{"id":3576,"date":"2026-10-26T08:36:00","date_gmt":"2026-10-26T06:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/?p=3576"},"modified":"2026-09-17T14:58:58","modified_gmt":"2026-09-17T12:58:58","slug":"beruhigen-sie-sich-nicht-nennen-sie-es-aufregung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/beruhigen-sie-sich-nicht-nennen-sie-es-aufregung\/","title":{"rendered":"Beruhigen Sie sich nicht. Nennen Sie es Aufregung."},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was die Forschung zur Umdeutung von Angst wirklich zeigt \u2013 und warum Pflege, F\u00fchrung und Patientensicherheit mehr brauchen als einen klugen Satz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/d8bf008a-0ac4-4bd0-9f81-85d87d4ead67.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1290\" height=\"726\" data-attachment-id=\"3577\" data-permalink=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/d8bf008a-0ac4-4bd0-9f81-85d87d4ead67\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/d8bf008a-0ac4-4bd0-9f81-85d87d4ead67.png?fit=1672%2C941&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1672,941\" data-comments-opened=\"1\" data-image-title=\"d8bf008a-0ac4-4bd0-9f81-85d87d4ead67\" data-image-description=\"&lt;p&gt;Der K\u00f6rper muss nicht vollkommen ruhig sein, damit ein Mensch handlungsf\u00e4hig bleibt. 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Zingg<\/a> (Autor)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der K\u00f6rper muss nicht vollkommen ruhig sein, damit ein Mensch handlungsf\u00e4hig bleibt. Aber er muss sicher genug sein, um seine Energie richten zu k\u00f6nnen.<\/strong><br>-Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr als Nervosit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurz vor einer Pr\u00e4sentation. Vor einem schwierigen Angeh\u00f6rigengespr\u00e4ch. Vor dem ersten Arbeitstag, einer Pr\u00fcfung, einer Reanimation oder einer Entscheidung, von der viel abh\u00e4ngt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Herz schl\u00e4gt schneller. Die H\u00e4nde werden kalt oder feucht. Der Atem ver\u00e4ndert sich. Im Kopf erscheint ein Satz: <em>Hoffentlich merkt niemand, wie nerv\u00f6s ich bin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann kommt der gut gemeinte Rat: \u00abBeruhigen Sie sich. Atmen Sie tief durch.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch was, wenn Ruhe in diesem Moment gar nicht erreichbar ist? Was, wenn der Versuch, die eigene Aktivierung wegzudr\u00fccken, eine zweite Belastung erzeugt: <em>Ich bin nicht nur nerv\u00f6s \u2013 ich schaffe es nicht einmal, mich zu beruhigen<\/em>?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die amerikanische Verhaltensforscherin Alison Wood Brooks stellte deshalb eine ebenso einfache wie provokante Frage: Ist es vor einer Leistungssituation wirksamer, Angst nicht in Ruhe, sondern in Aufregung umzudeuten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort lautet: <strong>manchmal ja \u2013 aber l\u00e4ngst nicht immer.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Einschr\u00e4nkung macht das Thema wissenschaftlich und praktisch interessant. Denn aus einem hilfreichen psychologischen Werkzeug kann schnell eine neue Durchhalteparole werden. Und aus \u00abMein K\u00f6rper stellt Energie bereit\u00bb kann im falschen Kontext \u00abDu musst deine \u00dcberforderung nur anders denken\u00bb werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das eine st\u00e4rkt Handlungsf\u00e4higkeit. Das andere individualisiert ein Problem, das vielleicht im Team, in der F\u00fchrung oder im Arbeitssystem liegt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein starker Satz \u2013 und seine gef\u00e4hrliche Verk\u00fcrzung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abBeruhigen Sie sich nicht. Nennen Sie es Aufregung.\u00bb Dieser Satz eignet sich hervorragend f\u00fcr soziale Medien. Er enth\u00e4lt einen wahren Kern: Angst und freudige Aufregung sind beides Zust\u00e4nde hoher Aktivierung. Deshalb kann der gedankliche Weg von <em>Angst<\/em> zu <em>Aufregung<\/em> k\u00fcrzer sein als jener von <em>Angst<\/em> zu v\u00f6lliger Ruhe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber der Satz wird falsch, sobald aus ihm ein allgemeines Gesetz gemacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung sagt nicht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Beruhigung sei grunds\u00e4tzlich wirkungslos.