Schweizer Studien zur Pflegekrise, psychischen Belastung und zum Verlust von Fachkräften
Die Schweiz weiss es längst: Pflegekräfte gehen nicht, weil sie schwach sind – sie gehen, weil Systeme krank machen

Schweizer Studien zur Pflegekrise, psychischen Belastung und zum Verlust von Fachkräften
von Christoph J. Zingg
Die neue MeND-Studie der WHO Europa hat viele Menschen aufgeschreckt.
Rund ein Drittel der befragten Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte in Europa leidet unter Symptomen von Depressionen oder Angststörungen. Mehr als jede zehnte Person berichtete über Suizidgedanken. Gewalt, Mobbing, sexuelle Belästigung, Schichtarbeit, Überstunden und fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte gehören zu den zentralen Risikofaktoren.
Ich habe darüber bereits geschrieben:
Pflege erneut im Brennpunkt: Wenn die Helfenden Hilfe brauchen
Die WHO-Studie ist wichtig.
Aber sie erzählt nicht nur etwas über Europa.
Sie erzählt auch etwas über die Schweiz.
Denn wenn man genauer hinschaut, zeigt sich: Die Schweiz weiss vieles davon längst.
Es gibt seit Jahren Studien, Berichte und Monitoringinstrumente, die genau jene Zusammenhänge beschreiben, die Pflegende täglich erleben.
Arbeitsstress.
Erschöpfung.
Führungskrisen.
Personalmangel.
Fluktuation.
Kündigungsabsichten.
Arbeitsresignation.
Konflikte im Team.
Konflikte mit Vorgesetzten.
Und die stille Frage vieler Pflegender:
Wie lange kann ich das noch?
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1. SHURP: Die Langzeitpflege unter dem Brennglas
Eine der wichtigsten Schweizer Untersuchungen ist die SHURP-Studie der Universität Basel.
SHURP bedeutet:
Swiss Nursing Homes Human Resources Project
Die Studie untersucht Personal, Arbeitsbedingungen und Pflegequalität in Schweizer Pflegeinstitutionen. Besonders wichtig ist die Erhebung von 2018, die zwischen September 2018 und Oktober 2019 in 118 Pflegeinstitutionen der Deutschschweiz und Romandie durchgeführt wurde.
Quelle:
Schon der Fokus der Studie ist bemerkenswert.
Es geht nicht nur um Pflegequalität.
Es geht auch um Arbeitsumgebungsqualität, Personalergebnisse, Führung, Abteilungsleitungen und Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten.
Mit anderen Worten:
Die Studie fragt nicht nur:
Wie gut ist die Pflege?
Sondern auch:
Unter welchen Bedingungen müssen Menschen diese Pflege leisten?
Das ist entscheidend.
Denn Pflegequalität entsteht nicht im luftleeren Raum.
Sie entsteht in Teams.
Sie entsteht durch Kommunikation.
Sie entsteht durch Führung.
Sie entsteht durch Strukturen.
Sie entsteht durch Dienstpläne, Pausen, Personalbesetzung, Konfliktkultur und Wertschätzung.
Wenn diese Bedingungen dauerhaft schlecht sind, sinkt nicht nur die Zufriedenheit der Mitarbeitenden.
Dann leidet irgendwann auch die Pflegequalität.
SHURP zeigt genau diesen Zusammenhang.
Die Langzeitpflege ist nicht einfach ein Ort, an dem einzelne Menschen belastet sind.
Sie ist ein komplexes System.
Und dieses System kann Menschen stärken.
Oder es kann Menschen erschöpfen.
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2. Obsan: Die Pflegeinitiative braucht Messbarkeit
Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan betreibt heute ein nationales Monitoring zum Pflegepersonal.
Quelle:
https://ind.obsan.admin.ch/pflemo
Das Monitoring wurde im Zusammenhang mit der Umsetzung der Pflegeinitiative aufgebaut. Es soll sichtbar machen, ob sich die Situation des Pflegepersonals tatsächlich verbessert.
