Sensemaking – Warum Menschen nicht auf Fakten reagieren, sondern auf ihre Bedeutung

Sensemaking – Warum Menschen nicht auf Fakten reagieren, sondern auf ihre Bedeutung (#Kommunikation, #Leadership, #Gruppendynamik)

„Die Welt ist selten so, wie sie ist. Sie ist meistens so, wie wir sie verstehen.“
– Christoph J. Zingg

Zwei Menschen. Dasselbe Ereignis. Zwei völlig verschiedene Wirklichkeiten.

Eine Stationsleitung kommt morgens ungewöhnlich ernst zur Arbeit.

Der erste Mitarbeitende denkt:

“Sie ist sicher unzufrieden mit mir.”

Der zweite denkt:

“Bestimmt gab es heute Nacht einen schwierigen Notfall.”

Der dritte vermutet:

“Vielleicht hat sie private Sorgen.”

Die Fakten sind identisch.

Nur die Bedeutung ist unterschiedlich.

Und genau hier beginnt Kommunikation.

Nicht bei den Fakten.

Sondern bei der Bedeutung, die Menschen ihnen geben.

Einer der bedeutendsten Forscher auf diesem Gebiet war der amerikanische Organisationswissenschaftler Karl E. Weick.

Er prägte den Begriff Sensemaking.

Bis heute gehört er zu den einflussreichsten Denkern moderner Organisations-, Führungs- und Kommunikationswissenschaft.

Wer war Karl Weick?

Karl Edward Weick (*1936) ist Professor für Organisationspsychologie und Organisationswissenschaft.

Seine Forschung beschäftigte sich jahrzehntelang mit einer scheinbar einfachen Frage:

Wie verstehen Menschen komplexe Situationen?

Dabei erkannte er etwas Erstaunliches:

Organisationen bestehen nicht primär aus Strukturen.

Sie bestehen aus Kommunikation.

Menschen handeln nicht aufgrund objektiver Realität.

Sie handeln aufgrund der Geschichte, die sie sich über diese Realität erzählen.

Dieses “Sinngeben” nannte Weick:

Sensemaking

Was bedeutet Sensemaking?

Wörtlich übersetzt:

Sinn herstellen.

Oder genauer:

Menschen konstruieren gemeinsam Bedeutung, damit sie in einer komplexen Welt handeln können.

Das Gehirn möchte Unsicherheit vermeiden.

Deshalb beantwortet es ständig Fragen wie:

Was passiert hier?

Warum passiert das?

Was bedeutet das?

Was soll ich jetzt tun?

Interessanterweise geschieht dieser Prozess meist unbewusst.

Die Welt ist komplexer als wir denken

Wir glauben oft:

Ereignis

Wahrnehmung

Handlung

Doch tatsächlich läuft es eher so:

Ereignis

Wahrnehmung

Interpretation

Bedeutung

Emotion

Handlung

Zwischen Ereignis und Handlung liegt also immer:

Interpretation.

Menschen handeln nicht aufgrund von Fakten

Sondern aufgrund ihrer Interpretation der Fakten.

Ein Beispiel:

Eine Pflegefachperson wird von der Stationsleitung kurzfristig ins Büro gebeten.

Objektiv passiert lediglich:

Bitte kommen Sie kurz zu mir.”

Innerhalb weniger Sekunden entstehen jedoch Geschichten.

Ich habe etwas falsch gemacht.

“Bestimmt geht es um die Ferien.”

Vielleicht bekomme ich mehr Verantwortung.

Ich werde kritisiert.”

Ich bekomme eine Lohnerhöhung.

Noch bevor das Gespräch beginnt,

hat das Gehirn bereits eine Realität erschaffen.

Kommunikation erschafft Wirklichkeit

Das ist einer der zentralen Gedanken von Weick.

Organisationen entstehen durch Kommunikation.

Teams entstehen durch Kommunikation.

Kultur entsteht durch Kommunikation.

Vertrauen entsteht durch Kommunikation.

