Kolda 1990 – und die Frage, was von dieser Gastfreundschaft geblieben ist

Kolda 1990 – und die Frage, was von dieser Gastfreundschaft geblieben ist: Auf den Spuren des senegalesisch - afrikanischen Islams in Kolda.

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Auf den Spuren des senegalesisch – afrikanischen Islams in der Haute Casamance in Kolda.

von Christoph J. Zingg (Autor)

„Toleranz begann für mich in Kolda nicht mit einem theoretischen Bekenntnis. Sie begann mit einem farbigen Gewand, einer offenen Moschee und einer Familie, die mich drei Monate lang zu einem der Ihren machte.“
—Christoph J. Zingg

Einführung

Sechsunddreissig Jahre sind vergangen, seit ich 1990 drei Monate in Kolda im Süden Senegals verbrachte. Dennoch ist mir die Zeit bis heute gegenwärtig.

Damals war ich ledig, allein unterwegs und fasziniert von einer Kultur, die mir zunächst fremd war. Mein Zugang zu Kolda entstand nicht über einen Reiseveranstalter oder ein Hotel, sondern durch eine Brieffreundschaft. Ich lebte bei der einheimischen Familie meines Brieffreundes. Nicht als zahlender Gast am Rand des Familienlebens, sondern – so empfand ich es – wie ein Familienmitglied.

Ich ass mit der Familie, teilte ihren Alltag und war in ihre sozialen Beziehungen eingebunden. Mein Christsein war kein Geheimnis. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – wurde ich eingeladen, an einem Freitagsgebet teilzunehmen.

Vor der Moschee geschah etwas, das sich mir tief eingeprägt hat: Ich wurde feierlich eingekleidet. Man legte mir farbenprächtige traditionelle Gewänder an, wie sie meine Gastgeber mit dem besonderen Anlass und dem Besuch der Moschee verbanden. Es war keine Verkleidung im touristischen Sinn. Zumindest erlebte ich es nicht so. Es fühlte sich vielmehr an wie eine Form der Ehrerweisung und der vorübergehenden Aufnahme.

Ich sollte die Moschee nicht als beliebiger Zuschauer betreten. Meine Gastgeber bereiteten mich auf den Eintritt in ihren religiösen Raum vor.

Niemand verlangte von mir, meinen christlichen Glauben zu verleugnen. Niemand versuchte, mich zu bekehren. Ich durfte als Christ anwesend sein.

Besonders beeindruckte mich der Imam. Er sprach mit mir offen über Gott, den Staat und die Welt. Es war kein Verhör und kein theologischer Wettbewerb. Ich hatte nicht das Gefühl, mich verteidigen zu müssen. Unterschiedliche Überzeugungen standen im Raum, ohne dass einer von uns den anderen zum Schweigen bringen musste.

Ich fühlte mich sicher, respektiert, willkommen und angenommen.

Heute frage ich mich: War dieses Erlebnis Ausdruck einer Kultur, die in Kolda noch immer besteht? Oder erinnere ich mich an eine Offenheit, die inzwischen verschwunden ist?

Eine persönliche Erinnerung ist keine Statistik

Eine einzelne Erfahrung kann nicht beweisen, wie „die Menschen im Senegal“ oder „die Muslime in Kolda“ grundsätzlich sind. Drei Monate in einer Familie sind keine repräsentative Untersuchung. Meine Erinnerung ist zudem von meiner damaligen Neugier, meiner persönlichen Beziehung zu meinem Brieffreund und der besonderen Gastrolle geprägt.

Dennoch ist eine solche Erfahrung wissenschaftlich nicht wertlos. In der qualitativen Sozialforschung und Autoethnografie werden persönliche Erlebnisse als Zugang zu sozialen Wirklichkeiten verstanden. Entscheidend ist, sie nicht vorschnell zu verallgemeinern, sondern mit anderen Quellen abzugleichen.

Meine Erinnerung sagt nicht: So war jeder Mensch in Kolda.

Sie sagt: Eine solche Begegnung war 1990 in Kolda möglich. Eine muslimische Familie und ein Imam öffneten einem christlichen Gast nicht nur ihr Haus, sondern auch einen religiösen Raum.

Die historische und aktuelle Forschung zeigt, dass diese Erfahrung keineswegs völlig zufällig war.