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Angst sei bloss ein falsches Wort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf jeder schnelle Puls verbessere die Leistung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf eine Umdeutung behandle Angstst\u00f6rungen, Panik oder Traumafolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Menschen k\u00f6nnten reale Gefahr, Unterbesetzung oder Besch\u00e4mung durch positives Denken neutralisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die oft erz\u00e4hlte Szene, in der der Puls beim Versuch, sich zu beruhigen, erst recht ansteigt, ist eine anschauliche Geschichte \u2013 kein Ergebnis der ber\u00fchmten Versuche von Brooks. Wissenschaftliche Genauigkeit beginnt dort, wo eine gute Erz\u00e4hlung nicht mit einem Studienbefund verwechselt wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was im K\u00f6rper geschieht: Aktivierung ist noch keine Emotion<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Situation bedeutsam, unsicher oder anspruchsvoll erscheint, mobilisiert der Organismus Ressourcen. Der Sympathikus erh\u00f6ht unter anderem Herzfrequenz und Kontraktionskraft, ver\u00e4ndert die Atmung, steigert die Schweisssekretion und kann die Hautgef\u00e4sse verengen. Deshalb k\u00f6nnen die H\u00e4nde kalt und gleichzeitig feucht werden. Die Stressachsen des K\u00f6rpers stellen Energie und Aufmerksamkeit bereit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das verbreitete Bild vom Sympathikus als Gaspedal und vom Parasympathikus als Bremse ist n\u00fctzlich, biologisch aber vereinfacht. Beide Systeme k\u00f6nnen je nach Organ und Situation differenziert oder teilweise gleichzeitig aktiv sein. Der Mensch besitzt keinen einzelnen Schalter mit den Positionen \u00abruhig\u00bb und \u00abgestresst\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist: <strong>K\u00f6rperliche Aktivierung ist zun\u00e4chst ein Signal \u2013 noch kein eindeutiges Urteil \u00fcber seine Bedeutung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein schneller Puls kann auftreten, wenn wir fliehen wollen, wenn wir uns auf einen Wettkampf freuen, wenn wir verliebt sind, wenn wir eine Rede halten oder wenn wir eine Gefahr erkennen. Die Zust\u00e4nde sind nicht identisch, aber sie \u00fcberlappen. Erst im Zusammenspiel von K\u00f6rperempfindung, Situation, Erinnerung, Erwartung, Sprache und verf\u00fcgbarer Handlungsm\u00f6glichkeit entsteht die erlebte Emotion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum ist die popul\u00e4re Behauptung \u00abDer K\u00f6rper kennt keinen Unterschied zwischen Angst und Aufregung\u00bb zu grob. Der K\u00f6rper und das Gehirn unterscheiden sehr wohl \u2013 aber nicht anhand eines einzelnen Messwerts. Herzfrequenz allein sagt nicht, ob ein Mensch bedroht, begeistert, k\u00f6rperlich belastet oder krank ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Angst und Aufregung sind verwandt \u2013 aber nicht dasselbe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Psychologisch lassen sich Gef\u00fchle unter anderem entlang zweier Dimensionen beschreiben: Aktivierung und Valenz. Angst und begeisterte Aufregung liegen beide auf der Seite hoher Aktivierung. Angst wird jedoch meist negativ erlebt und f\u00f6rdert eher Schutz, Vermeidung oder R\u00fcckzug. Positive Aufregung ist st\u00e4rker mit Ann\u00e4herung, Neugier und Gelegenheit verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier setzt die Umdeutung an. Sie versucht nicht prim\u00e4r, die Aktivierung zu senken, sondern deren Bedeutung zu ver\u00e4ndern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mein Herz schl\u00e4gt nicht schnell, weil ich zwangsl\u00e4ufig versagen werde. Es schl\u00e4gt schnell, weil mein K\u00f6rper sich auf eine wichtige Aufgabe vorbereitet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine Magie und kein Selbstbetrug. Es ist eine neue Arbeitshypothese.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus und Susan Folkman hilft beim Verst\u00e4ndnis. Stress entsteht demnach nicht allein aus einer Situation und auch nicht allein im Menschen, sondern aus ihrer Beziehung. Zwei Bewertungen sind zentral: <em>Was bedeutet diese Situation f\u00fcr mich?<\/em> Und: <em>Reichen meine Ressourcen aus, um mit ihr umzugehen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird eine bedeutsame Anforderung bei ausreichenden Ressourcen erlebt, entsteht eher eine <strong>Herausforderungsbewertung<\/strong>. Werden die Anforderungen gr\u00f6sser als die verf\u00fcgbaren Ressourcen eingesch\u00e4tzt, entsteht eher eine <strong>Bedrohungsbewertung<\/strong>. In beiden F\u00e4llen kann der Puls steigen. Die Qualit\u00e4t der Aktivierung ist dennoch nicht dieselbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist wichtig: Umdeutung kann die wahrgenommenen Ressourcen beeinflussen. Sie kann aber fehlende Ressourcen nicht herbeidenken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was Alison Wood Brooks 2014 tats\u00e4chlich fand<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Brooks<\/strong> untersuchte die Idee in mehreren Experimenten mit Karaoke, einer freien Rede und Rechenaufgaben unter Zeitdruck. Teilnehmende sollten ihre Nervosit\u00e4t unter anderem mit \u00abI am excited\u00bb oder \u00abI am calm\u00bb rahmen. Die auf Aufregung