Handeln statt Erstarren

Theodore Roosevelt: Handeln statt Erstarren - Warum Nichtstun oft die folgenschwerste Entscheidung ist (#Leadership)

Warum Nichtstun oft die folgenschwerste Entscheidung ist

„In any moment of decision,
the best thing you can do is the right thing,
the next best thing is the wrong thing, and
the worst thing you can do is nothing.“
-Theodore Roosevelt

Dieser Satz von Roosevelt begleitet mich schon lange.

Ich versuche, nach diesem Grundsatz zu handeln.

Und ich treffe Entscheidungen.

Ich übernehme Verantwortung.

Und ich trage schlussendlich auch die Konsequenzen.

Nicht, weil ich glaube, immer recht zu haben.

Sondern weil ich überzeugt bin, dass verantwortungsvolles Handeln besser ist als lähmendes Nichtstun.

Je länger ich im Gesundheitswesen arbeite, desto häufiger sehe ich das Gegenteil:

Menschen erkennen ein Problem.

Viele wissen sogar, was vermutlich richtig wäre.

Doch niemand handelt.

Nicht aus Bosheit.

Sondern aus Unsicherheit.

Aus Angst.

Aus Hierarchiedenken.

Und auch aus Perfektionismus.

Oder weil niemand die Verantwortung übernehmen möchte.

Dabei ist Nicht-Handeln ebenfalls eine Entscheidung.

Und oft die folgenreichste.

Entscheidungen gehören zum Menschsein

Kein Mensch verfügt über vollständige Informationen.

Wir entscheiden fast immer unter Unsicherheit.

Der amerikanische Nobelpreisträger Herbert A. Simon beschrieb bereits in den 1950er Jahren das Konzept der Bounded Rationality.

Menschen können niemals alle Informationen verarbeiten.

Zeit.

Stress.

Emotionen.

Komplexität.

Erfahrung.

All dies begrenzt unsere Entscheidungsfähigkeit.

Deshalb suchen wir selten die perfekte Entscheidung.

Wir suchen eine ausreichend gute.

Simon nannte dies Satisficing.

Nicht optimal.

Aber verantwortbar.

Heute gehört dieses Modell zu den Grundlagen der modernen Entscheidungsforschung.

Perfektionismus kann gefährlicher sein als Fehler

Viele Menschen glauben:

“Ich entscheide erst, wenn ich alles weiss.”

Das klingt vernünftig.

Ist es aber oft nicht.

Denn in dynamischen Situationen verändern sich Informationen permanent.

Wer auf absolute Sicherheit wartet,

entscheidet häufig zu spät.

Genau deshalb arbeiten Feuerwehr, Polizei, Militär, Luftfahrt oder Intensivmedizin mit Entscheidungsmodellen unter Unsicherheit.

Nicht perfekte Entscheidungen retten Leben.

Rechtzeitige Entscheidungen tun es.

Die OODA-Loop

Der amerikanische Militärstratege John Boyd entwickelte die berühmte OODA-Loop:

  • Observe
  • Orient
  • Decide
  • Act

Beobachten.

Einordnen.

Entscheiden.

Handeln.

Danach beginnt der Kreis erneut.

Neue Informationen führen zu neuen Entscheidungen.

Boyd zeigte:

Nicht jene gewinnen, die die perfekte Entscheidung treffen.

Sondern jene,

die schneller lernen

und ihre Entscheidungen laufend anpassen.

Das passt erstaunlich gut zu Roosevelts Aussage.

Naturalistic Decision Making

Der Psychologe Gary Klein untersuchte Feuerwehrkommandanten, Notärzte und militärische Einsatzleiter.

Sein überraschendes Ergebnis:

Experten vergleichen oft gar nicht mehrere Optionen.

Sie erkennen Muster.

Sie entwickeln sofort eine wahrscheinliche Lösung.

Und sie prüfen:

“Funktioniert das?”

Wenn ja:

Handeln.

Wenn nein:

Nächste Option.