Das ist wichtig.
Denn politische Versprechen reichen nicht.
Man muss messen:
Bleiben Pflegefachpersonen im Beruf?
Verbessern sich Arbeitsbedingungen?
Sinkt die Belastung?
Steigt die Arbeitszufriedenheit?
Verbessert sich die Qualität des Arbeitsumfeldes?
Das BAG beschreibt vier Beobachtungsbereiche:
- Stellenwert der Pflege in der Gesundheitsversorgung
- Bildung und kompetenzgerechter Einsatz der Pflegepersonen
- Arbeitsbedingungen der Pflegepersonen
- Zugang zu und Qualität von Pflegeleistungen
Quelle BAG:
https://www.bag.admin.ch/de/nationales-monitoring-pflegepersonal
Das zeigt:
Die Schweiz hat erkannt, dass die Pflegekrise nicht nur eine Ausbildungsfrage ist.
Natürlich brauchen wir mehr Ausbildungsplätze.
Natürlich brauchen wir mehr Nachwuchs.
Aber das reicht nicht.
Wenn Menschen ausgebildet werden und danach den Beruf verlassen, weil sie erschöpft, krank oder desillusioniert sind, dann füllen wir ein Fass ohne Boden.
Dann produzieren wir Nachwuchs für ein System, das ihn wieder verliert.
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3. Obsan-Indikator: Stress und Erschöpfung des Pflegepersonals
Besonders deutlich wird es beim Obsan-Indikator zu Stress und Erschöpfung des Pflegepersonals.
Quelle:
https://ind.obsan.admin.ch/indicator/pflemo/stress-und-erschoepfung-des-pflegepersonals
Dort werden typische Stressfaktoren benannt:
Zeitdruck.
Leistungsdruck.
Arbeitsunterbrechungen.
Multitasking.
Lärm.
Schichtarbeit.
Konflikte im Team.
Konflikte mit Vorgesetzten.
Mangelhafte Arbeitsorganisation.
Lang anhaltender Stress kann laut Obsan zu körperlicher und psychischer Erschöpfung führen. Erschöpfungssymptome gehen mit einem erhöhten Burnout-Risiko einher.
Das ist exakt der Punkt, den viele Pflegende aus dem Alltag kennen.
Es ist nicht der einzelne schwere Dienst, der Menschen zerstört.
Es ist die Dauer.
Es ist die Wiederholung.
Es ist das Gefühl, dass nichts besser wird.
Es ist die Erfahrung, dass man immer wieder einspringt, immer wieder kompensiert, immer wieder Verantwortung übernimmt, während das System daraus lernt:
Es geht ja doch irgendwie.
Und genau so entsteht eine gefährliche Möbiusschleife:
Überlastung führt zu Erschöpfung.
Erschöpfung führt zu Ausfällen.
Ausfälle erhöhen die Belastung der Verbleibenden.
Die Verbleibenden werden ebenfalls erschöpft.
Noch mehr Menschen fallen aus oder kündigen.
Und das System nennt es dann Fachkräftemangel.
Aber in Wahrheit ist es oft auch ein Fachkräfteverlust durch schlechte Bedingungen.
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4. STRAIN: Arbeitsbedingter Stress ist veränderbar
Die STRAIN-Studie der Berner Fachhochschule gehört zu den wichtigsten Schweizer Projekten zum arbeitsbedingten Stress in Gesundheitsberufen.
STRAIN bedeutet:
Work-related Stress among health professionals in Switzerland
Quelle:
https://www.bfh.ch/de/forschung/referenzprojekte/strain
Empfehlungen der STRAIN-Studie:
Die Studie untersuchte Stressoren bei Gesundheitsfachpersonen in der Schweiz. Beteiligt waren unter anderem Akutspitäler, Psychiatrien, Rehabilitationskliniken, Alters- und Pflegeheime sowie Spitex-Organisationen aus der Deutschschweiz, Romandie und italienischsprachigen Schweiz.