Kolda ist nicht einfach „der Süden Senegals“

Kolda liegt in der Haute-Casamance, der oberen Casamance, im historischen Fouladou oder Fulaadu. Die Region befindet sich in einem Grenzraum zwischen Senegal, Gambia, Guinea und Guinea-Bissau. Die heutigen Staatsgrenzen sind jünger als viele der dortigen Familienbeziehungen, Handelswege, Sprachen und religiösen Netzwerke.

Senegal und Gambia unterscheiden sich politisch und kolonialgeschichtlich deutlich: Senegal wurde französisch, Gambia britisch kolonisiert. Deshalb dominieren bis heute unterschiedliche Amtssprachen, Verwaltungstraditionen und Bildungssysteme. Für die Menschen des südlichen Senegambia waren diese Grenzen jedoch nie undurchlässig. Ethnische, sprachliche, verwandtschaftliche und religiöse Beziehungen reichen über sie hinweg.

Vom 13. Jahrhundert bis in die 1860er-Jahre gehörten grosse Teile der Region zum Einflussgebiet der Kaabu-Konföderation. In den politischen Krisen des 19. Jahrhunderts erhoben sich Fulbe-Gruppen gegen teilweise ausbeuterisch gewordene Herrschaftsverhältnisse. Aus diesen Kämpfen entstand das Fulaadu, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bestand.

Neue archäologische Forschungen zeigen, wie unzutreffend es wäre, die Geschichte Koldas lediglich als südliche Variante der Geschichte Dakars zu erzählen. Während Dakar zum Zentrum der französischen Kolonialherrschaft wurde, war die Region Kolda noch in den 1920er-Jahren nicht vollständig kartiert und besteuert. Die französische Herrschaft blieb lange begrenzt und musste sich lokaler Machtstrukturen bedienen.

Bemerkenswert ist die von Sirio Canós-Donnay und Thierry Baldé nachgewiesene kulturelle Kontinuität. Trotz politischer Umbrüche veränderten sich Siedlungsformen, materielle Kultur und lokale Machtvorstellungen lange erstaunlich wenig. Kaabu und Fulaadu sind bis heute gesellschaftliche Bezugspunkte. Gleichzeitig hinterliess die Kolonialzeit tiefe wirtschaftliche Spuren: künstliche Grenzen, exportorientierte Landwirtschaft und eine zunehmende Randlage innerhalb Senegals.

Kolda war somit nie eine geschichtslose Peripherie. Die Region war ein politischer und kultureller Raum mit eigener Dynamik, lange bevor sie von Dakar aus verwaltet wurde. (Canós-Donnay & Baldé, 2025⁠)

Wie der Islam im südlichen Senegal heimisch wurde

Auch die Islamisierung des südlichen Senegambia verlief nicht geradlinig. Sie war weder ausschliesslich eine Geschichte friedlicher Mission noch lediglich das Ergebnis religiöser Kriege.

Der Historiker Aly Dramé zeigt, dass sich der Islam in der mittleren Casamance seit dem 17. Jahrhundert durch unterschiedliche Prozesse institutionalisierte: durch Heirat, Verwandtschaft, koranische Bildung, Migration und die Gründung muslimischer Siedlungen – aber auch durch Zwang, Konflikte und Dschihadbewegungen.

Religion verbreitete sich also nicht nur von der Kanzel oder durch politische Eroberung. Sie gelangte über Familienbeziehungen und das gemeinsame Leben in die Gesellschaft. Menschen unterschiedlicher Herkunft mussten aushandeln, wie Land, Ehe, Erziehung und religiöse Zugehörigkeit miteinander verbunden werden sollten.

Diese Geschichte enthält Gewalt und Machtkämpfe. Sie enthält aber ebenso die Fähigkeit, Fremde in soziale Beziehungen aufzunehmen. Gerade diese Verbindung von Religion, Familie und Gastfreundschaft hilft mir, mein Erlebnis von 1990 besser zu verstehen. Ich wurde nicht zuerst durch eine Institution aufgenommen, sondern durch eine Familie. Der Weg zur Moschee führte durch eine persönliche Beziehung. (Dramé, 2025⁠)

Welchen Islam erlebte ich?

Senegal ist heute zu rund 97 Prozent muslimisch. Die grosse Mehrheit der Muslime gehört zum sunnitischen Islam und ist zugleich mit einer sufischen Bruderschaft verbunden. Zu den wichtigsten gehören die Tijaniyya, die Muridiyya, die Qadiriyya und die Layene.

