Ein Autounfall als Brennglas auf Gesundheitswesen, Mangelwirtschaft, Autorität und die Zukunft eines widersprüchlichen Landes
von Christoph J. Zingg (Autor)

«Ein Gesundheitssystem zeigt seinen Charakter nicht nur daran, wen es behandelt, sondern auch daran, ob ein Patient widersprechen darf.»
-Christoph J. Zingg
Unfreiwillige Urlaubsverlängerung
Vor rund zehn Jahren reiste ich durch Kuba. Das Land zeigte mir zwei Gesichter, die kaum gegensätzlicher hätten sein können.
In Restaurants und privaten Unterkünften begegneten mir ausserordentlich zuvorkommende, freundliche und hilfsbereite Menschen. Besonders auf dem Land war zugleich eine Armut sichtbar, die sich nicht romantisieren liess. In den Geschäften fehlte ständig etwas. Einmal gab es viel von einem Produkt, am nächsten Ort etwas völlig anderes – aber fast nie alles gleichzeitig. Das Sortiment schien sich täglich und von Provinz zu Provinz zu verändern.
Auch in einer Apotheke erlebte ich diese Mangelwirtschaft. Verfügbar war praktisch nur Ibuprofen. Als Antibiotikum wurde uns intramuskuläres Penicillin angeboten; Tabletten schienen nicht erhältlich zu sein.
Bereits ein ziviler Tauchausflug hatte mich irritiert. Gebucht war ein gewöhnlicher Scuba-Diving-Ausflug. Erlebt habe ich eine Art militärischen Drill: wenig Interesse daran, uns die Unterwasserwelt zu zeigen, dafür das Bestreben, die Gruppe möglichst schnell ins Wasser und wieder herauszubringen. Bezahlt war schliesslich schon.
Dann kam Puerto Padre. Auf unserer einmonatiger Reise durch Kuba nur eine geplante Durchfahrt.
Unfreiwillig sollten mein Freund und ich aber einen Monat in Puerto Padre bleiben. Ein Autounfall auf der Rückfahrt vom Süden nach Havanna verlängerte unseren Kubaurlaub unschön um mehr als das Doppelte. Ein Autounfall.
Ich war Beifahrer. Trotzdem wurden der Fahrer und ich daran gehindert, die Provinz zu verlassen. Beim Fahrer wurde dies mit dem ausstehenden Gerichtsverfahren begründet. Bei mir entschied ein Arzt, wann ich wieder gehen dürfe. Meine luxierte Schulter diagnostizierte er als Prellung. Eine Rippenserienfraktur übersah er. Meine Atemnot deutete er als Asthma und behandelte sie entsprechend – also auf der Grundlage einer falschen Diagnose. Die Diagnose fusste auf der Klinik, gefundener Zigarren im Gepäck und drei kohlrabenschwarzen, unbrauchbaren Röntgenbildern.
Als ich einen Blick auf eben diese „Bilder“ werfen wollte, wies man mich zurecht, dass mich dies nichts angehe. Das sei Sache des Arztes.
Der zuständige Provinzchefarzt erklärte mir, ich werde erst freigegeben, wenn ich den verletzten Arm wieder senkrecht nach oben strecken könne. Als ich mich einbringen und auf die Widersprüche hinweisen wollte, wies er mich zurecht: Er sei der Arzt. Er habe das Sagen. Ich habe zu folgen.
Die Schweizer Botschaft konnte trotz grosser Bemühungen die Entscheidung nicht aufheben. Auch die Rega erhielt keine Erlaubnis, uns zur Behandlung auszufliegen. Fast einen Monat blieben wir in Kuba festgesetzt, bevor wir in die Schweiz zurückkehren und dort richtig untersucht und behandelt werden konnten.
War dies bloss das Versagen eines einzelnen Arztes? War es die Folge von Mangel? Oder begegnete mir darin ein ganzes politisches und institutionelles System?
Die ehrliche Antwort lautet: Alle drei Ebenen spielten wahrscheinlich zusammen.
Die kurze Antwort
Kubas Gesundheitswesen war nie einfach nur «schlecht». Es hat historisch beachtliche Leistungen erbracht: universeller Zugang, starke Primärversorgung, Impfprogramme, Gesundheitsförderung, eine hohe Ärztedichte und für ein vergleichsweise armes Land lange Zeit erstaunlich gute Bevölkerungsdaten.
Doch ein System kann in der Prävention stark und im individuellen Notfall gefährlich schwach sein. Es kann viele Menschen erreichen und einem einzelnen Patienten trotzdem nicht zuhören. Es kann hervorragende Fachpersonen ausbilden und ihnen gleichzeitig Medikamente, Diagnostik, Zeit, Entscheidungsfreiheit und wirksame Kontrollmechanismen vorenthalten.
Meine damalige Behandlung war nach den später in der Schweiz bestätigten Befunden medizinisch ungenügend und nach westlichen Standards ethisch nicht vertretbar. Eine übersehene Schulterluxation, eine übersehene Rippenserienfraktur und die Fehlinterpretation einer nach einem Unfall aufgetretenen Atemnot als Asthma sind nicht einfach unterschiedliche medizinische Meinungen. Dass mehrere Fehler nicht erkannt oder korrigiert wurden, weist auf ein Systemversagen über den einzelnen Irrtum hinaus.
Politisch ist Kuba keine Demokratie. Nach den üblichen politikwissenschaftlichen Kriterien ist es ein autoritäres Einparteiensystem. Der Ausdruck Diktatur ist deshalb in der Sache vertretbar, sofern er präzise und nicht bloss als Beschimpfung verwendet wird. Kuba ist jedoch keine klassische Militärjunta. Es ist ein revolutionärer Partei- und Sicherheitsstaat, in dem die Streitkräfte historisch, politisch und wirtschaftlich eine aussergewöhnlich starke Rolle spielen.
