Respekt ist kein Gehorsam

Respekt ist kein Gehorsam - Wie Hierarchie, Macht, Integrität und Vertrauen glaubwürdige Führung entstehen lassen

Wie Hierarchie, Macht, Integrität und Vertrauen glaubwürdige Führung entstehen lassen
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von Christoph J. Zingg (Autor)

«Respekt zeigt sich nicht darin, dass Menschen gehorchen. Er zeigt sich darin, dass sie widersprechen dürfen, ohne ihre Würde, ihre Stimme oder ihren Platz zu verlieren.»
-Christoph J. Zingg

Einleitung

Hierarchien können Gehorsam erzeugen. Eine Position kann Aufmerksamkeit sichern. Macht kann Verhalten beeinflussen.

Doch keines dieser Phänomene beweist, dass eine Führungskraft tatsächlich respektiert wird.

Menschen können schweigen, weil sie eingeschüchtert sind. Sie können Anweisungen ausführen, weil sie Sanktionen vermeiden wollen. Sie können zustimmen, weil Widerspruch aussichtslos erscheint. Und sie können einer hierarchisch höhergestellten Person Aufmerksamkeit schenken, ohne ihr zu vertrauen.

Von aussen sieht all das manchmal wie Respekt aus.

Doch es kann ebenso gut Angst, Anpassung, Vorsicht oder strategisches Verhalten sein.

Glaubwürdiger Respekt entsteht auf einer anderen Grundlage: Menschen beobachten über die Zeit, ob Worte, Werte, Entscheidungen und Handlungen einer Person zusammenpassen – insbesondere dann, wenn es schwierig wird.

> Autorität wird verliehen. Macht wird ausgeübt. Vertrauen wird riskiert. Respekt wird erfahren.

Macht, Status und Respekt sind nicht dasselbe

Im Führungsalltag werden Macht, Autorität, Status und Respekt häufig miteinander vermischt. Wissenschaftlich beschreiben sie jedoch unterschiedliche Phänomene.

Macht bezeichnet die Möglichkeit, das Verhalten anderer zu beeinflussen oder über für sie wichtige Ressourcen zu verfügen.

Formale Autorität entsteht aus einer übertragenen Rolle: Eine Stationsleitung darf Diensteinteilungen vornehmen, Aufgaben zuweisen, Entscheidungen treffen und Leistungen beurteilen.

Status meint in der sozialpsychologischen Forschung hingegen nicht einfach einen Titel. Status ist das von anderen zugeschriebene Ansehen, die Bedeutung oder das Prestige einer Person.

Respekt schliesslich betrifft die wahrgenommene soziale und persönliche Wertschätzung: Werde ich als Mensch ernst genommen? Wird meine Kompetenz anerkannt? Hat meine Stimme Gewicht? Werden meine Grenzen und meine Würde geachtet?

Bereits French und Raven unterschieden verschiedene Grundlagen sozialer Macht: legitime Macht aus einer Position, Belohnungs- und Sanktionsmacht sowie Experten-, Informations- und Identifikationsmacht. Eine Führungskraft kann deshalb Einfluss besitzen, ohne persönlich respektiert zu werden. Umgekehrt kann eine erfahrene Pflegefachperson ohne formale Leitungsfunktion im Team grossen Einfluss haben, weil ihre Kompetenz, Verlässlichkeit und Haltung anerkannt werden. (French & Raven, 1959; Raven, 1993)

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:

Wer kann eine Entscheidung durchsetzen?

Sondern:

Warum folgen Menschen dieser Entscheidung?

Gehorsam, Zustimmung und innere Überzeugung

Herbert Kelman unterschied drei Formen sozialer Einflussnahme:

1. Compliance: Menschen verhalten sich wie erwartet, um Nachteile zu vermeiden oder Vorteile zu erhalten.

2. Identifikation: Menschen übernehmen Verhalten, weil sie eine Beziehung erhalten oder einer geschätzten Person ähnlich sein möchten.

