschiedlichem Ausmass einen Wechsel ins Standarddeutsche aus – obwohl alle über zumindest grundlegende rezeptive Schweizerdeutschkenntnisse verfügten.
Besonders aufschlussreich: Keine der befragten deutschen Personen gab an, sie bevorzuge von ihren Schweizer Kollegen Hochdeutsch. Vier bevorzugten ausdrücklich Schweizerdeutsch, zwei hatten keine Präferenz. Die Schweizer wechselten also teilweise, obwohl die Deutschen dies weder verlangten noch benötigten.
Wolf zeigt zudem, dass rezeptive Dialektkompetenz für die formelle und informelle Teilhabe am Schweizer Arbeitsleben wichtig ist. Gleichzeitig wurde das aktive Nachahmen eines Schweizer Dialekts durch Deutsche von vielen Befragten eher kritisch beurteilt. Sandra Wolf: Isch Schwiizerdüütsch okei?
Darin liegt ein Integrationsparadox:
Deutsche sollen Schweizerdeutsch verstehen. Wenn sie es selbst zu sprechen versuchen, werden sie jedoch nicht selten belächelt. Das kann erklären, weshalb manche beim Hochdeutschen bleiben. Es erklärt aber nicht, weshalb deshalb alle Schweizer ebenfalls wechseln müssten.
Eine faire Erwartung lautet daher nicht:
«Deutsche müssen Schweizerdeutsch sprechen.»
Sie lautet:
Wer dauerhaft in der Deutschschweiz lebt, sollte Schweizerdeutsch zunehmend verstehen, seine Gleichwertigkeit anerkennen und akzeptieren, dass die Menschen des Landes es sprechen.
Zwei Sprachen können gleichzeitig im Raum bleiben
Die Mehrsprachigkeitsforschung kennt dafür den Begriff der rezeptiven Mehrsprachigkeit oder Lingua receptiva: Menschen sprechen jeweils in ihrer bevorzugten Sprache oder Varietät und verstehen die Sprache des Gegenübers. Niemand muss seine sprachliche Identität vollständig aufgeben. Georges Lüdi: Receptive Multilingualism in a Swiss Workplace
Für die Deutschschweiz könnte das bedeuten:
Ich spreche Schweizerdeutsch. Mein deutscher Kollege antwortet auf Hochdeutsch. Solange wir einander verstehen, besteht kein sachlicher Grund, weshalb eine Seite vollständig wechseln müsste.
Die Frage «Ist Schweizerdeutsch für Sie in Ordnung?» ist deshalb gut gemeint, aber häufig zu grob. Sie legt die Entscheidung über die Sprache der gesamten Gruppe in die Hände einer einzelnen Person.
Besser wären Fragen wie:
- Verstehen Sie Schweizerdeutsch ausreichend?
- Möchten Sie selbst auf Hochdeutsch antworten?
- Bei welchen Inhalten benötigen Sie eine standardsprachliche Zusammenfassung?
- Welche Regel ermöglicht allen eine gleichwertige Beteiligung?
Gastfreundschaft verlangt Verständlichkeit. Sie verlangt nicht die sprachliche Selbstaufgabe der Gastgeber.
Unsicher oder höflich?
Auch das angeblich «verklausulierte» Schweizer Sprechen verdient eine genauere Betrachtung.
Die Linguistin Tanja Ackermann verglich Aufforderungen in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. Ihre Ergebnisse zeigen, dass konventionelle Indirektheit und sprachliche Abschwächungen – sogenannte Hedging-Strategien – innerhalb des untersuchten Gebietes von Norden nach Süden zunahmen. Ackermann: Bitte könnte ich vielleicht?
Ein Satz wie «Chönntemer das villicht no einisch aluege?» kann aus bundesdeutscher Perspektive zögerlich oder unnötig vorsichtig wirken. Innerhalb einer schweizerischen Kommunikationsnorm kann dieselbe Formulierung Respekt, Beziehungsschutz und die Bereitschaft zum gemeinsamen Aushandeln ausdrücken.
Umgekehrt kann eine direkte deutsche Aussage von Schweizern als Befehl, Angriff oder Rücksichtslosigkeit erlebt werden, obwohl sie von der sprechenden Person lediglich als klar und effizient gemeint ist.
Beide Seiten können sich deshalb falsch beurteilen:
- Deutsche Direktheit wird mit Arroganz verwechselt.
- Schweizer Indirektheit wird mit Unsicherheit oder mangelnder Kompetenz verwechselt.
Problematisch wird es, wenn eine Führungsperson aus diesen Unterschieden eine Rangordnung macht. Der Satz «Hier machen wir es auf die deutsche Art» beschreibt dann nicht mehr nur eine Arbeitsmethode. Er erklärt eine nationale Kommunikationsweise zur überlegenen Norm und wertet die örtliche Form indirekt ab.
Gute Führung müsste stattdessen sagen:
«Wir prüfen, welche Kommunikationsform in dieser Situation Klarheit, Beteiligung und Sicherheit am besten gewährleistet.»
Hochdeutsch kann sachlich notwendig sein
Es wäre ebenso falsch, Hochdeutsch grundsätzlich als sprachliche Unterwerfung darzustellen.
In einem Spital kann Standarddeutsch sinnvoll oder notwendig sein, wenn Patientinnen, Lernende oder Mitarbeitende Schweizerdeutsch tatsächlich nicht verstehen. Bei sicherheitsrelevanten Informationen muss Verständlichkeit Vorrang haben. Auch eine Weiterbildung kann aus guten Gründen eine klar vereinbarte Standardsprache festlegen.
