{"id":3551,"date":"2026-10-21T07:24:00","date_gmt":"2026-10-21T05:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/?p=3551"},"modified":"2026-10-22T11:27:50","modified_gmt":"2026-10-22T09:27:50","slug":"der-wurzel-mix-in-der-pflege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/der-wurzel-mix-in-der-pflege\/","title":{"rendered":"Der Wurzel-Mix in der Pflege"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warum Multiversit\u00e4t lokale Verankerung braucht \u2013 und weshalb Sprache, Kultur und Vertrauen nicht dem Zufall \u00fcberlassen werden d\u00fcrfen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1290\" height=\"726\" data-attachment-id=\"3552\" data-permalink=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?fit=1672%2C941&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1672,941\" data-comments-opened=\"1\" data-image-title=\"641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882\" data-image-description=\"&lt;p&gt;Der Wurzel-Mix in der Pflege &amp;#8211; Warum Sprache, Kultur und Vertrauen nicht dem Zufall \u00fcberlassen werden d\u00fcrfen&lt;\/p&gt;\n\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Der Wurzel-Mix in der Pflege &amp;#8211; Warum Sprache, Kultur und Vertrauen nicht dem Zufall \u00fcberlassen werden d\u00fcrfen&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?fit=1024%2C576&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?resize=1290%2C726&#038;ssl=1\" alt=\"641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882\" class=\"wp-image-3552\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?w=1672&amp;ssl=1 1672w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?resize=768%2C432&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/641c34eb-aff1-46d2-9c91-cfdd4447b882.png?resize=1536%2C864&amp;ssl=1 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1290px) 100vw, 1290px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ueber-den-autor-christoph-j-zingg\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2795\">Christoph J. Zingg<\/a> (Autor)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>International und doch verwurzelt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/multiversitaet-wenn-vielfalt-beginnt-gemeinsam-wirklichkeit-zu-gestalten\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2889\">Multiversit\u00e4t<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht nur theoretisch. Ich habe viele Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Mein Partner stammt aus Myanmar und arbeitet heute in der Schweizer Langzeitpflege. Ich habe Freunde auf allen Kontinenten und bereiste \u00fcber 70 verschiedene L\u00e4nder.<br>Mein berufliches und privates Leben ist international gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb schreibe ich diesen Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/von-der-diversitaet-zur-multiversitaet\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2827\">Multiversit\u00e4t<\/a> bedeutet nicht, jede Entwicklung gutzuheissen, nur weil sie unter dem Etikett der Vielfalt stattfindet. Vielfalt allein schafft weder Verst\u00e4ndnis noch Vertrauen noch gute Pflege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ich in meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/multiversitaet-multiversity-warum-vielfalt-diversitaet-allein-noch-keine-gemeinschaft-schafft\/\">\u00abDiversit\u00e4t oder Multiversit\u00e4t?\u00bb<\/a>\u2060 geschrieben habe:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielfalt ist Realit\u00e4t. Gemeinschaft ist eine Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Pflege braucht es deshalb neben dem Skill-Mix auch einen <strong>Wurzel-Mix<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Skill-Mix beantwortet die Frage: Wer kann fachlich was?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Wurzel-Mix beantwortet eine andere, ebenso wichtige Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wer versteht die Menschen, die hier leben \u2013 sprachlich, biografisch, kulturell und emotional?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine Frage des Blutes und keine Forderung nach einer Quote schweizerischer P\u00e4sse. Es ist eine Frage der Versorgungsqualit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ich in der Praxis erlebe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In mehreren Institutionen habe ich erlebt, dass ausl\u00e4ndische F\u00fchrungspersonen bevorzugt Mitarbeitende aus ihren bisherigen beruflichen oder nationalen Netzwerken rekrutieren. Deutsche holen Deutsche, Menschen aus dem Balkan kennen andere Menschen aus dem Balkan \u2013 und nach einiger Zeit entstehen Abteilungen, in denen eine Gruppe sprachlich und kulturell dominiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das muss keine bewusste Diskriminierung sein. Die Sozialwissenschaft kennt daf\u00fcr den Begriff der <strong>Homophilie<\/strong>: Menschen vertrauen eher Personen, die ihnen \u00e4hnlich erscheinen, und bewegen sich bevorzugt in vertrauten Netzwerken. Die grundlegende Forschung von <strong>McPherson <\/strong>und Kollegen beschreibt diesen Mechanismus f\u00fcr Freundschaften, Informationsnetzwerke und Arbeitsbeziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Problematisch wird er dort, wo aus einem internationalen Team faktisch eine neue kulturelle Monokultur entsteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Ostschweizer Spital h\u00f6rte ich von einer Stationsleitung den Satz:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abWir machen es hier auf die deutsche Art.