ausgerichteten Gruppen berichteten mehr Zuversicht beziehungsweise eine st\u00e4rkere Gelegenheitsperspektive und zeigten in mehreren Aufgaben bessere Leistungen. Die Angst verschwand dabei nicht einfach. Die Intervention \u00e4nderte eher die Richtung, in welche die vorhandene Aktivierung interpretiert und genutzt wurde. Die Originalarbeit erschien 2014 im <em>Journal of Experimental Psychology: General<\/em> (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1037\/a0035325\">Brooks, 2014<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das war ein faszinierender Befund. Er passte zu der Annahme, dass eine aktivierungskongruente Umdeutung leichter sein k\u00f6nnte als der Sprung von hoher Erregung zu v\u00f6lliger Ruhe. Wer innerlich auf hundert l\u00e4uft, glaubt sich den Satz \u00abIch bin vollkommen ruhig\u00bb m\u00f6glicherweise nicht. \u00abIch bin aufgeregt, weil mir das wichtig ist\u00bb kann n\u00e4her an der erlebten Wirklichkeit liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die Studien bestanden \u00fcberwiegend aus kurzen, experimentell erzeugten Leistungssituationen und studentischen Stichproben. Sie untersuchten keine chronische \u00dcberlastung, keine existenzielle Angst und keine reale Pflegeschicht mit Personalmangel, parallelen Akutereignissen und Verantwortung f\u00fcr andere Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die GRE-Studie: interessant, aber kleiner als ihre Erz\u00e4hlung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits 2010 hatten Jeremy Jamieson und sein Team Personen vor einem amerikanischen Hochschulzulassungstest erkl\u00e4rt, k\u00f6rperliche Aktivierung k\u00f6nne die Leistung unterst\u00fctzen. Die Umdeutungsgruppe schnitt im quantitativen Teil eines \u00dcbungstests und sp\u00e4ter auch im realen GRE besser ab. Gleichzeitig stieg die Alpha-Amylase im Speichel, ein indirekter und unspezifischer Marker sympathischer Aktivierung. Die Aktivierung wurde also nicht geringer \u2013 und dennoch war die mathematische Leistung besser (<a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC2790291\/\">Jamieson et al., 2010<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch hier lohnt sich der genaue Blick. Von urspr\u00fcnglich 60 rekrutierten Personen gingen nur 28 in die entscheidenden Analysen ein, weil nur sie den realen Test innerhalb des vorgesehenen Zeitraums absolvierten. Der Vorteil zeigte sich im mathematischen, nicht im verbalen Teil. Und Alpha-Amylase allein kann nicht zuverl\u00e4ssig zwischen produktiver Herausforderung, Bedrohung und blossem Engagement unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine sp\u00e4tere experimentelle Studie zeigte allerdings auch g\u00fcnstigere kardiovaskul\u00e4re Muster und weniger negative Aufmerksamkeitsverzerrung nach einer solchen Umdeutung (<a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC3410434\/\">Jamieson, Nock &amp; Mendes, 2012<\/a>). Der Grundgedanke besitzt also mehr als nur einen einzelnen spektakul\u00e4ren Befund \u2013 seine Wirkung ist aber weder grenzenlos noch in jeder Aufgabe gleich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Replikation von 2025: best\u00e4tigt wurde nur die halbe Geschichte<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders aufschlussreich ist die direkte Replikation der Redestudie durch Michelle Poynter und Marcia Smith Pasqualini. In die Studie wurden 74 Studierende aufgenommen. Wie bei Brooks berichtete die Gruppe mit dem Satz \u00abI am excited\u00bb anschliessend mehr Aufregung als die Gruppe mit \u00abI am calm\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch die unabh\u00e4ngigen Beobachtenden bewerteten ihre Reden <strong>nicht<\/strong> als \u00fcberzeugender, kompetenter, selbstsicherer oder ausdauernder. Auch ein zus\u00e4tzlicher indirekter Angstindikator, der Emotional Stroop, unterschied sich nicht. Die Angst selbst wurde ebenfalls nicht geringer (<a href=\"https:\/\/reference-global.com\/article\/10.58734\/plc-2025-0011\">Poynter &amp; Smith Pasqualini, 2025<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4zise formuliert lautet das Ergebnis deshalb: <strong>Die Replikation best\u00e4tigte die Ver\u00e4nderung des Selbsterlebens, nicht die behauptete Leistungssteigerung.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das widerlegt den gesamten Ansatz nicht. Es sch\u00fctzt ihn aber vor \u00dcbertreibung. Drei Worte k\u00f6nnen die subjektive Deutung verschieben. Ob sie dadurch auch eine von aussen erkennbare Leistung verbessern, h\u00e4ngt offenbar von mehr ab.