Wichtig ist:
STRAIN bleibt nicht bei der Diagnose stehen.
Die Studie fragt auch:
Was kann man tun?
Welche Interventionen reduzieren Stress?
Welche Rolle spielt Führung?
Welche Rolle spielen Organisationen?
Welche Veränderungen müssen auf struktureller Ebene erfolgen?
STRAIN zeigt sehr klar:
Stressreduktion darf nicht nur beim Individuum ansetzen.
Es reicht nicht, Pflegenden Achtsamkeitskurse anzubieten, wenn Dienstpläne chaotisch bleiben.
Es reicht nicht, Resilienztrainings zu empfehlen, wenn Teams chronisch unterbesetzt sind.
Es reicht nicht, Mitarbeitende zu stärken, wenn Führung schwach, konfliktscheu oder überfordert bleibt.
Das Individuum kann nicht dauerhaft kompensieren, was die Organisation nicht lösen will.
Das ist auch eine zentrale Aussage meines Buches:
Die Möbiusschleife des Menschlichen
Menschen beeinflussen Systeme.
Systeme beeinflussen Menschen.
Führung beeinflusst Kommunikation.
Kommunikation beeinflusst Teamkultur.
Teamkultur beeinflusst Gesundheit.
Gesundheit beeinflusst Pflegequalität.
Und Pflegequalität beeinflusst wiederum das Vertrauen in das System.
Es gibt keine einfache lineare Ursache.
Es gibt Schleifen.
Rückkopplungen.
Verstärkungen.
Und manchmal eben auch Abwärtsspiralen.
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5. Gesundheitsförderung Schweiz: Fachkräfte-Erhalt beginnt bei Arbeitsbedingungen
Ein weiterer zentraler Schweizer Bericht stammt von Gesundheitsförderung Schweiz:
Fachkräfte-Erhalt in der Langzeitpflege – Ansätze zur Gestaltung attraktiver Arbeitsbedingungen
Quelle:
Bereits im Editorial wird klar gesagt:
Attraktive Arbeitsbedingungen sind ein wichtiger Einflussfaktor für Zufriedenheit, Motivation und Gesundheit der Mitarbeitenden.
Und noch deutlicher:
Beinahe die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachpersonen steigt aus dem Beruf aus.
Das ist eine erschütternde Aussage.
Nicht, weil sie neu wäre.
Sondern weil sie so lange bekannt ist.
Wenn fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachpersonen den Beruf verlässt, dann haben wir kein kleines Personalproblem.
Dann haben wir ein strukturelles Leck.
Wir bilden Menschen aus.
Wir investieren in sie.
Sie sammeln Erfahrung.
Sie entwickeln Beziehungskompetenz, Fachwissen, Intuition und Verantwortung.
Und dann verlieren wir sie.
Nicht selten an andere Branchen.
Nicht selten durch Krankheit.
Nicht selten durch Erschöpfung.
Nicht selten durch Frühpensionierung.
Nicht selten durch innere Kündigung.
Der Bericht von Gesundheitsförderung Schweiz nennt vier zentrale Handlungsfelder:
- Umgang mit externen Rahmenbedingungen
- Arbeitsorganisation und Entwicklungsmöglichkeiten
- Unternehmenskultur, Führung und soziale Beziehungen
- Ergonomie, Arbeitsplatzgestaltung und Infrastruktur
Besonders wichtig ist der dritte Punkt:
Unternehmenskultur, Führung und soziale Beziehungen.
Hier geht es um Wertschätzung.
Um Kommunikation.
Um Fehlerkultur.
Um Konfliktbearbeitung.
Um gemeinsame Haltungen.
Um den Umgang mit herausfordernden Situationen.
Genau hier entscheidet sich oft, ob Menschen bleiben oder gehen.
Nicht nur der Lohn entscheidet.