Für ausländische Fahrzeuglenkende, die an einem Unfall beteiligt sind, ist eine Ausreisesperre während der Untersuchung tatsächlich dokumentiert. Das EDA warnt ausdrücklich (https://www.eda.admin.ch/countries/cuba/de/home/reisehinweise/vor-ort.html), solche Verfahren könnten sich über Monate hinziehen. In den öffentlich zugänglichen Hinweisen und Rechtsquellen fand ich dagegen keine allgemeine Regel, wonach ein unbeschuldigter ausländischer Beifahrer bis zur vollständigen Genesung in einer Provinz festgehalten werden darf. Noch weniger findet sich eine nachvollziehbare Rechts- oder Medizinregel, welche die Reisefreiheit vom senkrechten Heben eines verletzten Arms abhängig macht.
Der Unfall war nicht nur ein medizinischer Irrtum
Diagnosefehler kommen in jedem Gesundheitswesen vor. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Mensch irren kann. Entscheidend ist, ob ein System Irrtümer entdeckt und korrigiert.
Bei meinem Unfall versagten mehrere Sicherheitsbarrieren gleichzeitig:
1. Der Unfallmechanismus wurde nicht ernst genug genommen. Nach einem Verkehrsunfall müssen Schulterschmerzen, Bewegungseinschränkung und Atemnot als mögliche Zeichen struktureller Verletzungen behandelt werden, bis diese ausreichend ausgeschlossen sind.
2. Die erste Diagnose wurde offenbar zum Anker. Aus der angenommenen Prellung und dem vermuteten Asthma entstand eine Geschichte, an die spätere Beobachtungen angepasst wurden. Die Diagnoseforschung nennt dies *Anchoring* und *premature closure*: Man legt sich früh fest und beendet die diagnostische Suche zu schnell. Solche Denkfehler sind gut untersucht; gefährlich werden sie besonders dort, wo eine zweite Meinung, Bildgebung oder offene Rückmeldung fehlen.
3. Das Autoritätsgefälle verhinderte Korrektur. Mein Einwand wurde nicht als zusätzliche Information verstanden, sondern als Angriff auf die Rolle des Arztes. Aus «Ich bin der Arzt» wurde unausgesprochen «Darum ist meine Aussage richtig». Fachliche Zuständigkeit und Unfehlbarkeit wurden verwechselt.
4. Das Ziel der Medizin verschob sich. Die zentrale Frage hätte lauten müssen: *Welche Verletzungen liegen vor, welche Behandlung braucht der Patient und wie kann er sicher in ein geeignetes Zentrum gebracht werden?* Stattdessen lautete die Bedingung: *Der Patient darf erst gehen, wenn er eine bestimmte Bewegung wieder ausführen kann.* Damit wurde nicht mehr die Behandlung organisiert, sondern die Bewegung des Patienten kontrolliert.
Eine medizinische Repatriierung setzt nicht voraus, dass ein Mensch bereits gesund ist. Sie existiert gerade deshalb, weil ein verletzter oder erkrankter Mensch andernorts besser behandelt werden kann. Beurteilt werden müssen Transportfähigkeit, Kreislauf- und Atemstabilität, notwendige Begleitung und mögliche Komplikationen – nicht die vollständige Wiederherstellung einer verletzten Schulter.
Ich kann ohne die damaligen Akten nicht beweisen, welche formale Begründung hinter der Entscheidung stand. Aber mein Erlebnis trug wesentliche Merkmale administrativer Willkür: keine verständliche Rechtsgrundlage, keine unabhängige Überprüfung, keine wirksame Einsprachemöglichkeit und eine einschneidende Freiheitsbeschränkung, die allein vom Urteil eines hierarchisch übergeordneten Arztes abhing.
Warum sich dieses Erlebnis so schrecklich anfühlte
Das Bedrohliche war nicht allein der Schmerz. Es war der gleichzeitige Verlust fast aller Kontrolle.
Mein Körper meldete nach dem Unfall, dass etwas nicht stimmte. Die zuständige Autorität erklärte diese Wahrnehmung für falsch. Ich konnte keine unabhängige zweite Beurteilung durchsetzen. Ich durfte den Ort nicht verlassen, obwohl gerade andernorts die notwendige Diagnostik und Behandlung möglich gewesen wäre. Die Botschaft und die Rega waren zwar ansprechbar, aber ebenfalls nicht handlungsfähig. Und es gab keinen klaren Termin, sondern eine Bedingung, deren Erfüllung wegen der nicht erkannten Schulterluxation kaum möglich war.
Damit entstand eine geschlossene Situation: verletzt, nicht geglaubt, abhängig und ohne verlässlichen Ausweg. Psychologisch ist Unkontrollierbarkeit ein zentraler Verstärker von Angst und Stress. Besonders belastend wird sie, wenn jene Institution, von der Schutz erwartet wird, zugleich zum Hindernis wird. Ich war formal vielleicht kein Gefangener. In meiner tatsächlichen Bewegungsfreiheit war ich es beinahe.
Warum konnten Botschaft und Rega nichts erzwingen?
Eine Botschaft ist keine übergeordnete Behörde im Gastland. Sie kann Kontakt herstellen, vermitteln, auf eine faire Behandlung drängen, Anwälte oder medizinische Einrichtungen nennen und eine Repatriierung unterstützen. Sie kann aber weder kubanische Behörden überstimmen noch einen Patienten gegen deren Entscheidung aus einem Spital, einer Provinz oder aus dem Land holen.