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was der Forschungsstand insgesamt sagt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Metaanalyse von 2024 fasste 44 Effekte aus randomisierten Studien zur Umdeutung von Stressaktivierung und zu einem \u00abStress kann hilfreich sein\u00bb-Mindset zusammen. Im Durchschnitt zeigte sich ein statistisch signifikanter, aber kleiner Leistungsgewinn von <em>d<\/em> = 0,23. Bei Interventionen, die die Umdeutung mit weiteren Elementen kombinierten, war der Effekt gr\u00f6sser; reine Mindset-Botschaften waren schw\u00e4cher. Die Ergebnisse variierten zwischen Aufgaben und Studien erheblich (<a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41598-024-58408-w\">Bosshard &amp; Gomez, 2024<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist wissenschaftlich gesehen weder nichts noch ein Durchbruch. Es ist ein <strong>kleiner, wahrscheinlich echter Durchschnittseffekt<\/strong>, der einigen Menschen in bestimmten Leistungssituationen helfen kann. Die Autoren selbst warnen ausdr\u00fccklich davor, die Methode als \u00absilver bullet\u00bb zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders praxisnah sind neuere Schweizer Untersuchungen des Instituts f\u00fcr Medizinische Lehre der Universit\u00e4t Bern. In einer vorregistrierten randomisierten Studie mussten 229 Medizinstudierende einer Simulationspatientin eine schlechte Nachricht \u00fcberbringen. Die Umdeutung der Stressaktivierung f\u00f6rderte ein g\u00fcnstigeres kardiovaskul\u00e4res Herausforderungsmuster, ver\u00e4nderte die subjektive Ressourcen-Anforderungs-Bilanz jedoch nicht signifikant. Ein konkretes, schrittweise vorgef\u00fchrtes Gespr\u00e4chsbeispiel verbesserte dagegen die wahrgenommenen Ressourcen (<a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41598-025-06995-7\">Bosshard et al., 2025, <em>Scientific Reports<\/em><\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der parallelen Leistungsanalyse mit 221 Studierenden verbesserte dieses konkrete Lernbeispiel sowohl die verbale als auch die nonverbale Kommunikation. Die Stressumdeutung allein verbesserte nur die nonverbale Kommunikation (<a href=\"https:\/\/asmepublications.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/medu.15658\">Bosshard et al., 2025, <em>Medical Education<\/em><\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine bemerkenswerte Botschaft f\u00fcr Bildung, Pflege und F\u00fchrung: <strong>Deutung ver\u00e4ndert, wie wir einer Aufgabe begegnen. Vorbereitung ver\u00e4ndert, womit wir ihr begegnen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Satz kann Energie neu rahmen. Wissen, \u00dcbung, Rollenkl\u00e4rung, Personal, Zeit und Unterst\u00fctzung schaffen reale Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum die Umdeutung helfen kann<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens kann sie die <strong>Angst vor der Angst<\/strong> verringern. Wer Herzklopfen als Beweis des bevorstehenden Kontrollverlusts deutet, beobachtet den K\u00f6rper noch genauer. Jede weitere Ver\u00e4nderung best\u00e4tigt dann scheinbar die Gefahr. Wird das Herzklopfen als Mobilisierung verstanden, verliert das Symptom einen Teil seiner bedrohlichen Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens kann sich die <strong>Handlungsrichtung<\/strong> ver\u00e4ndern. Angst zieht Aufmerksamkeit zur Flucht, zur Fehlervermeidung und zur Selbstbeobachtung. Aufregung richtet sie eher auf Ann\u00e4herung und Aufgabe. Der Mensch fragt weniger: <em>Wie wirke ich?<\/em> und eher: <em>Was will ich sagen oder tun?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drittens kann die Umdeutung die <strong>Ressourcenbilanz<\/strong> beeinflussen. \u00abIch halte das nicht aus\u00bb und \u00abMein K\u00f6rper hilft mir, das zu bew\u00e4ltigen\u00bb f\u00fchren trotz \u00e4hnlichem Puls zu verschiedenen Erwartungen, Entscheidungen und Verhaltensweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viertens kann sie eine rekursive Schleife unterbrechen. Hier ber\u00fchrt die Forschung unmittelbar mein <strong>M\u00f6bius-Denkmodell<\/strong>: K\u00f6rperempfindung beeinflusst Deutung, Deutung lenkt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit ver\u00e4ndert Verhalten, das Verhalten l\u00f6st Reaktionen der Umwelt aus \u2013 und diese Reaktionen wirken wieder auf den K\u00f6rper zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus Herzklopfen wird die Geschichte \u00abIch werde versagen\u00bb. Diese Geschichte macht die Sprache enger und hektischer. Die Reaktion der anderen wird als Skepsis gelesen. Der Puls steigt weiter. Die Schleife best\u00e4tigt sich selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine glaubw\u00fcrdige Umdeutung kann an einer Stelle in diese Schleife eingreifen. Sie l\u00f6scht die Aktivierung nicht. Sie gibt ihr eine andere Fortsetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch mein <strong>Informations\u2013Ger\u00fcchte\u2013Gesetz<\/strong> bietet eine passende Praxislinse: Wo verl\u00e4ssliche Information fehlt, wird die L\u00fccke durch Vermutung gef\u00fcllt. \u00c4hnlich geschieht es bei unklarer K\u00f6rperaktivierung. Aus \u00abMein Herz schl\u00e4gt schnell\u00bb