Wenn die Mehrheit die Wirklichkeit verändert

Wenn die Mehrheit die Wirklichkeit verändert - Solomon Asch und die Macht der Konformität (#Gruppendynamik, #Leadership, #Kommunikation)

Solomon Asch und die Macht der Konformität

„Mut beginnt oft nicht dort, wo wir gegen die Mehrheit gewinnen. Mut beginnt dort, wo wir trotz der Mehrheit bei der Wahrheit bleiben.“

– Christoph J. Zingg

Einleitung

Wir alle möchten glauben, unabhängig zu denken.

Wir möchten überzeugt sein, dass wir unsere Entscheidungen aufgrund von Fakten treffen und nicht deshalb, weil andere Menschen dieselbe Meinung vertreten.

Doch wie unabhängig sind wir wirklich?

Würden wir einer Gruppe widersprechen, wenn wir sicher wären, dass sie sich irrt?

Oder würden wir beginnen, an unserer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln?

Mit genau dieser Frage beschäftigte sich der polnisch-amerikanische Sozialpsychologe Solomon Asch.

Seine berühmten Konformitätsexperimente gehören bis heute zu den eindrucksvollsten Demonstrationen menschlichen Sozialverhaltens.

Sie zeigen etwas Erstaunliches:

Menschen geben ihre eigene, offensichtlich richtige Wahrnehmung manchmal auf – nur um nicht von einer Gruppe abzuweichen.

Wer war Solomon Asch?

Solomon Asch wurde 1907 in Warschau geboren.

Als Kind emigrierte er mit seiner Familie in die USA.

Er studierte Psychologie an der Columbia University und wurde später Professor am Swarthmore College sowie an der University of Pennsylvania.

Asch gehörte zur sogenannten Gestaltpsychologie.

Er war überzeugt, dass Menschen soziale Situationen nicht als einzelne Informationen erleben, sondern als sinnvolle Ganzheiten.

Deshalb interessierte ihn weniger das isolierte Individuum.

Er wollte verstehen,

wie Menschen in Beziehungen denken,

wie Gruppen unsere Wahrnehmung verändern

und weshalb wir manchmal gegen unsere eigene Überzeugung handeln.

Die Ausgangsfrage

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigten sich viele Psychologen mit einer zentralen Frage:

Warum passen sich Menschen an?

Asch war mit früheren Experimenten unzufrieden.

Er glaubte,

dass Menschen nicht grundsätzlich willenlos seien.

Er vermutete,

dass Konformität nur unter bestimmten Bedingungen entsteht.

Deshalb entwickelte er ein Experiment,

das denkbar einfach war.

Das berühmte Linienexperiment

Zwischen 1951 und 1956 führte Asch seine bekanntesten Untersuchungen durch.

Eine Versuchsperson sass mit sieben bis acht weiteren Personen in einem Raum.

Was sie nicht wusste:

Alle anderen waren eingeweiht.

Nur eine Person war die eigentliche Versuchsperson.

Auf einer Karte wurde eine Referenzlinie gezeigt.

Daneben erschienen drei Vergleichslinien.

Die Aufgabe war völlig einfach:

Welche Linie ist gleich lang wie die Referenzlinie?

Die richtige Antwort war eindeutig.

Fast jeder Mensch konnte sie problemlos erkennen.

Während der ersten Durchgänge antworteten alle korrekt.

Dann begann das eigentliche Experiment.

Die eingeweihten Personen nannten plötzlich geschlossen eine offensichtlich falsche Antwort.

Nun musste die Versuchsperson entscheiden.

Vertraut sie ihren eigenen Augen?

Oder der Mehrheit?

Das Ergebnis

Das Resultat überraschte selbst Asch.

Etwa 75 % der Versuchspersonen passten sich mindestens einmal der falschen Mehrheitsmeinung an.

Über alle kritischen Durchgänge hinweg schlossen sich rund 37 % der Antworten der offensichtlich falschen Gruppenmeinung an.