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Satz ist f\u00fcr mich beispielhaft. Nicht weil die \u00abdeutsche Art\u00bb grunds\u00e4tzlich schlecht w\u00e4re. Sondern weil eine Schweizer Gesundheitsinstitution keine Aussenstelle einer anderen nationalen Arbeitskultur sein sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in die Schweiz kommt, darf Erfahrungen mitbringen. Er soll sie sogar einbringen. Aber er darf die lokale Wirklichkeit nicht einfach durch das ersetzen, was er aus seinem Herkunftssystem kennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gilt f\u00fcr Deutsche genauso wie f\u00fcr Menschen aus Serbien, Rum\u00e4nien, den Philippinen, Kamerun oder Myanmar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Pflege ist nicht nur Fachwissen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pflege ist Wissen, Handwerk, Beobachtung und klinisches Urteilsverm\u00f6gen. Aber sie ist ebenso Beziehung, Wahrnehmung, Sprache und Resonanz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch kann eine Pflegehandlung technisch korrekt ausf\u00fchren und den gepflegten Menschen trotzdem nicht wirklich erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade hochbetagte, demente, sterbende, \u00e4ngstliche oder delirante Menschen dr\u00fccken ihre Bed\u00fcrfnisse nicht immer in klaren Standards\u00e4tzen aus. Sie sprechen in Andeutungen, Bildern, Sprichw\u00f6rtern und Dialekt. Und sie ver\u00e4ndern ihren Tonfall. Sie schweigen. Und sie sagen \u00ab<em>Es isch scho recht<\/em>\u00bb, obwohl gar nichts &#8222;recht&#8220; ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche Bedeutungen stehen nicht im W\u00f6rterbuch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ich in <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/sprache-das-unsichtbare-betriebssystem-unserer-wirklichkeit\/\">\u00abSprache \u2013 das unsichtbare Betriebssystem unserer Wirklichkeit\u00bb<\/a>\u2060 beschreibe, transportiert Sprache nicht bloss Informationen. Sie ordnet Erfahrungen und Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wie ich in <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/emotionen-unter-der-oberflaeche-der-worte\/\">\u00abEmotionen unter der Oberfl\u00e4che der Worte\u00bb<\/a>\u2060 darlege, befindet sich das Entscheidende h\u00e4ufig nicht in den ausgesprochenen W\u00f6rtern, sondern darunter.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Muttersprache tr\u00e4gt Gef\u00fchle anders<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die psycholinguistische Forschung zeigt, dass emotional bedeutsame Aussagen in der Erstsprache h\u00e4ufig unmittelbarer erlebt werden als in einer sp\u00e4ter erlernten Sprache. Eine Fremdsprache kann emotional distanzierender wirken \u2013 abh\u00e4ngig davon, wann, wie und in welchem Umfeld sie erlernt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Demenz kann sich dieser Effekt versch\u00e4rfen. Menschen verlieren unter Umst\u00e4nden sp\u00e4ter erworbene Sprachf\u00e4higkeiten fr\u00fcher und greifen st\u00e4rker auf ihre Erstsprache oder den Dialekt ihrer Kindheit zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in solchen Situationen nur den ungef\u00e4hren Inhalt eines Satzes versteht, hat m\u00f6glicherweise dessen menschliche Bedeutung noch nicht verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das betrifft Angst, Schmerz, Scham, Sexualit\u00e4t, Ausscheidung, Schuld, Trauer und Sterben \u2013 also genau jene Themen, bei denen Sprache in der Pflege am empfindlichsten ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>B2 ist eine Eintrittsschwelle, kein Qualit\u00e4tsnachweis<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Schweizerische Rote Kreuz verlangt f\u00fcr die Anerkennung vieler ausl\u00e4ndischer Gesundheitsabschl\u00fcsse Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2. Das ist sinnvoll und notwendig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber B2 bescheinigt keine sichere Verst\u00e4ndigung in jeder Pflegesituation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es pr\u00fcft insbesondere nicht zuverl\u00e4ssig:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>das Verstehen von Schweizerdeutsch in nat\u00fcrlicher Sprechgeschwindigkeit,<\/li>\n\n\n\n<li>regionale Ausdr\u00fccke und Redewendungen,<\/li>\n\n\n\n<li>indirekte Hinweise auf Schmerzen oder Angst,<\/li>\n\n\n\n<li>Gespr\u00e4che mit Menschen mit Demenz, Aphasie oder Delir,<\/li>\n\n\n\n<li>moralisch und emotional belastende Situationen,<\/li>\n\n\n\n<li>Gespr\u00e4che am Lebensende,<\/li>\n\n\n\n<li>institutionelle Abk\u00fcrzungen und lokale Fachsprache,<\/li>\n\n\n\n<li>humorvolle, ironische oder besch\u00e4mte \u00c4usserungen,<\/li>\n\n\n\n<li>das Erkennen dessen, was ein Mensch gerade nicht direkt sagen kann.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Schweizer Untersuchung aus Basel zeigte, wie leicht Gesundheitsfachpersonen die Sprachkompetenz eines Gegen\u00fcbers \u00fcbersch\u00e4tzen. Freundliches Nicken, passende Gestik und einzelne richtige Antworten k\u00f6nnen den Eindruck erzeugen, ein Gespr\u00e4ch sei verstanden worden, obwohl wesentliche Inhalte verloren gingen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch internationale Pflegefachpersonen berichten nach bestandenen Sprachpr\u00fcfungen weiterhin \u00fcber Schwierigkeiten mit Akzenten, Dialekten, Umgangssprache, Tempo und situativer Bedeutung. Das ist kein moralisches Versagen. Es zeigt, dass Sprache im Berufsalltag weit mehr ist als ein Zertifikat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb sollte gelten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schweizerdeutsch aktiv zu sprechen, muss nicht Pflicht sein. Die Menschen zuverl\u00e4ssig zu verstehen, die Schweizerdeutsch sprechen, kann in der direkten Pflege jedoch sehr wohl eine notwendige berufliche Kompetenz sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ist kulturelles Verst\u00e4ndnis angeboren oder erlernbar?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine bisherige Formulierung, kulturelles Verst\u00e4ndnis sei bei lokal verwurzelten Menschen \u00abintuitiv\u00bb und bei Zugewanderten lediglich \u00aberlernt\u00bb, braucht eine wissenschaftliche Pr\u00e4zisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung zu klinischer Intuition und implizitem Wissen zeigt: Intuition ist nicht angeborenes nationales Wissen. Sie entsteht durch viele Erfahrungen, Wiederholungen, R\u00fcckmeldungen und Beziehungen. Das Gehirn verdichtet Gelerntes so lange, bis Wahrnehmung und Reaktion schnell und scheinbar selbstverst\u00e4ndlich erfolgen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Intuition ist somit meistens <strong>hochgradig erlerntes Wissen, das nicht mehr bewusst abgerufen werden muss<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet zweierlei:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erstens besitzen Menschen, die in einer Region aufgewachsen sind, h\u00e4ufig einen erheblichen Erfahrungsvorsprung. Sie haben Sprachmelodie, H\u00f6flichkeitsformen, Konfliktverhalten, Generationserfahrungen und unausgesprochene Regeln \u00fcber Jahrzehnte aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zweitens k\u00f6nnen Zugewanderte dieses Verst\u00e4ndnis tats\u00e4chlich erwerben. Aber nicht automatisch, nicht allein durch Anwesenheit und nicht ohne ernsthafte Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Partner ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel. Er stammt aus Myanmar, sieht unverkennbar asiatisch aus und lebt erst seit einigen Jahren in der Schweiz. Trotzdem vertrauen ihm viele Bewohnerinnen und Bewohner.