Sufismus bezeichnet die spirituelle und mystische Dimension des Islams. Im Senegal sind die Bruderschaften jedoch weit mehr als religiöse Gebetsgemeinschaften. Sie bilden soziale Netzwerke, vermitteln Bildung, organisieren Solidarität und haben erheblichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Religiöse Autoritäten – Marabouts, Kalifen und Imame – können zwischen Familien, Bevölkerung und Staat vermitteln.

Der senegalesische Staat ist verfassungsrechtlich säkular. Religionsfreiheit und die Selbstverwaltung religiöser Gemeinschaften sind geschützt. Gleichzeitig ist Religion im gesellschaftlichen Alltag viel sichtbarer und einflussreicher als in vielen europäischen Staaten. Säkularität bedeutet dort nicht, Religion aus der Öffentlichkeit zu verbannen, sondern unterschiedliche religiöse Gemeinschaften in einen gemeinsamen staatlichen Rahmen einzubinden. (US Department of State: Religious Freedom in Senegal⁠)

Es wäre allerdings zu einfach, den Sufismus pauschal als „toleranten Islam“ zu bezeichnen. Keine religiöse Tradition ist aus sich heraus immer friedlich oder immer intolerant. Auch sufisch geprägte Gesellschaften können hierarchisch, patriarchalisch und in Fragen von Geschlecht und Sexualität ausgesprochen konservativ sein.

Die Offenheit, die ich erlebte, entstand nicht allein aus einer Glaubenslehre. Sie entstand aus dem Zusammenwirken religiöser Überzeugungen, familiärer Gastfreundschaft, lokaler Traditionen und der Entscheidung konkreter Menschen, mir Vertrauen entgegenzubringen.

Das Gewand als Brücke

Im Rückblick erscheint mir das feierliche Einkleiden vor der Moschee als Schlüsselszene.

Der Ethnologe Arnold van Gennep beschrieb Übergangsrituale als Abfolge von Trennung, Schwelle und Aufnahme. Victor Turner entwickelte daraus den Begriff der Liminalität: Menschen befinden sich für eine gewisse Zeit zwischen ihren bisherigen gesellschaftlichen Positionen. In solchen Momenten kann eine besondere Form der Verbundenheit entstehen, die Turner Communitas nannte.

Natürlich weiss ich nicht, ob meine Gastgeber mein Einkleiden bewusst als Übergangsritual verstanden. Dennoch lässt sich die Situation anthropologisch so deuten:

Ich trat aus meiner alltäglichen Rolle als europäischer und christlicher Besucher heraus. Vor der Moschee befand ich mich buchstäblich und symbolisch auf einer Schwelle. Durch das Gewand wurde ich nicht zum Muslim. Aber ich war auch nicht mehr nur der aussenstehende Fremde.

Die Kleidung übersetzte meine Anwesenheit in eine Form, die Respekt vor dem religiösen Ort ausdrückte. Meine Verschiedenheit wurde nicht beseitigt. Sie wurde sozial tragbar gemacht.

Entscheidend war dabei, dass die Einladung von innen kam. Ich drang nicht als Tourist in einen heiligen Raum ein. Familie und Imam legitimierten meine Anwesenheit. Sie signalisierten der Gemeinschaft und mir: Dieser Mensch darf hier sein.

Warum diese Begegnung Vorurteile abbauen konnte

Auch die Sozialpsychologie hilft, mein Erlebnis einzuordnen.

Gordon Allport formulierte 1954 seine sogenannte Kontakthypothese. Kontakt zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen kann Vorurteile vermindern, besonders wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind: ein möglichst gleichwertiger Status in der jeweiligen Situation, gemeinsame Ziele, Zusammenarbeit und die Unterstützung durch anerkannte Autoritäten.

In Kolda waren nicht alle diese Bedingungen vollkommen erfüllt. Als europäischer Besucher verfügte ich über Privilegien, die meine Gastgeber nicht hatten. Dennoch gab es wichtige Elemente eines gelingenden Kontaktes:

  • Ich lebte nicht abgeschirmt, sondern über längere Zeit in einer Familie.
  • Unser Kontakt beruhte auf einer persönlichen Brieffreundschaft.
  • Wir teilten den Alltag und nicht nur einen inszenierten Festtag.
  • Die Familie unterstützte die Begegnung.
  • Der Imam bestätigte durch seine Offenheit, dass der religiöse Austausch legitim war.
  • Wir begegneten einander nicht nur als Vertreter zweier Religionen, sondern als konkrete Menschen.

