Akzeptieren. Bewusst entscheiden. Den eigenen Werten folgen.

„Die wichtigste Stimme in unserem Leben ist oft diejenige, die niemand ausser uns selbst hört. Sie entscheidet darüber, ob wir aus Angst reagieren oder aus unseren Werten handeln.“
– Christoph J. Zingg
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Das schwierigste Gespräch führen wir oft mit uns selbst
Wir alle kennen diese innere Stimme.
“Ich darf keinen Fehler machen.”
“Was denken die anderen?”
“Ich schaffe das nicht.”
“Ich muss stärker sein.”
Und auch “Ich hätte anders reagieren müssen.”
Manchmal ist dieser innere Dialog freundlich.
Oft ist er jedoch unser schärfster Kritiker.
Interessanterweise verbringen wir mit niemandem mehr Zeit als mit uns selbst.
Und dennoch lernen wir in Schule, Ausbildung und Beruf kaum,
wie wir mit unseren eigenen Gedanken kommunizieren.
Genau dieser Frage widmete sich der amerikanische Psychologe Steven C. Hayes.
Seine Forschung führte zu einem Paradigmenwechsel in der modernen Psychotherapie und Verhaltenswissenschaft.
Nicht:
Wie beseitigen wir unangenehme Gedanken?
Sondern:
Wie können wir trotz unangenehmer Gedanken ein erfülltes Leben führen?
Seine Antwort nennt sich:
Psychological Flexibility – psychologische Flexibilität.
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Wer ist Steven Hayes?
Steven C. Hayes (*1948) ist Professor für Psychologie an der University of Nevada.
Er zählt zu den weltweit meistzitierten Psychologen der Gegenwart.
Er entwickelte gemeinsam mit Kelly Wilson und Kirk Strosahl die Acceptance and Commitment Therapy (ACT).
ACT gehört heute zur sogenannten “Dritten Welle” der Verhaltenstherapie und wird weltweit bei Depressionen, Angststörungen, chronischen Schmerzen, Suchterkrankungen, Burnout, Stress, Traumafolgen und vielen weiteren psychischen Belastungen eingesetzt.
Hayes veröffentlichte mehrere hundert wissenschaftliche Arbeiten und gehörte zu den Pionieren der Contextual Behavioral Science (CBS).
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Die Grundfrage
Über Jahrzehnte ging die Psychologie oft davon aus:
Negative Gedanken müssen verändert werden.
Negative Gefühle sollten verschwinden.
Steven Hayes stellte diese Annahme infrage.
Er beobachtete:
Menschen leiden häufig nicht an ihren Gedanken.
Sie leiden daran,
dass sie gegen ihre Gedanken kämpfen.
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Das Paradox
Je stärker wir versuchen,
unangenehme Gefühle zu unterdrücken,
desto stärker beschäftigen sie uns.
Dieses Phänomen wurde bereits von Daniel Wegner mit seinem berühmten “White Bear Experiment” eindrucksvoll gezeigt.
Versuchen Sie einmal,
eine Minute lang nicht an einen weissen Bären zu denken.
Genau dadurch taucht er immer wieder auf.
Unser Gehirn kontrolliert ständig,
ob wir erfolgreich nicht daran denken.
Dadurch hält es den Gedanken aktiv.
Hayes erkannte:
Mit Ängsten,
Selbstzweifeln
oder belastenden Erinnerungen geschieht oft dasselbe.
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Was bedeutet psychologische Flexibilität?
Hayes definiert sie sinngemäss als:
Die Fähigkeit, im gegenwärtigen Moment bewusst präsent zu sein und trotz schwieriger Gedanken oder Gefühle so zu handeln, dass das eigene Verhalten den persönlichen Werten entspricht.
Der entscheidende Unterschied:
Nicht die Gedanken bestimmen unser Verhalten.
Sondern unsere Werte.
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Die sechs Kernprozesse der ACT
Hayes beschreibt sechs miteinander verbundene Prozesse.
Sie bilden das sogenannte Hexaflex-Modell.
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1. Akzeptanz
Akzeptanz bedeutet nicht,
alles gutzuheissen.
Sie bedeutet,
unangenehme Gefühle wahrzunehmen,
ohne ständig gegen sie kämpfen zu müssen.
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2. Kognitive Defusion
Ein faszinierender Begriff.
Wir lernen,
Gedanken als Gedanken zu erkennen.
Nicht als Tatsachen.
Statt:
“Ich bin unfähig.”
heisst es:
“Ich bemerke gerade den Gedanken, dass ich unfähig bin.”