Entscheidend ist jedoch, aus welchem Grund die Sprache gewechselt wird.
Erfolgt der Wechsel zugunsten eines Patienten, einer neu zugewanderten Mitarbeiterin oder einer gemischtsprachigen Gruppe, dient er der Teilhabe und Sicherheit. Erfolgt er allein deshalb, weil die ranghöchste Person ihre eigene Sprachform zur verbindlichen Norm erklärt, wird aus Verständlichkeit eine Frage der Hierarchie.
Auf einer Visite sollte deshalb nicht die Herkunft des Chefarztes entscheiden, sondern die Frage:
Welche Sprache verstehen die Patientin und alle unmittelbar Beteiligten am zuverlässigsten?
Wenn ein Chefarzt nach 20 Jahren in der Schweiz Schweizerdeutsch versteht, es aber aufgrund seiner persönlichen Präferenz allen anderen verbietet, dann geht es nicht mehr allein um Kommunikation. Dann nutzt eine Person ihre Position, um die Anpassungskosten auf alle anderen zu übertragen.
Emotional kann sich das wie das Auftreten eines «Imperators auf fremdem Boden» anfühlen. Wissenschaftlich präziser würde ich es so ausdrücken:
Die vertraute Sprachvarietät des Zugewanderten wird durch institutionelle Macht zur verbindlichen Norm, während die vertraute Sprache der Einheimischen zur begründungspflichtigen Abweichung wird.
Das ist die eigentliche Unfairness.
Die Verantwortung liegt nicht nur bei den Deutschen
Diese Ordnung entsteht allerdings nicht allein durch deutsche Forderungen. Sie entsteht auch durch unsere schweizerische Bereitschaft, uns vorsorglich anzupassen.
Oft wechseln wir ins Hochdeutsche, bevor wir überhaupt geprüft haben, ob unser Gegenüber Schweizerdeutsch versteht. Aus einer höflichen Geste wird eine Gewohnheit. Aus der Gewohnheit wird eine Erwartung. Und aus der Erwartung kann eine Hierarchie entstehen.
Dass ein Deutscher im Raum ist, bedeutet noch nicht, dass alle anderen Hochdeutsch sprechen müssen.
Wir dürfen fragen.
Wir dürfen eine wechselseitige Lösung suchen.
Und wir dürfen bei unserer Sprache bleiben, wenn das gegenseitige Verständnis gewährleistet ist.
Die Forschung belegt nicht, dass Deutsche in gemischten Gruppen grundsätzlich mehr Abstimmungen oder Diskussionen gewinnen. Sie beschreibt aber Mechanismen, die eine solche Erfahrung plausibel machen: unterschiedliche Redekonventionen, ungleiche sprachliche Routine, verschiedenes Prestige der Varietäten und die einseitige Verteilung der Anpassungsleistung.
Darum sollten Sitzungsleitungen nicht nur Redezeit verteilen. Sie müssen auch darauf achten, dass Direktheit nicht automatisch als Kompetenz und sprachliche Vorsicht nicht als Unsicherheit bewertet wird.
Was ich erwarten darf
Ich erwarte nicht, dass jeder Deutsche Schweizerdeutsch spricht. Ich erwarte keinen künstlich eingeübten Dialekt und keine perfekte Aussprache des Wortes «Chuchichäschtli».
Aber ich darf erwarten, dass Menschen, die über Jahre in der Deutschschweiz leben und hier Führungsverantwortung übernehmen,
- die örtliche Alltagssprache verstehen lernen,
- Schweizerhochdeutsch nicht als minderwertiges Deutsch behandeln,
- Schweizer Kommunikationsformen nicht lächerlich machen,
- die eigene Ausdrucksweise nicht mit universeller Klarheit verwechseln,
- und nicht verlangen, dass sich eine ganze Gruppe allein ihretwegen sprachlich unsichtbar macht.
Boubacar Boris Diop sagte über das Schreiben auf Wolof:
«Wenn ich auf Wolof schreibe, höre ich jedes Wort.»
Wenn ich Schweizerdeutsch spreche, höre auch ich jedes Wort. Im Hochdeutschen verliere ich nicht meinen Verstand und nicht meine Fachlichkeit. Aber ich verliere etwas von der unmittelbaren Nähe zu meinem Denken, meinem Humor, meiner Biografie und meiner inneren Sicherheit.
Eine inklusive Kommunikation darf Verständlichkeit verlangen. Sie darf aber nicht immer von denselben Menschen verlangen, dafür einen Teil ihrer sprachlichen Heimat vor der Tür zu lassen.
«Gastfreundschaft bedeutet, verständlich zu werden. Sie bedeutet nicht, sich selbst unhörbar zu machen.»
— Christoph J. Zingg
Deutsch ist nicht einfach deutsch
Ich spreche und schreibe fliessend Deutsch. Ich kann einen wissenschaftlichen Text verfassen, eine Sitzung leiten, einen Konflikt analysieren und mich differenziert ausdrücken.
Trotzdem fühle ich mich manchmal unsicher, sobald ich mit Menschen aus Deutschland spreche.
Besonders ausgeprägt erlebe ich das im Kontakt mit Menschen aus Nord- oder Ostdeutschland, gelegentlich aber auch mit Menschen aus Berlin, dem Rheinland oder anderen Regionen. Sie sprechen oft schneller, setzen ihre Aussagen früher, vertreten Positionen bestimmter und wirken in Diskussionen verbal überlegen.
