Die dümmste Forschung der Welt – und warum sie oft klüger ist als ihr Ruf

Die dümmste Forschung der Welt – Was uns die absurdesten Studien über Sprache, Kommunikation und Zusammenarbeit wirklich lehren

Von «Hä?», feuchten Wörtern, schreienden Gruppen und betrunkenem Niederländisch: Was uns die absurdesten Studien über Sprache, Kommunikation und Zusammenarbeit wirklich lehren

Von Christoph J. Zingg (Autor)

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«Eine Forschungsfrage muss nicht würdevoll klingen, um klug zu sein. Manchmal zeigt sich der Ernst der Wissenschaft gerade darin, dass sie sogar das Absurde vermisst.»  
— Christoph J. Zingg

Einleitung zum Schmunzeln

Stellen Sie sich vor, jemand beantragt Forschungsgeld für folgende Vorhaben:

Menschen sollen mit verbundenen Augen möglichst laut schreien und klatschen.

Ratten sollen Japanisch von Niederländisch unterscheiden.

Versuchspersonen sollen das Wort the so lange abschreiben, bis es ihnen fremd vorkommt.

Studierende sollen mit einem Kugelschreiber zwischen den Zähnen Comics bewerten.

Deutsche sollen ein Glas Alkohol trinken und anschliessend Niederländisch sprechen.

Eine Kellnerin soll Bestellungen wortwörtlich wiederholen, um zu prüfen, ob sie mehr Trinkgeld erhält.

Gruppen sollen von einem gemeinsamen Teller essen, bevor sie miteinander verhandeln.

Ein Autor reicht einen vollständig leeren Fachartikel über Schreibblockade ein.


Das klingt wie das Programm einer sehr langen Weihnachtsfeier am Institut für experimentelle Psychologie. Es sind aber – mit einer wichtigen Ausnahme – reale Forschungsarbeiten.

Sind sie dumm? Nutzlos? Genial? Oder nur deshalb lustig, weil die meisten Menschen ein zu feierliches Bild von Wissenschaft haben?

Die kurze Antwort lautet:
Manche dieser Studien sind methodisch elegant und überraschend nützlich. Manche sind interessante Pilotarbeiten mit engen Grenzen. Manche wurden von Medien und Managementgurus grotesk überinterpretiert. Und manche sind tatsächlich wissenschaftlicher Unsinn – allerdings absichtlich.

Dieser Unterschied ist entscheidend. Denn eine komische Forschungsfrage ist noch keine schlechte Forschung. Umgekehrt wird eine schlechte Studie nicht dadurch klug, dass ihr Titel lang, ihr Vokabular akademisch und ihr p-Wert kleiner als 0,05 ist.

Vor dem Lachen: Was bedeutet hier überhaupt «dumm»?

Seit 1991 werden die Ig-Nobelpreise für Leistungen vergeben, die Menschen nach dem offiziellen Motto zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen. Die Organisatoren betonen ausdrücklich, dass sie Wissenschaft nicht verspotten: Gute Forschung könne seltsam, lustig oder absurd wirken – schlechte ebenfalls. Das einzige Preiskriterium sei, ob eine Leistung zuerst Lachen und dann Denken auslöse. Der Preis wurde von Marc Abrahams begründet und wird von den Annals of Improbable Research organisiert. (Ig-Nobelpreis: Hintergrund und Kriterien)

Das ist ein besserer Ausgangspunkt als eine Hitparade vermeintlich «nutzloser» Arbeiten. Wissenschaftlichen Wert sollte man nicht am Gegenstand, sondern an fünf Fragen beurteilen:

1. Ist die Frage klar?

2. Passt die Methode zur Frage?

3. Sind Stichprobe, Messung und Vergleichsbedingung angemessen?

4. Halten die Ergebnisse Replikationen und alternativen Erklärungen stand?

5. Behaupten die Forschenden nur, was ihre Daten tatsächlich hergeben?

Damit lassen sich vier sehr verschiedene Arten wissenschaftlicher Komik unterscheiden:

|Absurd klingende, solide Forschung|
Seltsamer Gegenstand, klare Frage, geeignete Methode                          
|Oft überraschend wertvoll                             |

|Trivial wirkende Forschung       
|Das Ergebnis scheint «offensichtlich», wurde aber erstmals kontrolliert geprüft
|Kann Grundlagenwissen schaffen                        |

|Überinterpretierte Forschung     
|Kleiner oder unsicherer Effekt wird zur universellen Lebensregel              
|Methodisch oder kommunikativ problematisch            |

|Absichtliche Wissenschaftssatire 
|Das «Experiment» ist ein Witz oder ein Stresstest für Publikationssysteme     
|Keine Evidenz, aber bisweilen gute Wissenschaftskritik|

Mit dieser Sortierung im Gepäck können wir uns den wirklich schönen Absurditäten zuwenden.

I. Sprache: Das grosse Erkenntnispotenzial von «Hä?», «feucht» und Flüchen

1. Die wahrscheinlich kürzeste universelle Reparaturwerkstatt: «Hä?»

Wer und wann? Mark Dingemanse, Francisco Torreira und N. J. Enfield veröffentlichten 2013 die Studie Is “Huh?” a Universal Word?

Was genau? Die Forschenden untersuchten natürlich vorkommende Alltagsgespräche in zehn Sprachen von fünf Kontinenten. Zusätzlich sichteten sie Material zu 31 Sprachen. Gesucht wurde eine sehr spezifische Gesprächsfunktion: Jemand signalisiert, dass er die vorangegangene Äusserung nicht gehört oder verstanden hat, und fordert damit eine Reparatur an.

Ergebnis: In sehr unterschiedlichen Sprachen existiert dafür eine kurze fragende Interjektion, deren Form und Funktion auffallend ähnlich sind. Das englische Huh?, das deutsche Hä? und verwandte Formen sind nach Ansicht der Autoren keine angeborenen Grunzlaute, sondern konventionalisierte, gelernte Wörter. Ihre Ähnlichkeit erklären sie durch konvergente kulturelle Evolution: Alle Sprachgemeinschaften müssen dasselbe zeitkritische Problem lösen – eine Störung im Gespräch möglichst schnell anzeigen. (Dingemanse, Torreira & Enfield, 2013)

Warum ist das lustig? Weil drei Sprachwissenschaftler einen ganzen Fachartikel über eine Silbe schrieben, die in Schule und Familie häufig als unhöflich gilt. Dafür erhielten sie 2015 den Ig-Nobelpreis für Literatur.

Warum ist es nicht dumm? Weil Reparatur zu den Grundbedingungen menschlicher Kooperation gehört. Kommunikation ist nicht dann zuverlässig, wenn alle beim ersten Mal perfekt senden und verstehen. Sie ist zuverlässig, wenn Irrtümer sichtbar werden und rasch korrigiert werden können.

Was heisst das für den Alltag? «Hä?» ist die elementarste Form einer Rückkopplungsschleife. Im beruflichen Kontext sollte sie bloss präziser werden:

«Meinst du 15 Milligramm oder 50?»

«Ich wiederhole: Abgabe am Donnerstag um 14 Uhr.»

«Was genau verstehst du unter dringend?»

«Bitte sag mir in eigenen Worten, was du jetzt tun wirst.»

In Medizin, Pflege, Aviatik und anderen Hochrisikobereichen wird daraus Closed-Loop Communication: Auftrag, Rückmeldung, Bestätigung beziehungsweise Korrektur. Die Alltagspointe lautet nicht «Sagt häufiger Hä?», sondern: Ein Team ohne legitimierte Rückfragen ist kein effizientes Team, sondern ein fehleranfälliges.

Urteil: Klingt lächerlich, ist Grundlagenforschung über sichere Kommunikation.

2. The the the the …: Wie ein Wort vor unseren Augen zerfällt

Wer und wann? Chris Moulin, Akira O’Connor und Kolleginnen und Kollegen veröffentlichten die Arbeit 2020 online; 2021 erschien sie in Memory. Ihr Titel beginnt programmatisch mit The the the the induction of jamais vu in the laboratory.

Was genau? Versuchspersonen schrieben Wörter wieder und wieder ab. Sie durften aufhören, wenn ihnen das Wort merkwürdig, falsch oder plötzlich bedeutungslos vorkam – oder wenn die maximale Versuchsdauer erreicht war.