wird ohne Einordnung rasch \u00abIch verliere die Kontrolle\u00bb. Die Umdeutung erfindet keine positive Wirklichkeit; sie erg\u00e4nzt eine ebenso m\u00f6gliche, sachlich begr\u00fcndete Information: <em>Aktivierung kann auch Vorbereitung bedeuten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum \u00abIch bin aufgeregt\u00bb nicht immer funktioniert<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Wenn die Gefahr real ist<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine unzureichend besetzte Pflegeschicht wird nicht sicherer, weil die tagesverantwortliche Pflegefachperson ihre \u00dcberforderung als Aufregung bezeichnet. Mehrere gleichzeitige Akutereignisse, fehlende Erfahrung im Team, unklare Zust\u00e4ndigkeiten oder aggressives Verhalten sind nicht bloss Gedankenfehler. Sie ver\u00e4ndern die objektive Ressourcen-Anforderungs-Bilanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier kn\u00fcpft das Thema direkt an <strong>\u00abStress unter der Oberfl\u00e4che\u00bb<\/strong> und <strong>\u00abApplaus ersetzt keine Fachperson\u00bb<\/strong> an. Stress entsteht nicht nur im Individuum. Er entsteht in der R\u00fcckkopplung zwischen K\u00f6rper, Aufgabe, Team, Kommunikation, Hierarchie und Arbeitssystem. Wer ausschliesslich am Denken der belasteten Person arbeitet, macht aus einem Systemproblem ein Selbstmanagementproblem.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Wenn zuerst Validierung n\u00f6tig w\u00e4re<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In <strong>\u00abWarum L\u00f6sungsans\u00e4tze ins Leere laufen\u00bb<\/strong> habe ich beschrieben, dass selbst eine sachlich gute L\u00f6sung scheitert, wenn sie nicht zur emotionalen Lage, zur Problemebene oder zu den verf\u00fcgbaren Ressourcen passt. Genau das gilt hier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer gerade besch\u00e4mt, angeschrien oder sozial ausgeschlossen wurde, braucht nicht zuerst eine optimistische Etikette. Wie ich in meinem Blog \u00fcber <strong>sozialen Schmerz<\/strong> vertieft habe, ist dieser Schmerz keine rhetorische Schw\u00e4che. Eine vorschnelle Umdeutung kann wie Entwertung klingen: <em>Du hast kein Problem \u2013 du nennst es nur falsch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die humanistische Haltung nach Carl Rogers setzt vorher an: wahrnehmen, verstehen, ernst nehmen. <strong>Validierung bedeutet nicht, jede Deutung zu best\u00e4tigen. Sie bedeutet, das Erleben als wirklich anzuerkennen.<\/strong> Erst danach kann gemeinsam gepr\u00fcft werden, ob eine andere Deutung hilfreich und glaubw\u00fcrdig ist.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Wenn die Aktivierung bereits zu hoch ist<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kognitive Umdeutung braucht Aufmerksamkeit und geistige Flexibilit\u00e4t. Ausgerechnet starke akute Belastung kann diese F\u00e4higkeiten schw\u00e4chen. In einem Experiment von Raio und Kolleginnen funktionierte eine zuvor gelernte kognitive Angstregulation nach einer akuten Stressinduktion deutlich schlechter als in der Kontrollgruppe (<a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC3773739\/\">Raio et al., 2013<\/a>).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum sollte Umdeutung vor dem Ernstfall ge\u00fcbt werden. Im roten Bereich braucht ein Mensch h\u00e4ufig zuerst Sicherheit, Entlastung, Orientierung, eine zweite Person oder eine Unterbrechung \u2013 nicht einen anspruchsvollen inneren Dialog.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Wenn aus einem Werkzeug eine Pflicht wird<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abNutze deinen Stress\u00bb kann befreiend sein. Es kann aber auch zur subtilen Norm werden: Wer unter schlechten Bedingungen leidet, habe lediglich das falsche Mindset. Das ist Resilienz-Rhetorik ohne Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unterschied ist ethisch bedeutsam:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein Werkzeug erweitert die Wahlm\u00f6glichkeiten eines Menschen. Eine Pflicht zur positiven Deutung nimmt sie ihm.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>5. Wenn eine Angstst\u00f6rung, Panik oder Traumafolge vorliegt<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die beschriebenen Studien untersuchen vor allem zeitlich begrenzte Leistungssituationen. Sie belegen keine Behandlung anhaltender oder klinisch relevanter Angst. Wenn Angst wiederkehrt, Alltag und Schlaf deutlich beeintr\u00e4chtigt, zu ausgepr\u00e4gter Vermeidung, Panik, Dissoziation oder erheblichem Leiden f\u00fchrt, braucht es fachliche Abkl\u00e4rung und gegebenenfalls eine evidenzbasierte Behandlung. Ein hilfreicher Satz kann begleiten, aber keine Therapie ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Aufregung in der Pflege: Alarm, Energie oder beides?