Das kann bei Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern den Eindruck auslösen, belächelt oder nicht ganz ernst genommen zu werden. Umgekehrt erleben manche Deutsche die schweizerische Gesprächsweise als umständlich, langsam, unklar oder konfliktscheu.
Dann fallen Zuschreibungen:
Die Deutschen seien hart, kalt, rücksichtslos, arrogant oder frech.
Die Schweizer seien langsam, ausweichend, unentschlossen oder unehrlich.
Ich glaube, dass beide Urteile zu kurz greifen.
Was hier aufeinandertrifft, sind nicht einfach freundliche und unfreundliche Menschen. Es begegnen sich unterschiedliche sprachliche Biografien, Höflichkeitsordnungen, Gesprächsrhythmen und gesellschaftliche Vorstellungen davon, wie man zu einer tragfähigen Entscheidung gelangt.
Der Satz von Boubacar Boris Diop
Im vorausgehenden Beitrag über Sprache als koloniales Erbe hat mich eine Aussage des senegalesischen Schriftstellers Boubacar Boris Diop besonders berührt.
Diop schrieb seine ersten Romane auf Französisch. Später wechselte er zum Wolof. Über diesen Unterschied sagte er:
«Wenn ich auf Wolof schreibe, höre ich jedes Wort.»
Auf Französisch konnte er schreiben. Auf Wolof konnte er sich zusätzlich hören.
Dieser Unterschied beschäftigt mich.
Selbstverständlich lässt sich die sprachliche Situation der Deutschschweiz nicht mit der Kolonialgeschichte Senegals gleichsetzen. Die historischen Macht- und Gewalterfahrungen sind grundverschieden. Dennoch berühren sich die Erfahrungen in einem Punkt:
Eine Sprache kann vollkommen beherrscht werden und trotzdem nicht dieselbe innere Nähe besitzen wie jene Sprache, in der ein Mensch aufgewachsen ist, getröstet, gelobt, ausgeschimpft und geliebt wurde.
Auf Schweizerdeutsch höre ich nicht nur die Information.
Ich höre die Beziehung.
Ich höre, ob etwas herzlich, ironisch, vorsichtig, enttäuscht, liebevoll oder abweisend gemeint ist. Und ich erkenne kleinste Verschiebungen im Ton. Und ich spüre, ob ein Satz eine Einladung, eine Warnung oder ein unausgesprochener Widerspruch ist.
Im gesprochenen Standarddeutsch verstehe ich ebenfalls jedes Wort. Aber ein Teil dieser emotionalen und sozialen Resonanz wird schwächer. Die Sprache transportiert die Aussage – doch sie trägt nicht immer meine ganze Person mit derselben Selbstverständlichkeit.
Boubacar Boris Diop im Gespräch über Französisch und Wolof
Wir sprechen nicht einfach Dialekt und Hochdeutsch
Die sprachliche Situation der Deutschschweiz wird häufig mit dem Begriff der Diglossie beschrieben. Charles A. Ferguson verwendete 1959 die Schweiz als eines seiner klassischen Beispiele: Zwei verwandte Sprachformen existieren nebeneinander und übernehmen unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen. Charles A. Ferguson: Diglossia
Diese vereinfachte Einteilung lautet:
- Schweizerdeutsch wird vor allem gesprochen.
- Standarddeutsch wird vor allem geschrieben, unterrichtet und in formellen Situationen verwendet.
Heute sind die Grenzen durchlässiger. Wir schreiben Nachrichten im Dialekt, hören Mundart in Medien und Politik und verwenden Standarddeutsch auch in persönlichen Gesprächen. Dennoch ist die grundlegende Arbeitsteilung weiterhin spürbar.
Das Bundesamt für Statistik zeigt, wie stark Schweizerdeutsch im Alltag verankert ist. Es wird unabhängig von Bildung und sozialer Schicht gesprochen. Anders als viele Dialekte in anderen Ländern signalisiert Schweizerdeutsch nicht automatisch geringe Bildung oder einen niedrigen sozialen Status.
Für viele Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer ist der Dialekt die Sprache der Nähe. Standarddeutsch ist dagegen stärker mit Schule, Leistung, Schreiben, Prüfungen, Nachrichten und formeller Öffentlichkeit verbunden.
Die Linguistin Rebekka Studler befragte 750 Menschen zu ihrem Verhältnis zwischen Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. Eine Mehrheit nahm zwischen beiden Sprachformen eine erhebliche Distanz wahr; viele beschrieben Hochdeutsch subjektiv als eine Art Fremdsprache. Gleichzeitig besitzt Schweizerdeutsch selbst ein hohes Prestige. Rebekka Studler: Diglossia and bilingualism
Das bedeutet nicht, dass Deutschschweizer kein Deutsch können.
Es bedeutet, dass sie mit zwei eng verwandten, aber sozial unterschiedlich verankerten Sprachformen leben.
Für die eine Seite Alltag – für die andere Seite Sprechlage
Ein Mensch aus Deutschland verwendet gesprochenes Standarddeutsch oder eine standardnahe regionale Umgangssprache gewöhnlich seit seiner Kindheit. Er streitet, scherzt, widerspricht, flirtet, verhandelt und improvisiert darin.
Eine Deutschschweizerin oder ein Deutschschweizer verwendet Schweizerdeutsch für viele dieser Situationen. Standarddeutsch wird zwar früh gelernt und meist sehr gut beherrscht – aber lange vorwiegend gelesen, geschrieben und in schulischen oder formellen Situationen gesprochen.
Wenn sich beide auf Standarddeutsch unterhalten, verwenden sie deshalb zwar weitgehend dieselbe Sprache, aber nicht dieselbe sprachliche Heimat.