Eine grosse Metaanalyse von Thomas Pettigrew und Linda Tropp untersuchte 515 Studien mit 713 unabhängigen Stichproben und mehr als 250’000 Beteiligten. Das Ergebnis: Direkter Kontakt zwischen Gruppen vermindert in der Regel Vorurteile. Besonders wirksam sind längerfristige Beziehungen und Freundschaften. Kontakt ist jedoch kein Automatismus. Unter Bedingungen von Angst, Konkurrenz oder starren Machtunterschieden kann er auch scheitern. (Pettigrew & Tropp, 2006⁠)

Meine drei Monate in Kolda waren deshalb etwas anderes als ein kurzer Moscheebesuch. Ich betrachtete die Menschen nicht aus sicherer Entfernung. Ich war auf sie angewiesen, und sie liessen sich auf mich ein. Beide Seiten wurden füreinander zu Personen statt zu abstrakten Kategorien wie „der Christ“, „der Europäer“ oder „die Muslime“.

1990 war nicht überall Frieden

Meine persönliche Sicherheit darf nicht mit der politischen Lage der gesamten Casamance verwechselt werden.

Der Konflikt zwischen dem senegalesischen Staat und dem Mouvement des Forces Démocratiques de la Casamance, dem MFDC, hatte bereits 1982 begonnen. Forderungen nach Unabhängigkeit verbanden sich mit Erfahrungen politischer und wirtschaftlicher Vernachlässigung. Das Zentrum der bewaffneten Auseinandersetzungen lag vor allem in der westlichen und unteren Casamance, nicht in gleicher Intensität in Kolda.

Der Konflikt war trotz der Beteiligung einzelner religiöser Persönlichkeiten kein Krieg zwischen Christen und Muslimen. Im MFDC fanden sich Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Auch die katholische Kirche nahm keine einheitlich separatistische Position ein und engagierte sich später stark in der Friedensvermittlung. (Foucher, 2018⁠)

Dass ich mich 1990 sicher fühlte, war deshalb weder Einbildung noch ein Beweis dafür, dass die ganze Region sicher war. Sicherheit hat unterschiedliche Ebenen. Politisch konnte eine Region von Konflikten betroffen sein, während ein Mensch innerhalb einer Familie, eines Dorfes oder einer religiösen Gemeinschaft Schutz und Geborgenheit erlebte.

Ich war nicht anonym. Ich gehörte zu jemandem. Die Familie meines Brieffreundes gab mir einen sozialen Ort – und dieser Ort schützte mich.

Ist diese Offenheit in Kolda geblieben?

Die deutlichste Antwort lautet: Der christlich-muslimische Dialog ist in Kolda weiterhin sichtbar und gesellschaftlich verankert.

Im November 2024 berichteten regionale Medien über die enge Zusammenarbeit zwischen Chérif Léheib Aïdara, dem Kalifen der religiösen Gemeinschaft von Saré Mamady, und Jean-Pierre Bassène, dem katholischen Bischof von Kolda. Der Kalif beschreibt den Bischof sinngemäss nicht als Vertreter einer fremden Gemeinschaft, sondern als jemanden, mit dem er sich verbunden weiss. Der Bischof wirkt sogar an der Organisation der jährlichen muslimischen Ziarra von Saré Mamady mit. (Dakaractu, 9. November 2024⁠)

Bei der 51. Ziarra im Januar 2026 diskutierten vierzehn muslimische Religionsführer gemeinsam mit dem Bischof von Kolda über Glauben, Erziehung, gesellschaftliche Werte, soziale Medien und den christlich-muslimischen Dialog. Der Kalif würdigte ausdrücklich die Gedanken des Bischofs über Glauben, Liebe und Solidarität und rief zu Offenheit und Toleranz auf. (Dakaractu, 1. Februar 2026⁠)

Das ist mehr als eine diplomatische Begegnung zwischen Religionsfunktionären. Der Bischof ist in ein muslimisches Fest eingebunden – ähnlich wie ich 1990 als Christ in einen muslimischen Raum aufgenommen wurde.