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Pflege ist ein schneller Puls nicht ungew\u00f6hnlich: vor einer Notfallsituation, bei einer unerwarteten Verschlechterung, beim ersten komplexen Eingriff, in einem Konflikt, vor der \u00dcbergabe oder wenn Verantwortung und Ressourcen auseinanderfallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist nicht, Aufregung pauschal abzuschalten. Entscheidend ist, ihre Funktion zu kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal sagt der K\u00f6rper: <em>Das ist wichtig. Konzentriere dich.<\/em> Dann kann Umdeutung helfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal sagt er: <em>Hier fehlen \u00dcbersicht, Kompetenz oder Unterst\u00fctzung.<\/em> Dann braucht es eine Checkliste, ein klares Vorgehen, R\u00fccksprache oder eine erfahrene zweite Person.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und manchmal sagt er: <em>Diese Situation ist nicht mehr sicher.<\/em> Dann sind Stopp, Eskalation, Aufgabenreduktion, Abl\u00f6sung oder Ortswechsel angemessen \u2013 selbstverst\u00e4ndlich so, dass die Versorgung der Patientin oder des Patienten gesichert bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird der <strong>ICH-Vertrag<\/strong> praktisch:<br>(&#8211;> <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/der-ich-vertrag-der-vertrag-mit-mir-selber\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2950\">Der ICH-Vertrag<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf <strong>Gr\u00fcn:<\/strong> Ich bin aktiviert, aber orientiert. Ich kann priorisieren, kommunizieren und handeln. Die Energie darf bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf <strong>Orange:<\/strong> Mein Blick wird eng, ich werde hektisch, gereizt oder verliere \u00dcbersicht. Ich verlangsame, hole Unterst\u00fctzung, kl\u00e4re Priorit\u00e4ten und streiche Nichtdringliches.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf <strong>Rot:<\/strong> Sichere Selbststeuerung oder Patientensicherheit sind gef\u00e4hrdet. Ich stoppe, sichere die Versorgung, \u00fcbergebe oder hole unmittelbar Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jede Zone verlangt dieselbe Intervention. Wer Rot wie Gr\u00fcn behandelt, nennt Gefahr f\u00e4lschlich Herausforderung. Wer Gr\u00fcn immer beruhigen will, d\u00e4mpft m\u00f6glicherweise n\u00fctzliche Energie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was F\u00fchrung sagen sollte \u2013 statt nur \u00abBeruhigen Sie sich\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abBeruhigen Sie sich\u00bb klingt schnell wie eine Bewertung: <em>Ihr Zustand ist das Problem.<\/em> Eine hilfreiche F\u00fchrungskraft reguliert nicht \u00fcber Besch\u00e4mung, sondern schafft Orientierung und Ressourcen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6gliche S\u00e4tze sind:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf \u00abIch sehe, dass Sie stark unter Druck stehen. Was ist im Moment die gr\u00f6sste Gefahr?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf \u00abWas muss jetzt geschehen \u2013 und was darf warten?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf \u00abWelche Aufgabe kann ich \u00fcbernehmen oder jemand anderem geben?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf \u00abBrauchen Sie gerade Ruhe, eine klare Entscheidung oder eine zweite Person?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf \u00abIhr Puls darf hoch sein. Gehen wir gemeinsam den n\u00e4chsten sicheren Schritt.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit verbindet sich dieses Thema mit meinen Beitr\u00e4gen \u00fcber <strong>psychologische Sicherheit<\/strong>, <strong>Employee Voice<\/strong> und <strong>Organizational Silence<\/strong>. In einem Team, in dem das \u00c4ussern von Unsicherheit als Schw\u00e4che gilt, wird die Aufforderung zur Umdeutung leicht zum Schweigegebot. Menschen nennen dann Gefahr nicht mehr Gefahr, weil sie als nicht belastbar erscheinen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass niemand aufgeregt ist. Sie bedeutet, dass Aufregung, Zweifel und Warnungen ausgesprochen werden d\u00fcrfen, ohne dass daraus soziale Besch\u00e4mung entsteht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine praxisnahe Sechs-Schritte-Sequenz<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Sequenz ist eine aus der Forschung abgeleitete Praxisheuristik, kein eigenst\u00e4ndig validiertes Diagnoseinstrument.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Wahrnehmen<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht sofort bewerten, sondern m\u00f6glichst konkret beschreiben:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Mein Herz schl\u00e4gt schnell. Meine H\u00e4nde sind kalt. Mein Atem ist flach. Meine Gedanken springen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4zise Sprache macht aus einem globalen \u00abIch bin ausser Kontrolle\u00bb mehrere beobachtbare Signale.