Ergebnis: Im ersten Experiment berichteten etwa zwei Drittel der Personen mindestens einmal ein eigentümliches Erlebnis; über alle Durchgänge trat es ungefähr in einem Drittel der Fälle auf, typischerweise nach rund 30 Wiederholungen oder etwa einer Minute. Im zweiten Experiment schrieben 120 Personen das Wort the. 55 Prozent stoppten wegen eines merkwürdigen Gefühls, im Mittel nach 27,7 Wiederholungen. Die Forschenden beschreiben dies als experimentell ausgelöstes Jamais-vu: Etwas objektiv Bekanntes fühlt sich plötzlich fremd oder unwirklich an. (Moulin et al., 2021)

Warum ist das lustig? Weil die Versuchsanweisung wie eine Strafarbeit klingt und der Titel selbst bereits zu stottern scheint. Die Arbeit erhielt 2023 den Ig-Nobelpreis für Literatur.

Warum ist es sinnvoll? Wiederholung verstärkt Bedeutung nicht unbegrenzt. Sie kann die automatische Verbindung zwischen Zeichen, Vertrautheit und Bedeutung vorübergehend destabilisieren. Das ist für Gedächtnis- und Bewusstseinsforschung interessant.

Was heisst das für Teams? Organisationen wiederholen gern Wörter wie Qualität, Respekt, Patientenzentrierung, Innovation, agil oder Sicherheit. Wenn diese Begriffe nicht an beobachtbares Verhalten gebunden sind, kann eine organisationale Form von semantischer Sättigung entstehen: Alle kennen das Wort, aber niemand weiss mehr, was es im konkreten Fall verlangt.

Das gilt auch für Kommunikationsrituale. Ein Team kann jeden Auftrag mechanisch zurücklesen und dennoch nicht nachdenken. Eine Checkliste ist nur dann nützlich, wenn sie Aufmerksamkeit organisiert. Wird sie zur Liturgie, entsteht Closed-Loop-Theater: Die Form ist korrekt, die gemeinsame mentale Vorstellung bleibt falsch.

Urteil: Witzige Versuchsanordnung, ernsthafte Erinnerung daran, dass Wiederholung ohne Bedeutung zur Leere wird.

3. Das Wort, das Menschen feuchtfröhlich hassen: moist

Wer und wann? Paul H. Thibodeau veröffentlichte 2016 in PLOS ONE die Arbeit A Moist Crevice for Word Aversion: In Semantics Not Sounds.

Was genau? In fünf Experimenten untersuchte er, weshalb ein Teil der englischsprachigen Bevölkerung das Wort moist ausgesprochen unangenehm findet. Die Personen bewerteten Wörter, erklärten ihre Abneigung und reagierten auf unterschiedliche semantische und lautliche Kontexte.

Ergebnis: Je nach Erhebung zeigten ungefähr 10 bis 20 Prozent der amerikanischen Englischsprechenden eine Abneigung gegen moist. Viele glaubten, der Klang sei schuld. Die Muster sprachen aber stärker für Bedeutung und Assoziation: Die Abneigung hing eher mit Körperfunktionen und negativ besetzten Wörtern zusammen als mit ähnlich klingenden neutralen Wörtern wie hoist oder foist. (Thibodeau, 2016)

Warum ist das lustig? Schon der Titel A Moist Crevice scheint absichtlich gebaut, um den untersuchten Menschen maximal unangenehm zu sein.

Warum ist es klug? Menschen können ihre eigenen sprachlichen Reaktionen erleben, ohne deren Ursache richtig zu erkennen. Wir liefern plausible Selbsterklärungen – «Es liegt am Klang» –, obwohl Kontext, Bedeutung und gelernte Assoziationen stärker beteiligt sein können.

Alltag: Wörter wirken nicht unabhängig von Erfahrung, Milieu und Situation. Dass ein Begriff für die sendende Person neutral klingt, bedeutet nicht, dass er beim Gegenüber neutral ankommt. Umgekehrt ist die individuelle Abneigung gegen ein Wort kein Beweis dafür, dass das Wort allgemein «falsch» ist.

Für Führung und Kommunikation folgt daraus:

Nicht nur fragen: «Was habe ich gesagt?»

Sondern auch: «Welche Bedeutung und Erfahrung kann dieses Wort beim Gegenüber aktivieren?»

Und anschliessend prüfen, statt die Wirkung zu erraten.

Urteil: Der Gegenstand ist feucht, die Schlussfolgerung trocken und brauchbar.

4. Fluchen gegen Schmerz: Der wissenschaftliche Nutzen des F-Wortes

Wer und wann? Richard Stephens, John Atkins und Andrew Kingston liessen 2009 insgesamt 67 Studierende ihre Hand in eiskaltes Wasser halten.

Was genau? Die Versuchspersonen wiederholten entweder ein selbst gewähltes Schimpfwort oder ein neutrales Wort. Gemessen wurden unter anderem die Zeit bis zum Herausziehen der Hand, Schmerzempfinden und Herzfrequenz.

Ergebnis: Beim Fluchen hielten die Teilnehmenden die Hand länger im Wasser, bewerteten den Schmerz geringer und zeigten eine stärkere Herzfrequenzreaktion (Stephens, Atkins & Kingston, 2009)
Eine spätere Untersuchung zeigte, dass häufiges Alltagsfluchen den schmerzlindernden Effekt abschwächte (Stephens & Umland, 2011)
2020 zeigte eine weitere Arbeit, dass neu erfundene «Schimpfwörter» nicht dieselbe Wirkung wie etablierte Tabuwörter hatten (Stephens, Robertson & Robertson, 2020)

Warum ist das lustig? Weil eine Laborgruppe wissenschaftlich bestätigen musste, was jeder Mensch weiss, der barfuss auf einen Legostein getreten ist.

Warum ist es nicht banal? Die kontrollierten Vergleiche zeigen, dass Tabuwörter nicht bloss semantische Etiketten sind. Ihre emotionale Geschichte, soziale Verbotenheit und körperliche Aktivierung können Verhalten messbar beeinflussen. Dass häufiges Fluchen den Effekt reduziert, passt zur Idee einer Gewöhnung.

Alltag: Sprache ist nicht nur Informationsübertragung. Sie reguliert Erregung, Zugehörigkeit, Distanz und Handlungsbereitschaft. Doch aus dem Kältebad folgt weder eine klinische Empfehlung zum Fluchen noch eine Erlaubnis, Kolleginnen und Kollegen zu beschimpfen. Selbstgerichtetes Fluchen unter Schmerz ist etwas anderes als verbale Aggression gegen andere.

Urteil: Nützlich für Emotions- und Schmerzforschung; nutzlos als Freipass für schlechte Umgangsformen.

5. Ratten, die Japanisch von Niederländisch unterscheiden

Wer und wann? Juan Manuel Toro, Josep B. Trobalon und Núria Sebastián-Gallés untersuchten 2005, ob Ratten zwei Sprachen anhand akustischer Regelmässigkeiten unterscheiden können.

Was genau? Die Tiere wurden darauf trainiert, gesprochene japanische und niederländische Sätze auseinanderzuhalten. Danach prüfte das Team, ob die Ratten die Unterscheidung auf neue Sätze übertragen konnten. In einer Kontrollbedingung wurden die Aufnahmen rückwärts abgespielt.

Ergebnis: Unter geeigneten Bedingungen unterschieden die Ratten die vorwärts gesprochenen Sprachen und generalisierten auf neues Material. Bei rückwärts abgespielter Sprache gelang dies nicht. Die plausibelste Erklärung ist nicht, dass Ratten Niederländisch «verstehen», sondern dass sie rhythmische und prosodische Unterschiede nutzen können. (Toro, Trobalon & Sebastián-Gallés, 2005)

Warum ist das lustig? Die Schlagzeile «Ratten erkennen Niederländisch» schreibt sich praktisch von selbst. Die Arbeit erhielt 2007 den Ig-Nobelpreis für Linguistik.

Warum ist es sinnvoll? Das Experiment trennt sprachspezifische menschliche Fähigkeiten von allgemeinen Mechanismen auditiver Mustererkennung. Manche Vorstufen des Sprachlernens könnten auf Wahrnehmungsleistungen aufbauen, die nicht exklusiv menschlich sind.