Für die deutsche Person bleibt es ein Heimspiel.
Für die schweizerische Person kann es sich wie ein Auswärtsspiel mit vertrauten Regeln anfühlen.
Sie muss nicht nur überlegen, was sie sagen möchte. Sie kontrolliert möglicherweise zusätzlich:
- Ist dieser Ausdruck auch in Deutschland üblich?
- Ist das ein Helvetismus?
- Klinge ich zu schweizerisch?
- Spreche ich schnell genug?
- Ist mein Satzbau zu schriftsprachlich?
- Wirke ich umständlich?
- Wird mein Akzent belächelt?
- Muss ich direkter werden?
- Habe ich die richtige Redewendung verwendet?
Diese zusätzliche Selbstbeobachtung bindet Aufmerksamkeit. Was in der Psychologie als automatisierter Sprachgebrauch bezeichnet wird, wird teilweise wieder zu einer bewusst kontrollierten Leistung.
Man beherrscht die Sprache – aber man hört sich beim Sprechen zu.
Schweizerhochdeutsch ist kein schlechtes Deutsch
Dabei ist etwas besonders wichtig: Schweizerhochdeutsch ist keine mangelhafte Nachahmung des in Deutschland gesprochenen Standarddeutschs.
Deutsch ist eine plurizentrische Sprache. Es besitzt mehrere nationale Standardvarietäten, insbesondere:
- deutsches Standarddeutsch,
- österreichisches Standarddeutsch,
- Schweizer Standarddeutsch.
Helvetismen wie Spital, Traktandum, Offerte, Ferien, parkieren oder Unterbruch sind nicht automatisch Fehler. Sie gehören zur Standardsprache der Schweiz. Das wissenschaftlich erarbeitete Variantenwörterbuch des Deutschen dokumentiert die unterschiedlichen nationalen und regionalen Standardformen ausdrücklich gleichberechtigt. Österreichische Akademie der Wissenschaften
Trotzdem wird die bundesdeutsche Varietät aufgrund der Grösse Deutschlands, seiner Medien und seines Buchmarktes häufig als vermeintlich einzig «richtiges» Deutsch wahrgenommen.
Dadurch entsteht eine unsichtbare Normhierarchie:
Die deutsche Person spricht scheinbar einfach Deutsch.
Die schweizerische Person spricht Deutsch mit einer wahrnehmbaren schweizerischen Färbung.
Sprachwissenschaftlich ist diese Hierarchie nicht gerechtfertigt. Sozial kann sie dennoch wirksam werden.
Warum ich auf Schweizerdeutsch jedes Wort höre
Forschung mit mehrsprachigen Menschen zeigt, dass Sprachen unterschiedlich emotional verankert sein können. Wörter, die in der frühen Kindheit und in emotionalen Beziehungen erworben wurden, lösen häufig stärkere körperliche und emotionale Reaktionen aus als später gelernte Sprachen.
Catherine Harris und ihre Kolleginnen untersuchten dies unter anderem anhand von Tabuwörtern und Kindheitsermahnungen. Die körperlichen Reaktionen waren in der zuerst erworbenen Sprache stärker. Andere Studien zeigen, dass autobiografische Erinnerungen leichter zugänglich sein können, wenn die Sprache des Erinnerns jener Sprache entspricht, in der ein Erlebnis ursprünglich stattfand. Überblick zu Sprache, Gefühl und autobiografischem Gedächtnis
Boaz Keysar, Sayuri Hayakawa und Sun Gyu An zeigten wiederum, dass Entscheidungen in einer später erworbenen Sprache teilweise mit grösserer emotionaler Distanz getroffen werden. Psychological Science/PubMed
Diese Forschung beschäftigt sich überwiegend mit unterschiedlichen Sprachen, nicht spezifisch mit Schweizerdeutsch und Schweizerhochdeutsch. Sie darf daher nicht eins zu eins übertragen werden.
Aber sie bietet einen plausiblen Erklärungsrahmen für meinen Satz:
Auf Schweizerdeutsch höre ich jedes Wort, weil die Wörter mit Situationen, Beziehungen, Stimmen und Erinnerungen verbunden sind. Im Standarddeutsch kann die begriffliche Bedeutung vollständig vorhanden sein, während ein Teil der emotionalen Resonanz schwächer bleibt.
Ich spreche dann nicht schlechter.
Ich spreche mit einer anderen inneren Beteiligung.
Auf Schweizerdeutsch höre ich jedes Wort
Ich höre es aber nicht nur, – ich fühle es.
-Christoph J. Zingg
Sprachliche Unsicherheit trotz hoher Kompetenz
Die Soziolinguistik kennt den Begriff der sprachlichen Unsicherheit. Menschen können ihre Sprache objektiv gut beherrschen und sie dennoch als unzureichend erleben, wenn sie sich an einer fremden oder als überlegen wahrgenommenen Norm messen.
In der Deutschschweiz geschieht genau das häufig: Menschen vergleichen ihr gesprochenes Schweizerhochdeutsch nicht mit der schweizerischen Standardvarietät, sondern mit der spontanen Alltagssprache eines Menschen aus Deutschland.
Das ist ein unfairer Vergleich.
Die eine Person spricht eine Sprache, die sie täglich mündlich verwendet. Die andere verwendet eine vorwiegend schriftlich und formell geprägte Varietät spontan im Gespräch.
Besonders belastend wird dies, wenn die schweizerische Person bereits damit rechnet, wegen ihres Akzents, ihrer Wortwahl oder ihres langsameren Gesprächsrhythmus bewertet zu werden.