3. Internalisierung: Menschen folgen einer Überzeugung, weil sie diese mit den eigenen Werten vereinbaren können.

Diese Unterscheidung ist für Führung zentral. Eine Weisung kann durch hierarchische Macht befolgt werden, ohne dass sie innerlich akzeptiert wird. Solange Kontrolle, Belohnung oder Sanktionen wirksam sind, kann das gewünschte Verhalten bestehen bleiben. Fehlt die Kontrolle, verschwindet es möglicherweise wieder. (Kelman, 1958)

Das erklärt ein verbreitetes Missverständnis: Ein ruhiges Team ist nicht automatisch ein überzeugtes Team. Schweigen bedeutet nicht zwangsläufig Zustimmung. Es kann auch Ausdruck von Resignation, Unsicherheit oder erlernter Vorsicht sein.

Wer nur auf sichtbaren Gehorsam schaut, kann eine Organisation für stabil halten, die innerlich längst Vertrauen verloren hat.

Was Macht mit Wahrnehmung machen kann

Macht ist nicht grundsätzlich schlecht. Organisationen benötigen Entscheidungskompetenzen, Verantwortlichkeiten und geklärte Zuständigkeiten. Gerade in Akutsituationen kann nicht jede Entscheidung beliebig lange ausgehandelt werden.

Macht verändert jedoch die soziale Situation.

Keltner, Gruenfeld und Anderson beschrieben in ihrer Theorie von Macht, Annäherung und Hemmung, dass Macht Handlungsspielräume vergrössert und zielgerichtetes Verhalten erleichtern kann. Gleichzeitig kann sie spontane Urteile, Enthemmung und eine stärkere Ausrichtung auf eigene Ziele begünstigen. Menschen mit wenig Macht achten dagegen häufig stärker auf mögliche Bedrohungen und soziale Konsequenzen. (Keltner, Gruenfeld & Anderson, 2003)

Galinsky und Kollegen fanden in mehreren Experimenten, dass aktivierte Machterfahrungen mit geringerer Perspektivenübernahme und einer weniger genauen Erkennung fremder Emotionen verbunden sein konnten. Macht macht Menschen nicht automatisch empathielos. Sie kann aber die Notwendigkeit verringern, sich intensiv mit den Sichtweisen anderer auseinanderzusetzen. (Galinsky et al., 2006)

Spätere Forschung zeigt zudem, dass Macht und Status unterschiedlich wirken können. Macht beruht auf Kontrolle über Ressourcen; Status auf zugeschriebener Anerkennung. Wer seinen Status durch andere erhält, hat eher einen Grund, auf deren Beurteilung zu achten. Wer ausschliesslich über formale Macht verfügt, ist weniger darauf angewiesen. (Blader et al., 2016)

Darin liegt ein Führungsparadox:

> Je weniger eine Führungskraft auf die freiwillige Zustimmung anderer angewiesen ist, desto leichter kann sie deren Perspektiven aus dem Blick verlieren.

Zwei Arten von Respekt

Nicht jeder Respekt muss verdient werden.

Die Forschung über respektvolle Führung unterscheidet sinngemäss zwischen zwei Formen:

Anerkennungsrespekt

Dieser Respekt gilt jedem Menschen aufgrund seiner Würde. Er zeigt sich darin, dass jemand angehört, nicht erniedrigt, nicht diskriminiert und nicht als blosses Mittel behandelt wird.

Dieser Respekt ist keine Belohnung für Leistung. Er ist auch nicht davon abhängig, ob jemand sympathisch, erfahren, pflegeleicht oder hierarchisch bedeutsam ist.

Eine Lernende, ein Praktikant, eine Reinigungskraft, eine diplomierte Pflegefachperson, ein Chefarzt und eine Patientin besitzen unterschiedliche Aufgaben und Verantwortlichkeiten – aber keine unterschiedliche Menschenwürde.