Nicht nur der Dienstplan entscheidet.
Nicht nur die Anzahl Stellenprozente entscheidet.
Sondern auch die Frage:
Wie wird mit mir gesprochen?
Werde ich gesehen?
Werde ich ernst genommen?
Darf ich Fehler ansprechen?
Darf ich Überlastung melden?
Wird Mobbing gestoppt?
Wird sexualisierte Sprache toleriert?
Wird Führung übernommen?
Oder wird alles irgendwie weggelächelt, relativiert, ausgesessen und schön geredet?
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Meine Beobachtung aus der Praxis
Ich schreibe das nicht als aussenstehender Beobachter.
Ich schreibe als Pflegefachmann.
Ich habe erlebt, wie Teams kippen.
Nicht plötzlich.
Nicht an einem Tag.
Sondern schleichend.
Zuerst gehen einzelne.
Dann werden Lücken mit Überstunden gefüllt.
Dann springen die Loyalen ein.
Dann werden die Loyalen müde.
Dann entstehen Reibungen.
Dann wird die Sprache rauer.
Dann beginnen Schuldzuweisungen.
Dann wird Führung reaktiv.
Dann verlieren Mitarbeitende Vertrauen.
Dann gehen weitere.
Dann steigt die Belastung erneut.
Dann wird die Stimmung schlechter.
Dann wird aus einem Team eine Ansammlung erschöpfter Einzelner.
Und irgendwann spricht man von Fluktuation.
Aber Fluktuation ist nicht einfach eine Zahl.
Fluktuation ist der Schatten einer Geschichte.
Eine Geschichte von Menschen, die einmal motiviert waren.
Eine Geschichte von Fachpersonen, die bleiben wollten.
Eine Geschichte von Mitarbeitenden, die vielleicht nicht an der Pflege zerbrochen sind, sondern an den Bedingungen, unter denen Pflege stattfinden musste.
Wenn in einer Institution innerhalb von weniger als zwölf Monaten praktisch ein ganzes Team ersetzt wird, dann ist das nicht normal.
Wenn Mitarbeitende vor dem Burnout stehen, dann ist das nicht normal.
Wenn Mobbing, respektlose Kommunikation oder sexualisierte Sprache vorkommen, dann ist das nicht normal.
Wenn Stationsleitungen völlig überfordert wirken, dann ist das nicht nur ein individuelles Führungsproblem.
Dann ist es ein Warnsignal.
Dann spricht das System.
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Die Studien bestätigen die Alltagserfahrung
Was mich an den Schweizer Studien besonders beschäftigt:
Sie bestätigen nicht irgendeine abstrakte Theorie.
Sie bestätigen das, was viele Pflegende längst fühlen.
SHURP zeigt, dass Arbeitsumgebung, Führung und Personalergebnisse zusammengehören.
Obsan zeigt, dass Stress und Erschöpfung zentrale Beobachtungsgrössen der Pflegeinitiative sein müssen.
Der Obsan-Indikator benennt Zeitdruck, Arbeitsunterbrechungen, Konflikte im Team, Konflikte mit Vorgesetzten und mangelhafte Arbeitsorganisation als Stressfaktoren.
STRAIN zeigt, dass arbeitsbedingter Stress nicht einfach ein persönliches Problem ist, sondern organisational bearbeitet werden muss.
Gesundheitsförderung Schweiz zeigt, dass Fachkräfte-Erhalt durch Arbeitsbedingungen, Führung, Kultur, Partizipation und Gesundheitsschutz beeinflusst wird.
Zusammen sagen diese Studien:
Die Pflegekrise ist nicht nur ein Mangel an Menschen.
Sie ist auch ein Mangel an guten Bedingungen.
Sie ist ein Mangel an gesunder Führung.
Sie ist ein Mangel an wirksamer Kommunikation.
Sie ist ein Mangel an ehrlicher Fehlerkultur.