Die Forschung zum Stereotype Threat zeigt: Die Befürchtung, ein negatives Vorurteil über die eigene Gruppe zu bestätigen, kann Arbeitsgedächtnis binden und die tatsächliche Leistung verschlechtern. Man überwacht sich, unterdrückt Unsicherheit und versucht, keine Fehler zu machen. Genau diese Anstrengung nimmt jene geistigen Ressourcen in Anspruch, die für spontane Formulierungen benötigt würden. Schmader, Johns und Forbes
Ein kleiner spöttischer Kommentar kann deshalb mehr bewirken, als der Sprechende beabsichtigt.
Er erinnert die andere Person daran, dass nicht nur der Inhalt, sondern auch ihre sprachliche Zugehörigkeit beurteilt wird.
Der Akzent wird mit Kompetenz verwechselt
Shiri Lev-Ari und Boaz Keysar fanden in Experimenten, dass Aussagen mit einem fremden Akzent von Zuhörenden als weniger glaubwürdig bewertet wurden. Ein Teil dieses Effekts entstand durch sogenannte Verarbeitungsflüssigkeit: Was etwas schwerer zu verstehen ist, fühlt sich unbewusst weniger überzeugend an. Lev-Ari und Keysar
Auch diese Untersuchung betrifft nicht Schweizerhochdeutsch. Ein schweizerischer Akzent ist kein fremdsprachlicher Akzent, sondern Teil einer nationalen deutschen Standardvarietät.
Der zugrunde liegende Mechanismus bleibt dennoch relevant:
Menschen verwechseln häufig die Leichtigkeit, mit der sie eine Aussage verarbeiten, mit der Qualität dieser Aussage.
Wer schnell, vertraut und erwartungsgemäss klingt, wird leichter als kompetent wahrgenommen. Wer ungewöhnliche Wörter verwendet, anders intoniert oder länger nach einer Formulierung sucht, muss mehr Überzeugungsarbeit leisten – selbst wenn sein Argument inhaltlich besser ist.
So kann aus sprachlicher Gewohnheit eine informelle Machtordnung entstehen.
Zwei verschiedene Vorstellungen von Höflichkeit
Viele Konflikte zwischen Menschen aus Deutschland und der Schweiz entstehen nicht, weil eine Seite höflich und die andere unhöflich wäre. Sie entstehen, weil Höflichkeit unterschiedlich hergestellt wird.
In einer stärker direktheitsorientierten Gesprächskultur kann Respekt bedeuten:
- klar sagen, was man denkt,
- Probleme nicht beschönigen,
- Widerspruch offen äussern,
- Zeit nicht mit Andeutungen verlieren,
- Sache und Person trennen.
In einer stärker abschwächenden Gesprächskultur kann Respekt bedeuten:
- die Position des Gegenübers mitberücksichtigen,
- Kritik sprachlich einbetten,
- dem anderen einen Rückweg offenlassen,
- eine Aussage nicht unnötig absolut formulieren,
- Beziehung und Sache gemeinsam beachten.
Ein beispielhafter deutscher Satz könnte lauten:
«Das funktioniert so nicht. Wir müssen es anders machen.»
Ein typisch schweizerisch abgeschwächter Satz könnte lauten:
«Ich bin nicht ganz sicher, ob wir vielleicht nochmals anschauen müssten, ob es noch eine andere Möglichkeit gäbe.»
Die erste Person meint möglicherweise: Ich bin ehrlich und verschwende deine Zeit nicht.
Die zweite Person meint möglicherweise: Ich widerspreche dir, ohne dich öffentlich abzuwerten.
Die deutsche Person hört im schweizerischen Satz womöglich Unsicherheit.
Die schweizerische Person hört im deutschen Satz womöglich Rücksichtslosigkeit.
Beide beurteilen die andere Seite nach der eigenen Höflichkeitsordnung.
Erving Goffman bezeichnete die gemeinsame Arbeit am sozialen Ansehen einer Person als Facework. Menschen versuchen in Gesprächen, ihr eigenes «Gesicht» und jenes des Gegenübers zu schützen. Kulturen und Sprachgemeinschaften unterscheiden sich jedoch darin, wie viel sprachliche Absicherung sie dafür erwarten. Erving Goffman: On Face-Work
Was die Forschung zur Direktheit tatsächlich zeigt
Das verbreitete Bild vom direkten Deutschen und indirekten Schweizer ist nicht vollständig erfunden. Es ist aber gröber als die Forschungsergebnisse.
Die Linguistin Tanja Ackermann untersuchte Aufforderungen in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Konventionelle Indirektheit und sprachliche Abschwächungen nahmen vom Norden des untersuchten Gebiets nach Süden zu. In der Schweiz wurden Bitten häufiger eingebettet, mit Konjunktiven, Begründungen, Dank und sogenannten Hedges wie vielleicht, eventuell oder ich denke versehen.
Die Untersuchung zeigte aber auch: Der alemannische Raum auf deutscher und schweizerischer Seite verhielt sich in vielen Bereichen ähnlich. Die Staatsgrenze erklärt deshalb nicht alles. Region, Dialekt, Alter, Beruf, Hierarchie, Organisation und Persönlichkeit sind ebenfalls wichtig. Tanja Ackermann, 2021
Damit erhält auch meine persönliche Beobachtung eine wissenschaftliche Einordnung: Dass ich den Unterschied gegenüber norddeutschen Gesprächspartnern stärker wahrnehme, ist mit einer Nord-Süd-Tendenz vereinbar. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass alle Nord- oder Ostdeutschen harsch und alle Süddeutschen rücksichtsvoll seien.