Allein diese sprachliche Veränderung schafft Abstand.
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3. Gegenwärtigkeit
ACT legt grossen Wert auf Achtsamkeit.
Nicht als Esoterik.
Sondern als trainierbare Aufmerksamkeitsfähigkeit.
Wer präsent bleibt,
reagiert weniger automatisch.
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4. Das beobachtende Selbst
Hayes unterscheidet zwischen
dem Inhalt unserer Gedanken
und dem Teil von uns,
der diese Gedanken überhaupt wahrnehmen kann.
Wir sind nicht unsere Gedanken.
Wir haben Gedanken.
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5. Werte
Hier liegt das Herzstück der ACT.
Nicht Ziele.
Nicht Leistung.
Sondern Werte.
Wie möchte ich als Mensch handeln?
Welche Art von Führungskraft möchte ich sein?
Welcher Vater?
Welcher Kollege?
Welche Freundin?
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6. Engagiertes Handeln
Werte allein genügen nicht.
Sie müssen im Alltag gelebt werden.
Auch dann,
wenn Angst,
Unsicherheit
oder Stress vorhanden sind.
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Was untersuchte Hayes wissenschaftlich?
Hayes entwickelte ACT nicht aus philosophischen Überlegungen,
sondern auf Grundlage jahrzehntelanger experimenteller Forschung.
Seine Arbeiten beschäftigten sich unter anderem mit:
- Sprach- und Kognitionsprozessen
- Verhaltensanalyse
- Psychologischer Flexibilität
- Vermeidungsverhalten
- Emotionale Regulation
- Resilienz
- Veränderungsprozessen
Besonders wichtig war dabei die Relational Frame Theory (RFT).
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Relational Frame Theory
Die RFT gilt als eine der modernsten Lerntheorien.
Sie beschreibt,
wie Sprache unser Denken formt.
Menschen lernen nicht nur Fakten.
Sie verknüpfen Bedeutungen.
Dadurch entstehen
Vergleiche,
Bewertungen,
Selbstbilder
und innere Dialoge.
Unsere Sprache erzeugt also fortlaufend psychische Realität.
Allein dieser Gedanke verbindet Hayes unmittelbar mit vielen Kommunikationsmodellen.
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Was zeigen die Studien?
Heute existieren mehrere hundert randomisierte kontrollierte Studien sowie zahlreiche Meta-Analysen zur ACT.
Die Forschung zeigt insgesamt:
ACT wirkt bei vielen psychischen Belastungen mindestens vergleichbar gut wie etablierte Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie. Besonders gut belegt sind positive Effekte auf psychologische Flexibilität, Lebensqualität und werteorientiertes Handeln. Die Effektstärken variieren jedoch je nach Störung, Person und Anwendungsbereich.
Es handelt sich also nicht um ein Allheilmittel,
sondern um einen wissenschaftlich gut untersuchten Therapieansatz.
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Die wissenschaftlichen Kontroversen
Wie jedes moderne Modell bleibt auch ACT nicht ohne Kritik.
Diskutiert werden unter anderem:
- Ist ACT tatsächlich grundlegend neu oder eine Weiterentwicklung bestehender Verhaltenstherapien?
- Lassen sich alle sechs Kernprozesse klar voneinander trennen?
- Welche Bestandteile sind für die Wirkung entscheidend?
- Ist psychologische Flexibilität Ursache oder Folge therapeutischer Veränderungen?
Die meisten Fachleute sehen ACT heute als gut evidenzbasierten Ansatz, weisen jedoch darauf hin, dass weitere Forschung zu Wirkmechanismen und Langzeiteffekten sinnvoll bleibt.
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Die Verbindung zu meinem ICH-Vertrag
Beim Schreiben dieses Blogs musste ich immer wieder an meinen ICH-Vertrag denken.
Der ICH-Vertrag -Der Vertrag mit mir selber: Warum jeder Arbeitsvertrag einen zweiten
Eigentlich verfolgt er genau dieselbe Grundidee.
Nicht:
Wie vermeide ich jede Belastung?
Sondern:
Wie erkenne ich rechtzeitig,
wann meine Werte,
meine Gesundheit
und meine Lebensqualität gefährdet sind?
Die Ampel meines ICH-Vertrags erinnert mich daran,
bewusst zu handeln,
anstatt mich von Stress,
Frustration
oder Angst treiben zu lassen.
Grün bedeutet:
Meine Werte und mein Handeln stimmen überein.
