Zimbardo: Wenn Rollen Menschen verändern

Zimbardo: Wenn Rollen Menschen verändern - Das Stanford-Prison-Experiment – Macht, Identität und die Dynamik sozialer Rollen (#Gruppendynamik)

Das Stanford-Prison-Experiment – Macht, Identität und die Dynamik sozialer Rollen

„Nicht jede Macht macht Menschen schlecht. Aber jede Macht verändert Beziehungen. Entscheidend ist, ob Menschen sich ihrer Verantwortung dabei bewusst bleiben.“
– Christoph J. Zingg

Einleitung

Warum verhalten sich ganz gewöhnliche Menschen manchmal plötzlich grausam?

Liegt es an ihrer Persönlichkeit?

Oder verändert die Situation den Menschen?

Diese Frage beschäftigt Philosophie, Psychologie und Geschichte seit Jahrhunderten.

Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs gewann sie eine neue Dringlichkeit.

Während Stanley Milgram untersuchte, wie Autoritäten Gehorsam erzeugen können, stellte der amerikanische Psychologe Philip Zimbardo eine andere Frage:

Kann allein eine soziale Rolle einen Menschen verändern?

Das berühmte Stanford-Prison-Experiment sollte weltbekannt werden.

Es gehört bis heute zu den bekanntesten Studien der Sozialpsychologie.

Gleichzeitig gehört es auch zu den umstrittensten.

Philip Zimbardo

Philip Zimbardo wurde 1933 in New York geboren.

Er lehrte viele Jahre an der Stanford University und beschäftigte sich mit Sozialpsychologie, Zeitwahrnehmung, Schüchternheit, Heldenmut und insbesondere mit dem Einfluss sozialer Situationen auf menschliches Verhalten.

Seine zentrale Überzeugung lautete:

Nicht nur Persönlichkeiten bestimmen unser Verhalten.

Auch Situationen, Rollen und soziale Erwartungen formen unser Handeln.

Diese sogenannte situative Perspektive prägt bis heute grosse Teile der modernen Sozialpsychologie.

Das Stanford-Prison-Experiment

Im August 1971 wurden 24 psychisch gesunde, unauffällige Studenten ausgewählt.

Per Zufall wurden sie einer von zwei Gruppen zugeteilt:

  • Gefangene
  • Wärter

Im Keller der Stanford University wurde ein Gefängnis nachgebaut.

Die Gefangenen wurden sogar von der Polizei zu Hause abgeholt.

Sie erhielten Nummern statt Namen.

Sie mussten Gefängniskleidung tragen.

Die Wärter erhielten Uniformen, Schlagstöcke und verspiegelte Sonnenbrillen.

Ihre Aufgabe lautete lediglich:

„Sorgt für Ordnung.“

Weitere genaue Anweisungen gab es kaum.

Das Experiment sollte ursprünglich zwei Wochen dauern.

Was geschah?

Bereits nach wenigen Stunden begann sich das Verhalten zu verändern.

Die Wärter entwickelten zunehmend autoritäre Verhaltensweisen.

Sie führten Demütigungen ein.

Entzogen Schlaf.

Liessen Liegestützen machen.

Isolierten einzelne Gefangene.

Erfanden Strafen.

Die Gefangenen wurden zunehmend passiv.

Einige entwickelten starke emotionale Belastungen.

Andere brachen zusammen.

Nach nur sechs Tagen musste das Experiment abgebrochen werden.

Die erschreckende Erkenntnis

Zimbardo interpretierte die Ergebnisse zunächst als Beleg dafür,

dass gewöhnliche Menschen durch soziale Rollen und Machtpositionen ihr Verhalten drastisch verändern können.

Nicht besondere Persönlichkeitsmerkmale,

sondern die Situation selbst

schien entscheidend zu sein.

Dieses Ergebnis beeinflusste Generationen von Psychologen.

Macht verändert Kommunikation

Besonders interessant war,

wie schnell sich die Kommunikation veränderte.

Die Wärter begannen,

die Gefangenen nicht mehr als gleichwertige Menschen wahrzunehmen.