Bemerkenswert war,

dass die meisten Teilnehmenden die richtige Antwort durchaus sahen.

Viele wussten,

dass die Gruppe falsch lag.

Trotzdem passten sie sich an.

Warum geschieht das?

Asch zeigte,

dass Konformität unterschiedliche Ursachen haben kann.

Normativer Einfluss

Menschen möchten dazugehören.

Sie möchten nicht auffallen.

Nicht lächerlich wirken.

Nicht ausgegrenzt werden.

Deshalb passen sie sich an,

obwohl sie innerlich anderer Meinung sind.

Sie verändern ihr Verhalten,

nicht unbedingt ihre Überzeugung.

Informationaler Einfluss

Manchmal beginnt man,

an der eigenen Wahrnehmung zu zweifeln.

Wenn sieben Menschen etwas anderes behaupten,

fragt man sich:

“Vielleicht sehe ich es falsch.”

Hier verändert die Gruppe nicht nur das Verhalten.

Sie beeinflusst die Wahrnehmung selbst.

Weitere Experimente

Asch beließ es nicht bei einem einzigen Versuch.

Er veränderte systematisch die Bedingungen.

Die Grösse der Mehrheit

Bereits drei einstimmige Personen genügten,

um den grössten Teil des Konformitätsdrucks zu erzeugen.

Eine grössere Gruppe erhöhte den Effekt kaum noch.

Der Verbündete

Eine einzige Person,

die ebenfalls widersprach,

veränderte das Ergebnis dramatisch.

Die Bereitschaft zur Konformität sank deutlich.

Nicht weil plötzlich alle mutig wurden.

Sondern weil die Versuchsperson merkte:

“Ich bin nicht allein.”

Dieser Befund gehört zu den wichtigsten Erkenntnissen Aschs.

Mut ist ansteckend.

Einstimmigkeit

Sobald auch nur eine Person von der Mehrheitsmeinung abwich,

verlor die Mehrheit einen grossen Teil ihrer Macht.

Nicht die Anzahl entscheidet.

Sondern die Geschlossenheit.

Schwierigkeit der Aufgabe

Je schwieriger die Aufgabe wurde,

desto grösser wurde der Einfluss der Gruppe.

Bei Unsicherheit orientieren sich Menschen stärker an anderen.

Was bedeutet das?

Asch zeigte,

dass sozialer Druck ausserordentlich stark sein kann.

Menschen passen sich häufig nicht an,

weil sie feige sind.

Sondern weil Zugehörigkeit ein menschliches Grundbedürfnis ist.

Evolutionär war Ausgrenzung oft lebensgefährlich.

Unser Gehirn reagiert deshalb bis heute sehr sensibel auf soziale Ablehnung.

Verbindung zu Janis

Irving Janis beschrieb,

wie Gruppen aufhören,

kritisch zu denken.

Asch erklärt,

warum einzelne Menschen innerhalb solcher Gruppen schweigen.

Janis untersucht die Dynamik der Gruppe.

Asch untersucht die Dynamik des Individuums.

Gemeinsam erklären beide,

wie Gruppendenken entstehen kann.

Lies auch: Irving Janis: Einigkeit das Denken ersetzt – Irving Janis

Verbindung zu Milgram

Milgram fragte:

Warum gehorchen Menschen Autoritäten?

Asch fragte:

Warum folgen Menschen der Mehrheit?

Beides sind unterschiedliche Formen sozialen Einflusses.

Autorität erzeugt Gehorsam.

Mehrheit erzeugt Konformität.

Treffen beide zusammen,

entsteht ein besonders starker Anpassungsdruck.

Lies auch: Milgram: Wenn Autorität stärker wird als das eigene Gewissen – Das Milgram-Experiment – warum gute Menschen manchmal das Falsche tun

Bedeutung für Leadership

Führungskräfte unterschätzen häufig,

wie stark ihre Anwesenheit Kommunikation beeinflusst.

Sobald eine Leitung ihre Meinung früh äussert,

beginnen Mitarbeitende,

sich daran zu orientieren.