Sie ist ein Mangel an Mut, die tatsächlichen Ursachen zu benennen.
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Warum Resilienz allein nicht reicht
In den letzten Jahren wurde viel über Resilienz gesprochen.
Auch ich finde Resilienz wichtig.
Lies dazu meinen Beitrag unter Die 7 Säulen der Resilienz – Warum manche Menschen an Krisen wachsen
Menschen brauchen innere Stärke.
Teams brauchen Widerstandskraft.
Führungskräfte brauchen psychische Stabilität.
Aber Resilienz darf nicht missbraucht werden.
Resilienz darf nicht bedeuten:
Halte mehr aus.
Beschwere dich weniger.
Funktioniere besser.
Passe dich an ein krank machendes System an.
Resilienz ohne Systemveränderung wird zynisch.
Wenn Menschen unter dauernder Überlastung krank werden, dann reicht es nicht, ihnen Entspannungstechniken anzubieten.
Wenn Mitarbeitende unter schlechter Führung leiden, dann reicht kein Yogakurs.
Wenn Teams durch Mobbing, Angst und Misstrauen geprägt sind, dann reicht kein Obstkorb.
Wenn sexualisierte Sprache toleriert wird, dann reicht kein Leitbild an der Wand.
Dann braucht es Führung.
Dann braucht es Haltung.
Dann braucht es Konsequenz.
Dann braucht es Strukturen.
Dann braucht es Schutz.
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Die Möbiusschleife der Pflegekrise
In meinem Buch Die Möbiusschleife des Menschlichen beschreibe ich, dass menschliches Verhalten selten linear ist.
Ursache und Wirkung liegen oft nicht sauber getrennt nebeneinander.
Sie gehen ineinander über.
Das zeigt sich in der Pflegekrise besonders deutlich.
Schlechte Arbeitsbedingungen führen zu Stress.
Stress verändert Kommunikation.
Veränderte Kommunikation verschlechtert das Teamklima.
Schlechtes Teamklima erhöht Konflikte.
Konflikte erhöhen Erschöpfung.
Erschöpfung führt zu Fehlern, Rückzug oder Kündigung.
Kündigung verschärft den Personalmangel.
Personalmangel verschlechtert die Arbeitsbedingungen.
Und so beginnt die Schleife von vorne.
Das ist die Möbiusschleife der Pflegekrise.
Sie dreht sich nicht, weil Pflegende zu schwach sind.
Sie dreht sich, weil Systeme zu lange von der Stärke der Pflegenden gelebt haben.
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Was politisch daraus folgen müsste
Wenn man die Schweizer Studien ernst nimmt, müsste die Diskussion über Pflege viel konkreter werden.
Es reicht nicht zu sagen:
Wir brauchen mehr Personal.
Wir müssen auch fragen:
Warum bleibt Personal nicht?
Warum kündigen erfahrene Fachpersonen?
Warum werden Menschen krank?
Warum verlieren Teams ihre Stabilität?
Warum sind Führungspersonen so oft selbst überfordert?
Warum werden Konflikte nicht früh bearbeitet?
Warum wird Mobbing zu spät gestoppt?
Warum werden Warnzeichen ignoriert?
Warum wird psychische Belastung individualisiert?
Warum handeln Institutionen oft erst, wenn es schon zu spät ist?
Die Pflegeinitiative war ein wichtiger Schritt.
Aber sie darf nicht auf Ausbildung reduziert werden.
Sie muss auch eine Arbeitsbedingungen-Initiative sein.
Eine Führungskultur-Initiative.
Eine Gesundheits-Initiative.
Eine Teamkultur-Initiative.
Eine Schutz-Initiative.
Denn was nützt es, neue Menschen in den Beruf zu bringen, wenn wir die bestehenden verlieren?
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Was Institutionen konkret prüfen müssten
Jede Pflegeinstitution müsste sich ehrlich fragen:
Wie hoch ist unsere Fluktuation?