Namen verschwanden.

Nummern traten an ihre Stelle.

Gespräche wurden Befehle.

Respekt wurde durch Kontrolle ersetzt.

Genau dieser Prozess findet sich auch ausserhalb von Gefängnissen.

Immer dann,

wenn Menschen nicht mehr als Personen,

sondern nur noch als Funktionen,

Nummern,

Diagnosen

oder Mitarbeitende betrachtet werden,

beginnt Entmenschlichung.

Kommunikation verliert ihre Beziehungsebene.

Was sagt uns das über Führung?

Macht ist nicht grundsätzlich schlecht.

Organisationen brauchen Führung.

Sie brauchen Verantwortung.

Sie brauchen Entscheidungen.

Problematisch wird Macht dort,

wo sie nicht mehr kontrolliert wird.

Wo niemand widerspricht.

Wo Kritik als Illoyalität gilt.

Wo Hierarchien wichtiger werden als Menschen.

Hier schliesst sich der Kreis zum Milgram-Experiment.

Autorität kann Gehorsam erzeugen.

Rollen können Verhalten verändern.

Gemeinsam entsteht daraus eine Dynamik,

die selbst gutmeinende Menschen in problematische Verhaltensweisen führen kann.

Gruppendynamik

Das Stanford-Experiment zeigt eindrücklich,

wie schnell Gruppen eigene Normen entwickeln.

Die Wärter bestätigten sich gegenseitig.

Die Gefangenen entwickelten Resignation.

Mit jeder neuen Handlung verstärkte sich die Dynamik.

Gruppen erschaffen ihre eigene Wirklichkeit.

Genau deshalb ist Gruppendynamik ein so mächtiges Phänomen.

Lies auch: Macht und Status – Die unsichtbaren Kräfte der Kommunikation und Gruppendynamik

Die Verbindung zur Multiversität

In meinem Blog über Multiversität beschreibe ich,

dass Vielfalt weit mehr bedeutet als unterschiedliche Herkunft.

Multiversität bedeutet,

dass Menschen trotz unterschiedlicher Rollen,

Funktionen,

Status

und Erfahrungen

einander als gleichwertige Menschen begegnen.

Das Stanford-Experiment zeigt,

wie leicht genau diese Gleichwertigkeit verloren gehen kann.

Sobald Rollen wichtiger werden als Beziehungen,

beginnt Distanz.

Multiversität wirkt diesem Prozess entgegen,

indem sie den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt.

Lies auch: Von der Diversität zur Multiversität

Die wissenschaftliche Kontroverse

Heute wird das Stanford-Prison-Experiment wesentlich kritischer bewertet als früher.

Mehrere Punkte stehen im Mittelpunkt der Kritik.

Einfluss der Versuchsleitung

Dokumente und Tonaufnahmen zeigen,

dass Zimbardo und seine Mitarbeitenden die Wärter teilweise ermutigten, „hart“ aufzutreten.

Damit war die Situation weniger neutral,

als ursprünglich angenommen.

Kleine Stichprobe

Nur 24 Teilnehmer nahmen teil.

Solche kleinen Gruppen erlauben nur begrenzte Verallgemeinerungen.

Fehlende Reproduzierbarkeit

Spätere Studien konnten die dramatischen Ergebnisse nicht in gleicher Weise bestätigen.

Besonders bekannt wurde das BBC Prison Study von Stephen Reicher und Alexander Haslam.

Dort entwickelten sich ganz andere Dynamiken.

Die Autoren argumentierten,

dass Menschen Rollen nicht einfach übernehmen.

Sie identifizieren sich aktiv mit ihnen.

Ethik

Heute wäre ein Experiment,

das Teilnehmende derart belastet,

ethisch kaum mehr genehmigungsfähig.

Psychischer Schutz,

Aufklärung

und jederzeitiger Abbruch

gehören heute selbstverständlich zu wissenschaftlichen Standards.

Was erforschte Zimbardo später?

Nach dem Stanford-Experiment weitete Zimbardo seine Forschung deutlich aus.