Orange fordert mich auf,
aktiv zu werden,
Gespräche zu suchen
und Veränderungen einzuleiten.
Rot bedeutet nicht Niederlage.
Sondern eine bewusste Entscheidung,
meine Werte höher zu gewichten als das blosse Aushalten.
Auch Hayes beschreibt genau diesen Schritt:
Nicht die Emotion entscheidet.
Sondern der Wert,
dem wir folgen möchten.
Für mich erhält mein ICH-Vertrag durch ACT eine starke wissenschaftliche Grundlage.
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Was bedeutet das für Teams?
Psychologisch flexible Teams
- sprechen Schwierigkeiten früher an,
- können Unsicherheit besser aushalten,
- lernen schneller,
- passen sich Veränderungen leichter an,
- bleiben neugierig statt defensiv.
Gerade in komplexen Situationen ist dies entscheidend.
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Was bedeutet das für Führung?
Führung bedeutet nicht,
keine Angst zu haben.
Führung bedeutet,
trotz Unsicherheit werteorientiert zu handeln.
Eine psychologisch flexible Führungskraft
- hört zu,
- reflektiert eigene Annahmen,
- kann Fehler eingestehen,
- passt Strategien an,
- bleibt ihren Werten treu.
Nicht Perfektion schafft Vertrauen.
Sondern Authentizität.
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Was bedeutet das für Gruppen?
Gruppen entwickeln sich dann weiter,
wenn ihre Mitglieder
unterschiedliche Meinungen aushalten,
Unsicherheit zulassen
und Konflikte nicht sofort vermeiden.
Psychologische Flexibilität fördert deshalb
Innovation,
Lernfähigkeit,
Resilienz
und psychologische Sicherheit.
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Die Verbindung zu meinen bisherigen Blogs
Für mich verbindet ACT nahezu alle Themen meiner bisherigen Blogreihe.
Die Möbiusschleife des Menschlichen beschreibt,
wie Kommunikation Wahrnehmung,
Denken
und Verhalten verändert.
ACT ergänzt,
wie wir diesen inneren Prozess bewusst gestalten können.
Sensemaking erklärt,
wie wir Bedeutung konstruieren.
ACT hilft,
nicht jede Bedeutung sofort für Wahrheit zu halten.
Die Ladder of Inference zeigt,
wie wir vorschnell Schlussfolgerungen ziehen.
ACT schafft den inneren Abstand,
diese Schlussfolgerungen zu hinterfragen.
Der Dialog nach David Bohm lädt dazu ein,
gemeinsam zu denken.
ACT beginnt bereits einen Schritt früher:
beim Dialog mit uns selbst.
Multiversität lebt davon,
dass Menschen unterschiedliche Perspektiven aushalten können.
Psychologische Flexibilität macht genau dies möglich.
Und mein ICH-Vertrag übersetzt diese wissenschaftlichen Erkenntnisse in einen praktischen Alltag:
Nicht Gefühle verdrängen.
Nicht Belastung ignorieren.
Sondern bewusst,
werteorientiert
und rechtzeitig handeln.
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Fazit
Steven Hayes hat die Psychologie nicht dadurch verändert,
dass er unangenehme Gefühle beseitigen wollte.
Sondern dadurch,
dass er unsere Beziehung zu ihnen neu verstand.
Psychologische Flexibilität bedeutet,
dass wir unsere Gedanken,
Ängste
und Zweifel wahrnehmen können,
ohne ihnen die Kontrolle über unser Handeln zu überlassen.
Gerade in Führung,
Teamarbeit
und zwischenmenschlicher Kommunikation
liegt darin eine enorme Stärke.
Denn gute Kommunikation beginnt nicht erst zwischen Menschen.
Sie beginnt in dem Gespräch,
das wir jeden Tag mit uns selbst führen.
Vielleicht ist genau dieses innere Gespräch
der Ursprung aller anderen Gespräche.
Und vielleicht beginnt deshalb echte Veränderung nicht dort,
wo wir versuchen,
unsere Gefühle zu kontrollieren.
Sondern dort,
wo wir lernen,
unseren Werten treu zu bleiben –
auch wenn unsere Gedanken etwas anderes erzählen.
„Psychologische Stärke bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Sie bedeutet, trotz Angst den eigenen Werten treu zu bleiben. Denn nicht unsere Gedanken entscheiden, wer wir sind – sondern das, wofür wir uns trotz dieser Gedanken entscheiden.“– Christoph J. Zingg
Beitrag von Christoph J. Zingg
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