
Ein Gedankenimpuls aus der Perspektive der Möbiusschleife des Menschlichen
Von Christoph J. Zingg
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Wenn das Warum verloren geht
In vielen Pflegeteams wird heute unermüdlich über Dienstpläne, Personalmangel, Qualitätsindikatoren, Dokumentation, Prozesse, Audits, Zertifizierungen und Kennzahlen gesprochen.
Alles wichtige Themen.
Doch oft beschleicht mich die Frage:
Sprechen wir vielleicht zu viel über das Was – und zu wenig über das Warum?
In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Teams erlebt, die organisatorisch durchaus funktionierten. Die Prozesse waren beschrieben. Die Zuständigkeiten waren geregelt. Die Qualitätsstandards waren definiert.
Und trotzdem kündigten Mitarbeitende.
Trotzdem entstanden Konflikte.
Trotzdem breiteten sich Frustration, Zynismus und Erschöpfung aus.
Nicht weil die Menschen ihre Arbeit nicht mehr konnten.
Sondern weil sie den Sinn ihrer Arbeit zunehmend aus den Augen verloren hatten.
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Simon Sineks Golden Circle
Der Managementberater und Autor Simon Sinek beschrieb dieses Phänomen bereits 2009 in seinem Buch Start With Why.
Sein Modell des „Golden Circle“ ist einfach:
Was tun wir?
Pflege.
Medikamente richten.
Wunden versorgen.
Dokumentieren.
Angehörige beraten.
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Wie tun wir es?
Mit Fachwissen.
Mit Teamarbeit.
Mit Standards.
Mit Qualitätsmanagement.
Mit professioneller Kommunikation.
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Warum tun wir es?
Hier wird es interessant.
Warum stehen Menschen nachts auf, um fremde Menschen zu pflegen?
Warum bleiben sie trotz hoher Belastung?
Warum investieren sie Herzblut?
Warum tragen sie Verantwortung?
Warum kommen sie nach schwierigen Schichten wieder?
Die Antwort lautet selten:
„Wegen der Dokumentation.“
Die Antwort lautet viel häufiger:
„Weil Menschen mich brauchen.“
„Weil ich Leid lindern möchte.“
„Weil Pflege für mich Sinn macht.“
„Weil ich etwas Wertvolles beitragen möchte.“
Genau dieses Warum steht im Zentrum von Sineks Modell.
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Die Pflege spricht häufig über das Was
In vielen Teamsitzungen höre ich Diskussionen über:
- Dienstpläne
- Krankheitsausfälle
- Kündigungen
- Qualitätsindikatoren
- Prozesse
- Fehler
- Zuständigkeiten
- Dokumentationspflichten
Das sind alles Themen des „Was“.
Sie sind notwendig.
Aber sie inspirieren niemanden.
Niemand wird Pflegefachperson, weil er von Dienstplänen begeistert ist.
Niemand entscheidet sich für Nachtdienste wegen einer Excel-Tabelle.
Niemand bleibt einem Team treu, weil ein Organigramm besonders schön gestaltet wurde.
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Die Möbiusschleife des Menschlichen
Hier berührt der Golden Circle unmittelbar die Gedanken meines Buches „Die Möbiusschleife des Menschlichen“.
In meinem Buch beschreibe ich immer wieder, dass Menschen nicht nur rational handeln.
Sie handeln als soziale Wesen.
Sie suchen:
- Sinn
- Zugehörigkeit
- Anerkennung
- Sicherheit
- Identität
Verliert ein Team seinen Sinn, beginnt eine gefährliche Dynamik.
Die Kommunikation verändert sich.
Die Konflikte nehmen zu.
Die Energie sinkt.
Die Identifikation schwindet.
Die Fluktuation steigt.
Das Team versucht dann oft, die Probleme durch noch mehr Regeln, Prozesse und Kontrolle zu lösen.
Doch genau dadurch verstärkt sich die Spirale häufig.
Die Möbiusschleife dreht sich weiter.