Kulturelle Muster beschreiben Wahrscheinlichkeiten.
Sie bestimmen keinen einzelnen Menschen.
Warum sich deutsche Voten häufiger durchsetzen können
Besonders aufschlussreich ist eine kleine vergleichende Untersuchung von Gabriela Suter und Simone Kauffeld. Analysiert wurden Videoaufnahmen von 15 norddeutschen und 15 deutschschweizerischen Studierendengruppen mit insgesamt 163 Teilnehmenden.
Die Gruppen mussten gemeinsam ein Problem bearbeiten und eine Entscheidung treffen.
Die Ergebnisse:
- Die Schweizer Gruppen stellten signifikant mehr Fragen.
- Sie bezogen sich stärker auf vorherige Beiträge.
- Sie verknüpften Ursachen und Folgen.
- Sie entwickelten zunächst ein gemeinsames Problemverständnis.
- Die deutschen Gruppen formulierten wesentlich früher konkrete Lösungen.
- Sie führten ihre eigenen Vorschläge ausführlicher aus.
- Die Gesamtzahl der gefundenen Lösungen unterschied sich nicht.
Die deutschen Gruppen nannten erste Lösungen oft bereits in den ersten Minuten. In den Schweizer Gruppen erschienen konkrete Vorschläge deutlich später.
Das ist entscheidend.
Wer früh eine klare Lösung formuliert, setzt einen Bezugspunkt für das weitere Gespräch. Der Vorschlag steht im Raum, bevor andere Perspektiven vollständig entwickelt wurden. Spätere Beiträge müssen sich zu ihm verhalten.
Die schweizerische Seite investiert möglicherweise zuerst in ein gemeinsames Verständnis. Diese Arbeit ist für die Qualität der Entscheidung wertvoll, wird aber weniger leicht einer einzelnen Person zugerechnet. Wenn der eigene Vorschlag schliesslich formuliert wird, ist der Gesprächsrahmen womöglich bereits durch einen früheren Beitrag besetzt.
Die Untersuchung ist begrenzt: Es waren Studierende, relativ kleine Gruppen und eine künstliche Aufgabe. Sie erlaubt keine Aussagen über alle Schweizer und Deutschen. Dennoch beschreibt sie bemerkenswert genau, was viele Menschen in gemischten Sitzungen erleben. Suter und Kauffeld: Meetings im kulturellen Vergleich
Deutsche Voten setzen sich demnach nicht zwangsläufig durch, weil sie inhaltlich besser sind.
Sie können sich durchsetzen, weil sie:
- früher ausgesprochen werden,
- eindeutiger als Position erkennbar sind,
- länger vertreten werden,
- weniger abgeschwächt erscheinen,
- leichter einer Person zugerechnet werden können.
Wer mehr spricht, wirkt führungsstärker
Leadership-Forschung liefert eine weitere unbequeme Erklärung.
Neil MacLaren und ein grosses Forschungsteam überprüften die sogenannte Babble Hypothesis: Werden Menschen als Führungspersonen wahrgenommen, weil ihre Beiträge besonders gut sind – oder bereits deshalb, weil sie häufiger und länger sprechen?
Das Ergebnis: Die Sprechzeit sagte die Entstehung informeller Führungszuschreibungen voraus, selbst wenn Intelligenz, Persönlichkeit, Geschlecht und weitere Faktoren statistisch berücksichtigt wurden. MacLaren et al., 2020
Menschen verwechseln Präsenz leicht mit Kompetenz.
Wer schneller einsteigt, länger spricht und weniger sprachliche Zweifel signalisiert, wirkt führungsstärker. Wer Fragen stellt, andere einbezieht und eine Aussage als vorläufige Überlegung formuliert, kann weniger dominant erscheinen – obwohl genau dieses Verhalten kollektive Intelligenz ermöglicht.
Die scheinbare verbale Unterlegenheit der Schweizer Gesprächsweise kann deshalb teilweise eine Fehlbewertung sein:
Ein Stil, der auf Integration ausgerichtet ist, trifft auf Beurteilungskriterien, die individuelle Sichtbarkeit belohnen.
Ist die Schweiz wirklich ein Konsensland – und Deutschland nicht?
Mein persönlicher Eindruck hat eine reale Grundlage, braucht aber eine Korrektur.
Die Schweiz gilt in der vergleichenden Politikwissenschaft als besonders ausgeprägte Konsensdemokratie. Föderalismus, Mehrsprachigkeit, Verhältniswahl, Kollegialregierung und direkte Demokratie zwingen politische Akteure dazu, unterschiedliche Interessen früh einzubeziehen. Ein Gesetz, das eine starke Minderheit vollständig übergeht, kann später im Referendum scheitern.
Der Politikwissenschaftler Wolf Linder beschreibt die schweizerische Konkordanz deshalb als institutionalisierte Machtteilung und permanente Suche nach tragfähigen Kompromissen. Wolf Linder: Schweizer Konsensdemokratie
Diese Konsensorientierung ist nicht einfach eine angeborene schweizerische Charaktereigenschaft. Sie wurde historisch durch Institutionen eingeübt und belohnt. Auch sie war nicht über Jahrhunderte unverändert vorhanden.
Deutschland ist jedoch nicht das Gegenteil.
Auch die Bundesrepublik wird in der vergleichenden Forschung häufig als Konsensdemokratie eingeordnet. Föderalismus, Bundesrat, Koalitionsregierungen, Verfassungsgericht und korporatistische Verhandlungen begrenzen die Macht einfacher Mehrheiten. Burkhart und Lehnert zur deutschen Konsensdemokratie
Der Unterschied liegt eher im Grad und in der politischen Dramaturgie.
