{"id":3582,"date":"2026-10-28T08:33:00","date_gmt":"2026-10-28T06:33:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/?p=3582"},"modified":"2026-09-17T15:50:54","modified_gmt":"2026-09-17T13:50:54","slug":"grenzen-tragen-grenzueberschreitungen-stoppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/grenzen-tragen-grenzueberschreitungen-stoppen\/","title":{"rendered":"Grenzen tragen \u2013 Grenz\u00fcberschreitungen stoppen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was zum Pflegeberuf geh\u00f6rt, was niemand aushalten muss und wann Gehen professionell ist<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1122\" height=\"1402\" data-attachment-id=\"3583\" data-permalink=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?fit=1122%2C1402&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1122,1402\" data-comments-opened=\"1\" data-image-title=\"6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e\" data-image-description=\"&lt;p&gt;Grenzen tragen \u2013 Grenz\u00fcberschreitungen stoppen: Was zum Pflegeberuf geh\u00f6rt, was niemand aushalten muss und wann Gehen professionell ist&lt;\/p&gt;\n\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Grenzen tragen \u2013 Grenz\u00fcberschreitungen stoppen: Was zum Pflegeberuf geh\u00f6rt, was niemand aushalten muss und wann Gehen professionell ist&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?fit=819%2C1024&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?resize=1122%2C1402&#038;ssl=1\" alt=\"6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e\" class=\"wp-image-3583\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?w=1122&amp;ssl=1 1122w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?resize=240%2C300&amp;ssl=1 240w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?resize=819%2C1024&amp;ssl=1 819w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/6e090f87-94bb-4f5d-85b7-cf418d335e9e.png?resize=768%2C960&amp;ssl=1 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1122px) 100vw, 1122px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ueber-den-autor-christoph-j-zingg\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2795\">Christoph J. Zingg<\/a> (Autor)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Einleitung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDu bist doch in der Pflege. Du musst das aushalten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Satz enth\u00e4lt eine gef\u00e4hrliche Halbwahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ja: Wer pflegt, begegnet Angst, Schmerz, Scham, Verzweifl<strong>G<\/strong>ung, Kontrollverlust und Tod. Menschen reagieren in solchen Situationen nicht immer freundlich, vern\u00fcnftig oder gerecht. Pflegefachpersonen m\u00fcssen starke Gef\u00fchle aufnehmen k\u00f6nnen, ohne jede Aufregung pers\u00f6nlich zu nehmen oder unmittelbar zur\u00fcckzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein: Daraus entsteht keine Pflicht, Beschimpfungen, Dem\u00fctigungen, Drohungen, Diskriminierung, sexuelle Bel\u00e4stigung oder Gewalt hinzunehmen. Der Pflegeberuf verlangt Beziehungsf\u00e4higkeit \u2013 nicht Selbstaufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Unterscheidung lautet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Not muss verstanden werden. Grenz\u00fcberschreitungen m\u00fcssen begrenzt werden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Professionalit\u00e4t ist nicht grenzenloses Aushalten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professionalit\u00e4t bedeutet, auch unter Belastung handlungsf\u00e4hig zu bleiben: die Situation einzusch\u00e4tzen, Gef\u00fchle wahrzunehmen, den Patienten zu sch\u00fctzen, sich selbst zu regulieren und angemessen zu kommunizieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professionalit\u00e4t bedeutet jedoch nicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>keine eigenen Gef\u00fchle zu haben,<\/li>\n\n\n\n<li>jede Beschimpfung still hinzunehmen,<\/li>\n\n\n\n<li>aus Hierarchiegr\u00fcnden zu schweigen,<\/li>\n\n\n\n<li>sich k\u00f6rperlich gef\u00e4hrden zu lassen,<\/li>\n\n\n\n<li>nach einem \u00dcbergriff einfach weiterzuarbeiten,<\/li>\n\n\n\n<li>oder strukturelles Versagen durch pers\u00f6nliche Leidensf\u00e4higkeit auszugleichen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der <a href=\"https:\/\/www.icn.ch\/news\/revised-icn-code-ethics-nurses-reflects-lessons-learned-covid-19-pandemic\">ICN-Ethikkodex f\u00fcr Pflegende<\/a>\u2060 beschreibt nicht nur Pflichten gegen\u00fcber Patientinnen und Patienten. Er betont ebenso, dass Pflegende gesch\u00fctzt, unterst\u00fctzt und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden m\u00fcssen. Die W\u00fcrde der Patientinnen und Patienten und die W\u00fcrde der Pflegenden sind keine Gegens\u00e4tze. Sie bedingen einander.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer st\u00e4ndig gedem\u00fctigt, bedroht oder eingesch\u00fcchtert wird, kann nicht dauerhaft sicher, aufmerksam und empathisch arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Grenz\u00fcberschreitungen sind kein Randproblem<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine internationale Metaanalyse mit Daten aus 65 Studien kam zum Ergebnis, dass rund 62 Prozent der untersuchten Gesundheitsfachpersonen innerhalb eines Jahres irgendeine Form von Gewalt am Arbeitsplatz erlebt hatten. Die Studien waren sehr unterschiedlich und erlauben keine direkte \u00dcbertragung auf jede Schweizer Institution. Sie zeigen aber deutlich: Gewalt und Grenzverletzungen im Gesundheitswesen sind kein seltenes individuelles Problem, sondern ein internationales Arbeitsschutz- und Patientensicherheitsthema. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/31611310\/\">Liu et al., 2019<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders bedeutsam ist, dass nicht erst k\u00f6rperliche Gewalt gef\u00e4hrlich wird. In einer randomisierten Simulationsstudie arbeiteten Teams einer Neonatologie nach abwertenden Bemerkungen schlechter: Diagnostik, Informationsaustausch, Hilfesuche und praktische Durchf\u00fchrung litten. Eine weitere Studie zeigte vergleichbare Auswirkungen, wenn die Unh\u00f6flichkeit von Angeh\u00f6rigen eines Patienten ausging. Respektlosigkeit verletzt deshalb nicht nur Gef\u00fchle. Sie kann die klinische Leistungsf\u00e4higkeit beeintr\u00e4chtigen und damit zur Gefahr f\u00fcr Patientinnen und Patienten werden. <a href=\"https:\/\/publications.aap.org\/pediatrics\/article\/136\/3\/487\/61002\/The-Impact-of-Rudeness-on-Medical-Team-Performance\">Riskin et al., 2015<\/a>\u2060, <a href=\"https:\/\/publications.aap.org\/pediatrics\/article\/139\/2\/e20162305\/60295\/Rudeness-and-Medical-Team-Performance\">Riskin et al., 2017<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Respekt ist somit kein freundlicher Zusatz zur medizinischen Versorgung. Er geh\u00f6rt zu ihrer Sicherheitsarchitektur.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was geh\u00f6rt tats\u00e4chlich zum Pflegeberuf?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum Pflegeberuf geh\u00f6ren anspruchsvolle Begegnungen. Dazu z\u00e4hlen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Menschen, die aus Angst immer wieder dieselben Fragen stellen;<\/li>\n\n\n\n<li>Patientinnen und Patienten, die eine Behandlung ablehnen;<\/li>\n\n\n\n<li>Angeh\u00f6rige, die weinen, verzweifelt sind oder sich beschweren;<\/li>\n\n\n\n<li>Menschen mit Schmerzen, Demenz, Delir, Psychose, Intoxikation oder neurologischen Erkrankungen, deren Verhalten ver\u00e4ndert ist;<\/li>\n\n\n\n<li>Kritik an Abl\u00e4ufen oder an einer pflegerischen Handlung;<\/li>\n\n\n\n<li>Konflikte \u00fcber Ziele, Priorit\u00e4ten und Zust\u00e4ndigkeiten;<\/li>\n\n\n\n<li>unterschiedliche Fachmeinungen innerhalb des Behandlungsteams;<\/li>\n\n\n\n<li>das Aushalten von Unsicherheit, Trauer und manchmal auch ungerechter Entt\u00e4uschung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pflegende m\u00fcssen nicht jede scharfe Formulierung sofort als pers\u00f6nlichen Angriff werten. Sie sollten nachfragen, Zusammenh\u00e4nge pr\u00fcfen, den eigenen Anteil reflektieren und zwischen einer belasteten Person und einem absichtlich verletzenden Verhalten unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist emotionale Arbeit. Sie ist ein wesentlicher Teil des Berufs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber auch emotionale Arbeit hat Grenzen. Sie darf nicht bedeuten, dass die Institution die Gef\u00fchle, \u00c4ngste und Aggressionen aller Beteiligten bei der einzelnen Pflegefachperson \u00ababl\u00e4dt\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die wichtigste Unterscheidung: erkl\u00e4ren ist nicht entschuldigen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Delir kann erkl\u00e4ren, weshalb ein Patient schl\u00e4gt. Eine Demenz kann erkl\u00e4ren, weshalb eine Patientin beleidigt. Angst kann erkl\u00e4ren, weshalb Angeh\u00f6rige laut werden. Stress kann erkl\u00e4ren, weshalb eine \u00c4rztin oder ein Therapeut gereizt reagiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch eine Erkl\u00e4rung hebt die Schutzbed\u00fcrftigkeit der betroffenen Pflegefachperson nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je geringer die Steuerungsf\u00e4higkeit eines Menschen ist, desto weniger sinnvoll sind moralische Vorw\u00fcrfe oder Sanktionen. Umso wichtiger werden klinische Ursachenkl\u00e4rung, Milieugestaltung, Deeskalation, eine angepasste Betreuung und gen\u00fcgend Personal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Konsequenz lautet dann nicht: \u00abDer Patient kann nichts daf\u00fcr, also musst du es aushalten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie lautet: <strong>\u00abDer Patient kann sein Verhalten m\u00f6glicherweise nicht ausreichend steuern. Deshalb muss das System die Situation so organisieren, dass weder er noch andere Menschen zu Schaden kommen.\u00bb<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einer urteilsf\u00e4higen Person, die trotz klarer Grenzsetzung bewusst weiter beleidigt, bedroht oder bedr\u00e4ngt, ist die pers\u00f6nliche Verantwortlichkeit anders zu beurteilen. Die Sicherheitsgrenze bleibt jedoch in beiden F\u00e4llen bestehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein Drei-Zonen-Modell f\u00fcr den Pflegealltag<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die gr\u00fcne Zone: belastend, aber beruflich zu bearbeiten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der gr\u00fcnen Zone befinden sich starke Gef\u00fchle, Kritik, Ungeduld, Tr\u00e4nen, R\u00fcckzug, Misstrauen, wiederholtes Nachfragen oder eine angespannte Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier braucht es Zuh\u00f6ren, Kl\u00e4rung und Co-Regulation:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch sehe, dass Sie sehr beunruhigt sind.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWas ist im Moment Ihre gr\u00f6sste Sorge?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch kann verstehen, dass die Wartezeit belastend ist. Ich erkl\u00e4re Ihnen, was ich im Moment tun kann.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Emotion darf Raum erhalten. Die Pflegefachperson muss sie weder abwehren noch \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die orange Zone: Die Grenze muss ausgesprochen werden<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur orangefarbenen Zone geh\u00f6ren beispielsweise:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>wiederholtes Unterbrechen und Anschreien;<\/li>\n\n\n\n<li>Sarkasmus, Abwertung oder pers\u00f6nliche Schuldzuweisung;<\/li>\n\n\n\n<li>aggressives N\u00e4herkommen;<\/li>\n\n\n\n<li>Druck, fachliche Standards zu missachten;<\/li>\n\n\n\n<li>die Weigerung, notwendige Informationen oder Verordnungen nachvollziehbar festzuhalten;<\/li>\n\n\n\n<li>abwertende Bemerkungen \u00fcber Herkunft, Geschlecht, Alter oder sexuelle Orientierung;<\/li>\n\n\n\n<li>wiederholtes Ignorieren einer bereits ausgesprochenen Grenze.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt gen\u00fcgt empathisches Zuh\u00f6ren allein nicht mehr. Das Verhalten muss konkret benannt werden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch m\u00f6chte Ihr Anliegen verstehen. Ich kann das aber nicht, solange Sie mich anschreien.