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Das verlorene Warum und das Märkliheft-Prinzip
Viele Kündigungen entstehen nicht spontan.
Sie entstehen über Monate oder Jahre.
Kleine Enttäuschungen sammeln sich.
Nicht ernst genommen werden.
Fehlende Wertschätzung.
Unfaire Behandlung.
Überlastung.
Ignorierte Hinweise.
Jedes Ereignis erzeugt ein weiteres „Märkli“.
Irgendwann ist das Heft voll.
Die Kündigung wirkt dann überraschend.
Tatsächlich begann sie oft lange vorher.
Nicht selten genau in dem Moment, als das persönliche Warum beschädigt wurde.
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Führung beginnt mit Sinn
Die wichtigste Aufgabe von Führung ist deshalb nicht zuerst Kontrolle.
Nicht zuerst Organisation.
Nicht zuerst Administration.
Sondern Sinnvermittlung.
Eine Stationsleitung sollte regelmässig fragen:
- Warum gibt es unser Team?
- Was leisten wir für Menschen?
- Worauf können wir stolz sein?
- Was macht unsere Arbeit wertvoll?
Diese Fragen wirken banal.
In Wirklichkeit sind sie zentral.
Denn Menschen benötigen Orientierung.
Und Orientierung entsteht durch Sinn.
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Was die Forschung zeigt
Die moderne Arbeitspsychologie bestätigt diesen Zusammenhang.
Menschen, die ihre Arbeit als sinnvoll erleben, zeigen häufiger:
- höhere Arbeitszufriedenheit
- stärkere Bindung an den Arbeitgeber
- geringere Burnout-Raten
- mehr Engagement
- bessere Teamidentifikation
Gerade in Gesundheitsberufen spielt der erlebte Sinn eine zentrale Rolle für Motivation und Resilienz.
Das bedeutet nicht, dass Sinn Personalmangel kompensieren kann.
Eine schlechte Organisation bleibt eine schlechte Organisation.
Doch ohne Sinn verliert selbst die beste Organisation langfristig ihre Menschen.
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Was bedeutet das konkret für Pflegeteams?
Vielleicht sollten Teams häufiger gemeinsam reflektieren:
- Warum tun wir das?
- Was macht uns als Team aus?
- Welche Geschichten zeigen unseren Wert?
- Welche Erfolge gehen im Alltag unter?
- Was würden unsere Bewohner oder Patienten über uns erzählen?
Denn Menschen leben nicht von Prozessen allein.
Sie leben von Bedeutung.
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Fazit
Der Golden Circle von Simon Sinek ist weit mehr als ein Managementmodell.
Er erinnert uns an etwas zutiefst Menschliches:
Menschen folgen selten Aufgaben.
Menschen folgen Sinn.
In einer Zeit von Fachkräftemangel, Überlastung und hoher Fluktuation könnte dies eine der wichtigsten Fragen überhaupt sein:
Haben wir in der Pflege nur über das Was gesprochen – und dabei das Warum vergessen?
Vielleicht beginnt die Zukunft unserer Teams genau dort.
Nicht bei neuen Formularen.
Nicht bei neuen Organigrammen.
Sondern bei der Wiederentdeckung dessen, weshalb Menschen ursprünglich in die Pflege gekommen sind.
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Quellen
Simon Sinek – Golden Circle & Start With Why
Simon Sinek – Offizielle Website
TED Talk: How Great Leaders Inspire Action
Start With Why (Buch)
Weiterführende Gedanken
Die Möbiusschleife des Menschlichen – Buchvorstellung
Das Märkliheft-Prinzip – Blogbeitrag
Dieser Beitrag darf gerne in Teamsitzungen, Weiterbildungen und Führungsdiskussionen verwendet und diskutiert werden. Gerade in der Pflege könnte die Frage nach dem „Warum“ wichtiger sein als je zuvor.
Beitrag von Christoph J. Zingg (Autor)
Lesenswert: Das Schweigen der Pagoden von Christoph J. Zingg