Alltag: Die Studie liefert keine Methode für Fremdsprachenunterricht. Sie lehrt aber eine wichtige wissenschaftliche Regel: Gemessen wurde Diskrimination akustischer Muster – nicht Sprachverständnis. Genau dieser Unterschied geht in populären Zusammenfassungen häufig verloren.

Urteil: Gute Grundlagenforschung, schlechte Grundlage für eine Ratten-Sprachschule.

6. Die zwei Menschen, die rückwärts sprechen können

Wer und wann? Adolfo M. Torres-Prioris und ein internationales Forschungsteam untersuchten 2020 zwei aussergewöhnlich geübte Rückwärtssprecher mit Verhaltenstests und Neurobildgebung.

Was genau? Die beiden Experten konnten Wörter und Sätze mental umkehren und rückwärts aussprechen. Ihre Leistungen, ihr Arbeitsgedächtnis sowie Struktur und Vernetzung sprachbezogener Hirnregionen wurden mit Kontrollpersonen verglichen.

Ergebnis: Beide waren bei der Umkehrung deutlich besser als die Kontrollen, ohne dass dies einfach durch ein überlegenes Arbeitsgedächtnis erklärt werden konnte. Die Bildgebung zeigte Besonderheiten in sprachbezogenen Netzwerken – allerdings nicht bei beiden Personen am exakt selben Ort. (Torres-Prioris et al., 2020)

Warum ist das lustig? Es ist ein enormer apparativer Aufwand für eine Fähigkeit, die auf den ersten Blick keinerlei vernünftigen Zweck erfüllt. Dafür gab es 2023 den Ig-Nobelpreis für Kommunikation.

Wissenschaftlicher Haken: Eine Fallstudie mit zwei Personen kann Mechanismen illustrieren, aber keine allgemeine Populationsregel begründen. Gerade die Unterschiede zwischen den beiden Experten sind interessant: Ähnliche Spitzenleistungen können auf verschiedenen individuellen neuronalen Wegen entstehen.

Alltag: Expertise verändert Wahrnehmungs- und Sprachprozesse, doch Menschen können dieselbe Aufgabe unterschiedlich lösen. Für Training und Zusammenarbeit spricht das gegen die Vorstellung, es gebe nur einen «richtigen Denkweg».

Urteil: Faszinierende Fallstudie, aber kein universelles Modell des Gehirns.

7. «Dutch courage»: Sprechen Deutsche nach Alkohol besser Niederländisch?

Wer und wann? Fritz Renner, Inge Kersbergen, Matt Field und Jessica Werthmann veröffentlichten die Studie 2017 online; sie erschien 2018 im Journal of Psychopharmacology. 2025 erhielt sie den Ig-Nobelpreis für Frieden.

Was genau? 50 deutschsprachige Personen, die kurz zuvor Niederländisch gelernt hatten, erhielten zufällig entweder eine niedrige Dosis Alkohol oder ein alkoholfreies Kontrollgetränk. Anschliessend führten sie ein standardisiertes Gespräch auf Niederländisch. Niederländische Muttersprachler, die die Bedingung nicht kannten, bewerteten die Aufnahmen.

Ergebnis: Die alkoholisierten Teilnehmenden wurden von den Beobachtenden etwas besser bewertet, besonders bei der Aussprache. In den Selbsteinschätzungen zeigte sich dieser Unterschied nicht. (Renner et al., 2018)

Warum ist das lustig? Die Studie scheint das Klischee wissenschaftlich zu adeln, wonach man nach einem Glas plötzlich fliessend Fremdsprachen spricht.

Warum wäre die populäre Schlussfolgerung dumm? Untersucht wurden eine kleine Stichprobe, eine niedrige Dosis, ein bestimmtes Sprachenpaar und eine kurze Gesprächssituation. Es wurde nicht gezeigt, dass Alkohol Vokabular, Grammatik oder Lernen verbessert. Auch wurde der vermutete Mechanismus – etwa weniger soziale Angst – nicht direkt bewiesen. Bei höherer Dosierung verschlechtern sich Aufmerksamkeit, Kontrolle und Artikulation.

Alltag: Die vernünftige Schlussfolgerung lautet nicht «Vor der Präsentation trinken». Sie lautet: Anspannung und Selbstüberwachung können Sprachleistung hemmen. Psychologische Sicherheit, Übung, Fehlerfreundlichkeit und realistische Simulationen sind die sichere Version des vermeintlichen Dutch-Courage-Effekts.

Urteil: Witziges Experiment, begrenzter Befund, potenziell gefährliche Schlagzeile.

8. Wer kompliziert schreibt, wirkt nicht klüger – nur komplizierter

Hier treffen sich drei Arbeiten, die im Alltag unmittelbar nützlich sind.

Daniel Oppenheimer und die unnötig langen Wörter

Daniel M. Oppenheimer veröffentlichte 2006 Consequences of Erudite Vernacular Utilized Irrespective of Necessity: Problems with Using Long Words Needlessly. Bereits der Titel ist eine Demonstration des Problems.

In fünf Experimenten manipulierte Oppenheimer sprachliche Komplexität und Leseflüssigkeit. Unnötig komplizierte Formulierungen führten nicht dazu, dass die Verfassenden intelligenter wirkten. Tendenziell wurden sie als weniger intelligent beurteilt. Ein Teil des Effekts liess sich durch Verarbeitungsgeläufigkeit erklären: Was sich schwerer verarbeiten lässt, wird negativer bewertet, sofern die Schwierigkeit nicht einer offensichtlichen irrelevanten Ursache zugeschrieben wird. (Oppenheimer, 2006)

Eric Martínez, Francis Mollica und Edward Gibson über Juristensprache

2022 verglichen Martínez, Mollica und Gibson grosse Korpora juristischer und nichtjuristischer Texte und führten ein Experiment mit 184 Personen durch. Besonders mitten eingebettete Satzstrukturen belasteten das Arbeitsgedächtnis; entsprechende Passagen wurden schlechter verstanden und erinnert. Die Schwierigkeit lag nicht nur an Spezialbegriffen, sondern wesentlich an vermeidbar schlechtem Schreiben. (Martínez, Mollica & Gibson, 2022)

Das unfreundliche Satzzeichen

Celina Gunraj und Kolleginnen zeigten 2016, dass kurze bejahende Textnachrichten mit Punkt – etwa «Yeah.» – weniger aufrichtig wirkten als dieselben Antworten ohne Punkt. Bei handschriftlichen Notizen trat der Effekt nicht gleich auf. (Gunraj et al., 2016) Eine 2025 publizierte Replikation und Erweiterung fand den negativen Punkteffekt bei kurzen und mittellangen Nachrichten erneut, nicht aber bei längeren Nachrichten. Die Unterschiede waren klein. (Kemp et al., 2025)

Warum ist das lustig? Weil Forschung mit erheblichem Aufwand zeigt, dass Juristendeutsch schwer verständlich ist, grosse Wörter nicht automatisch klug machen und «Okay.» kälter wirken kann als «Okay».

Was heisst das für den Alltag?

Verständlichkeit ist keine intellektuelle Schwäche, sondern eine Leistungsdimension.

Einwilligungen, Weisungen, Übergaben und Strategiepapiere sollten auf Entscheidung und Handlung hin geschrieben sein.Kurze digitale Nachrichten transportieren mangels Stimme und Mimik überproportional viel Bedeutung durch minimale Zeichen.

Trotzdem sollte niemand eine Beziehungskrise aus einem einzelnen Punkt diagnostizieren. Effektgrössen, Kontext, Alter, Schreibgewohnheit und Beziehung zählen.

Urteil: Offensichtlich wirkende Forschung mit aussergewöhnlich hohem Gebrauchswert.

II. Gruppen und Teams: Schreien, viel reden und gemeinsam Cracker essen

9. Soziales Faulenzen: Warum sechs Menschen nicht sechsmal so laut schreien

Wer und wann? Bibb Latané, Kipling Williams und Stephen Harkins veröffentlichten 1979 die klassische Arbeit Many Hands Make Light the Work.