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWir k\u00f6nnen fachlich unterschiedlicher Meinung sein. Pers\u00f6nliche Abwertungen akzeptiere ich nicht.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abBitte treten Sie einen Schritt zur\u00fcck.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWir unterbrechen dieses Gespr\u00e4ch und f\u00fchren es mit einer zweiten Person weiter.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Grenze ist dabei keine Drohung. Sie beschreibt, unter welchen Bedingungen eine sichere Zusammenarbeit m\u00f6glich bleibt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die rote Zone: stoppen, Abstand schaffen, Hilfe holen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur roten Zone geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>k\u00f6rperliche Angriffe oder unerw\u00fcnschte Ber\u00fchrungen;<\/li>\n\n\n\n<li>konkrete Drohungen;<\/li>\n\n\n\n<li>sexualisierte, rassistische oder homophobe \u00dcbergriffe;<\/li>\n\n\n\n<li>das Werfen von Gegenst\u00e4nden;<\/li>\n\n\n\n<li>das Blockieren des Ausgangs;<\/li>\n\n\n\n<li>Bedrohung mit Waffen;<\/li>\n\n\n\n<li>massive Einsch\u00fcchterung;<\/li>\n\n\n\n<li>gezielte Dem\u00fctigung vor Patientinnen, Patienten oder Mitarbeitenden;<\/li>\n\n\n\n<li>Verhalten, das eine sichere Behandlung akut verhindert;<\/li>\n\n\n\n<li>systematische Verfolgung, Sabotage oder wiederholte pers\u00f6nliche Angriffe.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier geht es nicht mehr zuerst um ein gelungenes Gespr\u00e4ch. Jetzt geht es um Sicherheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pflegefachperson darf Abstand schaffen, den Raum verlassen, Alarm ausl\u00f6sen, Unterst\u00fctzung rufen und eine Weiterf\u00fchrung der Versorgung unter sicheren Bedingungen verlangen. K\u00f6rperliche Zwangsmassnahmen geh\u00f6ren ausschliesslich in die H\u00e4nde daf\u00fcr ausgebildeter Personen und m\u00fcssen den gesetzlichen und betrieblichen Vorgaben entsprechen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Im Umgang mit \u00c4rztinnen und \u00c4rzten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4rztliche und pflegerische Verantwortung \u00fcberschneiden sich, sind aber nicht identisch. Pflege ist kein ausf\u00fchrendes Hilfsorgan der Medizin, sondern ein eigenst\u00e4ndiger Beruf mit eigener Fach- und Sorgfaltspflicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein fachlicher Widerspruch gegen\u00fcber einer \u00c4rztin oder einem Arzt ist daher keine Respektlosigkeit. Er kann eine Berufspflicht sein, wenn die Sicherheit eines Patienten gef\u00e4hrdet erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hilfreich ist die aus TeamSTEPPS stammende CUS-Struktur:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Concerned:<\/strong> \u00abIch bin besorgt, weil \u2026\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Uncomfortable:<\/strong> \u00abIch f\u00fchle mich mit diesem Vorgehen nicht sicher, weil \u2026\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Safety issue:<\/strong> \u00abIch sehe hier ein konkretes Sicherheitsrisiko.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleibt eine sicherheitsrelevante Sorge unbeantwortet, soll gem\u00e4ss der <a href=\"https:\/\/www.ahrq.gov\/teamstepps-program\/curriculum\/mutual\/tools\/rule.html\">Two-Challenge Rule<\/a>\u2060 ein zweites Mal klar widersprochen und danach die n\u00e4chste Hierarchiestufe einbezogen werden. Hierarchie darf Verantwortung ordnen. Sie darf Sicherheitsbedenken nicht zum Schweigen bringen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird eine Pflegefachperson vor einem Patienten angeschrien, sollte sie m\u00f6glichst ruhig und knapp reagieren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abStopp. Diese Auseinandersetzung f\u00fchren wir nicht vor dem Patienten. Jetzt sichern wir gemeinsam die Versorgung und kl\u00e4ren die Differenz anschliessend ausserhalb des Zimmers.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geht das Anschreien weiter und ist der Patient klinisch stabil, kann das Gespr\u00e4ch angek\u00fcndigt unterbrochen werden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abUnter diesen Bedingungen kann ich das Gespr\u00e4ch nicht weiterf\u00fchren. Ich verlasse den Raum jetzt und komme mit der zust\u00e4ndigen Leitung zur\u00fcck.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist der Patient akut instabil, hat seine unmittelbare Versorgung Vorrang. Dann sollte nicht weiter \u00fcber Schuld oder Zust\u00e4ndigkeit diskutiert, sondern Unterst\u00fctzung gerufen, die Arbeit verteilt und die klinische Situation stabilisiert werden. Die Grenzverletzung wird danach bearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unklare oder lediglich m\u00fcndliche Verordnungen m\u00fcssen nach dem geltenden Standard r\u00fcckgelesen, best\u00e4tigt, nachvollziehbar dokumentiert und bei fortbestehender Unsicherheit eskaliert werden. Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber einer Hierarchiestufe darf nicht \u00fcber Patientensicherheit gestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Im Umgang mit Therapeutinnen und Therapeuten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Physiotherapie, Ergotherapie, Logop\u00e4die, Ern\u00e4hrungsberatung, Psychologie und Pflege verfolgen teilweise unterschiedliche Teilziele. Daraus k\u00f6nnen legitime Konflikte entstehen: Mobilisation oder Schonung? Therapiezeit oder pflegerische Dringlichkeit? Selbstst\u00e4ndigkeit f\u00f6rdern oder Sicherheit gew\u00e4hrleisten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Spannungen geh\u00f6ren zum interprofessionellen Alltag. Nicht dazugeh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>T\u00e4tigkeiten ohne R\u00fccksprache zu verschieben und die Folgen anderen zu \u00fcberlassen;<\/li>\n\n\n\n<li>pflegerische Beobachtungen grunds\u00e4tzlich abzuwerten;<\/li>\n\n\n\n<li>vor Patienten um Deutungshoheit zu k\u00e4mpfen;<\/li>\n\n\n\n<li>Verantwortung weiterzureichen;<\/li>\n\n\n\n<li>Kolleginnen und Kollegen pers\u00f6nlich