Wie Worte unsere Wirklichkeit prägen

„Diversität beschreibt, dass wir verschieden sind. Multiversität beginnt dort, wo wir aufhören, Unterschiede nur zu zählen – und anfangen, sie zu verstehen, zu akzeptieren und gemeinsam daraus Wirklichkeit zu gestalten.“
– Christoph J. Zingg
Sprache ist weit mehr als ein Mittel zur Verständigung. Sie formt unser Denken, beeinflusst unsere Wahrnehmung und bestimmt, welche Wirklichkeit wir überhaupt erkennen können. Genau deshalb lohnt es sich, bei einem Begriff wie Diversität (Diversity) nicht nur über seine heutige Verwendung nachzudenken, sondern auch über seinen sprachlichen Ursprung.
Denn manchmal zeigt bereits die Geschichte eines Wortes, warum wir heute über seine Bedeutung diskutieren.
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Woher kommt das Wort Diversität?
Der Ursprung liegt im Lateinischen.
Das Verb divertere bedeutet:
- abbiegen
- sich in verschiedene Richtungen wenden
- auseinandergehen
Daraus entstand das Adjektiv diversus, das wörtlich bedeutet:
„In verschiedene Richtungen gewendet.“
Später entwickelte sich daraus das Substantiv diversitas, aus dem unsere heutigen Begriffe entstanden sind:
- Diversität
- Diversity
- divers
Bereits sprachlich steckt also ein faszinierendes Bild darin:
Etwas entwickelt sich auseinander.
Menschen nehmen unterschiedliche Wege.
Perspektiven unterscheiden sich.
Lebensgeschichten verlaufen verschieden.
Diversität beschreibt ursprünglich also nicht Gemeinsamkeit, sondern zunächst einmal Unterschiedlichkeit.
Und genau das macht den Begriff wissenschaftlich bis heute so wertvoll.
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Diversität ist kein Werturteil
Heute wird Diversität häufig emotional oder politisch diskutiert.
Wissenschaftlich ist der Begriff jedoch zunächst völlig neutral.
Diversität beschreibt lediglich, dass Unterschiede vorhanden sind.
Diese Unterschiede können sich auf nahezu alles beziehen:
- Alter
- Geschlecht
- Kultur
- Sprache
- Religion
- Ausbildung
- Berufserfahrung
- Persönlichkeit
- Denkstil
- Fähigkeiten
- Werte
- Lebenserfahrung
Diversität bewertet diese Unterschiede nicht.
Sie sagt weder, dass Unterschiede gut sind, noch dass sie schlecht sind.
Sie stellt lediglich fest:
Menschen sind verschieden.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
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Diversität bedeutet noch keine Zusammenarbeit
Hier beginnt aus meiner Sicht eine interessante Überlegung.
Menschen können äußerst divers sein.
Und trotzdem…
- ständig streiten,
- sich gegenseitig ausgrenzen,
- Vorurteile pflegen,
- nebeneinander statt miteinander leben,
- sich missverstehen,
- Konflikte verstärken.
Diversität allein garantiert also weder Verständnis noch Zusammenarbeit.
Sie beschreibt lediglich den Ausgangszustand.
Die eigentliche Frage lautet:
Was geschieht danach?
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Genau hier setzt der Begriff „Multiversität“ an
Während Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind, versucht Multiversität etwas anderes zu beschreiben.
Nicht den Zustand.
Sondern den Prozess.
Für mich bedeutet Multiversität:
Menschen begegnen sich.
Sie erkennen ihre Unterschiede.
Sie versuchen, diese Unterschiede zu verstehen.
Und sie akzeptieren, dass verschiedene Wirklichkeiten gleichzeitig existieren können.
Sie entwickeln trotz aller Unterschiede Vertrauen, Zusammenarbeit und gemeinsame Lösungen.
Oder einfacher formuliert:
Diversität beschreibt Unterschiede.
Multiversität beschreibt den konstruktiven Umgang mit Unterschieden.
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Warum nicht einfach Diversität?
Diese Frage wird mir gelegentlich gestellt.
Meine Antwort lautet:
Weil ich glaube, dass Diversität allein die entscheidende Frage offenlässt.
Man kann ein sehr diverses Team haben.
Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass dieses Team gut zusammenarbeitet.
Erst wenn aus Verschiedenheit gegenseitiges Verstehen entsteht, verändert sich ein System wirklich.
Ich wollte für genau diesen Übergang einen eigenen Begriff finden.
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Ist Multiversität wegen „Multikulti“ problematisch?
Auch diese Rückmeldung habe ich bereits erhalten.
Manche Menschen verbinden die Vorsilbe „Multi-“ sofort mit Begriffen wie:
- Multikulturalismus
- Multikulti
- gesellschaftspolitischen Debatten
Diese Assoziation ist nachvollziehbar.
Sie ist jedoch keine sprachwissenschaftliche Eigenschaft des Wortes.
„Multi“ stammt vom lateinischen multus und bedeutet schlicht:
viel
mehrfach
zahlreich
Nicht mehr.
Ob jemand daraus politische Assoziationen entwickelt, hängt von seinen persönlichen Erfahrungen und seinem gesellschaftlichen Kontext ab.
Dasselbe geschieht übrigens mit vielen anderen Begriffen.
Worte tragen nicht nur ihre eigentliche Bedeutung.
Sie tragen auch die Erfahrungen der Menschen, die sie hören.
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Sprache lebt von Definitionen
Viele wissenschaftliche Begriffe waren am Anfang ungewohnt.
Psychologische Sicherheit.
Salutogenese.
Resilienz.
Gaslighting.
Framing.
Sie alle mussten zunächst erklärt werden.
Erst durch eine klare Definition entstand ein gemeinsames Verständnis.
Deshalb ist für mich weniger entscheidend, ob jeder den Begriff Multiversität sofort versteht.
Entscheidend ist, dass er klar definiert wird und über verschiedene Texte hinweg dieselbe Bedeutung behält.
Denn Wissenschaft lebt nicht von bekannten Begriffen.
Sie lebt von präzisen Definitionen.
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Warum Sprache so wichtig ist
Die Sprachwissenschaft zeigt seit Jahrzehnten, dass Worte unser Denken beeinflussen.
Forscher wie Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf beschrieben bereits früh, dass Sprache unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit mitprägt.
George Lakoff zeigte später, wie stark Begriffe unsere politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen lenken.
Auch die Kommunikationswissenschaft macht deutlich:
Menschen reagieren selten nur auf Tatsachen.
Sie reagieren auf die Bedeutung, die Worte in ihnen auslösen.
Deshalb lohnt es sich, neue Begriffe sorgfältig zu entwickeln.
Nicht weil alte Begriffe falsch wären.
Sondern weil manchmal eine neue Perspektive ein neues Wort braucht.
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Mein persönliches Verständnis
Für mich beschreibt Diversität den Anfang einer Begegnung.
Menschen sind unterschiedlich.
Sie bringen verschiedene Geschichten, Erfahrungen, Werte, Kulturen, Berufe, Sprachen und Sichtweisen mit.
Multiversität beginnt dort, wo diese Unterschiede nicht als Bedrohung erlebt werden.
Sondern als Möglichkeit.
Nicht Gleichheit verbindet Menschen.
Nicht Gleichmacherei.
Sondern gegenseitiges Verstehen.
Erst wenn Unterschiede nicht mehr trennen, sondern zur gemeinsamen Stärke werden, entsteht das, was ich unter Multiversität verstehe.
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Abschlussgedanke
Diversität beschreibt, dass Menschen verschieden sind.
Multiversität beschreibt, wie Menschen trotz ihrer Verschiedenheit gemeinsam Wirklichkeit gestalten.
Vielleicht braucht unsere Gesellschaft heute nicht weniger Diversität.
Vielleicht braucht sie den nächsten Schritt.
Den Schritt von der Vielfalt zur gemeinsamen Wirklichkeit
„Nicht unsere Unterschiede entscheiden über unsere Zukunft, sondern unsere Fähigkeit, sie zu verstehen. Diversität beschreibt die Vielfalt der Menschen. Multiversität beschreibt ihre gemeinsame Wirklichkeit.“
– Christoph J. Zingg
Beitrag von Christoph J. Zingg
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- Multiversität
- Von der Diversität zur Multiversität
- Diversität oder Multiversität?
- Das Möbius-Denkmodell