Wertschätzungs- oder Leistungsrespekt

Diese Form des Respekts richtet sich auf Fähigkeiten, Charakter, Erfahrung oder Verhalten. Sie kann wachsen, aber auch verloren gehen. Menschen respektieren beispielsweise eine Führungskraft für ihre Fachkompetenz, ihre Fairness, ihren Mut oder ihre Verlässlichkeit.

Rogers und Ashforth unterscheiden ähnlich zwischen generalisiertem Respekt – dem Erleben, dass grundsätzlich alle Mitglieder einer Organisation als wertvoll gelten – und individualisiertem Respekt, der sich auf die besonderen Leistungen und Eigenschaften einer Person bezieht. (Rogers & Ashforth, 2017)

Daraus folgt eine wichtige Führungsregel:

> Respekt vor der Würde eines Menschen ist geschuldet. Respekt für die eigene Führung muss erworben werden.

Eine Führungskraft darf deshalb nicht sagen: «Wer respektiert werden will, muss zuerst Leistung zeigen.» Anerkennungsrespekt ist kein Tauschgeschäft. Gleichzeitig kann niemand verlangen, wegen seiner Position persönlich bewundert oder als glaubwürdig erlebt zu werden.

Die Architektur glaubwürdigen Respekts

Eine plausible Architektur lautet:

Innere Klarheit → Selbstregulation → wertekohärentes Handeln → Verlässlichkeit → Integrität → Vertrauen → Respekt

Als Denkmodell ist diese Folge überzeugend. Wissenschaftlich darf sie jedoch nicht als abschliessend bewiesene, lineare Kausalkette verstanden werden. Die Beziehungen sind komplexer und teilweise wechselseitig.

Respekt kann Vertrauen fördern. Vertrauen kann wiederum dazu führen, dass Verhalten wohlwollender interpretiert wird. Ein gerechtes System kann integres Verhalten erleichtern, während eine destruktive Kultur selbst grundsätzlich anständige Menschen zu Anpassung oder Schweigen verleiten kann.

Zudem gehört die Achtung der Menschenwürde nicht erst ans Ende der Kette. Sie muss bereits am Anfang stehen.

Wissenschaftlich präziser könnte das Modell deshalb so formuliert werden:

Innere Klarheit und Selbstregulation ermöglichen wertekohärentes Handeln. Wiederholt erlebte Kohärenz fördert die Wahrnehmung von Verlässlichkeit und Integrität. Zusammen mit Kompetenz und Wohlwollen kann daraus Vertrauen entstehen. Persönlicher Respekt kann wachsen – während grundlegender Respekt allen Menschen von Beginn an zusteht.

Integrität: Wenn Worte und Taten zusammenpassen

Tony Simons prägte für die wahrgenommene Übereinstimmung zwischen Worten und Handlungen den Begriff Behavioral Integrity. Entscheidend ist dabei nicht, wie eine Führungskraft sich selbst beurteilt. Entscheidend ist, welches Muster andere beobachten:

Werden Zusagen eingehalten?

Entsprechen Entscheidungen den verkündeten Werten?

Gelten Regeln auch für bevorzugte Mitarbeitende?

Wird bei Fehlern nach denselben Massstäben beurteilt?

Wird Offenheit nur gefordert oder tatsächlich ausgehalten?

Gilt Respekt auch unter Zeitdruck?

(Simons, 2002)

Eine Metaanalyse zeigte deutliche Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen Übereinstimmung von Worten und Taten und dem Vertrauen, der Aufgabenerfüllung sowie freiwilligem, die Organisation unterstützendem Verhalten. Die Forschenden vermuten neben dem Vertrauenseffekt einen zweiten Mechanismus: Konsistentes Verhalten erhöht die kommunikative Klarheit. Mitarbeitende wissen besser, woran sie sind. (Simons et al., 2015)

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Verhaltenskonsistenz ist noch keine moralische Integrität.