Das EDA beschreibt diese Grenze heute sehr klar: Der konsularische Schutz muss die Souveränität und Rechtsordnung des Empfangsstaates respektieren; die Schweiz kann weder Haftentlassungen erzwingen noch in ausländische Gerichtsverfahren eingreifen oder selbst medizinisch behandeln. Sie kann eine Repatriierung unterstützen, aber nicht hoheitlich durchsetzen. ([EDA: Grenzen des konsularischen Schutzes](https://www.eda.admin.ch/de/konsularischer-schutz-hilfe-bei-notlagen-im-ausland))
Auch die Rega besitzt ausserhalb der Schweiz keine staatliche Eingriffsbefugnis. Ein Ambulanzflug braucht unter anderem Lande-, Start- und Überfluggenehmigungen, die Freigabe des Patienten, die Zusammenarbeit der lokalen medizinischen Stelle sowie die ausländerrechtliche Erlaubnis zur Ausreise. Verweigert ein souveräner Staat einen dieser Schritte, kann eine Rettungsorganisation nicht einfach landen und jemanden mitnehmen.
Beim Fahrer lässt sich die Blockade mit dem kubanischen Unfall- und Strafverfahren erklären, auch wenn die Dauer für schweizerische Verhältnisse hart erscheint. Bei mir als Beifahrer bleibt die Begründung wesentlich fragwürdiger. Denkbar ist, dass ich zunächst als Zeuge, als Teil der Unfallakte oder als medizinisch nicht freigegebener Patient galt. Da ich nach meiner Schilderung nie beschuldigt und nie vor Gericht benötigt wurde, erklärt dies aber nicht, weshalb meine Bewegungsfreiheit an eine willkürlich wirkende Funktionsprüfung gebunden wurde.
Das kubanische Gesundheitsparadox
Nach der Revolution von 1959 machte die kubanische Regierung Gesundheit und Bildung zu zentralen Staatsaufgaben. Leistungen wurden verstaatlicht, ländliche Regionen besser erschlossen, medizinische Ausbildungsplätze massiv ausgebaut und Prävention mit der klinischen Versorgung verbunden. Das später aufgebaute Hausarzt- und Pflegefachpersonenmodell ordnete Wohngebieten feste Teams zu. Hausbesuche, Impfungen, Schwangerschaftskontrollen, Gesundheitsregister und epidemiologische Überwachung gehörten zum Alltag.
Dieses Modell erzielte reale Erfolge. Kuba erreichte über Jahrzehnte eine hohe Impfquote, eine starke Abdeckung durch Primärversorgung und Bevölkerungswerte, die für das wirtschaftliche Niveau des Landes bemerkenswert waren. Die [Panamerikanische Gesundheitsorganisation](https://hia.paho.org/en/node/124) bezifferte die Lebenserwartung für 2024 noch auf 78,3 Jahre. Fachbeiträge von [RAND](https://www.rand.org/pubs/commentary/2017/10/doing-more-with-less-lessons-from-cubas-health-care.html) und dem [AMA Journal of Ethics](https://journalofethics.ama-assn.org/article/health-equity-cuban-style/2021-03) würdigen insbesondere die universelle, gemeindenahe Prävention.
Aber Bevölkerungsmedizin und individuelle Akutmedizin sind nicht dasselbe.
Ein Land kann viele Kinder impfen und trotzdem zu wenig Röntgenmaterial besitzen. Es kann sehr viele Ärztinnen und Ärzte ausbilden und in einer Provinz dennoch keinen verlässlichen Zugang zu moderner Traumadiagnostik bieten. Es kann kostenlose Behandlung garantieren, aber Auswahl, Zweitmeinung und Patientenautonomie begrenzen. Und es kann statistische Zielwerte erreichen, während die konkrete Erfahrung einzelner Patientinnen und Patienten schlecht bleibt.
Genau darin liegt das kubanische Paradox:
– **stark in flächendeckender Prävention, aber zunehmend schwach bei Material und Technologie;**
– **reich an ausgebildeten Menschen, aber arm an Medikamenten, Ersatzteilen und Devisen;**
– **formal universell, aber regional und praktisch ungleich;**
– **fürsorglich im Anspruch, aber paternalistisch in der Durchführung.**
Auch die wissenschaftliche Bewertung ist nicht frei von Kontroversen. Einige Forschende würdigen Kubas Gesundheitsdaten als aussergewöhnlichen Erfolg sozialer Organisation. Andere weisen auf mögliche Verzerrungen einzelner Statistiken, politischen Druck durch Zielvorgaben und Einschränkungen der Patientenautonomie hin. [Berdine, Geloso und Powell](https://doi.org/10.1093/heapol/czy033) diskutierten etwa Auffälligkeiten in der Abgrenzung zwischen späten Totgeburten und frühen neonatalen Todesfällen. Solche Einwände widerlegen nicht sämtliche kubanischen Erfolge, mahnen aber dazu, offizielle Kennzahlen nicht mit der gesamten Versorgungsrealität gleichzusetzen.
Besonders aufschlussreich ist eine kubanische rechtswissenschaftliche Untersuchung von 2021. Sie bezeichnete die Regelung von informierter Einwilligung und Patientenautonomie im kubanischen Recht ausdrücklich als ungenügend und verwies auf Defizite in der medizinischen Praxis. ([Momblanc & Mendoza Pérez, 2021](https://doi.org/10.22395/ojum.v20n42a13)) Bereits frühere qualitative Forschung beschrieb, wie staatliche Gesundheitsziele und eine stark vertikale Organisation die Mitentscheidung von Patientinnen und Patienten beeinträchtigen können. ([Kath, 2006](https://ascecubadatabase.org/asce_proceedings/father-knows-best-cubas-proactive-approach-to-healthcare-delivers-results-but-paternalism-brings-some-compromises/))
Mein Erlebnis passt erschreckend genau in dieses Spannungsfeld: Der Staat beanspruchte, für meine Gesundheit zu sorgen – und nahm mir dabei die Möglichkeit, über meine Behandlung und meinen Aufenthaltsort mitzuentscheiden.
Warum gab es nur Ibuprofen und Penicillin?