In Deutschland sind Regierung und Opposition sichtbarer voneinander getrennt. Die parlamentarische Auseinandersetzung belohnt die klare Markierung einer eigenen Position. Auf Bundesebene fehlt zudem das schweizerische Referendum als ständige Möglichkeit, eine parlamentarische Entscheidung nachträglich zu stoppen.
In der Schweiz lohnt es sich stärker, mögliche Widerstände schon vor der Entscheidung einzubauen. In Deutschland wird der Konflikt zwischen Alternativen häufiger öffentlich und positionsbezogen ausgetragen, bevor später in Koalitionen, Ausschüssen oder zwischen Bund und Ländern Kompromisse entstehen.
Diese institutionellen Unterschiede können kommunikative Gewohnheiten verstärken. Sie beweisen aber nicht, dass jede deutsche Person konfrontativ und jede schweizerische Person konsensorientiert kommuniziert.
Das Chuchichäschtli als sprachliche Grenzkontrolle
Das berühmte Chuchichäschtli wirkt auf den ersten Blick harmlos. Es ist ein schwieriges Wort, man lacht über die Aussprache und erkennt daran sofort das Schweizerdeutsche.
Sprachwissenschaftlich funktioniert es als Schibboleth: ein Wort, an dessen Aussprache Zugehörigkeit erkannt oder geprüft wird. Schibboleths machen eine unsichtbare Gruppengrenze hörbar.
Das kann spielerisch sein.
Es kann aber auch ausgrenzend werden.
Wenn Schweizerinnen und Schweizer einen Deutschen auffordern, «Chuchichäschtli» zu sagen und anschliessend über sein Scheitern lachen, kann das bedeuten:
Du gehörst sprachlich nicht ganz zu uns.
Wenn Deutsche das Wort immer wieder von einer schweizerischen Person hören wollen, ihren Akzent nachahmen oder die Sprache auf ein komisches Geräusch reduzieren, kann die umgekehrte Botschaft entstehen:
Deine Sprache ist eine unterhaltsame Abweichung von unserem eigentlichen Deutsch.
Ob ein solcher Scherz verbindend oder diskriminierend wirkt, entscheidet nicht allein die Absicht. Entscheidend sind Beziehung, Wiederholung, Machtverhältnis und die Möglichkeit, ohne Nachteile Nein zu sagen.
Ein Witz bleibt nicht harmlos, wenn immer dieselbe Person beweisen muss, dass ihre Sprache komisch ist.
Die Forschung zum Schibboleth zeigt, dass solche Sprachtests nicht nur Aussprache prüfen. Sie ordnen Menschen sozialen Gruppen zu und markieren Grenzen zwischen «uns» und «den anderen». Busch und Spitzmüller: Indexical borders – the sociolinguistic scales of the shibboleth
Was in mir geschieht
Wenn ich mit einem Deutschen spreche und mich unsicher fühle, können mehrere Prozesse gleichzeitig ablaufen:
- Wechsel der Sprechlage.
Ich verlasse die Sprache meiner spontanen sozialen Nähe und wechsle in eine stärker formell gelernte Sprachform.
- Vergleich mit der falschen Norm.
Ich messe mein Schweizerhochdeutsch an der mündlichen Routine eines Menschen aus Deutschland.
- Selbstüberwachung.
Auch kontrolliere ich Aussprache, Wortwahl, Geschwindigkeit und mögliche Helvetismen.
- Ich lese mehr Beziehungssignale.
Eine direkte Aussage erreicht mich nicht nur sachlich, sondern möglicherweise als soziale Härte.
- Ich formuliere später.
Ich möchte zuerst verstehen, einordnen und die Auswirkungen auf andere berücksichtigen.
- Mein Gegenüber besetzt früher den Gesprächsraum.
Ein schnelles, eindeutiges Votum wird leichter als kompetent und führungsstark wahrgenommen.
- Frühere Erfahrungen werden aktiviert.
Wenn ich bereits belächelt oder sprachlich korrigiert wurde, erwarte ich eine Wiederholung und werde vorsichtiger.
Daraus kann ein Kreislauf entstehen:
Erwartete Bewertung → stärkere Selbstkontrolle → geringere Spontaneität → vorsichtigere Formulierung → Wahrnehmung als Unsicherheit → tatsächliche verbale Unterlegenheit
Das Problem liegt dann weder nur in mir noch nur beim Gegenüber. Es entsteht – wie in meinem Integrativen Systemdenken – zwischen Mensch, Beziehung, Aufgabe und Struktur.
Was ich selbst tun kann, ohne Deutscher werden zu müssen
Das Ziel kann nicht sein, die schweizerische Kommunikationsweise abzulegen. Konsensorientierung, Zuhören, Abwägen und sprachliche Rücksicht sind keine Defizite.
Aber ich kann lernen, meine Position früher sichtbar zu machen.
Eine hilfreiche Struktur lautet:
«Mein Vorschlag ist X. Ich möchte anschliessend erklären, welche Interessen und Risiken ich dabei berücksichtigt habe.»
Damit steht die Position am Anfang. Die schweizerische Auslegeordnung folgt danach.
Weitere Möglichkeiten:
- Ich entschuldige mich nicht für mein Schweizerhochdeutsch.
- Ich verwende Helvetismen, solange sie verständlich sind.
- Ich trenne sprachliche Direktheit von fachlicher Richtigkeit.
- Ich sage früh, wenn ich anderer Meinung bin.