Auch ein autoritärer Vorgesetzter kann vorhersehbar und konsequent handeln. Wenn seine Werte jedoch menschenverachtend sind, macht ihn die Übereinstimmung zwischen Worten und Taten nicht zu einer ethisch integren Führungskraft.

Glaubwürdige Führung benötigt deshalb beides:

● Kohärenz: Worte und Handlungen stimmen überein.

● ethische Qualität: Die zugrunde liegenden Werte achten Würde, Fairness, Verantwortung und legitime Rechte anderer.

Vertrauen ist die Bereitschaft, sich verletzlich zu machen

Vertrauen bedeutet mehr als Sympathie. Wer vertraut, akzeptiert ein Risiko: Er verlässt sich auf einen anderen Menschen, obwohl er dessen Verhalten nicht vollständig kontrollieren kann.

Im einflussreichen Vertrauensmodell von Mayer, Davis und Schoorman wird die wahrgenommene Vertrauenswürdigkeit durch drei Komponenten geprägt:

Fähigkeit: Kann die Person ihre Aufgabe bewältigen?

Wohlwollen: Berücksichtigt sie auch meine berechtigten Interessen?

Integrität: Handelt sie nach nachvollziehbaren und akzeptablen Prinzipien?

(Mayer, Davis & Schoorman, 1995)

Eine Führungskraft kann freundlich, aber fachlich unzuverlässig sein. Sie kann hochkompetent sein, aber nur den eigenen Vorteil verfolgen. Sie kann gute Werte vertreten, unter Druck jedoch nicht nach ihnen handeln.

In allen drei Fällen bleibt Vertrauen begrenzt.

Eine Metaanalyse über 132 unabhängige Stichproben bestätigte die Bedeutung von Fähigkeit, Wohlwollen und Integrität für Vertrauen, Risikobereitschaft und Arbeitsleistung. (Colquitt, Scott & LePine, 2007) Auch die Metaanalyse von Dirks und Ferrin zeigte, dass besonders das Vertrauen in die direkte Führungskraft mit wichtigen Einstellungen und Verhaltensweisen der Mitarbeitenden verbunden ist. (Dirks & Ferrin, 2002)

Vertrauen kann deshalb nicht verlangt werden. Wer sagt: «Ihr müsst mir vertrauen», übersieht, dass Vertrauen eine Schlussfolgerung aus Erfahrungen ist.

Woran respektvolle Führung erkennbar wird

Van Quaquebeke und Eckloff untersuchten zunächst 426 Berichte von Mitarbeitenden über respektvolle und respektlose Führungserfahrungen. Daraus entwickelten sie Kategorien konkreten Führungsverhaltens und später eine wissenschaftlich geprüfte Skala für respektvolle Führung. Respektvolle Führung hing unter anderem mit der Identifikation mit der Führungskraft, wahrgenommenem Selbstbestimmungsraum und Arbeitszufriedenheit zusammen. (Van Quaquebeke & Eckloff, 2010)

Im Alltag zeigt sich respektvolle und integre Führung meist nicht in grossen Inszenierungen, sondern in unspektakulären Situationen.

Zusagen werden eingehalten

Nicht jedes Versprechen kann erfüllt werden. Bedingungen verändern sich. Ressourcen fehlen. Entscheidungen werden übergeordnet korrigiert.

Integrität bedeutet deshalb nicht, Unmögliches möglich zu machen. Sie bedeutet, Zusagen nicht stillschweigend verschwinden zu lassen. Wer ein Versprechen nicht halten kann, informiert frühzeitig, erklärt die Gründe und sucht nach einer fairen neuen Vereinbarung.

Unter Druck bleibt die Kommunikation angemessen

Stress erklärt Gereiztheit, entschuldigt aber nicht jede Grenzverletzung. Gerade unter Druck zeigt sich, ob Respekt ein tatsächlicher Wert oder lediglich eine Schönwetterformulierung ist.