Meine Erinnerung wirkt vor diesem Hintergrund nicht wie das Relikt einer untergegangenen Epoche. Die Grundhaltung interreligiöser Gastfreundschaft scheint in Kolda fortzubestehen.

Das bedeutet nicht, dass ich heute automatisch in jeder Moschee dieselbe Erfahrung machen würde. Menschen, Familien und Moscheegemeinschaften unterscheiden sich. Aber eine Einladung wie jene von 1990 wäre im heutigen Kolda keineswegs unvorstellbar oder kulturfremd.

Was sich verändert hat

Kolda ist heute stärker mit einer globalisierten und digitalen Welt verbunden. Mobiltelefone und soziale Medien verändern Autorität, Familienkommunikation, Partnerwahl, religiöse Bildung und die Erwartungen junger Menschen. Bezeichnenderweise gehörte bei der Ziarra 2026 gerade die Sorge um soziale Medien und den Verlust familiärer Kommunikation zu den Hauptthemen.

Auch die Folgen des Casamance-Konflikts sind nicht vollständig überwunden. Im Februar 2025 erneuerten der Staat und ein Teil des MFDC ihre Verpflichtung zu Entwaffnung und Frieden. Das war ein bedeutender Fortschritt, aber kein umfassender Abschluss mit sämtlichen Gruppierungen. Wirtschaftliche Benachteiligung, schwache Infrastruktur und die Folgen von Vertreibung und Unsicherheit bleiben Herausforderungen. (Centre for Humanitarian Dialogue, 2025⁠)

Archäologische und historische Forschungen beschreiben die Region Kolda heute als eine der wirtschaftlich schwächeren Regionen Senegals – obwohl sie früher ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher Raum war. Diese Diskrepanz ist eine langfristige Folge kolonialer Grenzziehungen, wirtschaftlicher Randlage und ungleicher Entwicklung.

Schleust Senegal Menschen nach Europa?

Die Frage ist verständlich, sollte aber anders gestellt werden.

Weder „der Senegal“ noch „die Gambier“ schleusen als Völker Menschen nach Europa. Es existieren kommerzielle Schleusernetzwerke, die Überfahrten organisieren und an der Hoffnung oder Verzweiflung von Menschen verdienen. Manche Netzwerke sind lokal, andere grenzüberschreitend. Die Staaten selbst versuchen zugleich, irreguläre Abfahrten zu verhindern und Schleusung zu bekämpfen – teilweise in enger und nicht unumstrittener Zusammenarbeit mit der Europäischen Union.

Menschen aus Kolda und anderen Regionen migrieren aus unterschiedlichen Gründen: fehlende Arbeitsmöglichkeiten, wirtschaftliche Unsicherheit, familiäre Erwartungen, der Wunsch nach Bildung und gesellschaftlichem Aufstieg, Veränderungen in der Landwirtschaft und die Vorstellung, in Europa ein besseres Leben aufbauen zu können.

Die gefährliche Atlantikroute führt von Senegal, Gambia oder Mauretanien zu den Kanarischen Inseln. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration erreichten 2024 rund 13’600 senegalesische Staatsangehörige Europa über irreguläre west- und zentralafrikanische Routen. (IOM Senegal⁠)

Die Migranten sind dabei nicht einfach passive „Fracht“. Viele treffen bewusste Entscheidungen unter sehr eingeschränkten Bedingungen. Schleuser nutzen diese Entscheidungen kommerziell aus. Menschenhandel beginnt dort, wo Menschen getäuscht, gezwungen oder zum Zweck ihrer Ausbeutung kontrolliert werden. Nicht jede bezahlte Fluchthilfe ist Menschenhandel, aber jede Überfahrt auf dieser Route kann in Ausbeutung und Lebensgefahr enden.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur: Wer bringt diese Menschen nach Europa? Ebenso wichtig ist: Warum sehen so viele junge Menschen trotz der Todesgefahr keine ausreichende Zukunftsperspektive zu Hause?

Die schmerzliche Grenze der Toleranz: Homosexualität

Hier muss ich meine positive Erinnerung einer schwierigen Gegenprobe aussetzen.

1990 trat ich in Kolda als lediger christlicher Gast auf. Meine religiöse Identität war sichtbar und wurde respektiert. Meine sexuelle Orientierung und eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft standen nicht im Mittelpunkt der Begegnung.