Meine Beobachtung bedeutet nicht, dass Kuba damals landesweit nur diese beiden Medikamente besass. Ein einzelner Apothekenbesuch kann kein nationales Arzneimittelsortiment abbilden. Er zeigte aber sehr wahrscheinlich einen realen lokalen Lieferausfall.
Spätere Angaben kubanischer Gesundheitsverantwortlicher bestätigten, dass mehr als 85 Prozent der Vorprodukte für die kubanische Pharmaindustrie importiert wurden. Wegen Devisenmangels und unbezahlter Lieferanten stockte die Produktion bereits 2016 und 2017. Häufige Arzneimittel fehlten zeitweise vollständig. ([Reuters, 2017](https://www.reuters.com/article/world/cuba-battling-medicine-shortages-in-wake-of-cash-crunch-idUSKBN1DW048/))
In einer zentral verwalteten Mangelwirtschaft verteilt sich Knappheit selten gleichmässig. Eine Lieferung erreicht zuerst eine bestimmte Provinz oder eine bestimmte Versorgungsstufe. Ein anderes Produkt wartet im Hafen, fehlt wegen eines einzigen importierten Bestandteils oder kann mangels Treibstoff nicht weitertransportiert werden. Deshalb entsteht genau das Bild, das ich damals sah: heute viel von einem, morgen etwas anderes, an einem Ort verfügbar und in der Nachbarprovinz verschwunden.
Das intramuskuläre Penicillin war daher vermutlich nicht «die kubanische Antibiotikatherapie», sondern schlicht das Präparat, das lokal noch vorhanden war. Mangel verändert dann unbemerkt auch medizinische Entscheidungen: Nicht mehr die Diagnose bestimmt das optimale Medikament, sondern der Lagerbestand bestimmt, welche Behandlung überhaupt denkbar erscheint.
## Warum waren Restaurants und Unterkünfte so anders?
Weil ich dort nicht einem anderen Volk, sondern einem anderen Anreiz- und Beziehungssystem begegnete.
Private Unterkünfte – die *casas particulares* – und private Restaurants – die *paladares* – waren für viele Familien eine seltene Möglichkeit, eigenes Einkommen und Devisen zu erwirtschaften. Zufriedene Gäste bedeuteten Empfehlungen, weitere Buchungen, Trinkgeld und wirtschaftliche Sicherheit. Die Gastgeber konnten improvisieren, Beziehungen aufbauen und unmittelbar entscheiden. Ethnografische Forschung beschreibt gerade diese privaten Unterkünfte als Räume intensiver Gastfreundschaft, persönlicher Begegnung und wirtschaftlicher Eigeninitiative. ([Simoni, 2018](https://doi.org/10.1080/21568316.2017.1399436))
Im staatlichen Monopolbetrieb war die Logik eine andere. Tiefe Löhne, knappe Ressourcen, starre Vorgaben und kaum Konkurrenz belohnten nicht zwingend die beste Erfahrung des einzelnen Gastes. Verantwortung verlief nach oben zur Hierarchie, nicht nach aussen zum Kunden oder Patienten.
Das erklärt einen wichtigen Widerspruch: **Die Wärme der kubanischen Menschen widerlegt nicht die Härte kubanischer Institutionen.** Und die Härte einzelner Institutionen sagt nicht, dass die Menschen kalt wären.
Auch mein Tauchausflug lässt sich nicht allein aus dem politischen System ableiten. Ohne den Namen des Anbieters ist nicht feststellbar, ob er zu einer militärisch kontrollierten Unternehmensgruppe gehörte. Doch mein Eindruck einer befehlsorientierten, auf schnelle Abfertigung ausgerichteten Organisation ist mit einem stark hierarchischen Staats- und Tourismussektor vereinbar. Ein erheblicher Teil des gehobenen Tourismus wird bis heute durch Gaviota betrieben, eine Tochter des militärisch kontrollierten Konglomerats GAESA. Das beweist nicht die Ursache meines konkreten Erlebnisses, macht die militärisch-administrative Prägung des Sektors aber mehr als nur metaphorisch. ([Reuters, 2026](https://www.reuters.com/world/americas/cuba-defends-military-run-gaesa-as-us-sanctions-prompt-hotel-exodus-2026-06-02/))
Ist Kuba militärisch?
Ja und nein.
Kuba ist keine Militärdiktatur im klassischen Sinn, in der eine wechselnde Generalsjunta offen durch Kriegsrecht regiert. Präsident und Parteichef Miguel Díaz-Canel ist Zivilist. Es existieren zivile Ministerien, eine Verfassung und staatliche Institutionen.
Doch der heutige Staat ging aus einer bewaffneten Revolution hervor. Die siegreiche Rebellenarmee wurde zur tragenden Institution des neuen Systems. Fidel Castro führte das Land jahrzehntelang; sein Bruder Raúl war von 1959 bis 2008 Verteidigungsminister und anschliessend Staatspräsident. Streitkräfte, Innenministerium, Partei und Revolutionsführung sind historisch eng verflochten. Das Militärkonglomerat GAESA kontrolliert bedeutende Bereiche von Tourismus, Handel, Logistik, Finanzwesen und Infrastruktur, wobei sein genauer Anteil wegen fehlender Transparenz umstritten ist.
Deshalb ist Kuba am treffendsten als **autoritärer revolutionärer Parteistaat mit einem starken militärisch-sicherheitspolitischen und militärökonomischen Kern** zu beschreiben.
Militärisch ist dabei nicht nur die Uniform. Militärisch kann auch eine Organisationslogik sein:
– Befehl vor Aushandlung,
– Einheit vor Vielfalt,
– Loyalität vor Widerspruch,
– Geheimhaltung vor Transparenz,
– Planerfüllung vor individueller Rückmeldung.