Führungskräfte dürfen klar, rasch und bestimmt kommunizieren. Sie müssen dabei niemanden erniedrigen.

Menschen werden vor einer Bewertung angehört

Anhörung bedeutet nicht, dass jede Erklärung überzeugt oder jede Forderung erfüllt werden muss. Sie bedeutet, dass Entscheidungen nicht allein auf Vermutungen, Gerüchten oder einseitigen Darstellungen beruhen.

Verfahrensgerechtigkeit ist deshalb mehr als Höflichkeit. Faire Verfahren vermitteln Menschen, dass sie zur Gruppe gehören, ernst genommen werden und eine legitime Stimme besitzen. Solche Erfahrungen fördern Identifikation und kooperatives Verhalten. (Tyler & Blader, 2003)

Fehler können anerkannt werden

Eine Entschuldigung zerstört Autorität nicht. Eine glaubwürdige Fehleranerkennung kann zeigen, dass die Führungskraft denselben moralischen Massstab auf sich selbst anwendet wie auf andere.

Problematisch wird es, wenn Fehler nur «kommunikativ bedauert», aber weder korrigiert noch aufgearbeitet werden. Vertrauen wird nicht durch perfekte Fehlerfreiheit aufgebaut, sondern durch einen verlässlichen Umgang mit unvermeidbaren Fehlern.

Entscheidungen werden vertreten, ohne Kritik abzuwehren

Führung bedeutet, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Respektvolle Führung bedeutet nicht, jeder Kritik nachzugeben.

Sie zeigt sich vielmehr darin, dass zwischen einer notwendigen Entscheidung und dem Recht auf Widerspruch unterschieden wird. Eine Entscheidung darf bestehen bleiben, obwohl Kritik geäussert wurde. Die Person, die widersprochen hat, darf deswegen aber nicht abgewertet oder benachteiligt werden.

Grenzen werden gewahrt

Grenzen gelten in beide Richtungen. Mitarbeitende dürfen nicht beliebig über die Zeit, Gesundheit oder Würde einer Führungskraft verfügen. Führungskräfte dürfen umgekehrt ihre Macht nicht dazu verwenden, Überforderung, private Verfügbarkeit oder emotionale Unterordnung zu erzwingen.

Respekt ist nicht Grenzenlosigkeit. Respekt macht Grenzen besprechbar.

Menschen werden unabhängig von ihrer Funktion würdig behandelt

Die Unterschiede in Kompetenz und Verantwortung bleiben bestehen. Aber Unterschiede in Funktion rechtfertigen keine Unterschiede in grundlegender Würde.

Besonders aussagekräftig ist deshalb, wie eine Führungskraft mit jenen Menschen umgeht, von denen sie weder Anerkennung noch Karrierevorteile erwarten kann.

> Der Umgang mit den Mächtigen zeigt diplomatisches Geschick. Der Umgang mit den Machtlosen zeigt Haltung.

Respekt ist auch eine Eigenschaft des Systems

Es wäre zu einfach, Respekt nur als Ergebnis individuellen Charakters zu verstehen.

Hierarchie, Gruppendynamik, Arbeitsbelastung, informelle Netzwerke, Vorurteile und Organisationskultur beeinflussen, wessen Stimme gehört und wessen Verhalten entschuldigt wird.

Respekt zeigt sich deshalb auch in strukturellen Fragen:

Wer erhält wichtige Informationen?

Wer darf Entscheidungen beeinflussen?

Und werWer wird in Sitzungen unterbrochen?

Wessen Fehler gelten als Lerngelegenheit und wessen Fehler als Charakterproblem?

Wer bekommt attraktive Aufgaben und Weiterbildungen?

Wer wird bei Konflikten zuerst angehört?