Schüchternheit

Er untersuchte über Jahre,

wie Schüchternheit soziale Beziehungen beeinflusst.

Er zeigte,

dass Schüchternheit weniger eine feste Persönlichkeitseigenschaft,

sondern häufig eine Folge sozialer Erfahrungen ist.

Zeitperspektiven

Gemeinsam mit John Boyd entwickelte er das Zimbardo Time Perspective Inventory (ZTPI).

Menschen unterscheiden sich darin,

ob sie überwiegend

  • vergangenheitsorientiert,
  • gegenwartsorientiert

    oder

  • zukunftsorientiert denken.

Eine ausgewogene Zeitperspektive steht mit höherem Wohlbefinden,

besserer Gesundheit

und besseren Entscheidungen in Zusammenhang.

Der Heroic Imagination Project

Nach den Misshandlungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib stellte Zimbardo eine neue Frage:

Wenn Situationen Menschen negativ beeinflussen können,

wie entstehen dann Heldinnen und Helden?

Er gründete das Heroic Imagination Project.

Ziel war,

Menschen darin zu stärken,

Mut,

Zivilcourage

und moralisches Handeln zu entwickeln.

Nicht jeder wird zum Helden.

Aber jeder kann lernen,

nicht wegzuschauen.

Diese spätere Forschung wirkt deutlich hoffnungsvoller als seine frühen Arbeiten.

Bedeutung für die Pflege

Im Gesundheitswesen übernehmen Menschen täglich Rollen:

Pflegefachperson.

Ärztin.

Stationsleitung.

Lernende.

Patient.

Angehörige.

Diese Rollen sind notwendig.

Sie dürfen jedoch niemals den Menschen dahinter verdecken.

Eine gute Pflegekultur erkennt Kompetenz an,

ohne Hierarchien zu verherrlichen.

Sie fördert Verantwortung,

ohne Macht zu missbrauchen.

Sie schafft psychologische Sicherheit,

damit Fragen,

Unsicherheiten

und Kritik ausgesprochen werden können.

Denn Patientensicherheit entsteht nicht durch blinden Gehorsam,

sondern durch verantwortungsbewusste Zusammenarbeit.

Schlussgedanken

Das Stanford-Prison-Experiment ist heute weniger ein Beweis dafür,

dass Situationen Menschen zwangsläufig verändern.

Es ist vielmehr eine eindringliche Erinnerung daran,

wie gross der Einfluss von Rollen,

Macht,

Gruppendynamik

und organisationaler Kultur sein kann.

Nicht jede Autorität macht Menschen autoritär.

Nicht jede Uniform macht Menschen grausam.

Aber jede Organisation sollte sich bewusst fragen:

Welche Kultur fördern wir?

Eine Kultur der Angst?

Oder eine Kultur des Respekts?

Denn am Ende entscheiden nicht Rollen allein,

wie Menschen handeln.

Entscheidend ist,

ob eine Organisation Menschlichkeit schützt,

kritisches Denken zulässt

und Verantwortung fördert.

„Rollen können unser Verhalten verändern. Charakter zeigt sich jedoch darin, ob wir trotz unserer Rolle den Menschen im Gegenüber niemals aus den Augen verlieren.“
– Christoph J. Zingg

Literatur (Auswahl)

  • Haney, C., Banks, W. C., & Zimbardo, P. G. (1973). Interpersonal Dynamics in a Simulated Prison. International Journal of Criminology and Penology, 1, 69–97.
  • Haslam, S. A., & Reicher, S. D. (2012). Contesting the ‘Nature’ Of Conformity: What Milgram and Zimbardo’s Studies Really Show. PLoS Biology, 10(11).
  • Reicher, S., & Haslam, A. (2006). Rethinking the Psychology of Tyranny. Scientific American.
  • Zimbardo, P. G. (2007). The Lucifer Effect: Understanding How Good People Turn Evil.
  • Zimbardo, P. G., & Boyd, J. N. (1999). Putting Time in Perspective: A Valid, Reliable Individual-Differences Metric. Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1271–1288.

Autor: Christoph J. Zingg

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