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Wirklichkeit pr\u00fcfen<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bin ich in realer Gefahr? Ist jemand anderes gef\u00e4hrdet? Oder stehe ich vor einer sicheren, aber bedeutsamen Leistungssituation? Reichen Zeit, Wissen, Personal und Unterst\u00fctzung aus?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage verhindert, dass berechtigte Warnsignale weggerahmt werden.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Erleben w\u00fcrdigen<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es ist verst\u00e4ndlich, dass mein K\u00f6rper reagiert. Die Situation ist mir wichtig.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das verbindet die Methode mit meinem Blog <strong>\u00abEmotionen \u2013 Unter der Oberfl\u00e4che der Worte\u00bb<\/strong>: Gef\u00fchle sind bedeutsame Daten, aber weder unfehlbare Tatsachen noch Befehle. Man h\u00f6rt ihnen zu, bevor man \u00fcber ihre Bedeutung entscheidet.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Glaubw\u00fcrdig umdeuten<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht: <em>Ich habe \u00fcberhaupt keine Angst.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern: <em>Mein K\u00f6rper mobilisiert Energie. Ein schneller Puls ist noch kein Beweis, dass ich versage. Ich muss nicht vollkommen ruhig sein, um den n\u00e4chsten Schritt zu k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Deutschen ist \u00abAufregung\u00bb doppeldeutig; das Wort kann auch negative Erregung meinen. F\u00fcr manche Menschen sind deshalb S\u00e4tze wie \u00abIch bin aktiviert\u00bb, \u00abMein K\u00f6rper bereitet sich vor\u00bb oder \u00abDiese Energie darf mir dienen\u00bb glaubw\u00fcrdiger.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>5. Energie an eine Handlung binden<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Was ist der n\u00e4chste konkrete, sichere Schritt?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht die ganze Schicht. Nicht das ganze Gespr\u00e4ch. Der n\u00e4chste Schritt: Situation erfassen, Hilfe rufen, Priorit\u00e4t aussprechen, Unterlagen \u00f6ffnen, ersten Satz sagen, R\u00fcckmeldung einholen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umdeutung ohne Handlung bleibt Rhetorik. Handlung ohne Orientierung wird Aktionismus.<\/p>\n\n\n\n<h6 class=\"wp-block-heading\"><strong>6. Danach regulieren und lernen<\/strong><\/h6>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Aufgabe darf der Organismus wieder herunterfahren: bewusst ausatmen, sich bewegen, trinken, kurze soziale R\u00fcckversicherung suchen, nach belastenden Ereignissen debriefen und Erholung erm\u00f6glichen. Beruhigung und Umdeutung sind keine Gegner. <strong>Umdeutung ver\u00e4ndert die Bedeutung der Energie; Beruhigung ver\u00e4ndert ihre Intensit\u00e4t.<\/strong> Je nach Zeitpunkt kann beides richtig sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede bew\u00e4ltigte Situation wird zudem Teil des pers\u00f6nlichen <strong>M\u00e4rklihefts<\/strong>. Wiederholte Erfahrungen speichern nicht nur, <em>dass<\/em> etwas schwierig war, sondern auch, ob Hilfe verf\u00fcgbar war, ob Fehler besch\u00e4mt wurden und ob man handlungsf\u00e4hig blieb. So beeinflusst die Geschichte fr\u00fcherer Situationen, ob der n\u00e4chste schnelle Puls eher als Startsignal oder als Gefahr gelesen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Integratives Systemdenken statt Psychotrick<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die tiefste Schlussfolgerung lautet nicht: \u00abDenke positiv.\u00bb Sie lautet: <strong>Arbeite gleichzeitig an Deutung und Wirklichkeit.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der individuellen Ebene k\u00f6nnen Benennung, Akzeptanz und Umdeutung helfen. Auf der Aufgabenebene helfen Vorbereitung, Training und Checklisten. Auf der Beziehungsebene helfen Validierung, Respekt und psychologische Sicherheit. Auf der Teamebene helfen Rollenkl\u00e4rung, Closed-Loop-Kommunikation und gegenseitige Unterst\u00fctzung. Auf der Systemebene braucht es ausreichende Ressourcen, realistische Auftr\u00e4ge, sichere Eskalationswege und eine Just Culture.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist Integratives Systemdenken: Nicht entweder Mensch oder System. Nicht entweder Eigenverantwortung oder Organisation. Sondern die Frage, wie K\u00f6rper, Person, Beziehung, Aufgabe und Struktur einander fortlaufend beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier schliesst sich die M\u00f6biusschleife des Menschlichen. Die innere Deutung ver\u00e4ndert das Handeln. Das Handeln ver\u00e4ndert die Umwelt. Die Umwelt antwortet \u2013 unterst\u00fctzend oder verletzend \u2013 und wird erneut Teil des inneren Erlebens.