Nicht jeder kubanische Arzt, Beamte oder Tauchlehrer handelt so. Doch Institutionen prägen, welches Verhalten belohnt, toleriert oder bestraft wird.
Ist Kuba diktatorisch?
Ja – mit einer wichtigen historischen Erklärung
Artikel 5 der [kubanischen Verfassung von 2019](https://www.constituteproject.org/constitution/Cuba_2019) erklärt die Kommunistische Partei ausdrücklich zur einzigen und übergeordneten führenden Kraft von Gesellschaft und Staat. Es gibt keinen freien Wettbewerb politischer Parteien, keinen demokratischen Regierungswechsel und keine unabhängigen Medien nach liberal-demokratischem Verständnis. Opposition und nicht genehmigte Proteste werden überwacht und teilweise hart verfolgt. Nach den Protesten vom 11. Juli 2021 dokumentierten Menschenrechtsorganisationen willkürliche Festnahmen, Misshandlungen und problematische Gerichtsverfahren; auch 2025 und 2026 galten nach unterschiedlichen Zählungen weiterhin Hunderte Inhaftierte als politische Gefangene. Die kubanische Regierung bestreitet diese Bezeichnung und spricht von Verurteilungen wegen gewöhnlicher Straftaten. ([Human Rights Watch](https://www.hrw.org/world-report/2025/country-chapters/cuba); [Reuters, April 2026](https://www.reuters.com/world/americas/cuba-begins-releasing-prisoners-under-scrutiny-rights-groups-us-govt-2026-04-03/))
Die historische Erklärung beginnt jedoch lange vor Fidel Castro.
Kuba gestern: Kolonie, Abhängigkeit, Diktatur und Revolution
Über Jahrhunderte war Kuba spanische Kolonie. Zucker, Sklaverei und Plantagenwirtschaft schufen grossen Reichtum für wenige und tiefe Abhängigkeiten für viele. Der lange Unabhängigkeitskampf endete 1898 nicht mit vollständiger Selbstbestimmung, sondern zunächst mit einer amerikanischen Militärbesatzung.
1902 entstand formal die Republik Kuba. Die von den USA erzwungene Platt Amendment sicherte Washington jedoch ein Interventionsrecht und ermöglichte die dauerhafte Nutzung von Guantánamo Bay. Die USA intervenierten mehrfach und prägten Wirtschaft und Politik der Insel stark. Diese Erfahrung von Fremdbestimmung gehört bis heute zum kubanischen Nationalbewusstsein. ([U.S. Office of the Historian](https://history.state.gov/countries/cuba); [U.S. National Archives](https://www.archives.gov/milestone-documents/platt-amendment))
Die Republik entwickelte zwar moderne städtische Zentren, blieb aber von sozialer Ungleichheit, Korruption, US-Abhängigkeit und politischer Gewalt geprägt. 1952 putschte Fulgencio Batista, setzte die Verfassung ausser Kraft und verhinderte Wahlen. Seine Diktatur, Repression und die extrem ungleiche Verteilung von Land, Bildung und Gesundheitsversorgung schufen den Boden für die Revolution.
1959 vertrieben Fidel Castro, die Bewegung des 26. Juli und verbündete Kräfte Batista. Die Revolution brachte Alphabetisierung, Landreformen, breiteren Zugang zu Bildung und Gesundheit sowie einen starken Anspruch auf nationale Unabhängigkeit. Gleichzeitig beseitigte sie schrittweise politische Konkurrenz, verstaatlichte die Wirtschaft, unterdrückte Opposition und bündelte die Macht bei Fidel Castro und der neuen revolutionären Elite.
Die Feindschaft mit den USA beschleunigte diese Entwicklung. Auf Enteignungen folgten Sanktionen. 1961 scheiterte die von den USA unterstützte Invasion in der Schweinebucht. 1962 brachten sowjetische Raketen die Welt an den Rand eines Atomkriegs. Das umfassende US-Embargo wurde zum dauerhaften äusseren Druck – und zugleich zum dauerhaften inneren Legitimationsinstrument.
Der Politikwissenschaftler William LeoGrande beschreibt diese doppelte Ursache treffend: Die reale Bedrohung durch die USA **und** Fidel Castros Intoleranz gegenüber Opposition wirkten zusammen und schufen das autoritäre Einparteiensystem. Die Belagerungsmentalität war also weder vollständig erfunden noch eine ausreichende Rechtfertigung für sechs Jahrzehnte politischer Unfreiheit. ([LeoGrande, 2015](https://www.american.edu/centers/latin-american-latino-studies/implications-normalization-leogrande.cfm))
Mit sowjetischer Unterstützung baute Kuba in den folgenden Jahrzehnten Bildung, Medizin und soziale Sicherung aus. Gleichzeitig blieb die Wirtschaft zentral geplant und von externen Subventionen abhängig. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann 1991 die «Sonderperiode»: Wirtschaftsleistung, Importe, Ernährung und Energieversorgung brachen ein. Kuba öffnete sich teilweise dem Tourismus, ausländischen Devisen und kleinen privaten Tätigkeiten, ohne die politische Macht zu öffnen.
Ab 1999 ersetzte Venezuela einen Teil der sowjetischen Stütze: Kuba erhielt vergünstigtes Öl und entsandte im Gegenzug medizinisches Personal. Diese Auslandseinsätze halfen Millionen Menschen in anderen Ländern und wurden zu einer wichtigen Devisenquelle. Zugleich entzog der Export von Fachkräften dem heimischen System Personal und geriet wegen der staatlichen Einbehaltung grosser Lohnanteile und eingeschränkter Bewegungsfreiheit der Mitarbeitenden in die Kritik.