Dieses Recognition-Primed Decision Model gilt heute als Meilenstein der Entscheidungsforschung.

Warum Teams trotzdem oft nichts tun

Hier kommt die Sozialpsychologie ins Spiel.

Der Bystander-Effekt

John Darley und Bibb Latané untersuchten nach dem Mord an Kitty Genovese, warum Menschen in Notfallsituationen häufig nicht eingreifen.

Das Ergebnis war erschütternd:

Je mehr Menschen anwesend sind,

desto geringer fühlt sich jeder Einzelne verantwortlich.

Verantwortung verteilt sich.

Am Ende handelt niemand.

Diffusion of Responsibility

Dieses Phänomen wurde vielfach bestätigt.

Menschen übernehmen weniger Verantwortung,

wenn sie glauben,

andere könnten handeln.

Im Gesundheitswesen kann das lebensgefährlich werden.

Crew Resource Management

Genau deshalb entstand nach mehreren Flugzeugkatastrophen das Crew Resource Management (CRM).

Eine zentrale Botschaft lautet:

Jeder trägt Verantwortung.

Nicht nur der Kapitän.

Nicht nur die Stationsleitung.

Und nicht nur der Oberarzt.

Jeder.

Deshalb gehört Speak Up heute weltweit zu den wichtigsten Sicherheitsprinzipien.

Wer eine Gefahr erkennt,

muss sie ansprechen.

Auch wenn Hierarchien bestehen.

Moral Distress

Besonders spannend wird es,

wenn Menschen genau wissen,

was richtig wäre,

es aber nicht tun können oder sich nicht trauen.

Die Pflegewissenschaft nennt dies Moral Distress.

Andrew Jameton beschrieb dieses Phänomen bereits 1984.

Pflegende erleben dabei erheblichen inneren Stress.

Nicht,

weil sie nicht wissen,

was richtig wäre.

Sondern weil äussere Umstände sie daran hindern.

Die Folgen zeigen zahlreiche Studien:

  • Burnout
  • emotionale Erschöpfung
  • Kündigungen
  • sinkende Arbeitszufriedenheit
  • schlechtere Patientenversorgung

Nicht das Handeln macht krank.

Das unterlassene richtige Handeln kann es ebenfalls.

Lies mehr über Moral Distress unter Moral Distress -Wenn Pflegende wissen

Die Psychologie des Nicht-Handelns

Die moderne Psychologie kennt zahlreiche Mechanismen:

  • Verlustaversion (Daniel Kahneman & Amos Tversky)
  • Status-quo-Bias
  • Entscheidungslähmung
  • Analyse-Paralyse
  • Risikoaversion

Unser Gehirn bevorzugt häufig:

Nichts verändern.

Selbst wenn Veränderung sinnvoll wäre.

Das erklärt,

warum Organisationen manchmal jahrelang offensichtliche Probleme akzeptieren.

Hannah Arendt

Auch die Philosophin Hannah Arendt beschäftigte sich indirekt mit diesem Thema.

Sie schrieb sinngemäss,

dass Verantwortung nicht dadurch verschwindet,

dass viele Menschen beteiligt sind.

Wer nichts tut,

trägt ebenfalls Verantwortung.

Nicht-Handeln entbindet niemanden von moralischer Verantwortung.

Viktor Frankl

Viktor Frankl formulierte:

Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.

In diesem Raum liegt unsere Freiheit.

Und unsere Verantwortung.

Frankl ergänzt Roosevelt auf wunderbare Weise.

Roosevelt fordert zum Handeln auf.

Frankl fordert zum bewussten Handeln auf.

Nicht impulsiv.

Sondern verantwortlich.

Aristoteles

Schon Aristoteles schrieb,

dass Tugend nicht aus Wissen entsteht,

sondern aus Handeln.

Wir werden gerecht,

indem wir gerecht handeln.

Nicht,

indem wir nur über Gerechtigkeit nachdenken.

Gibt es wissenschaftliche Belege?

Kurze und klare Antwort: Ja.