herabzusetzen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Regel sollte lauten: <strong>fachlich deutlich, pers\u00f6nlich respektvoll und m\u00f6glichst nicht vor dem Patienten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die sp\u00e4tere Kl\u00e4rung eignet sich das <a href=\"https:\/\/www.ahrq.gov\/teamstepps-program\/curriculum\/mutual\/tools\/desc.html\">DESC-Modell der AHRQ<\/a>\u2060:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Describe:<\/strong> das konkrete Verhalten beschreiben;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Express:<\/strong> die eigene Sorge oder Wirkung benennen;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Suggest:<\/strong> eine Alternative vorschlagen;<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Consequences:<\/strong> die Folgen f\u00fcr Patient, Team und Zusammenarbeit aufzeigen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abAls du die Mobilisation ohne R\u00fccksprache abgebrochen und vor dem Patienten gesagt hast, die Pflege habe ihn nicht vorbereitet, entstand der Eindruck eines pflegerischen Vers\u00e4umnisses. Ich war dar\u00fcber irritiert, weil die medizinische Situation vorher ver\u00e4ndert war. K\u00fcnftig w\u00fcnsche ich mir, dass wir solche \u00c4nderungen zuerst direkt kl\u00e4ren. So vermeiden wir Verunsicherung beim Patienten und k\u00f6nnen gemeinsam planen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Im Umgang mit Angeh\u00f6rigen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angeh\u00f6rige stehen oft unter grossem Druck. Sie haben Angst, f\u00fchlen sich machtlos, tragen Schuldgef\u00fchle oder erleben das Gesundheitssystem als un\u00fcbersichtlich. Deshalb ist es professionell, nicht jede Emotionalit\u00e4t als Angriff zu werten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hilfreich sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Sorge hinter dem Vorwurf zu erfragen;<\/li>\n\n\n\n<li>eine feste Ansprechperson zu benennen;<\/li>\n\n\n\n<li>realistische Zeitfenster f\u00fcr Gespr\u00e4che zu vereinbaren;<\/li>\n\n\n\n<li>Zust\u00e4ndigkeiten transparent zu machen;<\/li>\n\n\n\n<li>Aussagen im Team abzustimmen;<\/li>\n\n\n\n<li>Erwartungen und Grenzen fr\u00fch zu erkl\u00e4ren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Angst verleiht kein Recht auf \u00dcbergriffe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine klare Formulierung kann lauten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch h\u00f6re, dass Sie sehr w\u00fctend sind, und ich m\u00f6chte verstehen, was Sie beunruhigt. Beschimpfungen akzeptiere ich jedoch nicht. Wenn wir ruhig weiterreden k\u00f6nnen, bleibe ich gern im Gespr\u00e4ch. Andernfalls unterbrechen wir und f\u00fchren es sp\u00e4ter mit der Leitung weiter.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei wiederholten \u00dcbergriffen k\u00f6nnen Gespr\u00e4che nur noch in Anwesenheit einer zweiten Person gef\u00fchrt, Besuchsregelungen angepasst oder der Sicherheitsdienst beigezogen werden. Schweigepflicht und Wille der Patientin oder des Patienten bleiben auch gegen\u00fcber sehr fordernden Angeh\u00f6rigen verbindlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pflegefachperson ist nicht daf\u00fcr zust\u00e4ndig, unbegrenzt famili\u00e4re Konflikte, Schuldzuweisungen oder jahrelange Beziehungsspannungen aufzufangen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Im Umgang mit Patientinnen und Patienten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei aggressivem oder auff\u00e4llig ver\u00e4ndertem Verhalten muss zun\u00e4chst gepr\u00fcft werden, ob eine behandelbare Ursache vorliegt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Schmerzen;<\/li>\n\n\n\n<li>Hypoxie;<\/li>\n\n\n\n<li>Delir;<\/li>\n\n\n\n<li>Infektion;<\/li>\n\n\n\n<li>Hypoglyk\u00e4mie;<\/li>\n\n\n\n<li>Harnverhalt;<\/li>\n\n\n\n<li>Medikamentennebenwirkungen;<\/li>\n\n\n\n<li>Entzug oder Intoxikation;<\/li>\n\n\n\n<li>Angst, Scham oder Reiz\u00fcberflutung;<\/li>\n\n\n\n<li>Sprach- oder Verst\u00e4ndigungsprobleme.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deeskalation bedeutet, Reize zu reduzieren, Abstand zu halten, nicht gleichzeitig mit mehreren Personen auf den Patienten einzureden, einfache S\u00e4tze zu verwenden, Wahlm\u00f6glichkeiten anzubieten und einen sicheren R\u00fcckzug zu erm\u00f6glichen. Auch die <a href=\"https:\/\/www.nice.org.uk\/guidance\/ng10\/chapter\/recommendations\">NICE-Leitlinie zu Gewalt und Aggression<\/a>\u2060 betont pers\u00f6nliche Distanz, respektvolle Kommunikation und bekannte, individuell wirksame Deeskalationsstrategien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine hilfreiche Grenze verbindet Verst\u00e4ndnis und Konsequenz:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch sehe, dass Sie sehr aufgebracht sind. Ich m\u00f6chte Ihnen helfen. Ich bleibe bei Ihnen, solange Sie mich nicht schlagen oder beschimpfen. Wenn das erneut geschieht, gehe ich auf Abstand und hole Unterst\u00fctzung.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein urteilsf\u00e4higer Patient darf eine Behandlung ablehnen. Er hat aber keinen Anspruch darauf, dass Mitarbeitende daf\u00fcr Sicherheitsvorschriften verletzen oder sich misshandeln lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch bei einem \u00dcbergriff darf die Versorgung nicht aus Rache entzogen werden. Sie muss jedoch neu organisiert werden: mit mehr Personal, einer anderen Umgebung, einem Sicherheitsplan, einer anderen Bezugsperson oder gegebenenfalls dem Sicherheitsdienst. Das Ziel ist nicht Bestrafung, sondern sichere Versorgung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wann darf oder muss eine Pflegefachperson gehen?