Wie viele Mitarbeitende sind erschöpft?
Wie oft fallen Mitarbeitende krankheitsbedingt aus?
Wie viele denken an Kündigung?
Wie oft werden Dienste kurzfristig geändert?
Wie häufig kommt es zu Konflikten?
Wie wird mit Mobbing umgegangen?
Wie wird mit sexualisierter Sprache umgegangen?
Wie sicher fühlen sich Mitarbeitende, Kritik zu äussern?
Wie kompetent sind unsere Führungspersonen im Umgang mit psychischer Belastung?
Wie viel echte Partizipation gibt es?
Wie oft werden Mitarbeitende nur informiert, statt einbezogen?
Wie oft wird über Wertschätzung gesprochen, ohne sie praktisch zu leben?
Solche Fragen sind unbequem.
Aber sie sind notwendig.
Denn ohne ehrliche Diagnose gibt es keine Heilung.
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Fazit: Die Studien liegen auf dem Tisch
Die WHO-MeND-Studie ist ein Weckruf für Europa.
Aber die Schweiz braucht nicht so zu tun, als höre sie diese Warnung zum ersten Mal.
SHURP.
Obsan.
STRAIN.
Gesundheitsförderung Schweiz.
Das nationale Monitoring Pflegepersonal.
All diese Quellen zeigen:
Die Pflegekrise ist messbar. Die Fakten liegen auf dem Tisch.
Die Belastung ist bekannt.
Die Zusammenhänge sind beschrieben.
Die Handlungsfelder liegen auf dem Tisch.
Die eigentliche Frage lautet nicht mehr:
Wissen wir genug?
Die eigentliche Frage lautet:
Warum handeln wir nicht konsequenter?
Pflegende verlassen den Beruf nicht, weil sie keine Verantwortung tragen wollen.
Sie verlassen ihn oft, weil sie zu lange zu viel Verantwortung getragen haben – unter Bedingungen, die selbst verantwortungslos geworden sind.
Pflege ist ein wunderschöner Beruf.
Ein Beruf der Nähe.
Ein Beruf der Würde.
Ein Beruf der Menschlichkeit.
Aber gerade deshalb darf er nicht weiter auf Verschleiss gebaut werden.
Denn am Ende zeigt sich die Qualität eines Gesundheitssystems nicht nur daran, wie es Patientinnen und Patienten behandelt.
Sondern auch daran, wie es mit den Menschen umgeht, die diese Behandlung, Begleitung und Pflege Tag für Tag möglich machen.
Wenn Pflegende krank werden, ist das nicht nur ihr persönliches Schicksal.
Es ist eine Rückmeldung des Systems.
Und wer diese Rückmeldung überhört, wird irgendwann nicht mehr nur Personal verlieren.
Er wird Vertrauen verlieren.
Menschlichkeit.
Erfahrung.
Und die Seele der Pflege.
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Quellen und weiterführende Links
WHO-MeND-Studie und mein Blogbeitrag dazu:
Die Möbiusschleife des Menschlichen:
SHURP 2018 – Schlussbericht, Universität Basel:
Nationales Monitoring Pflegepersonal, Obsan:
https://ind.obsan.admin.ch/pflemo
BAG – Nationales Monitoring Pflegepersonal:
https://www.bag.admin.ch/de/nationales-monitoring-pflegepersonal
Obsan-Indikator Stress und Erschöpfung des Pflegepersonals:
https://ind.obsan.admin.ch/indicator/pflemo/stress-und-erschoepfung-des-pflegepersonals
STRAIN – Work-related stress among health professionals in Switzerland, BFH:
https://www.bfh.ch/de/forschung/referenzprojekte/strain
STRAIN Empfehlungen:
Gesundheitsförderung Schweiz – Fachkräfte-Erhalt in der Langzeitpflege:
Lies bei Interesse auch: Das Schweigen der Pagoden von Christoph J. Zingg (2026)