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er versteht zunehmend Schweizerdeutsch, spricht selbst etwas Dialekt, kennt Menschen und Familien im Dorf und begegnet den Bewohnern ausserordentlich feinf\u00fchlig. Durch seine Beziehung zu mir, durch pers\u00f6nliche Begegnungen und durch sein eigenes Engagement ist er im lokalen Umfeld nicht mehr einfach ein Fremder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Wurzeln sind nicht verschwunden. Es sind neue hinzugewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist Multiversit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wurzeln sind kein erbliches Zertifikat. Wurzeln k\u00f6nnen wachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umgekehrt kann ein Mensch einen Schweizer Pass besitzen und trotzdem wenig Interesse f\u00fcr die Biografie, Sprache und Lebenswelt seiner Patientinnen und Patienten zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Pass entscheidet deshalb nicht \u00fcber Pflegequalit\u00e4t. Die lokale Verwurzelung kann sie aber beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was ich unter einem Wurzel-Mix verstehe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff <strong>Wurzel-Mix<\/strong> ist kein etablierter wissenschaftlicher Fachbegriff. Ich verwende ihn als praxisbezogene Erweiterung meines Modells der Multiversit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Wurzel-Mix z\u00e4hlt keine Nationalit\u00e4ten. Er beschreibt die im Team vorhandenen Zug\u00e4nge zu den Lebenswelten der betreuten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>lokale sprachliche und dialektale Verankerung,<\/li>\n\n\n\n<li>Verst\u00e4ndnis der regionalen und generationellen Lebenswelt,<\/li>\n\n\n\n<li>Kenntnis des Schweizer Gesundheits- und Sozialsystems,<\/li>\n\n\n\n<li>Vertrautheit mit den rechtlichen und berufsethischen Grundlagen,<\/li>\n\n\n\n<li>Beziehungen zur \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung,<\/li>\n\n\n\n<li>transnationale und interkulturelle Erfahrungen,<\/li>\n\n\n\n<li>Zugang zu den Erstsprachen und Biografien zugewanderter Bewohner,<\/li>\n\n\n\n<li>die F\u00e4higkeit, unterschiedliche Perspektiven in eine gemeinsame Praxis zu \u00fcbersetzen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jede Pflegeperson muss alles davon mitbringen. Genau deshalb braucht es den Mix.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Bewohnerin aus dem Toggenburg ben\u00f6tigt vielleicht eine Person, die ihre schweizerdeutschen Andeutungen versteht. Ein italienischsprachiger Bewohner braucht in einem belastenden Moment wom\u00f6glich jemanden, der mit ihm Italienisch sprechen kann. Eine \u00e4ltere Frau aus Bosnien kann bei fortschreitender Demenz in ihre Erstsprache zur\u00fcckkehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Multiversit\u00e4t bedeutet nicht, dass ausschliesslich schweizerische Wurzeln gesch\u00fctzt werden. Es bedeutet, dass die tats\u00e4chlich vorhandenen Wurzeln der betreuten Menschen im Team nicht verloren gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Skill-Mix sch\u00fctzt vor fachlicher Unterversorgung. <br>Ein Wurzel-Mix sch\u00fctzt vor menschlicher Entfremdung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was die Forschung zur \u00dcbereinstimmung von Sprache und Herkunft sagt<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine systematische \u00dcbersichtsarbeit zu sprachlicher \u00dcbereinstimmung zwischen Behandelnden und Patientinnen beziehungsweise Patienten fand in 25 von 33 Studien mindestens einen besseren Behandlungs- oder Versorgungsindikator. Die Qualit\u00e4t der Einzelstudien war unterschiedlich, weshalb daraus kein einfaches Naturgesetz gemacht werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotzdem ist die Gesamtaussage deutlich: Direkte Verst\u00e4ndigung in einer gemeinsam sicher beherrschten Sprache kann Vertrauen, Informationsqualit\u00e4t, Beteiligung und bestimmte Versorgungsergebnisse verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere systematische \u00dcbersichtsarbeit aus Patientensicht zeigt, dass Menschen insbesondere Folgendes w\u00fcnschen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>klare Kommunikation,<\/li>\n\n\n\n<li>Respekt,<\/li>\n\n\n\n<li>Empathie,<\/li>\n\n\n\n<li>pers\u00f6nliche Zuwendung,<\/li>\n\n\n\n<li>Beteiligung an Entscheidungen,<\/li>\n\n\n\n<li>Ber\u00fccksichtigung ihrer kulturellen und biografischen Situation.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo diese Grundlagen fehlen, entsteht h\u00e4ufiger der Wunsch nach einer sprachlich oder kulturell \u00e4hnlichen Pflegeperson.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung findet jedoch keine einheitlichen Belege daf\u00fcr, dass gleiche ethnische Herkunft automatisch bessere Versorgung erzeugt. F\u00fcr sprachliche \u00dcbereinstimmung sind die Hinweise deutlich st\u00e4rker als f\u00fcr eine vermeintliche ethnische \u00dcbereinstimmung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das passt zu meinen Beobachtungen: Patienten verlangen nicht zwingend nach einem bestimmten Pass. Sie suchen jemanden, von dem sie glauben, dass er sie wirklich versteht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vertrauen entsteht nicht durch Hautfarbe \u2013 aber Hautfarbe beeinflusst Bewertungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich stelle fest, dass Pflegende mit asiatischem Erscheinungsbild teilweise positivere R\u00fcckmeldungen erhalten als schwarze afrikanische Pflegende. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine beobachte ich zudem, dass Menschen mit russisch klingenden Namen manchmal schneller mit Misstrauen konfrontiert werden. Fr\u00fcher richteten sich \u00e4hnliche Vorbehalte in der Schweiz h\u00e4ufig gegen vermeintlich \u00abjugoslawische\u00bb Namen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Beobachtungen beweisen nicht, dass eine Gruppe besser pflegt als eine andere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie zeigen etwas anderes: Herkunft wird von Patientinnen und Patienten nicht nur erlebt, sondern auch <strong>zugeschrieben<\/strong> \u2013 \u00fcber Namen, Hautfarbe, Akzent, Kleidung und aktuelle politische Ereignisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Experimente belegen, dass identische medizinische Aussagen je nach Akzent unterschiedlich kompetent beurteilt werden k\u00f6nnen. Grosse Untersuchungen von Patientenbewertungen zeigen ausserdem, dass rassifizierte Fachpersonen bei gleicher Leistung schlechter bewertet werden k\u00f6nnen, insbesondere wenn Patient und Fachperson unterschiedlichen zugeschriebenen Gruppen angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Internationale Untersuchungen berichten, dass schwarze Pflegefachpersonen h\u00e4ufiger Ablehnung, rassistische Bemerkungen oder eine Infragestellung ihrer Kompetenz erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum d\u00fcrfen Patientenr\u00fcckmeldungen nicht unkritisch mit objektiver Pflegequalit\u00e4t gleichgesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es braucht eine klare Unterscheidung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u00abIch habe die Erkl\u00e4rung nicht verstanden\u00bb ist ein ernst zu nehmendes Sprach- und Sicherheitsproblem.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abIch konnte mit dieser Person nicht \u00fcber meine Angst sprechen\u00bb ist ein ernst zu nehmendes Beziehungsproblem.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abIch will von keinem Schwarzen, Russen oder Menschen aus dem Balkan gepflegt werden\u00bb ist eine diskriminierende Verallgemeinerung.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Patientinnen und Patienten d\u00fcrfen \u00c4ngste und Bed\u00fcrfnisse \u00e4ussern. Mitarbeitende haben gleichzeitig Anspruch auf Schutz vor rassistischer Dem\u00fctigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Multiversit\u00e4t verlangt beides: sensible Pflege und klare Grenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Internationale Pflegefachpersonen sind keine schlechteren Pflegefachpersonen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Systematische \u00dcbersichtsarbeiten zur beruflichen Integration international ausgebildeter Pflegefachpersonen beschreiben wiederkehrende Herausforderungen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>unbekannte Rollen und Zust\u00e4ndigkeiten,<\/li>\n\n\n\n<li>abweichende Hierarchien,<\/li>\n\n\n\n<li>neue Dokumentationsformen,<\/li>\n\n\n\n<li>ungewohnte Fachbegriffe und Abk\u00fcrzungen,<\/li>\n\n\n\n<li>Dialekte, Akzente und Umgangssprache,<\/li>\n\n\n\n<li>unterschiedliche Kommunikationsstile,<\/li>\n\n\n\n<li>kulturelle Irritationen,<\/li>\n\n\n\n<li>Diskriminierung und soziale Isolation,<\/li>\n\n\n\n<li>fehlende Begleitung durch die Institution.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine international ausgebildete Pflegefachperson kann klinisch sehr erfahren sein und im neuen System dennoch vor\u00fcbergehend zur <strong>kulturellen Anf\u00e4ngerin<\/strong> werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist kein Widerspruch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Forschung zeigt zugleich, dass strukturierte Einf\u00fchrung, Mentoring, gesch\u00fctzte Lernzeit, sprachliche Unterst\u00fctzung und kontinuierliche Reflexion diese \u00dcberg\u00e4nge erleichtern. Wo Organisationen nur rekrutieren, aber nicht integrieren, lassen sie sowohl die neuen Mitarbeitenden als auch die bestehenden Teams allein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deshalb ist mir eine doppelte Aussage wichtig:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fordern, ohne zu bef\u00e4higen, ist unfair. Bef\u00e4higen, ohne zu pr\u00fcfen, ist verantwortungslos.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer in der Schweiz pflegt, muss nicht seine Herkunft ablegen und \u00abSchweizer werden\u00bb. Aber er oder sie muss lernen, Menschen in ihrer schweizerischen und lokalen Lebenswelt zuverl\u00e4ssig zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gilt ausdr\u00fccklich auch f\u00fcr deutsche Pflegefachpersonen. Eine gemeinsame Standardsprache bedeutet noch keine gemeinsame Kultur. Begriffe, Hierarchien, Erwartungen, Humor, Gespr\u00e4chsf\u00fchrung und das Verh\u00e4ltnis zu Autorit\u00e4t k\u00f6nnen sich deutlich unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Moralische Anpassung bedeutet nicht kulturelle Unterwerfung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich eine aktive Auseinandersetzung mit Moralvorstellungen verlange, meine ich nicht, dass Zugewanderte jede private oder traditionelle Schweizer Haltung \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Schweiz ist kulturell vielf\u00e4ltig. Nicht jede Schweizer Gewohnheit ist ethisch richtig oder bewahrenswert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verbindlich sind jedoch der rechtliche und berufsethische Kern der hiesigen Versorgung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die W\u00fcrde jedes Menschen,<\/li>\n\n\n\n<li>k\u00f6rperliche und pers\u00f6nliche Selbstbestimmung,<\/li>\n\n\n\n<li>informierte Zustimmung,<\/li>\n\n\n\n<li>Gleichbehandlung,<\/li>\n\n\n\n<li>Schutz der Privatsph\u00e4re,<\/li>\n\n\n\n<li>Gewaltfreiheit,<\/li>\n\n\n\n<li>professionelle N\u00e4he und Distanz,<\/li>\n\n\n\n<li>Patienten- und Bewohnerrechte,<\/li>\n\n\n\n<li>das Recht auf verst\u00e4ndliche Information,<\/li>\n\n\n\n<li>respektvoller Umgang unabh\u00e4ngig von Geschlecht, Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder sozialem Status.