Aber genauso entstehen:

Missverständnisse.

Gerüchte.

Vorurteile.

Ängste.

Lies dazu auch Kommunikation formt Wirklichkeit

Sensemaking ist niemals allein

Menschen entwickeln Bedeutung selten alleine.

Wir sprechen.

Wir fragen.

Und wir hören Gerüchte.

Wir lesen Medien.

Wir beobachten andere.

So entsteht eine gemeinsame Wirklichkeit.

Nicht unbedingt eine objektive.

Sondern eine sozial konstruierte.

Warum Gerüchte so mächtig sind

Hier berührt Sensemaking unmittelbar mein Informations–Gerüchte-Gesetz.
Lies darüber mehr unter Das Informations-Gerüchte-Gesetz

Dort beschreibe ich:

Information + Gerüchte = 100 %

Fehlt Information,

füllt unser Gehirn die Lücken.

Nicht mit Fakten.

Sondern mit Vermutungen.

Das ist kein Zeichen mangelnder Intelligenz.

Es ist menschlich.

Karl Weick würde sagen:

Menschen versuchen Sinn herzustellen.

Mein Gerüchtegesetz beschreibt,

welches Kommunikationsprodukt daraus entsteht.

Beide Modelle betrachten denselben Mechanismus aus unterschiedlichen Perspektiven.

Sensemaking und die Möbiusschleife

Als ich mein Modell der Möbiusschleife des Menschlichen entwickelte, stand dieselbe Beobachtung im Zentrum:

Kommunikation verändert Wahrnehmung.
Lies dazu mehr unter Die Möbiusschleife des Menschlichen

Wahrnehmung verändert Denken.

Denken verändert Verhalten.

Verhalten verändert Kommunikation.

Und der Kreislauf beginnt von vorne.

Eine Möbiusschleife besitzt keine eindeutige Innen- und Aussenseite.

Genauso wenig besitzen Kommunikation und Wirklichkeit eine klare Grenze.

Wir gestalten die Welt, während wir versuchen, sie zu verstehen.

Und das Verständnis verändert wiederum unser Handeln.

Sensemaking beschreibt genau diesen fortlaufenden Prozess der Sinnbildung.

Sensemaking und Multiversität

Auch mein Modell der Multiversität erhält durch Weick eine spannende wissenschaftliche Ergänzung.
Lies zur Multiversität mehr unter Multiversität oder Von der Diversität zur Multiversität

Menschen aus unterschiedlichen Kulturen,

Religionen,

Berufen,

Generationen,

Lebensgeschichten

und Erfahrungen

geben denselben Situationen oft völlig unterschiedliche Bedeutungen.

Das Problem ist nicht die Unterschiedlichkeit.

Das Problem beginnt,

wenn wir glauben,

unsere Interpretation sei die einzige Wahrheit.

Multiversität bedeutet deshalb nicht nur Vielfalt zu akzeptieren.

Sie bedeutet,

gemeinsam neue Bedeutung entstehen zu lassen.

Nicht nebeneinander.

Nicht gegeneinander.

Sondern miteinander.

Die sieben Eigenschaften des Sensemaking

Karl Weick beschrieb mehrere Merkmale, die den Prozess der Sinnbildung kennzeichnen:

  • Er basiert auf Identität. Wer ich bin, beeinflusst, was ich sehe.
  • Er ist rückblickend. Oft verstehen wir Ereignisse erst im Nachhinein.
  • Er entsteht im sozialen Austausch. Bedeutung wird gemeinsam entwickelt.
  • Er ist fortlaufend. Sensemaking endet nie.
  • Er beginnt bei Hinweisen. Kleine Signale können grosse Geschichten auslösen.
  • Er beruht auf Plausibilität statt absoluter Genauigkeit. Menschen suchen Erklärungen, die für sie stimmig erscheinen – auch wenn sie unvollständig sind.
  • Er beeinflusst unser Handeln. Aus Interpretation entstehen Entscheidungen.