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gehen ist nicht automatisch Flucht, Arbeitsverweigerung oder Verlassen eines Patienten. Es kann eine fachlich richtige Deeskalationsmassnahme sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Pflegefachperson soll eine Situation verlassen oder sichere Distanz herstellen, wenn:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>eine unmittelbare k\u00f6rperliche Gefahr besteht;<\/li>\n\n\n\n<li>ein Ausgang blockiert wird;<\/li>\n\n\n\n<li>jemand mit einem Gegenstand oder einer Waffe droht;<\/li>\n\n\n\n<li>Ber\u00fchrungen oder Angriffe erfolgen;<\/li>\n\n\n\n<li>die eigene Handlungsf\u00e4higkeit so beeintr\u00e4chtigt ist, dass keine sichere Pflege mehr m\u00f6glich ist;<\/li>\n\n\n\n<li>klare Grenzsetzungen wirkungslos bleiben;<\/li>\n\n\n\n<li>das Verbleiben die Eskalation verst\u00e4rkt;<\/li>\n\n\n\n<li>die Anwesenheit zur aktuellen Versorgung nicht zwingend erforderlich ist.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei gilt, soweit es die Situation erlaubt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nicht wortlos verschwinden, sondern Unterbruch benennen, Versorgung sichern und Unterst\u00fctzung organisieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch unterbreche dieses Gespr\u00e4ch jetzt. Meine Kollegin \u00fcbernimmt kurz, und ich informiere die Leitung.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIch verlasse den Raum und hole Hilfe. Wir kommen zur\u00fcck, sobald die Situation sicher ist.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ist eine Patientin oder ein Patient akut gef\u00e4hrdet, sollte zuerst Hilfe gerufen oder eine \u00dcbergabe organisiert werden. Bei unmittelbarer Gefahr f\u00fcr Leib und Leben darf und muss sich jedoch auch eine Pflegefachperson selbst in Sicherheit bringen. Niemand kann sichere Hilfe leisten, w\u00e4hrend er selbst angegriffen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der entscheidende Unterschied lautet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Eine eskalierende Auseinandersetzung zu verlassen ist nicht dasselbe, wie einen Patienten im Stich zu lassen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die STARK-Leitlinie f\u00fcr den Moment der Grenz\u00fcberschreitung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den hektischen Alltag kann eine einfache Reihenfolge helfen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>S \u2013 Sicherheit pr\u00fcfen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer ist gef\u00e4hrdet? Wo ist der Ausgang? Brauche ich eine zweite Person, Alarm oder Sicherheitsdienst? Ist der Patient akut instabil?<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>T \u2013 Tatsache benennen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht die Person diagnostizieren, sondern das beobachtbare Verhalten beschreiben:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abSie schreien mich an.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abSie stehen mir sehr nahe.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abSie haben mich am Arm festgehalten.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>A \u2013 Anforderung aussprechen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz, konkret und ohne lange Rechtfertigung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abBitte lassen Sie meinen Arm los.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWir sprechen weiter, wenn Sie mich nicht beschimpfen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abDiese Diskussion f\u00fchren wir ausserhalb des Patientenzimmers.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>R \u2013 Reaktion pr\u00fcfen und R\u00fcckzug organisieren<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird die Grenze respektiert, kann das Gespr\u00e4ch weitergehen. Wird sie ignoriert, folgt keine endlose Wiederholung. Dann wird unterbrochen, Unterst\u00fctzung geholt oder eskaliert.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>K \u2013 Kl\u00e4ren, dokumentieren und Konsequenzen sichern<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Ereignis m\u00fcssen Verlauf, Auswirkungen und notwendige Schutzmassnahmen festgehalten werden. Eine Grenze ohne verl\u00e4ssliche Konsequenz wird zur Bitte.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was nach einem Vorfall geschehen muss<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Grenz\u00fcberschreitung endet nicht dadurch, dass der Dienst weitergeht. Notwendig sind je nach Schwere:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>medizinische Versorgung und Dokumentation von Verletzungen;<\/li>\n\n\n\n<li>eine kurze unmittelbare Entlastung der betroffenen Person;<\/li>\n\n\n\n<li>Information der zust\u00e4ndigen Leitung;<\/li>\n\n\n\n<li>objektive Ereignisdokumentation;<\/li>\n\n\n\n<li>betriebliche Gewalt- oder Unfallmeldung;<\/li>\n\n\n\n<li>Anpassung des Pflege- oder Sicherheitsplans;<\/li>\n\n\n\n<li>strukturiertes Debriefing;<\/li>\n\n\n\n<li>psychosoziale Unterst\u00fctzung;<\/li>\n\n\n\n<li>bei Bedarf arbeitsrechtliche oder strafrechtliche Schritte.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dokumentiert werden sollten Zeitpunkt, Ort, beobachtbares Verhalten, m\u00f6glichst genauer Wortlaut, anwesende Personen, Auswirkungen auf die Versorgung, getroffene Massnahmen und Reaktion darauf. Vermutungen \u00fcber Motive geh\u00f6ren nicht in eine sachliche Ereignisdokumentation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein CIRS kann sinnvoll sein, wenn Systemfaktoren oder die Patientensicherheit betroffen sind. Es ersetzt jedoch nicht automatisch eine formelle Gewaltmeldung, Unfallmeldung oder personalrechtliche Beschwerde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Problemen innerhalb des Teams f\u00fchrt der Weg normalerweise zun\u00e4chst \u00fcber die direkte F\u00fchrung, danach \u2013 insbesondere wenn diese selbst beteiligt ist \u2013 \u00fcber die n\u00e4chsth\u00f6here Leitung, Pflegedirektion beziehungsweise \u00e4rztliche oder therapeutische Leitung. Weitere Anlaufstellen k\u00f6nnen Personalabteilung, Arbeitsmedizin, Ombudsstelle, Personalkommission, Berufsverband oder Gewerkschaft sein. Bei Drohungen, T\u00e4tlichkeiten oder sexuellen \u00dcbergriffen kommen abh\u00e4ngig von der Schwere Polizei und <a href=\"https:\/\/www.opferhilfe-schweiz.ch\/de\/\">Opferhilfe Schweiz<\/a>\u2060 hinzu.