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Grundlagen sind nicht fakultativ. Sie m\u00fcssen vermittelt, vorgelebt und \u00fcberpr\u00fcft werden \u2013 bei Schweizer Mitarbeitenden genauso wie bei Zugewanderten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kulturelle Kompetenz darf dabei nicht zu einem Katalog von Stereotypen verkommen. Die Forschung bevorzugt zunehmend das Konzept der <strong>kulturellen Demut<\/strong>: die Bereitschaft, das eigene Denken fortlaufend zu \u00fcberpr\u00fcfen, Machtverh\u00e4ltnisse wahrzunehmen und den einzelnen Menschen nach seiner pers\u00f6nlichen Wirklichkeit zu fragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kultur erkl\u00e4rt einen Menschen. Sie definiert ihn nicht vollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was die Schweizer Zahlen zeigen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Anteil international ausgebildeter Pflegefachpersonen ist erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach den aktuellen Daten des <a href=\"https:\/\/ind.obsan.admin.ch\/indicator\/pflemo\/pflege-und-betreuungspersonal-mit-auslaendischem-abschluss\">Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums<\/a>\u2060 verf\u00fcgten 2024 schweizweit rund <strong>33,2 Prozent<\/strong> des Pflegepersonals auf Terti\u00e4rstufe \u00fcber einen ausl\u00e4ndischen Abschluss. In den Spit\u00e4lern waren es 33,7 Prozent, in den Pflegeheimen 31,7 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Kanton St. Gallen lagen die Anteile tiefer: insgesamt 19,8 Prozent, in den Spit\u00e4lern 21,5 Prozent und in den Pflegeheimen 14,4 Prozent. In den St. Galler Spit\u00e4lern stieg der Anteil jedoch von 12,5 Prozent im Jahr 2013 auf 21,5 Prozent im Jahr 2024.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Werte sagen nichts \u00fcber den Pass, die Muttersprache, die Aufenthaltsdauer oder das Verst\u00e4ndnis des Schweizerdeutschen aus. Vor allem zeigen Durchschnittswerte nicht, wie sich Personal auf einzelne Stationen verteilt. Eine Abteilung kann kulturell sehr einseitig zusammengesetzt sein, obwohl der kantonale Durchschnitt unauff\u00e4llig erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der neue <a href=\"https:\/\/www.obsan.admin.ch\/sites\/default\/files\/2026-09\/obsan_05_2026_bericht.pdf\">Obsan-Bericht zur Entwicklung des Pflegepersonals<\/a>\u2060 zeigt zugleich, weshalb die Schweiz so stark international rekrutiert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Direkt nach dem Abschluss arbeiten noch etwa drei Viertel der diplomierten Pflegefachpersonen in einer Gesundheitsinstitution.<\/li>\n\n\n\n<li>Im Alter von 40 Jahren sind es nur noch ungef\u00e4hr 47 Prozent.<\/li>\n\n\n\n<li>Bis 2034 d\u00fcrfte rund ein Drittel der 2024 vorhandenen Belegschaft eine Gesundheitsinstitution verlassen haben.<\/li>\n\n\n\n<li>Die im Inland ausgebildeten Pflegefachpersonen k\u00f6nnten nur ungef\u00e4hr 40 bis 55 Prozent des k\u00fcnftigen Bedarfs auf Terti\u00e4rstufe decken.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schweiz ist damit strukturell von internationalem Pflegepersonal abh\u00e4ngig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Abh\u00e4ngigkeit ist kein Grund, auf Integration zu verzichten. Sie macht Integration umso wichtiger.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Werden Schweizer Pflegende verdr\u00e4ngt?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Wahrnehmung ist, dass der steigende Anteil neu zugewanderter Mitarbeitender auf manchen Stationen mit einer zus\u00e4tzlichen Verdr\u00e4ngung lokal verwurzelter Pflegefachpersonen einhergeht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als pauschale Aussage ist das wissenschaftlich nicht belegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Internationale Untersuchungen zu einer m\u00f6glichen wirtschaftlichen Verdr\u00e4ngung einheimischer Pflegefachpersonen kommen zu widerspr\u00fcchlichen Ergebnissen. F\u00fcr die Schweiz fehlt meines Wissens ein \u00fcberzeugender kausaler Nachweis, dass zugewanderte Pflegepersonen Schweizerinnen und Schweizer direkt aus ihren Arbeitspl\u00e4tzen verdr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angesichts des grossen Personalmangels w\u00e4re eine simple Erkl\u00e4rung ohnehin wenig plausibel. Die meisten international rekrutierten Pflegenden besetzen Stellen, f\u00fcr die sich zu wenige Personen finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">M\u00f6glich und aus meiner Sicht wahrscheinlicher ist jedoch eine <strong>kulturelle und organisationale Verdr\u00e4ngungsspirale<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schlechte Arbeitsbedingungen treiben erfahrene und lokal verankerte Pflegende aus der direkten Versorgung. Offene Stellen m\u00fcssen dringend international besetzt werden. Gleichzeitig fehlen Zeit und Personal f\u00fcr eine gute Einf\u00fchrung. Neu Zugewanderte orientieren sich deshalb st\u00e4rker an ihren mitgebrachten Mustern oder an Kolleginnen und Kollegen aus denselben Netzwerken. Die verbleibenden erfahrenen Mitarbeitenden \u00fcbernehmen zus\u00e4tzlich \u00dcbersetzungs-, Korrektur- und Integrationsarbeit. Ihre Belastung steigt \u2013 und weitere verlassen die Station.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die einzelnen Elemente dieser Spirale sind durch Forschung gest\u00fctzt. Die gesamte Kausalkette ist f\u00fcr die Schweiz bisher jedoch nicht nachgewiesen. Sie sollte deshalb nicht behauptet, sondern untersucht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das w\u00e4re eine wichtige Aufgabe f\u00fcr Institutionen: nicht \u00fcber Eindr\u00fccke zu streiten, sondern Daten zu erheben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie viele lokal erfahrene Mitarbeitende verlassen eine Station? Weshalb gehen sie? Wer wird eingestellt? Wie werden Teams zusammengesetzt? Wer \u00fcbernimmt die Einarbeitung? Wie entwickeln sich Sprachereignisse, Patientenbeschwerden, Fluktuation und Krankheitsausf\u00e4lle?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erst dann wird aus einer Wahrnehmung organisationsbezogenes Wissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00abIn Deutschland ist es noch schlimmer\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer wieder h\u00f6re ich von neu zugezogenen deutschen Kolleginnen und Kollegen sinngem\u00e4ss:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00abIhr habt es hier doch paradiesisch. In Deutschland ist alles noch viel schlimmer.