Was genau? 84 Studierende klatschten und schrien möglichst laut. Sie trugen Augenbinden und Kopfhörer. In realen Gruppen taten mehrere Personen gleichzeitig dasselbe. In sogenannten Pseudogruppen glaubte eine Person, weitere Teilnehmende würden mitschreien, obwohl sie tatsächlich allein war.

Diese Konstruktion war klug: In realen Gruppen können Schallwellen und Timing die Gesamtleistung beeinträchtigen. In Pseudogruppen bleiben solche Koordinationsverluste aus. Sinkt die individuelle Anstrengung trotzdem, spricht das für einen Motivationseffekt.

Ergebnis: Die Leistung pro Person sank mit zunehmender Gruppengrösse. Ein Teil war durch Koordination erklärbar, ein weiterer durch reduzierte individuelle Anstrengung, wenn der eigene Beitrag im Kollektiv weniger identifizierbar erschien. Dies wurde als social loafing bekannt. (Latané, Williams & Harkins, 1979)

Warum ist das lustig? Weil eine seriöse Universität erwachsenen Menschen die Augen verband und sie aufforderte, in Mikrofone zu brüllen – um zu beweisen, dass viele Hände manchmal erstaunlich leichte Arbeit leisten.

Warum ist «Menschen sind in Gruppen faul» eine dumme Verkürzung? Der Effekt hängt von Aufgabe, Identifizierbarkeit, Bedeutung, Gruppengrösse, Erwartungen und wahrgenommener Fairness ab. Auch Koordinationsverluste sind keine Faulheit.

Alltag: Teams reduzieren soziales Faulenzen, wenn:

Beiträge und Verantwortlichkeiten erkennbar sind,

die Aufgabe als bedeutsam erlebt wird,

Rückmeldungen zeitnah erfolgen,

die Gruppe nicht unnötig gross ist,

Rollen zusammenpassen, statt sich nur zu überlappen,

gegenseitige Abhängigkeiten sichtbar werden.

Der zentrale Satz lautet: Eine unklare Teamaufgabe macht aus vielen motivierten Menschen nicht automatisch ein leistungsfähiges Team.

Urteil: Komische Methode, grundlegender Beitrag zur Gruppendynamik.

10. Die Babble-Hypothese: Wer am meisten redet, wird zur Führungskraft

Wer und wann? Neil MacLaren, Francis Yammarino, Shelley Dionne und Kolleginnen und Kollegen testeten 2020 die sogenannte Babble Hypothesis in 33 zunächst führungslosen Kleingruppen.

Was genau? Die Gruppen bearbeiteten komplexe Simulationen. Erfasst wurden objektive Sprechzeit, Intelligenz, Persönlichkeit, Geschlecht, zugewiesene Rolle und die spätere Zuschreibung von Führung.

Ergebnis: Sprechzeit sagte die Entstehung von Führungszuschreibungen auch dann voraus, wenn zahlreiche Alternativerklärungen statistisch berücksichtigt wurden. Wer mehr redete, wurde eher als Führungsperson wahrgenommen. (MacLaren et al., 2020)

Warum ist das lustig? Weil eine hochentwickelte statistische Analyse zu einem Befund führt, den jede Teamsitzung ahnen lässt: Vielreden kann wie Führung aussehen.

Wichtige Einschränkung: Die Studie mass nicht direkt die Qualität jedes gesprochenen Beitrags. Sie beweist daher nicht, dass Inhalt bedeutungslos ist oder dass Vielredende inkompetent seien. Sie zeigt, dass Redezeit eine eigenständige soziale Signalwirkung besitzt.

Nun kommt die schönste Gegenüberstellung.

Viel reden lässt eine Person führen – verteiltes Reden lässt eine Gruppe denken

Anita Woolley, Christopher Chabris, Alex Pentland, Nada Hashmi und Thomas Malone untersuchten 2010 insgesamt 699 Personen in Gruppen von zwei bis fünf Mitgliedern. Sie fanden Hinweise auf einen allgemeinen Faktor kollektiver Intelligenz, der die Gruppenleistung über verschiedene Aufgaben hinweg beschrieb. Dieser Faktor hing nicht stark mit der durchschnittlichen oder maximalen individuellen Intelligenz zusammen. Er korrelierte dagegen mit sozialer Sensitivität und einer gleichmässigeren Verteilung der Gesprächsbeiträge. Gruppen, in denen wenige Personen dominierten, schnitten schlechter ab. (Woolley et al., 2010)

Der ebenfalls berichtete Zusammenhang mit dem Frauenanteil darf nicht in die Managementformel «mehr Frauen = automatisch klügeres Team» verwandelt werden. In den Daten war er mit der im Mittel höheren sozialen Sensitivität verbunden; daraus folgt weder eine biologische Konstante noch eine einfache Quotenkausalität.

Alltag: Hier liegt ein produktives Paradox:

Wer viel spricht, erhöht möglicherweise die Chance, als Führungskraft zu gelten.

Ein Team denkt möglicherweise besser, wenn Gesprächsraum und Aufmerksamkeit breiter verteilt sind.

Gute Sitzungsleitung misst Führungsqualität deshalb nicht in Sendeminuten. Sie:

holt Perspektiven vor der offenen Debatte schriftlich oder reihum ein,

trennt Ideengenerierung von Bewertung,

schützt Widerspruch,

unterbricht Monopole freundlich,

fragt gezielt nach stiller Expertise,

prüft am Ende, ob ein gemeinsames mentales Modell entstanden ist.

Urteil: Die Babble-Hypothese ist keine Anleitung zum Vielreden, sondern eine Warnung vor der Verwechslung von Präsenz und Kompetenz.

11. Nachsprechen für Trinkgeld: Die Kellnerin als Kommunikationslabor

Wer und wann? Rick van Baaren, Rob Holland, Kerry Steenaert und Ad van Knippenberg veröffentlichten 2003 Mimicry for Money.

Was genau? Eine Kellnerin wiederholte in einer Bedingung die Bestellung ihrer Gäste wörtlich. In den Vergleichsbedingungen bestätigte sie die Bestellung, ohne sie exakt zu spiegeln.

Ergebnis: Wenn die Kellnerin die Bestellung wörtlich wiederholte, erhielt sie grössere Trinkgelder. Die Forschenden interpretierten dies als prosoziale Folge sprachlicher Imitation. (van Baaren et al., 2003)

Warum ist das lustig? Weil der Weg zu mehr Trinkgeld offenbar durch eine Kommunikationsmethode führt, die in sicherheitskritischen Berufen als Read-back bekannt ist.

Alltag: Sprachliches Spiegeln kann Aufmerksamkeit und soziale Nähe signalisieren. Im Service bestätigt es zusätzlich, dass die Bestellung korrekt angekommen ist. In Beratung, Medizin und Führung kann eine sinngemässe Rückmeldung ähnlich wirken:

> «Wenn ich Sie richtig verstehe, geht es Ihnen weniger um die zusätzliche Aufgabe als um die fehlende Priorisierung.»

Doch Spiegeln ist kein Zauberspruch. Mechanische Wiederholung kann künstlich oder manipulativ wirken. Entscheidend ist echte Aufmerksamkeit.

Urteil: Praktisch brauchbar, aber kein Grund, jedes Gegenüber zum menschlichen Echo zu machen.

12. Gemeinsame Teller, synchrones Gehen und die dunkle Seite der Harmonie

Shared Plates

Kaitlin Woolley und Ayelet Fishbach untersuchten 2019 über mehrere Studien hinweg 1476 Personen. Wer von gemeinsamen Tellern ass, kooperierte anschliessend stärker in sozialen Dilemmata und Verhandlungen als Personen mit getrennten Tellern. Die Autorinnen vermuteten, dass bereits das gemeinsame Essen Mikrokoordination verlangt: beobachten, warten, weiterreichen und den Zugriff mit anderen abstimmen. (Woolley & Fishbach, 2019)

Synchrony

Scott Wiltermuth und Chip Heath liessen Personen 2009 gemeinsam gehen, singen oder Bewegungen synchron beziehungsweise asynchron ausführen. In drei Experimenten förderte Synchronität anschliessende Kooperation, selbst wenn diese persönlichen Verzicht verlangte. Positive Stimmung war dafür nicht zwingend erforderlich; soziale Verbundenheit war die plausiblere Erklärung. (Wiltermuth & Heath, 2009)

Warum ist das lustig? Weil Teamleistung offenbar durch etwas beeinflusst werden kann, das nach Pfadfinderlager klingt: gemeinsam essen, marschieren und singen.