Kuba in den letzten zehn Jahren: von der Hoffnung zur Polykrise
Als ich vor rund zehn Jahren dort war, befand sich Kuba in einem seltenen Moment der Hoffnung. Barack Obama und Raúl Castro hatten Ende 2014 die Annäherung eingeleitet. 2015 wurden diplomatische Beziehungen wiederhergestellt, 2016 besuchte Obama Havanna. Tourismus und private Initiativen wuchsen. Viele Menschen glaubten, die Insel könne sich wirtschaftlich und vielleicht auch politisch öffnen.
Doch gerade 2016 geriet die Arzneimittelproduktion wegen fehlender importierter Rohstoffe ins Stocken. Mein Erlebnis einer fast leeren Apotheke war deshalb kein Vorzeichen einer erst später entstandenen Krise. Die Krise war bereits im System angelegt.
Nach 2017 verschärfte die erste Trump-Regierung Sanktionen und Reisebeschränkungen wieder. 2018 übernahm Miguel Díaz-Canel das Präsidentenamt. Die neue Verfassung von 2019 erkannte begrenztes Privateigentum an, erklärte die sozialistische Ordnung und die Führungsrolle der Kommunistischen Partei jedoch für unantastbar.
2020 traf die Pandemie ein Land, dessen Tourismus, Devisenreserven und Infrastruktur bereits geschwächt waren. Die Regierung verlor Einnahmen, Importe sanken, und die Versorgung verschlechterte sich.
Anfang 2021 führte Kuba mit der *Tarea Ordenamiento* eine überfällige Währungs- und Preisreform durch. Sie beseitigte Verzerrungen nicht, sondern löste in Verbindung mit Güterknappheit, Defizitfinanzierung und Devisenmangel eine massive Inflation aus. Die offizielle Teuerung betrug 2021 77,3 Prozent; breitere Berechnungen anhand der Haushaltsausgaben lagen erheblich höher. ([Vidal & Luis, 2024](https://doi.org/10.1017/lar.2023.59))
Am 11. Juli 2021 kam es zu den grössten landesweiten Protesten seit 1959. Menschen demonstrierten gegen Stromausfälle, Lebensmittel- und Medikamentenmangel, fehlende Freiheit und die Regierung. Der Staat reagierte mit Festnahmen, harten Urteilen und verstärkter Kontrolle. Damit verlor das System besonders bei jungen Menschen weiter an Glaubwürdigkeit.
Es folgte die grösste Auswanderungswelle der modernen kubanischen Geschichte. Nach offiziellen vorläufigen Angaben lebten Ende 2024 nur noch rund 9,75 Millionen Menschen im Land – etwa 1,45 Millionen weniger als beim Höchststand 2012. Rund ein Viertel war 60 Jahre oder älter. ([Le Monde, 2025](https://www.lemonde.fr/en/international/article/2025/04/30/cuba-faces-population-decline-and-aging-amid-mass-migration-exodus_6740756_4.html)) Gerade junge, qualifizierte und berufstätige Menschen verliessen die Insel. Kuba verlor damit nicht nur Bevölkerung, sondern sein knappstes Kapital: Zukunft, Pflege, Medizin, Unternehmertum und Angehörige, die ältere Menschen versorgen könnten.
2025 erklärte selbst der kubanische Wirtschaftsminister, die Wirtschaft sei seit fünf Jahren geschrumpft und liege rund zehn Prozent unter dem Niveau von 2019. Landwirtschaft, Viehzucht und Bergbau waren in fünf Jahren um mehr als die Hälfte, die Industrieproduktion um fast ein Viertel zurückgegangen. ([Reuters, Juli 2025](https://www.reuters.com/world/americas/cuban-economy-continues-five-year-decline-economy-minister-says-2025-07-14/))
2026 verschärfte sich die Lage nochmals dramatisch. Die zweite Trump-Regierung kappte beziehungsweise bedrohte wichtige Öl- und Finanzverbindungen. Zugleich traf dieser äussere Druck auf ein veraltetes Stromnetz, leere Staatskassen, geringe Eigenproduktion und jahrzehntelang aufgeschobene Reformen. Im August 2026 dauerten Stromausfälle in vielen Provinzen mehr als 20 Stunden täglich; allein im Juli kollabierte das nationale Stromnetz dreimal. ([Reuters, 13. August 2026](https://www.reuters.com/world/americas/cuba-marks-centenary-fidel-castros-birth-amid-deepening-economic-crisis-2026-08-13/))
Das Gesundheitswesen heute: vom Mangel zur Funktionskrise
Was ich damals erlebte, ist heute nicht besser, sondern wesentlich schlimmer.
Nach einer Analyse der Public-Health-Professorin Arachu Castro fehlten im September 2025 rund 69 Prozent der 651 essenziellen Arzneimittel zumindest teilweise; 51 Prozent waren vollständig nicht verfügbar. Im März 2026 lagen etwa 80 Prozent der im Land produzierten essenziellen Medikamente unter dem notwendigen Bestand. Strom- und Treibstoffmangel beeinträchtigen inzwischen Ambulanzen, Wasserpumpen, Kühlketten, Labore, Blutbanken, Dialyse, Operationen und den Arbeitsweg des Personals. ([Castro, 2026](https://www.thinkglobalhealth.org/article/cubas-health-care-buckles-under-fuel-blockade))
Das Problem ist nicht, dass Kuba keine Ärztinnen, Ärzte oder Pflegefachpersonen ausbilden könnte. Das Problem ist, dass immer mehr von ihnen auswandern oder in besser bezahlte Bereiche wechseln und die Verbleibenden ohne verlässliche Mittel arbeiten müssen. Gemäss [Reuters](https://www.reuters.com/world/americas/cubas-revolutionary-generation-pushed-breaking-point-by-us-blockade-2026-06-10/) sank die Zahl der Ärztinnen und Ärzte seit 2019 um ungefähr 30 Prozent. Gleichzeitig altert die Bevölkerung und braucht mehr, nicht weniger Versorgung.