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht stimmt der Vergleich in einzelnen Bereichen sogar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er hilft einer \u00fcberlasteten Schweizer Pflegefachperson nicht. Er macht eine unsichere Besetzung nicht sicherer, gibt niemandem mehr Zeit und behebt weder moralischen Stress noch Personalmangel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sozialpsychologie kennt den entlastenden Effekt des Abw\u00e4rtsvergleichs: Im Vergleich mit einer schlechteren Situation erscheint die eigene Lage ertr\u00e4glicher. Als pers\u00f6nliche Bew\u00e4ltigung kann das verst\u00e4ndlich sein. Als Qualit\u00e4tsstrategie ist es gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Paradies ist kein Qualit\u00e4tsstandard. Und \u00abanderswo ist es schlimmer\u00bb ist keine Antwort auf \u00dcberlastung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Schweiz darf aus Erfahrungen anderer L\u00e4nder lernen. Sie sollte aber keine Verschlechterung hinnehmen, nur weil ein anderes System bereits st\u00e4rker besch\u00e4digt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ich in meinen Beitr\u00e4gen zur <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/schweizer-studien-zur-pflegekrise-psychischen-belastung-und-zum-verlust-von-fachkraeften\/\">Schweizer Pflegekrise<\/a>\u2060, zur <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/pflegeinitiative-mehr-menschen-ausbilden\/\">Pflegeinitiative<\/a>\u2060 und zu <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/moral-distress-wenn-pflegende-wissen-was-richtig-waere-es-aber-nicht-tun-koennen\/\">Moral Distress<\/a>\u2060 ausgef\u00fchrt habe, entsteht Personalverlust nicht einfach aus mangelnder Belastbarkeit. Menschen verlassen das Bett, wenn sie dauerhaft nicht mehr so arbeiten k\u00f6nnen, wie es fachlich und menschlich richtig w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Internationale Rekrutierung darf nicht dazu dienen, diese Ursache zu verdecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was verbindlich gefordert und gepr\u00fcft werden sollte<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich pl\u00e4diere nicht f\u00fcr eine Herkunftsquote. Ich pl\u00e4diere f\u00fcr eine <strong>verbindliche lokale Verankerungskompetenz<\/strong> in jedem Team und auf jeder Schicht.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Die sprachliche Wirklichkeit der Bewohner erfassen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Eintritt sollte dokumentiert werden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>In welcher Sprache denkt und f\u00fchlt die Person?<\/li>\n\n\n\n<li>Welchen Dialekt versteht und spricht sie?<\/li>\n\n\n\n<li>In welcher Sprache kann sie \u00fcber Angst, Schmerzen oder Sterben sprechen?<\/li>\n\n\n\n<li>Ver\u00e4ndert sich ihre Sprache bei Stress, Delir oder Demenz?<\/li>\n\n\n\n<li>Welche Formulierungen haben in ihrer Biografie eine besondere Bedeutung?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Rezeptives Schweizerdeutsch verbindlich pr\u00fcfen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine schriftliche Sprachpr\u00fcfung gen\u00fcgt nicht. Gepr\u00fcft werden sollten reale Pflegesituationen mit Dialekt, undeutlicher Aussprache, indirekten Aussagen, Scham, Schmerz, Demenz und emotionaler Belastung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist nicht, ob jemand Dialekt imitieren kann. Entscheidend ist, ob er ihn zuverl\u00e4ssig versteht und angemessen reagiert.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Lokale Einf\u00fchrung f\u00fcr alle Zugewanderten<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch deutschsprachige Zuz\u00fcger ben\u00f6tigen eine Einf\u00fchrung in:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Schweizer Rollen- und Kompetenzordnungen,<\/li>\n\n\n\n<li>Patienten- und Bewohnerrechte,<\/li>\n\n\n\n<li>hiesige Vorstellungen von Autonomie,<\/li>\n\n\n\n<li>Umgang mit Angeh\u00f6rigen,<\/li>\n\n\n\n<li>lokale Kommunikationsformen,<\/li>\n\n\n\n<li>kantonale und institutionelle Abl\u00e4ufe,<\/li>\n\n\n\n<li>palliativen und ethischen Entscheidungsprozesse,<\/li>\n\n\n\n<li>regionale Sprache und Lebenswelt.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Lernen nicht dem Zufall \u00fcberlassen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Internationale Mitarbeitende brauchen Mentoren mit gesch\u00fctzter Zeit. Die Einarbeitung sollte nicht nach wenigen Einf\u00fchrungstagen als abgeschlossen gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sinnvoll w\u00e4ren \u00fcberpr\u00fcfbare Entwicklungsziele nach drei, sechs und zw\u00f6lf Monaten \u2013 nicht zur Bestrafung, sondern zur Patientensicherheit und zum gezielten Lernen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>5. F\u00fchrung strenger beurteilen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer eine Station oder einen Pflegedienst f\u00fchrt, pr\u00e4gt Sprache, Normen, Personalentscheidungen und Kultur. Deshalb m\u00fcssen F\u00fchrungspersonen ein besonders hohes Verst\u00e4ndnis des lokalen Systems nachweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fachliche F\u00fchrungskompetenz allein reicht nicht, wenn eine Leitung das schweizerische Umfeld nicht versteht oder ihre Herkunftskultur zur neuen Stationsnorm erkl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verfassung von Zeugnissen und Arbeitsbest\u00e4tigungen, der Umgang mit Krankheit und Unf\u00e4llen von Mitarbeitenden und auch die F\u00fchrung von Mitarbeitergespr\u00e4chen folgen in der Schweiz eigenen gesetzlichen Vorgaben und lokalen Gepflogenheiten, die sich deutlich von denen im benachbarten Ausland unterscheiden. Darauf ist mit Nachdruck zu achten will man nicht mittelfristig lokale Mitarbeitende verlieren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>6. Rekrutierungsnetzwerke transparent machen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn F\u00fchrungspersonen \u00fcberwiegend Menschen aus ihren eigenen Netzwerken einstellen, muss dies sichtbar werden. Strukturierte Auswahlverfahren, gemischte Rekrutierungsgremien und regelm\u00e4ssige Analysen der Teamzusammensetzung k\u00f6nnen unbewusste Homophilie begrenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht die einzelne Nationalit\u00e4t ist das Problem. Problematisch wird die Konzentration von Macht, Sprache und Normsetzung in einer geschlossenen Gruppe.