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nicht jeder Konflikt ist Mobbing \u2013 aber jeder \u00dcbergriff verdient Beachtung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mobbing bezeichnet ein systematisches, wiederholtes Vorgehen \u00fcber l\u00e4ngere Zeit. Ein einzelnes Anschreien ist deshalb nicht automatisch Mobbing. Es kann trotzdem eine ernsthafte Grenz\u00fcberschreitung darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Schweizer <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/de\/mobbing-arbeitsplatz\">SECO<\/a>\u2060 nennt unter anderem Anschreien, Beschimpfen, Informationsentzug, Abwertung, Isolation und Angriffe auf die Gesundheit als problematische Verhaltensweisen. Es betont ausdr\u00fccklich, dass bel\u00e4stigendes Verhalten unabh\u00e4ngig von H\u00e4ufigkeit und Dauer ernst genommen werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/27\/317_321_377\/de#art_328\">Art. 328 des Obligationenrechts<\/a>\u2060 und <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/1966\/57_57_57\/de#art_6\">Art. 6 des Arbeitsgesetzes<\/a>\u2060 tr\u00e4gt der Arbeitgeber Verantwortung f\u00fcr den Schutz von Gesundheit und pers\u00f6nlicher Integrit\u00e4t. Eine Institution darf Gewalt deshalb nicht als unvermeidliches Berufsrisiko an die einzelne Pflegefachperson delegieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Verantwortung der Organisation<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kommunikationstrainings allein gen\u00fcgen nicht. Sie laufen ins Leere, wenn gleichzeitig Personalmangel, unklare Zust\u00e4ndigkeiten, fehlende Unterst\u00fctzung, lange Wartezeiten und eine Kultur des Schweigens bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine sichere Organisation braucht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>gen\u00fcgend qualifiziertes Personal;<\/li>\n\n\n\n<li>klare Regeln zu Gewalt, Diskriminierung und Bel\u00e4stigung;<\/li>\n\n\n\n<li>erreichbare Unterst\u00fctzung in allen Diensten;<\/li>\n\n\n\n<li>funktionierende Alarm- und Meldewege;<\/li>\n\n\n\n<li>verbindliche Reaktionen nach Vorf\u00e4llen;<\/li>\n\n\n\n<li>Schulungen mit praktischen \u00dcbungen;<\/li>\n\n\n\n<li>r\u00e4umliche Sicherheitskonzepte;<\/li>\n\n\n\n<li>Fallbesprechungen und Nachsorge;<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fchrungskr\u00e4fte, die Betroffene ernst nehmen;<\/li>\n\n\n\n<li>eine Just Culture, die Ursachen untersucht, ohne \u00dcbergriffe zu bagatellisieren.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo Mitarbeitende h\u00f6ren, sie m\u00fcssten \u00abrobuster\u00bb werden, obwohl sie unter unsicheren Bedingungen arbeiten, wird eine Systemaufgabe individualisiert. Moralischer Stress entsteht besonders dort, wo Fachpersonen wissen, was richtig w\u00e4re, es aber wegen hierarchischer oder organisatorischer Hindernisse nicht umsetzen k\u00f6nnen. Studien verbinden moralischen Stress mit emotionaler Ersch\u00f6pfung und der Absicht, die Stelle oder den Beruf zu verlassen. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC10369708\/\">Hines et al., 2023<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Verbindung zu meinen bisherigen Themen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Thema ber\u00fchrt mehrere Linien meiner bisherigen Blogs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es verbindet sich mit dem <strong>sozialen Schmerz<\/strong>, weil Dem\u00fctigung, Besch\u00e4mung und Ausschluss nicht \u00abnur Worte\u00bb sind. Sie greifen Zugeh\u00f6rigkeit, Selbstwert und professionelle Identit\u00e4t an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh\u00f6rt zu <strong><a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/stress-unter-der-oberflaeche\/\" data-type=\"post\" data-id=\"3542\">Stress unter der Oberfl\u00e4che<\/a><\/strong>, weil eine scheinbar kleine Bemerkung h\u00e4ufig nicht das ganze Problem darstellt. Sie kann der letzte Tropfen nach vielen Unterbrechungen, Verantwortungsdiffusionen und nicht bearbeiteten Grenzverletzungen sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es f\u00fchrt zu <strong>Organizational Silence<\/strong>, wenn Mitarbeitende schweigen, weil \u00dcbergriffe als normal gelten oder Meldungen keine sichtbaren Folgen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es kn\u00fcpft an <strong><a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/tag\/applaus-ersetzt-keine-fachperson-bis-vor-kurzem-hielt-ich-heldin-fuer-uebertrieben\/\" data-type=\"post_tag\" data-id=\"820\">Heldin<\/a><\/strong> an: Wenn gute Pflege nur noch gelingt, weil einzelne Mitarbeitende \u00dcberlastung, Dem\u00fctigung und Gefahr heldenhaft schlucken, ist nicht ihre Belastbarkeit bewundernswert, sondern die Sicherheit des Systems infrage gestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es erg\u00e4nzt <strong>Beruhigen \u2013 Aufregung<\/strong>: Selbstregulation und Deeskalation sind wichtige Kompetenzen. Aber Beruhigung darf nicht bedeuten, einen \u00dcbergriff so lange herunterzuregeln, bis er unsichtbar geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Schlussgedanke<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pflege verlangt viel. Sie verlangt N\u00e4he, Geduld, Selbstkontrolle, Fachlichkeit und die Bereitschaft, Menschen auch in ihren schwierigsten Momenten nicht aufzugeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Pflege verlangt nicht, sich anschreien, dem\u00fctigen, bedrohen oder verletzen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die professionelle Grenze verl\u00e4uft nicht erst dort, wo jemand k\u00f6rperlich zusammenbricht. Sie ist erreicht, wenn W\u00fcrde, Sicherheit oder fachlich verantwortbare Versorgung ernsthaft beeintr\u00e4chtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal bedeutet Professionalit\u00e4t, zu bleiben und die Aufregung auszuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal bedeutet sie, ruhig und unmissverst\u00e4ndlich Stopp zu sagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und manchmal bedeutet sie, zu gehen, Hilfe zu holen und erst unter sicheren Bedingungen zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Professionalit\u00e4t zeigt sich nicht darin, grenzenlos auszuhalten. Sie zeigt sich darin, Not zu tragen, ohne Gewalt zu normalisieren, klar zu bleiben, ohne hart zu werden \u2013 und rechtzeitig Stopp zu sagen, bevor aus F\u00fcrsorge Selbstaufgabe wird.