Gerade der letzte Punkt ist für Führung zentral:

Wer die Deutung eines Ereignisses beeinflusst, beeinflusst oft auch das Verhalten.

Was bedeutet das für Führung?

Führung bedeutet nicht nur, Entscheidungen zu treffen.

Führung bedeutet vor allem:

Bedeutung zu schaffen.

Mitarbeitende fragen sich ständig:

Warum machen wir das?

Was bedeutet diese Veränderung?

Ist das eine Chance?

Oder eine Bedrohung?

Fehlt eine verständliche Erklärung,

entstehen automatisch eigene Geschichten.

Und genau dort beginnen Gerüchte.

Die Verbindung zur modernen Forschung

Sensemaking ergänzt zahlreiche Modelle, die ich bereits in meinem Blog vorgestellt habe:

Paul Watzlawick zeigte, dass Kommunikation Wirklichkeit konstruiert.
Die fünf Axiome der Kommunikation

Gregory Bateson beschrieb, dass Information immer vom Kontext abhängt.
Systemtheorie: Kommunikation, Beziehungen und Wechselwirkungen

H. P. Grice erklärte, wie wir aus Andeutungen Bedeutung ableiten.
Kooperationsprinzip und Maximen nach Grice

Amy Edmondson zeigte, dass psychologische Sicherheit nötig ist, damit unterschiedliche Deutungen ausgesprochen werden können.
Wenn Einigkeit das Denken ersetzt

Dave Snowden macht im Cynefin-Modell deutlich, dass komplexe Situationen keine einfachen Antworten zulassen.
Komplexität verstehen: Das Cynefin-Modell – Warum gute Führung nicht immer die gleiche Lösung braucht (#Leadership

Und Karl Weick verbindet all diese Gedanken zu einer zentralen Erkenntnis:
Kohärenz – der unsichtbare Faden zwischen Kommunikation, Sinn und Gruppendynamik

Menschen handeln nicht nach der Welt, wie sie ist.

Sondern nach der Welt, wie sie sie verstehen.

Was bedeutet das für unseren Alltag?

Vielleicht lohnt es sich, sich bei schwierigen Situationen häufiger zu fragen:

Welche Fakten kenne ich wirklich?

Welche Interpretation habe ich hinzugefügt?

Und welche Geschichte erzähle ich mir gerade?

Und vor allem:

Welche Geschichte erzählt sich mein Gegenüber?

Oft beginnt echtes Verstehen genau dort.

Fazit

Sensemaking erinnert uns daran, dass Kommunikation weit mehr ist als der Austausch von Informationen.

Sie ist der Prozess, durch den Menschen Wirklichkeit erschaffen.

Je komplexer unsere Welt wird, desto wichtiger wird es, nicht nur Fakten zu vermitteln, sondern gemeinsam Bedeutung zu entwickeln.

Das verbindet Karl Weicks Forschung mit vielen meiner eigenen Modelle:

  • Die Möbiusschleife beschreibt den Kreislauf zwischen Kommunikation und Wirklichkeit.
  • Das Informations–Gerüchte-Gesetz zeigt, wie fehlende Informationen durch Interpretationen ersetzt werden.
  • Multiversität lädt dazu ein, unterschiedliche Sichtweisen nicht als Problem, sondern als Ressource gemeinsamer Sinnbildung zu verstehen.

Vielleicht beginnt gute Kommunikation deshalb nicht mit besseren Antworten.

Sondern mit besseren Fragen.

Und mit der Bereitschaft, die eigene Interpretation nicht mit der Wahrheit zu verwechseln.

„Menschen scheitern selten an den Fakten. Sie scheitern häufiger an der Bedeutung, die sie den Fakten geben. Wer verstehen will, muss deshalb nicht nur zuhören, sondern auch verstehen lernen, wie Bedeutung entsteht.“
– Christoph J. Zingg

Beitrag von Christoph J. Zingg

Auch von Christoph J. Zingg:
Das Schweigen der Pagoden

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