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>7. Die Integrationskapazit\u00e4t einer Station ber\u00fccksichtigen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Station kann nicht beliebig viele neue Mitarbeitende gleichzeitig einarbeiten. Entscheidend ist nicht eine starre L\u00e4nderquote, sondern das Verh\u00e4ltnis von neuen zu erfahrenen, lokal kundigen Mitarbeitenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo Mentoren, Sprachressourcen und stabile Teams fehlen, wird jede zus\u00e4tzliche Rekrutierung zur Belastung f\u00fcr beide Seiten.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>8. Patientenr\u00fcckmeldungen genauer erheben<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt allgemein nach \u00abZufriedenheit\u00bb zu fragen, sollten konkrete Fragen gestellt werden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Haben Sie die Pflegeperson verstanden?<\/li>\n\n\n\n<li>Wurden Ihre \u00c4usserungen richtig aufgenommen?<\/li>\n\n\n\n<li>Konnten Sie \u00fcber \u00c4ngste und Sorgen sprechen?<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fchlten Sie sich respektiert?<\/li>\n\n\n\n<li>Wurde nachgefragt, wenn etwas unklar war?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Solche R\u00fcckmeldungen m\u00fcssen mit Beobachtungen, klinischen Ergebnissen und m\u00f6glichen Vorurteilen abgeglichen werden. Eine schlechte Bewertung ist ein Signal, aber noch kein objektives Urteil \u00fcber Kompetenz.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>9. Diskriminierung nicht als Patientenwunsch tarnen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mitarbeitende m\u00fcssen vor rassistischer Beschimpfung und pauschaler Ablehnung gesch\u00fctzt werden. Gleichzeitig d\u00fcrfen Institutionen nicht jede sprachliche oder kulturelle Schwierigkeit vorschnell als Rassismus abwehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beides kommt vor. Professionelle F\u00fchrung muss unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>10. Lokal verankerte Pflegende am Bett halten<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der wirksamste Wurzel-Mix entsteht nicht durch Quoten, sondern durch gute Arbeitsbedingungen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>verl\u00e4ssliche Besetzungen,<\/li>\n\n\n\n<li>tragbare Arbeitslast,<\/li>\n\n\n\n<li>faire Dienstplanung,<\/li>\n\n\n\n<li>weniger unn\u00f6tige Administration,<\/li>\n\n\n\n<li>wirksame Mitbestimmung,<\/li>\n\n\n\n<li>einfache, pflegefreundliche Dokumentationssysteme,<\/li>\n\n\n\n<li>respektvolle F\u00fchrung,<\/li>\n\n\n\n<li>Zeit f\u00fcr Beziehung und Anleitung,<\/li>\n\n\n\n<li>reale berufliche Entwicklungsm\u00f6glichkeiten am Bett.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer lokale Erfahrung erhalten will, muss die Menschen halten, die sie tragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Multiversit\u00e4t ist keine Anpassung in nur eine Richtung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Aufnahmegesellschaft tr\u00e4gt Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zugewanderte k\u00f6nnen Schweizerdeutsch nicht lernen, wenn Kolleginnen absichtlich undeutlich sprechen oder jede Frage l\u00e4cherlich machen. Sie k\u00f6nnen lokale Kultur nicht verstehen, wenn niemand sie erkl\u00e4rt. Sie k\u00f6nnen keine Sicherheit entwickeln, wenn Fehler besch\u00e4mend behandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Integration verlangt deshalb psychologische Sicherheit. Dazu habe ich in <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/psychologische-sicherheit-der-unsichtbare-schluessel-erfolgreicher-kommunikation-und-zusammenarbeit\/\">\u00abPsychologische Sicherheit \u2013 der unsichtbare Schl\u00fcssel erfolgreicher Kommunikation und Zusammenarbeit\u00bb<\/a>\u2060 ausf\u00fchrlich geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber psychologische Sicherheit bedeutet nicht Anspruchslosigkeit. Sie bedeutet, Fragen und Unsicherheiten offenlegen zu k\u00f6nnen, damit gelernt und korrigiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Multiversit\u00e4t ist gegenseitige Bewegung \u2013 aber nicht v\u00f6llige Beliebigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Institution ist verpflichtet, Lernen zu erm\u00f6glichen. Die zugewanderte Pflegeperson ist verpflichtet, sich ernsthaft darauf einzulassen. Lokal verwurzelte Mitarbeitende m\u00fcssen offen f\u00fcr neue Erfahrungen bleiben. Neu Zugewanderte m\u00fcssen respektieren, dass die bestehende Lebenswelt nicht einfach durch ihre vertrauten Normen ersetzt werden darf.<br>Es darf von einem Zugewanderten durchaus verlangt werden, das neue Arbeistumfeld und die lokalen Mitarbeitenden zu respektieren und sich mit den lokalen Gepflogenheiten aktiv auseinanderzusetzen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide Seiten d\u00fcrfen einander ver\u00e4ndern. Keine Seite darf die andere verdr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wir sind die Schweiz<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich sage: \u00abWir sind die Schweiz\u00bb, meine ich damit keine nationale \u00dcberlegenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine Aussage \u00fcber Verantwortung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Institutionen sind f\u00fcr die Menschen da, die hier leben. Diese Menschen d\u00fcrfen erwarten, dass ihre Sprache, ihre Biografie, ihre Rechte und ihre Lebenswelt in der Pflege nicht zu st\u00f6renden Nebensachen werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie d\u00fcrfen erwarten, dass jemand sie versteht, wenn sie Schmerzen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass jemand h\u00f6rt, was hinter einem schweizerdeutschen \u00ab<em>Es goht scho<\/em>\u00bb verborgen liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass sie in einem Heim, in das sie vielleicht nicht freiwillig eingetreten sind, wenigstens mit einem Menschen \u00fcber Angst, Verlust und Sterben sprechen k\u00f6nnen, ohne zuerst ihre Gef\u00fchle in eine standardisierte Fremdsprache \u00fcbersetzen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genauso d\u00fcrfen international ausgebildete Pflegende erwarten, dass sie nicht als billige L\u00fcckenf\u00fcller behandelt werden. Dass man ihre Kompetenzen anerkennt, sie sorgf\u00e4ltig einf\u00fchrt und vor Diskriminierung sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wurzel-Mix verbindet diese Anspr\u00fcche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er verlangt keine ethnische Reinheit. Er verhindert kulturelle Monokulturen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und er h\u00e4lt lokale Erfahrung im Team und \u00f6ffnet es gleichzeitig f\u00fcr neue Perspektiven.