Warum ist es relevant? Kooperation entsteht nicht nur aus Verträgen und Organigrammen. Kleine koordinierte Handlungen können Zugehörigkeit verkörpern. Gemeinsame Briefings, ein bewusstes Morgenritual, gemeinsames Lernen oder eine geteilte Pause können soziale Anschlussfähigkeit schaffen.

Aber: Synchronität ist nicht automatisch gut. Wiltermuth zeigte 2012 auch, dass synchrones Handeln die Nähe zu einer Führungsperson und die Bereitschaft zu problematischem Gehorsam erhöhen kann. (Wiltermuth, 2012) Kohäsion kann Kooperation fördern – oder Kritik dämpfen.

Alltag: Ein gemeinsamer Teller löst keinen Teamkonflikt. Ein Huddle ersetzt keine faire Personalplanung. Ein Ritual schafft noch keine psychologische Sicherheit. Rituale sind Verstärker: Sie können Verbindung unterstützen, aber auch Konformität.

Urteil: Kleine soziale Choreografien sind wirksam genug, um ernst genommen zu werden – und zu schwach, um schlechte Strukturen zu reparieren.

13. Der Peter-Prinzip-Simulator: Vielleicht sollten wir zufällig befördern

Wer und wann? Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Garofalo veröffentlichten 2010 eine agentenbasierte Computersimulation zum Peter-Prinzip. Sie erhielten dafür den Ig-Nobelpreis für Management.

Was genau? Das Modell enthielt eine pyramidenförmige Organisation mit 160 Stellen auf sechs Hierarchiestufen. Die Forschenden verglichen Beförderungsstrategien. Zentral war eine Modellannahme des Peter-Prinzips: Die Kompetenz auf der neuen Stufe ist nicht zuverlässig aus der Kompetenz auf der alten Stufe ableitbar.

Ergebnis: Unter genau dieser Annahme konnte die klassische Beförderung der aktuell Besten die Gesamteffizienz senken. Zufällige Beförderung oder eine Zufallsauswahl aus den Besten und Schlechtesten schnitt im Modell teilweise besser ab. (Pluchino, Rapisarda & Garofalo, 2010)

Warum ist das lustig? Weil Mathematik scheinbar empfiehlt, Führungskräfte auszulosen.

Warum wäre diese Anwendung Unsinn? Eine Simulation ist ein Wenn-dann-Modell, kein Feldversuch. Ihr Ergebnis gilt innerhalb ihrer Regeln. Wird Kompetenz zwischen Ebenen anders übertragen, ändern sich die Resultate. Die Studie beweist nicht, dass Unternehmen per Würfel befördern sollen.

Alltag: Der nützliche Gedanke ist viel nüchterner: Hervorragende Leistung in Rolle A ist kein ausreichender Nachweis für Eignung in Rolle B. Die beste Pflegefachperson, Programmiererin, Lehrperson oder Verkäuferin ist nicht automatisch die beste Führungskraft. Beförderung sollte zukünftige Aufgaben prüfen:

Menschen führen,

Konflikte bearbeiten,

priorisieren,

entscheiden,

kommunizieren,

Systeme gestalten.

Urteil: Als Simulation klug und provozierend; als Personalreglement kompletter Blödsinn.

14. Wie oft lügen Menschen? Fragen wir sie einfach

Wer und wann? Evelyne Debey und Kolleginnen und Kollegen untersuchten 2015 in einer Querschnittsstudie 1005 Personen zwischen sechs und 77 Jahren.

Was genau? Die Personen berichteten, wie oft sie im Alltag lügen. Zusätzlich absolvierten sie eine Reaktionszeitaufgabe, in der wahrheitsgemässe und täuschende Antworten verglichen wurden.

Ergebnis: Im Selbstbericht lag der Durchschnitt bei 1,65 Lügen pro Tag; die berichtete Häufigkeit nahm mit dem Alter ab. Auch die leistungsbasierte Aufgabe deutete auf Altersunterschiede in der Täuschungsfähigkeit. (Debey et al., 2015)

Warum ist das lustig? Weil eine Studie über Lügen einen Teil ihrer Daten dadurch gewinnt, dass sie Menschen bittet, ehrlich über ihre Lügen zu berichten.

Warum ist sie nicht einfach dumm? Die Forschenden verliessen sich nicht nur auf eine Frage, sondern kombinierten Selbstbericht und experimentelle Aufgabe. Dennoch bleibt die paradoxe Schwäche sichtbar: Selbstberichte messen auch Erinnerung, soziale Erwünschtheit und Bereitschaft zur Offenheit.

Alltag: Mitarbeiterbefragungen, Sicherheitsklima-Skalen und Teamchecks sind wichtig, aber sie sind keine Röntgenbilder der Organisation. Wer wissen will, ob psychologische Sicherheit oder Zusammenarbeit tatsächlich besteht, trianguliert:

Was sagen Menschen?

Was tun sie?

Welche Fehler werden gemeldet?

Wer widerspricht wem?

Was geschieht nach einer schlechten Nachricht?

Urteil: Ein lehrreiches Beispiel dafür, dass Messinstrument und Gegenstand miteinander in Konflikt geraten können.

III. Wann Forschung tatsächlich «dumm» wird: Die Replikationsabteilung

Bis hierhin war das Komische meist der Gegenstand. Nun wird es ernster. Einige der populärsten psychologischen Befunde waren nicht deshalb problematisch, weil jemand eine seltsame Versuchsanordnung gewählt hatte. Problematisch war die Kombination aus kleinen Stichproben, grossen Effekten, flexiblen Analysen, selektiver Publikation und massiver medialer Übertreibung.

15. Power Posing: Zwei Minuten stehen, Hormone ändern, Karriere retten?

Der ursprüngliche Hype: Dana Carney, Amy Cuddy und Andy Yap berichteten 2010 bei einer kleinen Stichprobe, expansive «Machtposen» hätten nach wenigen Minuten Testosteron, Cortisol, Risikobereitschaft und subjektives Machtgefühl verändert. (Carney, Cuddy & Yap, 2010) Die Idee wurde zu einer der bekanntesten Selbsthilfeformeln der Sozialpsychologie.

Die Replikation: Eva Ranehill und Kolleginnen testeten die zentralen Behauptungen 2015 mit 200 Personen. Das subjektive Machtgefühl veränderte sich, nicht aber die Hormone oder die untersuchten Verhaltensmasse. (Ranehill et al., 2015)

Modernster Stand: Die Forschung ist nicht mit einem einzigen Wort erledigt. Eine 2024 veröffentlichte Studie fand keine Replikation der ursprünglichen Testosteron- oder Machtgefühlseffekte, aber partielle Befunde bei Cortisol und Risikoverhalten sowie explorative hormonelle Unterschiede in Untergruppen. Die Autorinnen und Autoren bezeichneten diese Ergebnisse selbst als vorläufig. (Barel et al., 2024)

Was wurde verworfen? Vor allem die robuste, kausale und universelle Erzählung: «Nimm zwei Minuten diese Pose ein, verändere deine Hormone und werde erfolgreicher.» Kleinere subjektive Effekte expansiver Körperhaltung sind plausibel und teilweise belegt. Das ursprüngliche Gesamtpaket aus Hormonrevolution und Lebensveränderung ist es nicht.

Alltag: Wer sich vor einem Auftritt bewusst aufrichtet und sich dadurch gesammelt fühlt, darf das tun. Es sollte aber nicht als neuroendokrine Erfolgstechnologie verkauft werden. Vor allem darf individuelles Posing nicht strukturelle Machtprobleme, Diskriminierung oder schlechte Vorbereitung psychologisieren.

Urteil: Nicht die Pose war das Dümmste, sondern die Gewissheit, mit der ein unsicherer Befund zur Weltformel wurde.