- Ich lasse mich nicht durch Geschwindigkeit zu vorschnellen Antworten drängen.
- Ich unterbreche eine Unterbrechung ruhig: «Ich möchte den Gedanken noch beenden.»
- Ich benenne den Unterschied: «Ich formuliere vorsichtig, aber meine Position ist klar.»
- Ich frage nach, ob eine harte Aussage sachlich oder persönlich gemeint war.
- Ich setze bei sprachlichen Scherzen eine Grenze.
Zum Chuchichäschtli könnte ich beispielsweise sagen:
«Ich weiss, dass es scherzhaft gemeint ist. Für mich macht es meine Sprache aber zur Vorführung. Lassen wir es bitte.»
Das ist keine Überempfindlichkeit.
Es ist sprachliche Selbstachtung.
Was Führungskräfte in gemischten Teams tun sollten
Eine gute Leitung darf Durchsetzungsfähigkeit nicht mit Lautstärke, Sprechzeit oder bundesdeutscher Standardnähe verwechseln.
Hilfreich sind Strukturen, welche unterschiedliche Gesprächsstile ausgleichen:
- Alle schreiben ihre erste Einschätzung vor der Diskussion kurz auf.
- Jede Person erhält eine ununterbrochene erste Wortmeldung.
- Die Sitzung trennt bewusst Problemklärung und Lösungsentscheidung.
- Fragen und das Aufgreifen fremder Beiträge werden als Leistung anerkannt.
- Die Leitung fragt gezielt nach noch nicht vertretenen Perspektiven.
- Entscheidungen werden nicht automatisch an der zuerst genannten Lösung ausgerichtet.
- Unterbrechungen und abwertende Akzentwitze werden angesprochen.
- Wichtige Vorschläge werden zusätzlich schriftlich gesammelt.
- Die Moderation unterscheidet zwischen inhaltlicher Klarheit und sprachlicher Dominanz.
Psychologische Sicherheit bedeutet auch sprachliche Sicherheit: Menschen müssen sprechen können, ohne zu befürchten, dass Akzent, Tempo oder regionale Wortwahl gegen ihre Kompetenz verwendet werden.
Hier schliesst sich der Kreis zu meiner Multiversität.
Vielfalt beginnt nicht erst zwischen verschiedenen Nationalsprachen. Sie existiert bereits innerhalb derselben Sprache – in Akzenten, Gesprächsrhythmen, Höflichkeitsformen, regionalen Erfahrungen und unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Klarheit entsteht.
Multiversität ist erreicht, wenn nicht eine Seite ihre Kommunikationsweise zur allgemeinen Norm erklärt, sondern beide Seiten lernen, die Kompetenz hinter dem jeweils anderen Stil zu erkennen.
Nicht weniger klar – anders klar
Deutsche Direktheit muss nicht rücksichtslos sein. Sie kann Ausdruck von Ehrlichkeit, Effizienz und dem Wunsch nach eindeutigen Verhältnissen sein.
Schweizerische Zurückhaltung muss nicht unsicher oder unehrlich sein. Sie kann Ausdruck von Respekt, sozialer Wahrnehmung und dem Bemühen um eine tragfähige gemeinsame Lösung sein.
Problematisch wird es erst, wenn eine Seite ihre eigene Kommunikationsform mit Vernunft, Kompetenz und Normalität gleichsetzt – und die andere Form als persönliche Schwäche deutet.
Vielleicht ist deshalb mein Gefühl der Unsicherheit keine Einbildung. Aber es ist auch kein Beweis dafür, dass ich sprachlich unterlegen bin.
Ich betrete im Gespräch mit Menschen aus Deutschland einen Sprachraum, den ich ausgezeichnet kenne, in dem mein Gegenüber aber möglicherweise selbstverständlicher wohnt. Gleichzeitig bringe ich Fähigkeiten mit, die in einer schnellen, positionsorientierten Diskussion weniger sichtbar werden: Zuhören, Verknüpfen, Einbeziehen, Abwägen und das Wahrnehmen jener Dinge, die nicht ausdrücklich gesagt werden.
In meinem Blog «Kommunikation formt Wirklichkeit» habe ich beschrieben, dass Sprache Wirklichkeit nicht nur abbildet. Sie erzeugt soziale Wirklichkeit.
Wer zuerst spricht, erzeugt einen Rahmen.
Wer direkter spricht, erzeugt den Eindruck von Gewissheit.
Und wer langsamer spricht, kann nachdenklich sein – wird aber möglicherweise für unsicher gehalten.
Wer Rücksicht sprachlich sichtbar macht, kann kompetent führen – wird aber vielleicht nicht als führungsstark erkannt.
Deshalb müssen wir lernen, nicht nur Aussagen zu hören.
Wir müssen hören, aus welcher sprachlichen und sozialen Welt sie zu uns kommen.
«Ich bin nicht weniger klar, weil ich zuerst verstehen will. Und ich bin nicht weniger deutschsprachig, weil mein Deutsch in der Schweiz zu Hause ist.»
Christoph J. Zingg
Wissenschaftlicher Hinweis: Die beschriebenen Unterschiede sind statistische, regionale und kulturelle Tendenzen. Sie erlauben keine Beurteilung einzelner Menschen. Besonders die Forschung zu emotionaler Zweitsprachigkeit, Akzenturteilen und Stereotype Threat bietet plausible Erklärungsmechanismen, wurde aber nicht durchgehend speziell an Begegnungen zwischen Deutschen und Deutschschweizerinnen beziehungsweise Deutschschweizern untersucht.
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