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er macht aus Diversit\u00e4t Multiversit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielfalt wird nicht dadurch zur St\u00e4rke, dass viele Herkunftsl\u00e4nder im Dienstplan stehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wird dann zur St\u00e4rke, wenn jeder Mensch im Bett sagen kann:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ich werde verstanden \u2013 fachlich, sprachlich und menschlich.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wissenschaftliche Grundlagen und weiterf\u00fchrende Quellen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Diamond, L. et al. (2019): <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s11606-019-04847-5\">A systematic review of the impact of patient\u2013physician non-English language concordance on quality of care and outcomes<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Scheffelaar, A. et al. (2018): <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC6264609\/\">How to improve the quality of care relationships in long-term care<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Gerchow, L. et al. (2021): <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/32994104\/\">Language barriers between nurses and patients: A scoping review<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Al Shamsi, H. et al. beziehungsweise aktuelle \u00dcbersicht aus Patientensicht (2024): <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1186\/s12939-024-02189-1\">Diversity-sensitive care from the patient perspective<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Caldwell-Harris, C. L. (2014): <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC4172089\/\">Emotionality differences between a native and foreign language<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>McMurtray, A. et al. (2009): <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/19842364\/\">Language regression in bilingual patients with dementia<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Viken, B. et al. (2018): <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC6177550\/\">Cultural transition experiences of internationally educated nurses<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Rajpoot, M. et al. (2024): <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC11145537\/\">Internationally educated nurses\u2019 transition and integration<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Connolly, M. et al. (2026): <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1186\/s12912-026-04654-4\">Strategies supporting internationally educated nurses\u2019 integration<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Roth, C. et al. (2021): <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1186\/s12912-021-00581-8\">Internationally trained nurses and perceptions of working conditions and patient safety<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Meuter, R. et al. beziehungsweise Basler Untersuchung: <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC6206329\/\">How clinicians assess patients\u2019 language proficiency<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Baquiran, C. und Nicoladis, E. (2020): <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/30835569\/\">A doctor\u2019s foreign accent affects perceptions of competence<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Shaw, J. et al. (2023): <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/37341950\/\">Racial concordance and patient experience scores<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Hamed, S. et al. (2022): <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1186\/s12889-022-13122-y\">Racism and racial discrimination against healthcare workers<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Tervalon, M. und Murray-Garc\u00eda, J. (1998): <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/10073197\/\">Cultural humility versus cultural competence<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>McPherson, M., Smith-Lovin, L. und Cook, J. M. (2001): <a href=\"https:\/\/www.annualreviews.org\/content\/journals\/10.1146\/annurev.soc.27.1.415\">Birds of a Feather: Homophily in Social Networks<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Schweizerisches Gesundheitsobservatorium: <a href=\"https:\/\/ind.obsan.admin.ch\/indicator\/pflemo\/pflege-und-betreuungspersonal-mit-auslaendischem-abschluss\">Pflegepersonal mit ausl\u00e4ndischem Abschluss<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (2026): <a href=\"https:\/\/www.obsan.admin.ch\/sites\/default\/files\/2026-09\/obsan_05_2026_bericht.pdf\">Bedarf, Angebot und berufliche Verl\u00e4ufe des Pflegepersonals<\/a>\u2060.<\/li>\n\n\n\n<li>Schweizerisches Rotes Kreuz: <a href=\"https:\/\/www.redcross.ch\/de\/unser-angebot\/gesundheitsberufe-anerkennung-und-registrierung\/anerkennung-auslaendischer-diplome\">Anerkennung ausl\u00e4ndischer Gesundheitsabschl\u00fcsse und Sprachanforderungen<\/a>\u2060.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Christoph J. Zingg, 2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wurzel-Mix in der Pflege &#8211; Warum Sprache, Kultur und Vertrauen nicht dem Zufall \u00fcberlassen werden d\u00fcrfen<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":3552,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[668],"tags":[819,608],"class_list":["post-3551","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-pflege-gesundheiswesen","tag-der-wurzel-mix-in-der-pflege-warum-sprache","tag-kommunikation"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - 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