16. Kugelschreiberlächeln: Ein Effekt scheitert – und kehrt kleiner zurück

Der Klassiker: Fritz Strack, Leonard Martin und Sabine Stepper liessen Menschen 1988 einen Stift entweder mit den Zähnen oder mit den Lippen halten. Die Zahnposition sollte lächelnde Gesichtsmuskeln aktivieren, ohne dass von «Lächeln» gesprochen wurde. In der Originalstudie wurden Comics in dieser Bedingung lustiger bewertet. (Strack, Martin & Stepper, 1988)

Das Scheitern: 2016 versuchten 17 unabhängige Labore, den Effekt nach einem abgestimmten Protokoll direkt zu replizieren. Der ursprüngliche Unterschied zeigte sich nicht zuverlässig. (Wagenmakers et al., 2016)

Die Weiterentwicklung: Eine grosse, vorregistrierte Multilaborstudie mit 3878 Personen aus 19 Ländern kam 2022 zu einem differenzierten Resultat. Bewusst ausgeführte Gesichtshandlungen und mimisches Nachahmen konnten Glücksgefühle geringfügig verstärken oder auslösen. Für die unauffällige Stift-im-Mund-Methode blieb die Evidenz weniger eindeutig. (Many Smiles Collaboration, 2022)

Was wurde verworfen? Nicht jede Form von Facial Feedback, wohl aber die Sicherheit, dass gerade der berühmte Stifttrick einen robusten, allgemeinen Effekt erzeugt.

Alltag: Wissenschaftlicher Fortschritt sieht selten aus wie «wahr» gegen «falsch». Häufig lautet er: Der ursprüngliche Effekt war zu gross, die Methode zu speziell, der Mechanismus kontextabhängig – ein kleinerer Kern bleibt möglicherweise bestehen.

Urteil: Das Experiment war komisch. Wirklich klug wurde die Geschichte durch Replikation, offenen Streit und präzisere Folgeforschung.

17. Warmer Kaffee macht warme Menschen – leider nicht zuverlässig

Der Klassiker: Lawrence Williams und John Bargh berichteten 2008 in zwei kleinen Experimenten, dass das kurze Halten eines warmen statt kalten Getränks beziehungsweise Wärmekissens zu «wärmeren» Personenurteilen oder grosszügigerem Verhalten führen könne. (Williams & Bargh, 2008)

Warum war das unwiderstehlich? Die Geschichte verbindet körperliche und soziale Wärme so elegant, dass sie sich von selbst erzählt. Genau solche Befunde lieben Medien, Trainings und Lehrbücher.

Das Problem: Drei direkte Replikationen mit insgesamt 861 Personen fanden keinen Hinweis darauf, dass warme therapeutische Kissen prosoziales Verhalten steigerten. (Lynott et al., 2014) Zwei weitere Replikationsversuche berichteten 2019 ebenfalls keine Evidenz für die behauptete zwischenmenschliche Wärme. (Chabris et al., 2019)

Alltag: Eine Kaffeepause kann Beziehungen fördern, weil Menschen Zeit, Aufmerksamkeit und Gespräch teilen – nicht zwingend, weil die Tasse warm ist. Wer Teamentwicklung betreibt, sollte den sozialen Prozess nicht mit der Temperatur des Getränks verwechseln.

Urteil: Eine wunderschöne Geschichte mit schwacher Replikationsbilanz. Schönheit ist kein Gütekriterium.

18. «Wer flucht, ist intelligenter»: Wie Medien aus einer Messung eine Legende machen

Kristin und Timothy Jay untersuchten 2015 die Wortflüssigkeit. Personen sollten in begrenzter Zeit Wörter aus Kategorien nennen – darunter Tiernamen, allgemeine Wörter und Tabuwörter.

Ergebnis: Menschen, die viele Wörter in allgemeinen Aufgaben produzierten, nannten tendenziell auch mehr Tabuwörter. Tabuwortflüssigkeit war also kein Zeichen eines grundsätzlich kleinen Wortschatzes. (Jay & Jay, 2015)

Was daraus häufig wurde: «Menschen, die viel fluchen, sind intelligenter.»

Was tatsächlich gemessen wurde: Die Fähigkeit, in einer Laboraufgabe Tabuwörter abzurufen. Nicht die Häufigkeit aggressiven Fluchens im Alltag. Und nicht allgemeine Intelligenz. Nicht moralische Qualität. Und nicht berufliche Kompetenz.

Alltag: Lesen Sie bei spektakulären Meldungen den Variablennamen. «Tabuwortflüssigkeit korreliert mit allgemeiner Wortflüssigkeit» ist wissenschaftlich etwas völlig anderes als «Fluchen macht klug».

Urteil: Vernünftige Studie, dumme Überschrift.

19. Pseudo-tiefsinniger Unsinn: «Verborgene Bedeutung transformiert unvergleichliche Schönheit»

Wer und wann? Gordon Pennycook und Kolleginnen veröffentlichten 2015 eine Serie von Studien über die Rezeption pseudo-tiefsinnigen Unsinns.

Was genau? Versuchspersonen bewerteten grammatikalisch plausible, aber inhaltlich zufällig zusammengesetzte Sätze mit spirituell klingenden Wörtern. Ein Beispieltyp wäre: «Ganzheitliche Wahrheit transformiert unendliche Quantenabsicht.»

Ergebnis: Manche Personen schrieben solchen Sätzen erstaunlich viel Tiefe zu. Eine höhere Empfänglichkeit korrelierte unter anderem mit geringerer analytischer Reflexion und stärkerem Glauben an paranormale oder verschwörungstheoretische Vorstellungen. Das waren Zusammenhänge, keine Persönlichkeitsdiagnosen und keine Beweise einer einfachen Ursache. (Pennycook et al., 2015)

Eine spätere Arbeit mit 1948 Personen untersuchte zusätzlich wissenschaftlich klingenden Unsinn. Die Empfänglichkeit für pseudo-tiefsinnige und wissenschaftlich dekorierte Aussagen hing deutlich zusammen; höhere Wissenschaftskompetenz schwächte diesen Zusammenhang. (Evans et al., 2020)

Warum ist das lustig? Weil ein Zufallsgenerator in Sekunden Sätze produzieren kann, für die ein Beratungsunternehmen sechs Folien und eine Transformations-Roadmap benötigen würde.

Warum ist es ernst? Fachsprache kann Tiefe anzeigen – oder Tiefe simulieren. Besonders in Führung, Change Management und Technologie werden unklare Behauptungen durch Anglizismen, Diagramme und abstrakte Substantive gegen Nachfragen immunisiert.

Der Alltagstest gegen Bullshit:

1. Was bedeutet der Satz in einfachen Worten?

2. Woran würden wir erkennen, dass er falsch ist?

3. Welche beobachtbare Entscheidung oder Handlung folgt daraus?

Wenn niemand diese Fragen beantworten kann, liegt möglicherweise keine tiefe Strategie vor, sondern Nebel mit Corporate Design.

Urteil: Wissenschaft über Unsinn, die gerade deshalb ausgesprochen sinnvoll ist.

IV. Echter Unsinn: Wenn der Fachartikel selbst zum Witz wird

20. Der vollständig leere Artikel über Schreibblockade

Wer und wann? Dennis Upper veröffentlichte 1974 im Journal of Applied Behavior Analysis den Beitrag The Unsuccessful Self-Treatment of a Case of “Writer’s Block”.

Was genau? Nach Titel und Autorenzeile folgt – nichts. Der Haupttext ist leer. Auf der Seite steht lediglich eine humorvolle Begutachtungsnotiz, die das Manuskript als besonders prägnant lobt. (Upper, 1974)

Warum ist das genial? Form und Inhalt fallen vollkommen zusammen. Der Autor kann wegen Schreibblockade nichts schreiben; die erfolglose Selbstbehandlung produziert exakt den leeren Befund.

Ist das Wissenschaft? Nein, nicht im Sinne einer empirischen Untersuchung. Es ist offen erkennbare Satire in einem seriösen Journal. Niemand soll den leeren Raum für Evidenz halten.

Alltag: Humor kann in der Wissenschaft Erkenntnis verdichten. Der Beitrag sagt mehr über Schreibdruck, Publikationsform und die Komik akademischer Konventionen als manche 30-seitige Abhandlung.

Urteil: Inhaltlich nutzlos, kommunikativ nahezu perfekt.