Das EDA rät seit Februar 2026 von touristischen und nicht dringenden Reisen nach Kuba ab. Es nennt mehrstündige oder mehrtägige Stromausfälle, Engpässe bei Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischem Material und hält ausdrücklich fest: **Die Notfallversorgung ist nicht gewährleistet.** ([EDA-Reisehinweise Kuba](https://www.eda.admin.ch/countries/cuba/de/home/reisehinweise/vor-ort.html))
Ein Unfall wie meiner wäre heute deshalb wahrscheinlich nicht leichter zu bewältigen.
Wer ist schuld: das Embargo oder die kubanische Regierung?
Diese Frage wird meist wie ein politischer Glaubenstest gestellt. Wissenschaftlich ist dieses Entweder-oder nicht haltbar.
Das US-Embargo und besonders seine extraterritorialen Finanz-, Schifffahrts- und Sanktionswirkungen verursachen reale Schäden. Auch wenn Lebensmittel und Medikamente formell teilweise ausgenommen sind, erschweren Zahlungsverkehr, Versicherungen, Ersatzteile, US-Komponenten, Transport und die Angst ausländischer Firmen vor Sanktionen den Einkauf. Die massive Verschärfung der Ölblockade 2026 traf Wasser, Energie, Transport, Lebensmittelproduktion und Gesundheit unmittelbar. Die UNO-Generalversammlung forderte im Juli 2026 mit 165 zu 7 Stimmen bei 12 Enthaltungen erneut das Ende des Embargos. ([United Nations, 2026](https://press.un.org/en/2026/ga12769.doc.htm))
Aber das Embargo erklärt nicht alles.
Die kubanische Führung hielt ineffiziente Staatsunternehmen, überbewertete Wechselkurse, zentrale Preis- und Produktionsvorgaben sowie Beschränkungen privater Initiative zu lange aufrecht. Sie investierte über Jahre auffällig stark in neue Hotels, während Landwirtschaft, Wohnraum, Stromnetz und Gesundheit verfielen. Die missglückte Währungsreform verschärfte die Inflation. Fehlende Transparenz, die wirtschaftliche Macht von GAESA und die Unterdrückung unabhängiger Kritik verhinderten Lernprozesse. Wer Probleme offen benennt, riskiert Nachteile; dadurch erreichen schlechte Nachrichten die Spitze zu spät oder gefiltert.
Hinzu kamen Pandemie, Wirbelstürme, der Einbruch des Tourismus, der Niedergang Venezuelas, fallende Einnahmen aus medizinischen Dienstleistungen und die Alterung der Bevölkerung.
Die sachlich beste Erklärung lautet deshalb:
Kubas Krise entsteht aus äusserem Zwang, innerer Erstarrung und wiederholten Schocks – multipliziert durch den Verlust von Menschen, Vertrauen und verlässlicher Information.
Wer nur das Embargo verantwortlich macht, entlastet die kubanische Führung von ihren Fehlentscheidungen. Wer nur den Sozialismus verantwortlich macht, verharmlost die bewusst erzeugte äussere wirtschaftliche Strangulierung. Beides verzerrt die Wirklichkeit.
Wie geht es den Kubanerinnen und Kubanern heute?
Auch hier gibt es nicht nur ein Kuba.
Menschen mit Verwandten im Ausland, Zugang zu Dollar oder Euro, einem erfolgreichen Privatbetrieb oder einer Tätigkeit im Tourismussektor können Engpässe teilweise umgehen. Sie kaufen auf informellen Märkten, lassen Medikamente schicken oder bezahlen privaten Transport.
Wer von einem staatlichen Lohn oder einer Rente in Pesos lebt, keine Angehörigen im Ausland hat und chronisch krank ist, trägt die Krise am härtesten. Strom fehlt, Wasserpumpen stehen still, Lebensmittel verderben, Busse fahren nicht, Medikamente wandern in den Schwarzmarkt und eine einfache Besorgung kann einen ganzen Tag beanspruchen. Ältere Menschen bleiben zurück, während Kinder und Enkel auswandern.
Trotzdem existieren Nachbarschaftshilfe, Improvisation, Humor, Familienbindung und grosse fachliche Kompetenz weiter. Die Freundlichkeit, die ich in Unterkünften und Restaurants erlebte, war nicht Fassade. Sie war ebenfalls Kuba.
Doch «Resilienz» darf nicht zum beschönigenden Wort werden. Wenn Menschen jahrzehntelang alles kompensieren müssen, was Politik und Infrastruktur nicht leisten, ist Widerstandskraft irgendwann keine Tugend mehr, sondern eine ihnen auferlegte Dauerpflicht.
Kuba morgen: vier mögliche Wege
Niemand kann seriös vorhersagen, ob und wann sich das kubanische System grundlegend verändert. Vier Entwicklungen sind denkbar.
1. Langsame kontrollierte Öffnung
Dies wäre der konstruktivste Weg: mehr Raum für kleine und mittlere Unternehmen, private Landwirtschaft, ausländische Investitionen, realistische Wechselkurse, rechtlich geschütztes Eigentum und eine schrittweise politische Öffnung. Im Juni und Juli 2026 kündigte die Regierung 176 Reformmassnahmen an, darunter mehr private Einfuhr von Treibstoff und Medikamenten sowie Erleichterungen für Landwirtschaft und Tourismus. Das ist bemerkenswert, aber noch kein Beweis für eine konsequente Umsetzung. ([Reuters, Juli 2026](https://www.reuters.com/legal/government/cuba-takes-steps-implement-economic-overhaul-amid-us-pressure-campaign-2026-07-31/))
2. Fortgesetzter kontrollierter Niedergang
Kurzfristig ist dies wahrscheinlich der naheliegendste Verlauf: gerade genügend Reformen und Repression, um den Staat zu erhalten, aber zu wenig Veränderung, um Produktivität, Vertrauen und Rückkehrbereitschaft wiederherzustellen. Die Folge wären weitere Auswanderung, wachsende Ungleichheit und ein zunehmend ausgehöhlter Sozialstaat.