<\/strong><br>-Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissenschaftliche Grundlagen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die im Beitrag beschriebenen Grenzen beruhen auf Erkenntnissen aus der Gewaltpr\u00e4vention, der Patientensicherheitsforschung, der Arbeitspsychologie, der Pflegeethik und dem schweizerischen Arbeitsschutzrecht.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gewalt und Grenzverletzungen im Gesundheitswesen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Grenz\u00fcberschreitungen gegen\u00fcber Pflegefachpersonen sind kein seltenes individuelles Problem. Eine internationale Metaanalyse von 253 Studien mit insgesamt 331.544 Besch\u00e4ftigten im Gesundheitswesen ergab, dass 61,9 Prozent innerhalb eines Jahres irgendeine Form von Gewalt am Arbeitsplatz erlebt hatten. 42,5 Prozent berichteten nichtk\u00f6rperliche und 24,4 Prozent k\u00f6rperliche Gewalt. Verbale \u00dcbergriffe waren besonders verbreitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Werte unterscheiden sich erheblich nach Land, Arbeitsbereich, Definition und Erhebungsmethode. Sie belegen deshalb keine konkrete H\u00e4ufigkeit f\u00fcr die Schweiz. Sie zeigen jedoch, dass Gewalt im Gesundheitswesen als strukturelles Arbeitsschutz- und Qualit\u00e4tsproblem betrachtet werden muss \u2013 nicht als pers\u00f6nliches Versagen einzelner Betroffener.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Respektlosigkeit ist ein Sicherheitsrisiko<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Respektloses Verhalten ist nicht nur unangenehm. Experimentelle Simulationsstudien von Riskin und Kollegen zeigten, dass abwertende oder unh\u00f6fliche \u00c4usserungen die diagnostische und therapeutische Leistung medizinischer Teams beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen. Auch Informationsaustausch, Zusammenarbeit und die Bereitschaft, Unterst\u00fctzung anzufordern, verschlechterten sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da es sich um Simulationen \u2013 unter anderem mit neonatologischen Teams \u2013 handelt, d\u00fcrfen die Ergebnisse nicht unkritisch auf jede Pflegesituation \u00fcbertragen werden. Die Studien liefern jedoch einen plausiblen kausalen Hinweis: Zwischenmenschliches Verhalten beeinflusst Aufmerksamkeit, Kommunikation und damit potenziell die Patientensicherheit.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Hierarchie und \u201eSpeaking up\u201c<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ansprechen von Risiken wird in der Patientensicherheitsforschung als \u201eSpeaking up\u201c bezeichnet. Eine Literatur\u00fcbersicht von Okuyama, Wagner und Bijnen zeigt, dass hierarchische Unterschiede, Angst vor negativen Konsequenzen, fehlende Unterst\u00fctzung und eine ung\u00fcnstige Sicherheitskultur Besch\u00e4ftigte davon abhalten k\u00f6nnen, Bedenken offen zu \u00e4ussern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Professionelles Grenzensetzen ist deshalb nicht als mangelnde Belastbarkeit zu verstehen. Wer auf eine unsichere Anordnung, eine drohende Eskalation oder respektloses Verhalten hinweist, kann damit zugleich die eigene Integrit\u00e4t und die Sicherheit der Patientinnen und Patienten sch\u00fctzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kommunikationshilfen wie <strong>CUS<\/strong>, die <strong>Two-Challenge Rule<\/strong> und das <strong>DESC-Skript<\/strong> aus TeamSTEPPS \u00fcbersetzen dieses Prinzip in kurze Handlungsformen. Sie erm\u00f6glichen, Bedenken klar zu formulieren, eine nicht beantwortete Sicherheitswarnung zu wiederholen und Konflikte sachbezogen anzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Deeskalation und Gewaltpr\u00e4vention<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leitlinien zur Gewaltpr\u00e4vention empfehlen, Eskalationszeichen fr\u00fch wahrzunehmen, Distanz und Fluchtwege zu sichern, ruhig und eindeutig zu kommunizieren und rechtzeitig Unterst\u00fctzung anzufordern. Deeskalation bedeutet jedoch nicht, dass eine einzelne Pflegefachperson jede Situation allein beherrschen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Rahmenempfehlungen von WHO, ILO, ICN und PSI behandeln Gewalt ausdr\u00fccklich als Organisations- und Arbeitsschutzthema. Pr\u00e4vention umfasst unter anderem Risikobeurteilungen, ausreichende personelle und technische Schutzmassnahmen, Schulungen, klare Meldewege, Nachsorge und die systematische Auswertung von Ereignissen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Moralische Belastung und organisationale Verantwortung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pflegefachpersonen erleben moralischen Stress, wenn sie erkennen, was fachlich oder ethisch geboten w\u00e4re, aufgrund \u00e4usserer Bedingungen aber nicht entsprechend handeln k\u00f6nnen. In einer L\u00e4ngsschnittstudie w\u00e4hrend der COVID-19-Pandemie sagte moralischer Stress sp\u00e4tere emotionale Ersch\u00f6pfung und Depersonalisation voraus und war mit \u00dcberlegungen verbunden, die Arbeitsstelle zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie stammt aus einer besonderen Krisensituation und einer einzelnen Organisation. Sie beweist daher nicht, dass jede Grenzverletzung unmittelbar zu Burnout oder K\u00fcndigung f\u00fchrt. Sie verdeutlicht aber, weshalb wiederkehrende Ohnmacht, fehlende Unterst\u00fctzung und chronisch unsichere Arbeitsbedingungen nicht allein durch pers\u00f6nliche Resilienz bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ethische und rechtliche Grundlagen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der ICN-Ethikkodex verpflichtet Pflegefachpersonen zur Achtung von Menschenw\u00fcrde, Menschenrechten, Sicherheit und professioneller Verantwortung. Diese Verpflichtung gilt auch gegen\u00fcber der eigenen Person und gegen\u00fcber Kolleginnen und Kollegen. F\u00fcrsorge verlangt keine grenzenlose Selbstaufgabe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Schweiz verpflichtet <strong>Art. 328 OR<\/strong> den Arbeitgeber, die Pers\u00f6nlichkeit der Arbeitnehmenden zu achten und zu sch\u00fctzen. <strong>Art. 6 ArG<\/strong> verlangt Massnahmen zum Schutz der Gesundheit und der pers\u00f6nlichen Integrit\u00e4t. Das SECO weist darauf hin, dass Bel\u00e4stigungen und andere Verletzungen der pers\u00f6nlichen Integrit\u00e4t ernst genommen und durch geeignete betriebliche Massnahmen verhindert werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jedes unh\u00f6fliche Verhalten erf\u00fcllt den Begriff des Mobbings. Mobbing setzt typischerweise wiederholte und systematische Handlungen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum voraus. Auch ein einzelner Vorfall kann jedoch schwerwiegend, meldepflichtig oder strafrechtlich relevant sein \u2013 beispielsweise eine konkrete Drohung, ein t\u00e4tlicher Angriff oder eine sexuelle Bel\u00e4stigung.