Sehr viele sogar.

Die moderne Entscheidungsforschung zeigt übereinstimmend:

Interessanterweise zeigen viele Studien:

Nicht die einzelne Fehlentscheidung ist das grösste Problem.

Sondern das Ausbleiben notwendiger Entscheidungen.

Die Kontroverse

Natürlich ist Roosevelts Aussage nicht grenzenlos richtig.

Es gibt Situationen,

in denen bewusstes Abwarten klüger ist.

In der Medizin beispielsweise:

  • Watchful Waiting
  • Active Surveillance
  • Palliative Entscheidungen
  • Diagnostische Unsicherheit

Auch das ist eine Entscheidung.

Nicht-Handeln bedeutet hier nicht Passivität.

Sondern bewusstes, begründetes Unterlassen.

Das unterscheidet sich grundlegend von lähmender Untätigkeit.

Ebenso warnen Forschende vor Action Bias: Unter Druck neigen Menschen dazu, lieber irgendetwas zu tun, obwohl Abwarten oder weitere Informationsgewinnung sinnvoller wäre. Besonders im Sport, in der Notfallmedizin und in der Wirtschaft wurde dieses Phänomen beschrieben. Gute Entscheidungen bestehen deshalb nicht aus blindem Aktionismus, sondern aus begründetem Handeln.

Meine persönliche Haltung

Ich weiss,

dass ich nicht immer richtig entscheide.

Das kann niemand.

Aber ich möchte Entscheidungen treffen,

die auf Wissen,

Erfahrung,

Werten

und Verantwortung beruhen.

Wenn ich mich irre,

lerne ich.

Wenn neue Informationen auftauchen,

ändere ich meine Entscheidung.

Das ist keine Schwäche.

Das ist Professionalität.

Denn Nichtstun schützt uns nicht vor Fehlern.

Es schützt uns oft nur davor,

Verantwortung zu übernehmen.

Wissenschaftliche Einordnung

Roosevelts Aussage wird heute erstaunlich gut durch zahlreiche Forschungsrichtungen gestützt:

  • Herbert Simon – Bounded Rationality
  • Gary Klein – Recognition-Primed Decision Model
  • John Boyd – OODA-Loop
  • Daniel Kahneman & Amos Tversky – Heuristiken und Entscheidungsverzerrungen
  • James Reason – Fehler- und Sicherheitsforschung
  • Amy Edmondson – Psychologische Sicherheit
  • Andrew Jameton – Moral Distress
  • Erik Hollnagel – Safety-II
  • Dave Snowden – Cynefin-Modell
  • Karl Weick – Sensemaking und High Reliability Organizations

Alle kommen letztlich zu einem ähnlichen Schluss:

Verantwortungsvolles Handeln entsteht nicht durch absolute Sicherheit.

Sondern durch kompetentes Entscheiden unter Unsicherheit, verbunden mit der Bereitschaft, aus den Folgen zu lernen.

Verbindung zu meinen anderen Blogs

Dieses Thema verbindet viele Gedanken meiner bisherigen Beiträge:

Für mich ergibt sich daraus ein gemeinsamer Nenner:

Professionelles Handeln bedeutet nicht, immer Recht zu haben.

Professionelles Handeln bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen nachvollziehbar zu treffen, aus Fehlern zu lernen – und den Mut zu haben, nicht in Untätigkeit zu verharren.

Verantwortung beginnt nicht dort, wo wir Gewissheit haben. Sie beginnt dort, wo wir trotz Unsicherheit bereit sind, begründet zu handeln. Nicht jede Entscheidung wird richtig sein. Doch jede verantwortungsvoll getroffene Entscheidung eröffnet die Möglichkeit zu lernen. Wer aus Angst vor Fehlern gar nicht entscheidet, überlässt die Zukunft dem Zufall – und trägt dennoch die Verantwortung für das, was unterbleibt.
-Christoph J. Zingg

Beitrag von Christoph J. Zingg

Lies auch unter Die Möbiusschleife des Menschlichen

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