3. Aushandlung mit den USA
Eine verlässliche Entspannung könnte Treibstoff, Finanzierung, Tourismus, Überweisungen und Investitionen erleichtern. Das würde Kubas interne Strukturprobleme nicht lösen, aber den Handlungsspielraum vergrössern. Umgekehrt stärkt maximale äussere Bedrohung oft genau jene Sicherheitsapparate und Belagerungserzählungen, die politische Öffnung verhindern.
4. Abrupter Bruch
Ein Kollaps des Stromsystems, eine Spaltung der Elite, grosse Proteste oder eine unkontrollierbare Versorgungskrise könnten einen schnellen Wandel auslösen. Ein Zusammenbruch garantiert jedoch weder Demokratie noch Wohlstand. Er könnte ebenso zu Gewalt, neuer Repression, massiver Flucht und einer humanitären Katastrophe führen.
Was Kuba für eine bessere Zukunft bräuchte
Kuba braucht keine Rückkehr in die sozial ungleiche und fremdbestimmte Republik vor 1959. Es braucht aber ebenso wenig die Fortsetzung eines Systems, das seine historischen Errungenschaften durch Kontrolle und Erstarrung selbst aufzehrt.
Eine tragfähige Zukunft müsste mindestens fünf Elemente verbinden:
1. **Universelle Gesundheit und Bildung bewahren**, aber Patientenrechte, informierte Einwilligung, Zweitmeinungen, Fehlerkultur und unabhängige Qualitätskontrolle stärken.
2. **Wirtschaftliche Eigeninitiative rechtlich absichern**, statt sie je nach politischem Bedarf zu erlauben oder zu begrenzen.
3. **Landwirtschaft, Energie, Wasser und Wohnraum vor prestigeträchtige Hotelprojekte stellen.**
4. **Kritik als Information behandeln**, nicht als Verrat. Ohne freie Medien, unabhängige Forschung und überprüfbare Daten kann kein komplexes System lernen.
5. **Die Diaspora einbeziehen**, ohne Rückkehrende politisch zu verdächtigen. Millionen Kubanerinnen und Kubaner im Ausland besitzen Wissen, Beziehungen, Kapital und weiterhin familiäre Bindungen zur Insel.
Hier berührt Kuba meine eigenen Denkmodelle.
In der **Möbiusschleife des Menschlichen** erzeugt Kontrolle Schweigen. Schweigen verschlechtert die Information. Schlechte Information führt zu falschen Entscheidungen. Deren Folgen erzeugen Unzufriedenheit – worauf das System mit noch mehr Kontrolle reagiert.
Mein **Informations-Gerüchte-Gesetz** beschreibt die kommunikative Seite: Wo verlässliche Information fehlt, füllen Gerüchte den freien Raum. In Kuba wird diese Lücke durch staatliche Geheimhaltung, ausländische Propaganda, Exilmedien, soziale Netzwerke und persönliche Flüsterkanäle gleichzeitig gefüllt. Die Menschen erhalten sehr viele Botschaften – aber wenig gemeinsam überprüfbare Wirklichkeit.
Und die **Multiversität** wäre ein möglicher Ausweg: Staat, Privatwirtschaft, Diaspora, Wissenschaft, Gesundheitsberufe, Bauern, Kulturschaffende und Zivilgesellschaft müssten ihre verschiedenen Erfahrungen nicht länger als Bedrohung, sondern als gemeinsame Ressource nutzen.
Mein Erlebnis – neu eingeordnet
Mein Erlebnis beweist nicht, dass alle kubanischen Ärztinnen und Ärzte schlecht arbeiten. Es beweist auch nicht, dass jeder staatliche Dienst militärisch geführt wird oder jeder kubanische Beamte autoritär handelt.
Aber es war auch nicht einfach eine unerklärliche Verkettung unglücklicher Zufälle.
Die falschen Diagnosen zeigen die Verwundbarkeit einer Akutversorgung mit begrenzten diagnostischen Mitteln. Die leere Apotheke zeigt die bereits 2016 dokumentierte Abhängigkeit von Importen und Devisen. Der Ton des Provinzchefarztes zeigt ein paternalistisches Autoritätsverständnis. Die fehlende Einsprache zeigt die Schwäche unabhängiger Korrekturwege. Die Machtlosigkeit von Botschaft und Rega zeigt, wie stark staatliche Souveränität im Ernstfall über individuelle Freiheit und medizinische Vernunft gestellt werden kann.
Sinngemäss blieb mir vor allem ein Satz in Erinnerung: Ich bin der Arzt. Darum habe ich recht.
Dieser Satz ist grösser als die Medizin. Ein politisches System sagt etwas Ähnliches, wenn es Partei, Staat, Revolution und Wahrheit gleichsetzt.
Ein guter Arzt braucht eine zweite Meinung. Ein gutes Team braucht Widerspruch. Und auch ein Staat braucht Menschen, die ihm sagen dürfen, dass seine Diagnose falsch ist.
Kuba besitzt gebildete, kreative, warmherzige und ausserordentlich widerstandsfähige Menschen. Das Land hat bewiesen, dass soziale Fortschritte auch mit begrenzten Mitteln möglich sind. Seine Zukunft hängt nun davon ab, ob es eine zweite, ebenso schwierige Leistung vollbringen kann: Fürsorge ohne Bevormundung, Einheit ohne Zwang und soziale Sicherheit ohne politische Unfreiheit.
«Kuba braucht nicht weniger Solidarität, sondern weniger Schweigen; nicht weniger Staat, sondern einen Staat, der zuhört; nicht weniger Medizin, sondern ein Gesundheitswesen, in dem auch der Patient eine Stimme hat.»
-Christoph J. Zingg
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