Pflege erneut im Brennpunkt: Wenn die Helfenden Hilfe brauchen

Warum jede dritte Pflegekraft von Depressionen oder Angst betroffen ist – und was wir dagegen tun können

von Christoph J. Zingg

Wenn die Helfenden Hilfe brauchen

Warum jede dritte Pflegekraft von Depressionen oder Angst betroffen ist – und was wir dagegen tun können

Ein Alarmsignal für das gesamte Gesundheitssystem

Die Zahlen sind erschütternd.

Die bislang grösste europäische Untersuchung zur psychischen Gesundheit von Pflegekräften und Ärztinnen und Ärzten zeigt, dass rund ein Drittel der Beschäftigten unter Symptomen von Depressionen oder Angststörungen leidet. Mehr als jede zehnte Person berichtete zudem über Suizidgedanken. Grundlage der Untersuchung waren über 90’000 Befragungen aus 29 europäischen Ländern. Damit handelt es sich um die grösste Erhebung dieser Art in Europa. (Quelle WHO)

Die Studie trägt den Namen MeND-Studie (Mental Health of Nurses and Doctors) und wurde vom Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO Europa) gemeinsam mit der Europäischen Kommission durchgeführt. Befragt wurden Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte zwischen Oktober 2024 und April 2025. (draco.de⁠)

Die Ergebnisse sind nicht nur statistische Werte.

Sie erzählen die Geschichte eines Systems, das vielerorts am Limit arbeitet.

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie

Die Untersuchung zeigt mehrere wiederkehrende Belastungsfaktoren:

  • Rund ein Drittel leidet unter Symptomen von Depression oder Angst.
  • Mehr als zehn Prozent berichten über Suizidgedanken.
  • Ein Drittel erlebt Mobbing, Drohungen oder Gewalt am Arbeitsplatz.
  • Über zehn Prozent berichten von sexueller Belästigung oder körperlicher Gewalt.
  • Viele arbeiten regelmässig in Nacht- und Schichtdiensten.
  • Überstunden und Personalmangel gehören vielerorts zum Alltag. (bibliomed-pflege.de⁠)

Besonders alarmierend ist ein Befund der WHO:

Gewalt, Mobbing und fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte gehören zu den stärksten Risikofaktoren für psychische Erkrankungen. Beschäftigte mit entsprechenden Erfahrungen zeigen deutlich häufiger Symptome von Depressionen und Angststörungen. (zm-online.de⁠)

Die eigentliche Frage lautet nicht: “Warum werden Menschen krank?”

Die spannendere Frage lautet:

Wie lange können Menschen unter solchen Bedingungen überhaupt gesund bleiben?

Pflegekräfte arbeiten in einem Spannungsfeld aus:

  • Verantwortung für Menschenleben
  • Personalmangel
  • Zeitdruck
  • Schichtarbeit
  • emotionalen Belastungen
  • Dokumentationsaufwand
  • Konflikten mit Angehörigen
  • organisatorischen Veränderungen

Viele dieser Belastungen sind nicht individuell verursacht.

Sie sind strukturell.

Genau hier liegt eine zentrale Erkenntnis der Systemtheorie:

Menschen verhalten sich nicht unabhängig von ihrem Umfeld.

Systeme formen Verhalten.

Wenn ein System dauerhaft Überlastung produziert, werden selbst hoch motivierte und resiliente Mitarbeitende irgendwann erschöpft.

Die Warnzeichen werden oft übersehen

Psychische Erschöpfung beginnt selten plötzlich.

Meist entwickelt sie sich schleichend.

Typische Alarmzeichen sind:

Emotionale Warnzeichen
  • zunehmende Gereiztheit
  • Rückzug
  • Hoffnungslosigkeit
  • innere Leere
  • Verlust von Freude
Körperliche Warnzeichen
  • Schlafstörungen
  • chronische Müdigkeit
  • häufige Infekte
  • Kopfschmerzen
  • Konzentrationsprobleme
Soziale Warnzeichen
  • Zynismus
  • Konflikte im Team
  • Verlust von Empathie
  • Distanzierung von Patienten
Berufliche Warnzeichen
  • steigende Fehlerquote
  • sinkende Motivation
  • häufigere Krankmeldungen
  • Gedanken an Berufswechsel

Viele Teams erleben diese Symptome täglich.