Für wen werden Ausnahmen gemacht?

Wer muss sich ständig neu beweisen?

Wer kann Kritik äussern, ohne negative Folgen befürchten zu müssen?

Eine einzelne Führungskraft kann Vorurteile, Machtgefälle und gewachsene Gruppennormen nicht vollständig kontrollieren. Sie kann jedoch Regeln, Verfahren und Gesprächsräume gestalten, in denen Würde geschützt und ungleiche Behandlung sichtbar gemacht wird.

Respektvolle Führung ist deshalb nicht nur eine persönliche Tugend. Sie ist auch Organisationsgestaltung.

Warum das in der Pflege sicherheitsrelevant ist

Im Gesundheitswesen sind Hierarchien teilweise unvermeidbar. Kompetenzen, Verantwortlichkeiten und Entscheidungsbefugnisse müssen geklärt sein. Gleichzeitig kann eine zu steile Hierarchie verhindern, dass sicherheitsrelevante Informationen rechtzeitig ausgesprochen werden.

Nembhard und Edmondson untersuchten 23 neonatologische Intensivstationen. Eine inklusive Haltung der Führung – also Worte und Handlungen, welche Beiträge anderer ausdrücklich einladen und wertschätzen – war mit höherer psychologischer Sicherheit und stärkerer Beteiligung an Verbesserungsarbeit verbunden. Besonders wichtig war dies angesichts der Statusunterschiede zwischen Berufsgruppen. (Nembhard & Edmondson, 2006)

Die praktische Sicherheitsfrage lautet deshalb nicht nur, ob eine Organisation ein Meldesystem besitzt.

Sie lautet:

Kann eine 19-jährige Lernende eine erfahrene Fachperson stoppen, wenn sie eine mögliche Medikamentenverwechslung bemerkt?

Wenn sie schweigt, weil sie eine Demütigung, schlechte Beurteilung oder soziale Ausgrenzung befürchtet, ist das kein persönlicher Mangel an Mut. Es kann ein Symptom des Systems sein.

Auch scheinbar geringfügige Respektlosigkeit ist nicht bedeutungslos. In einer klinischen Simulationsstudie beeinträchtigte erlebte Unhöflichkeit unter anderem Wachsamkeit, Kommunikation, diagnostische Leistung und Patientenmanagement. (Katz et al., 2019)

Respekt im Gesundheitswesen ist deshalb mehr als eine Frage angenehmer Zusammenarbeit. Er kann eine Voraussetzung dafür sein, dass Informationen fliessen, Unsicherheiten benannt, Fehler verhindert und Patientinnen und Patienten geschützt werden.

Respektvolle Führung bedeutet nicht Harmonie um jeden Preis

Respekt wird manchmal mit Freundlichkeit, Zustimmung oder Konfliktvermeidung verwechselt. Das greift zu kurz.

Eine respektvolle Führungskraft darf:

Erwartungen klar benennen,

ungenügende Leistungen ansprechen,

Grenzen setzen,

Aufgaben verbindlich zuweisen,

Fehlverhalten korrigieren,

unpopuläre Entscheidungen treffen,

einen Konflikt offen austragen.

Entscheidend ist, wie dies geschieht.

Wird das beobachtbare Verhalten beschrieben oder der ganze Mensch abgewertet? Wird die betroffene Person angehört? Sind die Massstäbe transparent? Gelten sie für alle? Bleibt eine Korrektur sachlich begrenzt oder wird sie zur öffentlichen Beschämung? Gibt es einen Weg zurück in eine konstruktive Zusammenarbeit?

Respekt beseitigt Hierarchie nicht. Er begrenzt ihren Missbrauch.