21. «Get me off your fucking mailing list»: Der Peer-Review-Totalschaden

Wer und wann? David Mazières und Eddie Kohler verfassten 2005 als Protest gegen unerwünschte Konferenzwerbung einen satirischen Text. Praktisch jeder Satz bestand aus der titelgebenden Aufforderung, sie aus dem Verteiler zu entfernen; Diagramme und Gliederung imitierten einen wissenschaftlichen Artikel.

2014 reichte der australische Informatiker Peter Vamplew das Manuskript bei einer mutmasslich räuberischen Zeitschrift ein, nachdem diese ihn wiederholt angeschrieben hatte.

Ergebnis: Der Text wurde nach einem angeblichen Begutachtungsverfahren mit kleineren Änderungen akzeptiert und positiv bewertet. Publiziert wurde er nicht, weil Vamplew die verlangte Gebühr nicht bezahlte. (Darstellung und Dokumente zum Fall)

Warum ist das lustig? Weil ein Text, der dem Journal auf jeder Seite sagt, es solle aufhören, E-Mails zu senden, den Qualitätsfilter passiert.

Warum ist es ernst? Der Fall beweist nicht, dass Peer Review generell wertlos ist. Er demonstriert, dass ein Publikationsetikett und eine Zahlungsaufforderung keine Qualitätsgarantie darstellen. Ein Verfahren, das offensichtlichen Unsinn akzeptiert, erfüllt seine Kontrollfunktion nicht.

Der Unterschied zu Dennis Upper ist wichtig:

● Uppers leerer Artikel wurde als Witz erkannt und als Witz publiziert.

● Der Mailinglisten-Artikel wurde als Unsinn geschrieben, aber scheinbar als Wissenschaft akzeptiert.

Alltag: Auch in Organisationen kann ein Dokument durch Freigabeschlaufen wandern, ohne dass es jemand inhaltlich prüft. Viele Unterschriften beweisen nur, dass viele Personen unterschrieben haben.

Urteil: Kein wissenschaftlicher Befund, aber ein sehr wirksamer Test eines dysfunktionalen Qualitätssystems.

V. Der modernste Nachschlag: Lob macht vorübergehend einzigartiger

22. «Sie sind überdurchschnittlich intelligent» – und schon wächst die Einzigartigkeit

Wer und wann? Marcin Zajenkowski und Gilles Gignac publizierten 2021 eine Studie über Rückmeldungen zu angeblichen IQ-Ergebnissen. 2025 erhielten sie dafür den Ig-Nobelpreis für Psychologie – den jüngsten einschlägigen Preis zum Zeitpunkt dieses Beitrags.

Was genau? Teilnehmende erhielten positive oder negative Rückmeldungen über ihre Intelligenz. Danach wurden unter anderem die Selbsteinschätzung der eigenen Intelligenz und vorübergehende Zustände narzisstischer Bewunderung erfasst.

Ergebnis: Positives Feedback erhöhte die selbst eingeschätzte Intelligenz und insbesondere das momentane Streben nach Einzigartigkeit; negatives Feedback senkte beides. Die Studie behauptet nicht, ein Kompliment verwandle einen Menschen dauerhaft in eine narzisstische Persönlichkeit. Sie untersucht kurzfristige Zustandsveränderungen. (Zajenkowski & Gignac, 2021)

Warum ist das lustig? Weil die Versuchsanordnung dem Alltagsverdacht entspricht, dass Menschen überraschend gern glauben, sie seien intelligenter als der Durchschnitt.

Alltag: Lob wirkt nicht nur auf Leistung, sondern auch auf Selbstbild und soziale Positionierung. Gute Rückmeldung ist deshalb spezifischer als Identitätsstreicheln:

● schwach: «Du bist genial.»

● besser: «Du hast die Risiken früh erkannt, deine Annahmen offengelegt und die anderen Perspektiven integriert.»

So wird Verhalten verstärkt, ohne eine Rangordnung der Genialität zu inszenieren.

Urteil: Witzige Manipulation, nützliche Lektion für Feedbackkultur – solange ein kurzfristiger Zustand nicht zur Charakterdiagnose aufgeblasen wird.

Die Rangliste – mit wissenschaftlichem Warnhinweis

Eine objektive Rangfolge der «dümmsten Studien» wäre selbst ziemlich unwissenschaftlich. Für das Vergnügen sei dennoch eine kuratierte Hitparade erlaubt:

|Nützlichste scheinbare Banalität      
|«Hä?» als universelle Reparatur   
|Eine Silbe erklärt die Infrastruktur gelingender Verständigung|

|Beste Management-Ohrfeige             
|Babble-Hypothese                  
|Viel Redezeit erzeugt Führungsstatus, nicht zwingend Qualität |

|Schönstes Teamexperiment              
|Schreien und Klatschen             |
Gruppendynamik wird buchstäblich hörbar                       |

|Gefährlichste populäre Schlussfolgerung|
Dutch courage                     
|Ein enger Ausspracheeffekt wird leicht zur Trinkempfehlung    |

|Eleganteste gescheiterte Geschichte   
|Warmer Kaffee                     
|Eine wunderbare Metapher ersetzt keine Replikation            |

|Bester Jargon-Entgifter               
|Oppenheimers lange Wörter         
|Wer unnötig kompliziert schreibt, wirkt nicht intelligenter   |

|Brutalster Qualitätscheck             
|Mailinglisten-Artikel             
|Das Journal bemerkte den zehnseitigen Widerspruch nicht       |

|Feuchtester Titel                      |
*A Moist Crevice for Word Aversion*
|Kein weiterer Kommentar nötig                                 |

Was bedeutet das alles für Kommunikation, Führung und Zusammenarbeit?

Die kuriosen Studien ergeben gemeinsam kein Sammelsurium, sondern ein erstaunlich konsistentes Bild.

1. Kommunikation ist Reparatur, nicht Gedankenübertragung

«Hä?» zeigt im Kleinen, was sichere Kommunikation im Grossen braucht: Störungen müssen angezeigt werden dürfen. Rückfragen sind kein Zeichen mangelnder Kompetenz, sondern ein Kontrollmechanismus. Wo Hierarchie Rückfragen bestraft, wird Verständigung zur Hoffnung.

2. Gesprochene Menge und gedankliche Qualität sind verschiedene Variablen

Die Babble-Forschung zeigt, wie leicht Sichtbarkeit mit Führung verwechselt wird. Die Forschung zur kollektiven Intelligenz zeigt gleichzeitig, dass gleichmässiger verteilte Gesprächsbeiträge und soziale Sensitivität Gruppenleistung unterstützen können. Sitzungen sollten deshalb nicht nur Rede ermöglichen, sondern Aufmerksamkeit verteilen.

3. Rituale können koordinieren – oder Denken ersetzen

Gemeinsames Essen, synchrones Handeln, Huddles und Read-backs können Verbindung und Kooperation stärken. Werden sie mechanisch, erzeugen sie bloss die Oberfläche von Zusammenarbeit. Und starke Synchronität kann Konformität sowie Gehorsam fördern. Gute Teams verbinden Kohäsion mit Widerspruchsfähigkeit.

4. Sprache wirkt körperlich und sozial

Flüche beeinflussen Schmerz, Wörter lösen Ekel aus, Satzzeichen verändern in kurzen Nachrichten den sozialen Ton. Das bedeutet nicht, dass jedes Wort dieselbe Wirkung auf alle hat. Es bedeutet, dass Kommunikation immer auch Geschichte, Beziehung, Erregung und Kontext transportiert.

5. Klarheit ist eine Form von Respekt

Oppenheimer und die Legalese-Forschung zeigen: Unnötige Komplexität erschwert Verstehen und kann Glaubwürdigkeit senken. Wer Verantwortung trägt, sollte nicht fragen, ob ein Dokument fachlich klingt, sondern ob die adressierte Person danach richtig entscheiden und handeln kann.

6. Selbstauskunft ist Datenquelle, nicht Wahrheit

Die Lügenstudie ist eine humorvolle Erinnerung an ein allgemeines Messproblem. Aussagen über Teamklima, Fehlerkultur und Führung sollten mit Verhalten, Ergebnissen, Beobachtung und Ereignisdaten kombiniert werden.