Oft werden sie jedoch als persönliches Problem interpretiert, obwohl sie Ausdruck eines überlasteten Systems sind.

Was die WHO empfiehlt

Die WHO formuliert sieben zentrale Handlungsfelder. (LinkedIn⁠)

1. Null-Toleranz gegenüber Gewalt, Mobbing und sexualisierte, non inklusive Sprache

Gewalt und sexualisierte, diskreminierende Sprache darf niemals als normaler Bestandteil von Pflege betrachtet werden.

2. Planbare Dienstpläne

Menschen benötigen Vorhersehbarkeit.

Dauerhafte Unsicherheit erzeugt Stress.

3. Begrenzung von Überstunden

Überstunden dürfen Ausnahme bleiben und nicht Normalität werden.

4. Reduktion übermässiger Arbeitsbelastung

Personalausstattung und Prozesse müssen realistisch gestaltet werden.

5. Stärkung der Führung

Führungskräfte müssen psychische Belastungen erkennen und ansprechen können.

6. Niederschwellige psychologische Unterstützung

Hilfe sollte selbstverständlich und stigmafrei zugänglich sein.

7. Regelmässige Überprüfung der Arbeitsbedingungen

Nicht erst handeln, wenn Mitarbeitende krank werden.

Frühwarnsysteme sind entscheidend.

Was erfolgreiche Organisationen anders machen

Ein interessantes Beispiel liefert das niederländische Pflegemodell Buurtzorg.

Dort organisieren sich kleine Teams weitgehend selbst:

  • Dienstplanung
  • Einsatzplanung
  • Budgetverantwortung
  • Personalentscheidungen

Die Folge:

  • mehr Autonomie
  • weniger Bürokratie
  • höhere Arbeitszufriedenheit
  • geringere Belastung

Die Erkenntnis dahinter ist einfach:

Menschen bleiben gesünder, wenn sie Einfluss auf ihre Arbeit haben. (LinkedIn⁠)

Die Möbiusschleife des Menschlichen

In meinem Buch „Die Möbiusschleife des Menschlichen“ beschreibe ich immer wieder einen zentralen Gedanken:

Menschen beeinflussen Systeme.

Systeme beeinflussen Menschen.

Führung beeinflusst Kultur.

Kultur beeinflusst Kommunikation.

Kommunikation beeinflusst Zusammenarbeit.

Zusammenarbeit beeinflusst Gesundheit.

Und Gesundheit beeinflusst wiederum die Leistungsfähigkeit des Systems.

Die aktuelle WHO-Studie bestätigt genau diesen Zusammenhang.

Depressionen, Burnout und Erschöpfung sind nicht nur individuelle Probleme.

Sie sind oft Rückmeldungen eines Systems.

Wer psychische Gesundheit fördern will, muss deshalb nicht nur einzelne Mitarbeitende stärken.

Er muss die Bedingungen verändern, unter denen Menschen arbeiten.

Fazit

Die Studie ist ein Weckruf.

Nicht für einzelne Pflegekräfte.

Nicht für einzelne Führungskräfte.

Sondern für das gesamte Gesundheitssystem.

Pflegekräfte sind nicht deshalb erschöpft, weil sie zu wenig belastbar wären.

Sie sind erschöpft, weil viele Systeme über Jahre gelernt haben, von ihrer Belastbarkeit zu leben.

Wer die Pflege stärken will, muss deshalb mehr tun als Resilienzkurse anbieten.

Er muss Strukturen schaffen, in denen Menschen gesund bleiben können.

Denn am Ende gilt:

Die Qualität eines Gesundheitssystems zeigt sich nicht nur daran, wie gut es Patientinnen und Patienten versorgt.

Sondern auch daran, wie es mit den Menschen umgeht, die diese Versorgung täglich ermöglichen.

Wenn jede dritte Pflegekraft depressiv oder ängstlich ist, haben wir kein individuelles Gesundheitsproblem mehr. Wir haben ein Systemproblem.

Christoph J. Zingg

Studie zum Download: MeND-Studie als PDF (133 Seiten

Schweizer Studien zur Pflegekriese, psychischen Belastung und zum Verlust von Fachkräften

Zum weiterlesen: Die Möbiusschleife des Menschlichen von Christoph J. Zingg (2026)