Nicht unbedingt,

weil sie überzeugt sind.

Sondern weil sie dazugehören möchten.

Deshalb sollten Führungskräfte häufiger fragen:

“Wer sieht das anders?”

“Welche Risiken übersehen wir?”

“Wer würde dieser Entscheidung widersprechen?”

Eine Organisation,

in der niemand widerspricht,

ist selten eine Organisation ohne Probleme.

Sie ist häufig eine Organisation,

in der Konformität stärker geworden ist als Wahrheit.

Bedeutung für die Pflege

In der Pflege begegnen wir Konformität täglich.

Eine erfahrene Kollegin sagt:

“Das machen wir hier immer so.”

Der Stationsarzt beurteilt eine Situation.

Niemand wagt eine Rückfrage.

Ein Medikament erscheint ungewöhnlich dosiert.

Eine junge Pflegefachperson hat Zweifel.

Doch alle anderen scheinen einverstanden zu sein.

Aschs Forschung zeigt,

wie leicht Schweigen entsteht.

Gerade deshalb brauchen moderne Organisationen psychologische Sicherheit,

eine konstruktive Fehlerkultur

und den Mut zum respektvollen Widerspruch.

Patientensicherheit beginnt oft dort,

wo eine einzige Person sagt:

“Ich glaube,

wir sollten das noch einmal überprüfen.”

Kritik an Aschs Experimenten

Auch Aschs Studien wurden kritisch diskutiert.

Die Versuchssituation war künstlich.

Es ging um Linien,

nicht um lebenswichtige Entscheidungen.

Spätere Wiederholungen fanden teilweise geringere Konformitätsraten.

Gesellschaftliche Veränderungen,

Kultur

und Bildung scheinen einen Einfluss zu haben.

Dennoch wurde der grundlegende Effekt in zahlreichen Untersuchungen bestätigt.

Heute gilt Aschs Arbeit als einer der Grundpfeiler der Sozialpsychologie.

Aschs Vermächtnis

Asch wollte nie beweisen,

dass Menschen schwach sind.

Er wollte zeigen,

wie stark soziale Beziehungen unser Denken beeinflussen.

Seine wichtigste Erkenntnis lautet vielleicht:

Unabhängiges Denken ist keine Selbstverständlichkeit.

Es braucht Mut.

Vertrauen.

Eine Kultur,

die Widerspruch zulässt.

Und Führungskräfte,

die andere Meinungen ausdrücklich einladen.

Schlussgedanken

Die Wahrheit wird nicht richtiger,

weil viele Menschen sie vertreten.

Und sie wird nicht falscher,

weil jemand allein mit ihr steht.

Solomon Asch erinnert uns daran,

dass der grösste Druck oft nicht von Gesetzen,

Autoritäten

oder Macht ausgeht.

Sondern von unserem tiefen Wunsch,

dazuzugehören.

Deshalb brauchen starke Teams Menschen,

die den Mut besitzen,

respektvoll anderer Meinung zu sein.

Denn Fortschritt beginnt selten mit Zustimmung.

Er beginnt häufig mit einer einzigen Stimme,

die den Mut hat zu sagen:

“Ich sehe das anders.”

„Die Stärke einer Gruppe zeigt sich nicht daran, wie schnell alle derselben Meinung sind. Sie zeigt sich darin, ob auch die leise Stimme gehört wird, die den Mut hat, der Mehrheit zu widersprechen.“
– Christoph J. Zingg

Literatur (Auswahl)

  • Asch, S. E. (1951). Effects of Group Pressure upon the Modification and Distortion of Judgments. In H. Guetzkow (Hrsg.), Groups, Leadership and Men.
  • Asch, S. E. (1952). Social Psychology.
  • Asch, S. E. (1956). Studies of Independence and Conformity: A Minority of One Against a Unanimous Majority. Psychological Monographs, 70(9).
  • Moscovici, S. (1976). Social Influence and Social Change.
  • Cialdini, R. B. (2009). Influence: Science and Practice.

Autor: Christoph J. Zingg

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