Acht Prüfsteine glaubwürdiger Führung

Führungskräfte können ihre Wirkung anhand einiger konkreter Fragen überprüfen:

1. Verspreche ich nur, was ich beeinflussen kann?

2. Informiere ich rechtzeitig, wenn eine Zusage nicht eingehalten werden kann?

3. Behandle ich Widerspruch als Information oder als persönlichen Angriff?

4. Gelten meine Regeln auch für mir nahestehende oder besonders leistungsstarke Personen?

5. Kann ich einen eigenen Fehler klar benennen, ohne ihn sofort zu relativieren?

6. Erhalten statusniedrigere Mitarbeitende tatsächlich Gelegenheit zu sprechen?

7. Bleibt mein Umgangston auch unter Druck mit der Würde anderer vereinbar?

8. Würden meine Mitarbeitenden mein Verhalten ähnlich beschreiben wie ich selbst?

Die letzte Frage ist besonders anspruchsvoll. Integrität ist nicht nur eine innere Überzeugung. Sie ist auch ein von anderen wahrgenommenes Muster.

Wer sich selbst für integer hält, kann dennoch widersprüchlich wirken. Deshalb braucht glaubwürdige Führung Rückmeldung, Reflexion und die Bereitschaft, die eigene Wirkung von der eigenen Absicht zu unterscheiden.

Respekt wächst langsam – und kann rasch beschädigt werden

Einzelne beeindruckende Auftritte erzeugen Aufmerksamkeit. Leitbilder erzeugen Erwartungen. Titel erzeugen formale Zuständigkeit.

Respekt entsteht dagegen in der Wiederholung.

Er wächst, wenn Mitarbeitende erleben, dass eine Führungskraft auch dann fair bleibt, wenn sie verärgert ist. Dass sie Informationen nicht manipuliert, wenn diese unangenehm sind. Dass sie nicht nur nach oben loyal und nach unten fordernd ist. Und dass sie Verantwortung übernimmt, statt Schuld weiterzureichen. Dass sie Kritik zulässt, ohne die Beziehung zu kündigen. Und dass sie Menschen nicht nach ihrer Nützlichkeit unterschiedlich würdigt.

Darin liegt der Unterschied zwischen Inszenierung und Glaubwürdigkeit.

Respekt wächst nicht dadurch, dass eine Führungskraft Respekt einfordert. Er wächst, wenn Menschen über die Zeit genügend Gründe erhalten, ihr Kompetenz, Wohlwollen und Integrität zuzutrauen.

Und er zeigt sich nicht zuerst darin, wie viele Menschen gehorchen.

Er zeigt sich darin, wie viele Menschen auch dann offen sprechen, wenn ihre Sicht unbequem ist.

Fazit

Hierarchie kann Entscheidungen ermöglichen. Macht kann Verhalten verändern. Status kann Aufmerksamkeit und Einfluss schaffen. Keine dieser Grössen garantiert jedoch Vertrauen oder glaubwürdigen Respekt.

Grundlegender Respekt vor der Würde anderer ist keine Belohnung, sondern eine Verpflichtung. Persönlicher Respekt gegenüber einer Führungskraft entsteht dagegen aus Erfahrung: aus Kompetenz, Fairness, Selbstregulation, Verlässlichkeit und der wahrgenommenen Übereinstimmung von Worten und Handlungen.

Gute Führung kann Gruppendynamik, Vorurteile und informelle Macht nicht vollständig beseitigen. Sie kann aber Bedingungen schaffen, unter denen Integrität sichtbar wird, Widerspruch möglich bleibt und Würde geschützt wird.

Respekt wächst nicht durch Inszenierung.

Er wächst, wenn Menschen erleben, dass Haltung und Handlung auch dann zusammenpassen, wenn es schwierig wird.

Literatur und weiterführende Quellen

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Colquitt, J. A., Scott, B. A. & LePine, J. A. (2007). Trust, trustworthiness, and trust propensity: A meta-analytic test of their unique relationships with risk taking and job performance. Journal of Applied Psychology, 92(4), 909–927. https://doi.org/10.1037/0021-9010.92.4.909

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