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Einordnung der im Beitrag verwendeten Modelle<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ampelmodell mit gr\u00fcner, oranger und roter Zone sowie das <strong>STARK-Modell<\/strong> sind praxisorientierte Synthesen f\u00fcr diesen Beitrag. Sie sind keine wissenschaftlich validierten Diagnoseinstrumente und ersetzen weder eine klinische Risikoeinsch\u00e4tzung noch betriebliche Notfallkonzepte, rechtliche Beratung oder eine psychiatrische Gef\u00e4hrdungsbeurteilung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Zweck besteht darin, wissenschaftliche und rechtliche Grunds\u00e4tze in eine leicht erinnerbare Struktur f\u00fcr den Pflegealltag zu \u00fcbertragen. Ob eine Situation zumutbar ist, muss immer anhand des konkreten Risikos, der verf\u00fcgbaren Schutzmassnahmen, der Entscheidungsf\u00e4higkeit der beteiligten Person und der betrieblichen Vorgaben beurteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur und weiterf\u00fchrende Quellen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>International Council of Nurses. <em>The ICN Code of Ethics for Nurses<\/em>. Genf: ICN; 2021. <a href=\"https:\/\/www.icn.ch\/resources\/publications-and-reports\/icn-code-ethics-nurses\">ICN-Ethikkodex<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Liu J, Gan Y, Jiang H, et al. Prevalence of workplace violence against healthcare workers: a systematic review and meta-analysis. <em>Occupational and Environmental Medicine<\/em>. 2019;76(12):927\u2013937. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/31611310\/\">PubMed<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Maunder RG, Heeney ND, Greenberg RA, et al. The relationship between moral distress, burnout, and considering leaving a hospital job during the COVID-19 pandemic: a longitudinal survey. <em>BMC Nursing<\/em>. 2023;22:243. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC10369708\/\">Volltext<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Okuyama A, Wagner C, Bijnen B. Speaking up for patient safety by hospital-based health care professionals: a literature review. <em>BMC Health Services Research<\/em>. 2014;14:61. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/24507747\/\">PubMed<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Riskin A, Erez A, Foulk TA, et al. The impact of rudeness on medical team performance: a randomized trial. <em>Pediatrics<\/em>. 2015;136(3):487\u2013495. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/26260718\/\">PubMed<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Riskin A, Erez A, Foulk TA, et al. Rudeness and medical team performance. <em>Pediatrics<\/em>. 2017;139(2):e20162305. <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/28073958\/\">PubMed<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>World Health Organization, International Labour Organization, International Council of Nurses und Public Services International. <em>Framework Guidelines for Addressing Workplace Violence in the Health Sector<\/em>. Genf; 2002. <a href=\"https:\/\/www.who.int\/publications\/i\/item\/9221134466\">WHO-Publikation<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>National Institute for Health and Care Excellence. <em>Violence and aggression: short-term management in mental health, health and community settings<\/em>. NICE Guideline NG10. <a href=\"https:\/\/www.nice.org.uk\/guidance\/ng10\/chapter\/recommendations\">Empfehlungen<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Agency for Healthcare Research and Quality. TeamSTEPPS: <a href=\"https:\/\/www.ahrq.gov\/teamstepps-program\/curriculum\/mutual\/tools\/cus.html\">CUS<\/a>\u2060, <a href=\"https:\/\/www.ahrq.gov\/teamstepps-program\/curriculum\/mutual\/tools\/rule.html\">Two-Challenge Rule<\/a>\u2060 und <a href=\"https:\/\/www.ahrq.gov\/teamstepps-program\/curriculum\/mutual\/tools\/desc.html\">DESC-Skript<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft SECO. <em>Mobbing und andere Bel\u00e4stigungen \u2013 Schutz der pers\u00f6nlichen Integrit\u00e4t am Arbeitsplatz<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.seco.admin.ch\/de\/mobbing-arbeitsplatz\">SECO<\/a>\u2060<\/li>\n\n\n\n<li>Schweizerisches Obligationenrecht, <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/27\/317_321_377\/de#art_328\">Art. 328 OR<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Schweizerisches Arbeitsgesetz, <a href=\"https:\/\/www.fedlex.admin.ch\/eli\/cc\/1966\/57_57_57\/de#art_6\">Art. 6 ArG<\/a>\u2060.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grenzen tragen \u2013 Grenz\u00fcberschreitungen stoppen: Was zum Pflegeberuf geh\u00f6rt, was niemand aushalten muss und wann Gehen professionell ist<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":3583,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[636,668],"tags":[835,611,608,836],"class_list":["post-3582","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kommunikation-sprache","category-pflege-gesundheiswesen","tag-grenzen-tragen-grenzueberschreitungen-stoppen-was-zum-pflegeberuf-gehoert","tag-gruppendynamik","tag-kommunikation","tag-was-niemand-aushalten-muss-und-wann-gehen-professionell-ist"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - 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