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir m\u00fcssen nicht jede Aufregung bek\u00e4mpfen. Ein schneller Puls kann ein Startsignal sein. Die Umdeutung von Angst als funktionale Aktivierung kann vor \u00fcberschaubaren Leistungssituationen Zuversicht, Ann\u00e4herung und manchmal auch Leistung f\u00f6rdern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber die wissenschaftliche Bilanz ist n\u00fcchterner als der eing\u00e4ngige Slogan. Die durchschnittlichen Effekte sind klein. Eine direkte Replikation best\u00e4tigte das ver\u00e4nderte Selbsterleben, nicht die bessere Redeleistung. Konkrete Vorbereitung und reale Ressourcen bleiben entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem darf Umdeutung nie dazu dienen, soziale Verletzung, klinische Angst oder unsichere Arbeitsbedingungen kleinzureden. Ein Mensch ist nicht schwach, weil sich sein K\u00f6rper nicht mit drei Worten beruhigen l\u00e4sst. Und ein System wird nicht sicher, weil seine Mitarbeitenden gelernt haben, \u00dcberlastung freundlicher zu benennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die reifere Botschaft lautet deshalb:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Nicht jede Aufregung muss beruhigt werden. Manche will verstanden und gerichtet werden. Manche aber verlangt nicht nach einem neuen Namen, sondern nach echter Sicherheit, Unterst\u00fctzung und Entlastung.<\/strong><br>-Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissenschaftliche Grundlagen und weiterf\u00fchrende Literatur<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Brooks, A. W. (2014). <em>Get excited: Reappraising pre-performance anxiety as excitement.<\/em> Journal of Experimental Psychology: General, 143(3), 1144\u20131158. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1037\/a0035325\">https:\/\/doi.org\/10.1037\/a0035325<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Jamieson, J. P., Mendes, W. B., Blackstock, E., &amp; Schmader, T. (2010). <em>Turning the knots in your stomach into bows: Reappraising arousal improves performance on the GRE.<\/em> Journal of Experimental Social Psychology, 46(1), 208\u2013212. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC2790291\/\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Jamieson, J. P., Nock, M. K., &amp; Mendes, W. B. (2012). <em>Mind over matter: Reappraising arousal improves cardiovascular and cognitive responses to stress.<\/em> Journal of Experimental Psychology: General, 141(3), 417\u2013422. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC3410434\/\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Poynter, M., &amp; Smith Pasqualini, M. (2025). <em>Getting excited about public speaking: A replication.<\/em> Psychology of Language and Communication, 29(1), 254\u2013265. <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.58734\/plc-2025-0011\">https:\/\/doi.org\/10.58734\/plc-2025-0011<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Bosshard, M., &amp; Gomez, P. (2024). <em>Effectiveness of stress arousal reappraisal and stress-is-enhancing mindset interventions on task performance outcomes: A meta-analysis of randomized controlled trials.<\/em> Scientific Reports, 14, 7923. <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41598-024-58408-w\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Bosshard, M. et al. (2025). <em>A randomized controlled trial evaluating stress arousal reappraisal and worked example effects on psychophysiological responses during breaking bad news.<\/em> Scientific Reports, 15, 23290. <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41598-025-06995-7\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Bosshard, M. et al. (2025). <em>Improving breaking bad news communication skills through stress arousal reappraisal and worked examples.<\/em> Medical Education. <a href=\"https:\/\/asmepublications.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/medu.15658\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u25cf Raio, C. M., Orederu, T. A., Palazzolo, L., Shurick, A. A., &amp; Phelps, E. A. (2013). <em>Cognitive emotion regulation fails the stress test.<\/em> Proceedings of the National Academy of Sciences, 110(37), 15139\u201315144. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC3773739\/\">Volltext<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was die Forschung zur Umdeutung von Angst zeigt \u2013 und warum Pflege, F\u00fchrung und Patientensicherheit mehr brauchen als einen klugen Satz<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":3577,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[755,668],"tags":[611,831],"class_list":["post-3576","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leadership-selbstfuehrung","category-pflege-gesundheiswesen","tag-gruppendynamik","tag-was-die-forschung-zur-umdeutung-von-angst-zeigt-und-warum-pflege"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Beruhigen Sie sich nicht. 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