Heute würde ich in einer anderen persönlichen Situation zurückkehren: als Mann, der mit seinem Mann Sai verheiratet ist. Damit käme neben der religiösen Differenz eine weitere Identitätsdimension hinzu – und diese wird im Senegal rechtlich und gesellschaftlich völlig anders behandelt.

Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen waren bereits 1990 nach Artikel 319 des senegalesischen Strafgesetzbuches von 1965 strafbar. Insofern besteht eine problematische Kontinuität. Im März 2026 wurde die Gesetzgebung jedoch erheblich verschärft. Gleichgeschlechtliche Handlungen können nun mit fünf bis zehn Jahren Haft und hohen Geldstrafen geahndet werden. Zusätzlich werden die öffentliche Unterstützung, „Verherrlichung“ und Finanzierung entsprechender Aktivitäten kriminalisiert. Berichte dokumentieren Verhaftungen, Gewalt, willkürliche Behandlung und erhebliche gesellschaftliche Diskriminierung. (Human Dignity Trust, Stand 3. August 2026⁠)

Das zwingt zu einer unbequemen Erkenntnis: Eine Gesellschaft kann Christen mit grosser Herzlichkeit aufnehmen und gleichzeitig homosexuelle Menschen ausgrenzen. Interreligiöse Toleranz bedeutet nicht automatisch ein liberales Verständnis von Sexualität, Geschlecht und individuellen Menschenrechten.

Ich kann nicht wissen, wie meine damalige Gastfamilie heute auf mich und Sai reagieren würde. Es wäre unfair, ihr im Nachhinein Ablehnung zu unterstellen. Individuelle Menschen können sehr viel offener sein als Gesetze oder öffentliche Debatten.

Ebenso falsch wäre es aber, aufgrund meiner positiven Erfahrung die reale Gefahr für LGBTQ-Personen zu verharmlosen.

Meine Erinnerung bleibt wahr. Sie ist nur nicht die ganze Wahrheit über die Gesellschaft.

Konstanz und Wandel auf einen Blick

DimensionKolda 1990Kolda und Senegal heute
Christlich-muslimische BeziehungenPersönlich erfahrene Offenheit und Einladung in die MoscheeIn Kolda weiterhin institutionell und öffentlich sichtbar
Meine gesellschaftliche RolleLediger, christlicher und ausländischer GastVerheirateter Mann in einer gleichgeschlechtlichen Ehe
HomosexualitätBereits seit 1965 kriminalisiert, für mich damals nicht sichtbar im ZentrumSeit März 2026 wesentlich schärfere Strafen und zusätzliche Verbote
Casamance-KonfliktSeit 1982 im Gang, hauptsächlich weiter westlich konzentriertDeutliche Friedensfortschritte, aber nicht alle Konfliktfolgen beseitigt
KommunikationBrieffreundschaft und unmittelbares FamilienlebenMobiltelefone und soziale Medien verändern Familien und Autoritäten
MigrationRegionale und internationale Mobilität bereits vorhandenGefährliche Atlantikroute und organisierte Schleusung stärker sichtbar
GastfreundschaftFür mich konkret, familiär und religiös erfahrbarAktuelle Beispiele sprechen für eine bemerkenswerte Kontinuität

War meine damalige Wahrnehmung zu romantisch?

Nein – aber sie war notwendigerweise unvollständig.

Ich muss meine Erinnerung nicht widerrufen, nur weil ich heute mehr über Konflikte, Armut, Migration oder die Verfolgung homosexueller Menschen weiss. Ich habe die Offenheit, Sicherheit und Gastfreundschaft nicht erfunden. Sie waren Teil meiner gelebten Wirklichkeit.

Gleichzeitig darf ich aus einer liebevollen Familie kein vollkommenes Land konstruieren.

Kolda war 1990 weder ein Paradies noch ist es heute zu einem Ort allgemeiner Intoleranz geworden. Gesellschaften bewegen sich nicht auf einer einzigen Achse von „offen“ zu „geschlossen“. Sie können in einem Bereich erstaunlich integrativ und in einem anderen hart ausgrenzend sein. Sie können historische Gastfreundschaft bewahren und zugleich politische oder moralische Grenzen verschärfen.

Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis meiner Rückschau: Toleranz ist keine feste nationale Eigenschaft. Sie ist eine soziale Praxis. Sie muss in jeder Beziehung und gegenüber jeder Minderheit neu verwirklicht werden.

Kolda als frühe Erfahrung von Multiversität

Heute würde ich meine damalige Erfahrung als eine frühe Begegnung mit dem bezeichnen, was ich Multiversität nenne:

Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind. Multiversität beschreibt, wie diese Verschiedenheit zu einer gemeinsamen Stärke wird.

Die Menschen in Kolda beseitigten unsere Unterschiede nicht. Ich blieb Christ, sie blieben Muslime. Der Imam musste meine Weltsicht nicht übernehmen, und ich musste die seine nicht annehmen. Trotzdem konnten wir über Gott, Staat und Welt sprechen. Ich konnte mit einer muslimischen Familie leben und an ihrem religiösen Leben teilnehmen.

Aus Verschiedenheit entstand Beziehung.

Die Erfahrung bleibt allerdings unvollendet, solange diese Möglichkeit nicht auch Menschen offensteht, deren sexuelle Orientierung oder Lebensform von der gesellschaftlichen Mehrheit abweicht. Die beeindruckende christlich-muslimische Verständigung in Kolda zeigt, dass kulturell verankerte Toleranz möglich ist. Gerade deshalb darf man hoffen und fordern, dass der Kreis der Zugehörigkeit weitergezogen wird.

Ich weiss nicht, ob ich heute noch einmal genau dieselbe Erfahrung machen könnte. Aber die aktuellen Berichte aus Kolda geben mir Anlass, den Menschen dort die Offenheit meiner Erinnerung nicht abzusprechen.

Vielleicht würde ich wieder eingekleidet.

Vielleicht würde wieder ein Imam mit mir über Gott, Staat und Welt diskutieren.

Aber ich würde heute mit weiteren Fragen vor ihm sitzen: Kann eine Gemeinschaft ihre religiöse Identität bewahren und zugleich homosexuellen Menschen Würde, Sicherheit und Freiheit zugestehen? Kann die Gastfreundschaft, die mir als Christ entgegengebracht wurde, auch meinen Mann einschliessen?

Die Antwort darauf kenne ich nicht.

Doch ich weiss, dass mir Kolda 1990 etwas gezeigt hat, das auch heute gültig bleibt: Fremdheit muss nicht in Feindschaft enden. Ein heiliger Raum kann sich öffnen, ohne seine Bedeutung zu verlieren. Ein Gespräch über Gott muss nicht mit dem Sieg einer Seite enden. Und eine Familie kann einen Fremden aufnehmen, bis er sich nicht mehr fremd fühlt.

„Die Menschen von Kolda verlangten nicht, dass ich Muslim werde. Sie machten mir Platz in ihrer Moschee, ihrer Familie und ihrer Welt. Frieden beginnt vielleicht dort, wo Zugehörigkeit keine Gleichförmigkeit verlangt – und Würde keine Ausnahme kennt.“
—Christoph J. Zingg

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Literatur und Quellen

Allport, G. W. (1954). The Nature of Prejudice. Addison-Wesley.

Canós-Donnay, S., & Baldé, T. (2025). Kings, warriors and shifting towns: The struggle for power in the Upper Casamance (Senegal), 1830–1960⁠. Azania: Archaeological Research in Africa.

Dakaractu. (2024, 9. November). Kolda: Le dialogue islamo-chrétien, une réalité au Fouladou⁠.

Dakaractu. (2026, 1. Februar). 51ème édition de la ziarra annuelle de Saré Mamady⁠.

Dramé, A. (2025). The Institutionalization of Islam in Southern Senegal: Intermarriage, Qur’anic Education, and Jihad⁠. University of Michigan Press.

Foucher, V. (2018). The Mouvement des Forces Démocratiques de Casamance: The Illusion of Separatism in Senegal?⁠

Human Dignity Trust. (2026). Senegal: Laws criminalising LGBT people⁠.

Pettigrew, T. F., & Tropp, L. R. (2006). A meta-analytic test of intergroup contact theory⁠. Journal of Personality and Social Psychology, 90(5), 751–783.

Turner, V. (1969). The Ritual Process: Structure and Anti-Structure. Aldine.

Van Gennep, A. (1960). The Rites of Passage. University of Chicago Press. Originalwerk veröffentlicht 1909.


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