7. Eine gute Geschichte ist noch kein robuster Effekt

Power Posing, der Stift im Mund und warmer Kaffee zeigen die Anziehungskraft eleganter Mini-Erklärungen. Je besser ein Befund in einen Vortrag, ein Coachingprodukt oder einen Social-Media-Post passt, desto wichtiger werden Replikation, Effektgrösse und Grenzen.

8. Expertise auf einer Stufe beweist keine Eignung für die nächste

Das Peter-Modell ist keine Lotterieempfehlung. Es ist ein Denkwerkzeug gegen unreflektierte Beförderungslogik. Fachleistung und Führungsleistung können sich überschneiden, sind aber nicht identisch.

Wo ist diese Forschung sinnvoll – und wo wird sie Blödsinn?

|Gesprächsreparatur mit «Hä?»  
|Rückfragen, Read-back, Teach-back, Closed Loop         
|Jede Äusserung gedankenlos wiederholen                         |

|Semantische Sättigung         
Schlagwörter an beobachtbares Verhalten binden         
|Jede Wiederholung für nutzlos erklären                         |

|Fluchen und Schmerz           
|Emotionale Kraft von Sprache verstehen                 
|Beschimpfungen als Gesundheitsintervention verkaufen           |

|Dutch courage                 
Leistungshemmende Angst ernst nehmen                   
|Alkohol als Präsentations- oder Lernhilfe empfehlen            |

|Textnachrichten mit Punkt     
|Ton und Kanalwirkung berücksichtigen                   
|Aus «Okay.» eine Charakterdiagnose ableiten                    |

|Social loafing                
|Rollen, Beiträge und Verantwortlichkeit klären         
|Menschen pauschal als faul etikettieren                        |

|Babble-Hypothese              
|Redeanteile und Führungszuschreibung reflektieren      
|Lautstärke zum Auswahlkriterium machen                         |

|Kollektive Intelligenz        
|Gesprächsraum und soziale Sensitivität fördern         
|Demografische Zusammensetzung als simple Kausalformel behandeln|

|Mimicry                       
|Verständnis ehrlich spiegeln                           
|Menschen mechanisch imitieren, um sie zu manipulieren          |

|Gemeinsame Teller und Synchrony
|Freiwillige Mikro-Rituale und Begegnung gestalten      
|Strukturelle Konflikte mit Teamevents überdecken               |

|Peter-Simulation              
|Zielkompetenzen vor Beförderung prüfen                 
|Stellen auslosen                                               |

|Power Pose                    
|Körperhaltung als subjektives Vorbereitungsritual nutzen
|Hormon- und Karriereversprechen abgeben                        |

|Facial Feedback               
|Kleine, kontextabhängige Körper-Gefühls-Effekte prüfen 
|Den Stifttrick als gesicherte Glückstechnik lehren             |

|Pseudo-tiefsinniger Unsinn    
|Jargon auf Bedeutung und Prüfbarkeit testen            
|Andersdenkende mit dem Etikett «Bullshit» diagnostizieren      |

Was wurde wieder verworfen – und was weiterentwickelt?

Wissenschaft verwirft selten ganze Themenfelder in einem einzigen Akt. Häufig werden starke Behauptungen auf einen kleineren, präziseren Kern zurückgebaut.

Power Posing: Die starke Hormon- und Risikogeschichte gilt nicht als robust. Kleinere subjektive oder kontextspezifische Effekte expansiver Körperhaltung bleiben Gegenstand der Forschung.

Stift-im-Mund: Die berühmte Originalprozedur replizierte in 17 Laboren nicht. Eine spätere Grossstudie stützt kleinere Facial-Feedback-Effekte bei anderen Manipulationen, nicht eindeutig beim Stift.

Physische Wärme: Die einfache Übertragung von warmer Tasse zu zwischenmenschlicher Wärme erhielt in grossen Replikationen keine überzeugende Unterstützung.

«Fluchen bedeutet Intelligenz»: Diese populäre Behauptung war nie das eigentliche Ergebnis. Gemessen wurde Wortflüssigkeit.

Zufällige Beförderung: Sie wurde nie als allgemein gültige Feldintervention bewiesen. Sie ist ein bedingtes Simulationsergebnis.

Alkohol verbessert Sprachen: Gezeigt wurde ein begrenzter Beobachtereffekt bei Aussprache in einer kleinen, spezifischen Situation – keine Verbesserung des Sprachenlernens.

Die wichtigste Weiterentwicklung ist methodisch: Vorregistrierung, grössere Stichproben, Multilaborprojekte, offene Daten, direkte Replikationen und sogenannte adversariale Kooperationen, bei denen Forschende mit unterschiedlichen Erwartungen gemeinsam ein Prüfdesign festlegen. Die Many-Smiles-Studie ist dafür ein gutes Beispiel. Wissenschaft wird nicht schwächer, wenn ein schöner Effekt schrumpft. Sie wird genauer.

Modernster Stand

Zum Zeitpunkt dieses Beitrags sind die 2025 vergebenen Ig-Nobelpreise die jüngsten. Unter den für unser Thema besonders relevanten Arbeiten befinden sich der Preis für die Dutch-Courage-Studie sowie der Psychologiepreis für die Untersuchung von IQ-Rückmeldung und vorübergehendem Narzissmus. Die Gewinnerinnen und Gewinner von 2026 stehen am 10. August 2026 noch nicht fest. Die 36. Verleihung ist für den 3. September 2026 im Kongresshaus Zürich angekündigt – erstmals findet die Hauptzeremonie in der Schweiz statt. (Offizielle Gewinner- und Terminseite)

Das ist passend. Denn die Schweiz liebt sowohl ernsthafte Forschung als auch präzise Pointe – und Zürich wird für einen Abend zum Weltzentrum jener Wissenschaft, die sich erlaubt, komisch auszusehen.

Schluss: Lachen ist kein Gegenargument

Die absurdesten Studien über Kommunikation und Zusammenarbeit lehren uns zwei scheinbar widersprüchliche Dinge.

Erstens: Man sollte ungewöhnliche Fragen nicht vorschnell verspotten. Ein einziges «Hä?» kann mehr über Verständigung verraten als ein hundertseitiges Kommunikationsmodell. Schreiende Studierende machen Koordinationsverluste hörbar. Ratten helfen, Sprachwahrnehmung von Sprachverständnis zu trennen. Ein gemeinsam gegessener Cracker kann eine minimale soziale Koordination sichtbar machen.

Zweitens: Man sollte schöne Ergebnisse nicht vorschnell glauben. Eine warme Tasse erzeugt nicht zuverlässig einen warmen Charakter. Eine Pose verändert nicht verlässlich Hormone und Karriere. Ein Stift zwischen den Zähnen ist kein gesichertes Glücksprogramm. Und ein Fachartikel ist nicht deshalb wahr, weil er wie ein Fachartikel aussieht.

Die beste wissenschaftliche Haltung verbindet deshalb Neugier mit Skepsis:

Lache über die Frage, wenn sie komisch ist.

Prüfe die Methode, bevor du urteilst.

Unterscheide Messung, Interpretation und Schlagzeile.

Suche nach Replikationen.

Übertrage einen Laboreffekt nicht direkt in eine Lebensregel.

Und sei bereit, eine wunderbare Geschichte aufzugeben, wenn die Daten nicht mitlachen.

«Dumme Forschung erkennt man nicht daran, dass sie uns lachen lässt. Man erkennt sie daran, dass sie trotz grosser Worte, kleiner p-Werte und schöner Geschichten keine verlässliche Erkenntnis trägt.»  
— Christoph J. Zingg

Ausgewählte Primärliteratur und weiterführende Quellen

● Barel, E. et al. (2024). The effects of power posing on neuroendocrine levels and risk-taking. BMC Psychology.

● Carney, D. R., Cuddy, A. J. C. & Yap, A. J. (2010). Power posing: Brief nonverbal displays affect neuroendocrine levels and risk tolerance. Psychological Science.

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Anmerkung des Autors

Stand: 10. August 2026. Dieser Beitrag unterscheidet bewusst zwischen Originalbefunden, Replikationen, Interpretationen und populären Übertreibungen. Einzelne Laborstudien sind keine universellen Handlungsanweisungen.

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