{"id":3432,"date":"2026-09-29T08:24:00","date_gmt":"2026-09-29T06:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/?p=3432"},"modified":"2026-08-23T19:48:19","modified_gmt":"2026-08-23T17:48:19","slug":"tom-kitwood-der-mensch-verschwindet-nicht-hinter-der-demenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/tom-kitwood-der-mensch-verschwindet-nicht-hinter-der-demenz\/","title":{"rendered":"Tom Kitwood: Der Mensch verschwindet nicht hinter der Demenz"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Warum Personsein, Beziehung und W\u00fcrde wichtiger sind als die Diagnose<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1290\" height=\"726\" data-attachment-id=\"3435\" data-permalink=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?fit=1672%2C941&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1672,941\" data-comments-opened=\"1\" data-image-title=\"2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?fit=1024%2C576&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?resize=1290%2C726&#038;ssl=1\" alt=\"2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d\" class=\"wp-image-3435\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?w=1672&amp;ssl=1 1672w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?resize=768%2C432&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/2be4d52c-28a3-49e0-a572-dd425df1488d.png?resize=1536%2C864&amp;ssl=1 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1290px) 100vw, 1290px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ueber-den-autor-christoph-j-zingg\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2795\">Christoph J. Zingg<\/a> (Autor)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ich hab ES vergessen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine \u00e4ltere Frau sitzt am Fr\u00fchst\u00fcckstisch. Vor ihr steht eine Tasse Kaffee. Eine Pflegefachperson kommt ins Zimmer, richtet die Medikamente und sagt zu einer Kollegin:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie hat heute wieder nichts gegessen. Nachher m\u00fcssen wir sie noch duschen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frau wird nicht angesprochen. Es wird \u00fcber sie gesprochen, als w\u00e4re sie nicht anwesend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht versteht sie nicht mehr jedes Wort. Vielleicht kann sie dem Gespr\u00e4ch nicht vollst\u00e4ndig folgen. Und vielleicht findet sie selbst keine passende Antwort mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber sie h\u00f6rt den Tonfall. Sie nimmt wahr, dass andere \u00fcber sie verf\u00fcgen. Sie sp\u00fcrt m\u00f6glicherweise Hektik, Ungeduld oder Abwertung. Und vielleicht versteht sie mehr, als ihr zugetraut wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der britische Sozialpsychologe und Theologe <strong>Tom Kitwood<\/strong> stellte eine Frage, die die Demenzpflege grundlegend ver\u00e4nderte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was geschieht mit einem Menschen, wenn seine Umgebung nur noch die Demenz sieht \u2013 und nicht mehr die Person?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine Antwort war ebenso einfach wie radikal:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Demenz ver\u00e4ndert den Menschen. Aber sie l\u00f6scht ihn nicht aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch mit Demenz bleibt ein Mensch mit einer Biografie, einer Identit\u00e4t, einer Geschichte, Beziehungen, Bed\u00fcrfnissen, Gewohnheiten, \u00c4ngsten, F\u00e4higkeiten und einer unverlierbaren W\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch verschwindet nicht hinter der Demenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal verschwindet er vielmehr hinter unserem Blick auf die Demenz.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wer war Tom Kitwood?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Thomas Marris Kitwood wurde 1937 geboren und starb 1998. Er studierte zun\u00e4chst Naturwissenschaften und Theologie und wandte sich sp\u00e4ter der Psychologie und Sozialpsychologie zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der Universit\u00e4t Bradford in Grossbritannien entwickelte er ab den 1980er-Jahren gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen einen neuen Zugang zur Demenzpflege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein bekanntestes Werk erschien 1997 unter dem Titel:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Dementia Reconsidered: The Person Comes First.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits der Titel war programmatisch: Demenz sollte neu betrachtet werden \u2013 und die Person sollte wieder an die erste Stelle treten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur damaligen Zeit wurde Demenz oft fast ausschliesslich als fortschreitender neurologischer Abbau verstanden. Die betroffenen Menschen wurden beschrieben anhand dessen, was sie nicht mehr konnten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>nicht mehr orientiert<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr urteilsf\u00e4hig<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr zuverl\u00e4ssig<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr selbstst\u00e4ndig<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr kommunikativ<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr kooperativ<\/li>\n\n\n\n<li>nicht mehr in der bisherigen Pers\u00f6nlichkeit erreichbar<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dieser Sichtweise schien der Krankheitsprozess nach und nach alles zu zerst\u00f6ren, was den Menschen ausmachte. \u00dcbrig blieb vermeintlich ein K\u00f6rper, der versorgt, besch\u00e4ftigt, beaufsichtigt und gesch\u00fctzt werden musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood stellte dieses Bild infrage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er bestritt die neurologischen Ver\u00e4nderungen nicht. Er behauptete auch nicht, Demenz sei bloss ein gesellschaftliches Konstrukt oder k\u00f6nne durch liebevolle Pflege geheilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seine entscheidende Erweiterung lautete:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie ein Mensch seine Demenz erlebt und wie er sich verh\u00e4lt, h\u00e4ngt nicht nur von den Ver\u00e4nderungen seines Gehirns ab, sondern ebenso von seinem k\u00f6rperlichen Zustand, seiner Pers\u00f6nlichkeit, seiner Lebensgeschichte, seinen Beziehungen und der Art, wie andere Menschen ihm begegnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wurde aus einem rein medizinischen Defizitmodell ein <strong>biopsychosoziales und relationales Verst\u00e4ndnis der Demenz<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das alte Bild: Die Krankheit verschlingt die Person<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem rein medizinischen Modell wird das Verhalten eines Menschen mit Demenz vor allem als Folge seiner Hirnsch\u00e4digung verstanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Bewohnerin ruft, wegl\u00e4uft, sich gegen die K\u00f6rperpflege wehrt oder unruhig wird, scheint die Erkl\u00e4rung schnell gefunden:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas ist ihre Demenz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Erkl\u00e4rung ist nicht immer falsch. Sie ist aber h\u00e4ufig unvollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn der Satz beendet die Suche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er fragt nicht mehr:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Hat die Frau Schmerzen?<\/li>\n\n\n\n<li>Muss sie zur Toilette?<\/li>\n\n\n\n<li>Hat sie Durst?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist ihr kalt?<\/li>\n\n\n\n<li>Versteht sie die Situation?<\/li>\n\n\n\n<li>Erkennt sie die Pflegeperson?<\/li>\n\n\n\n<li>Sch\u00e4mt sie sich bei der Intimpflege?<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fchlt sie sich bedr\u00e4ngt?<\/li>\n\n\n\n<li>Vermisst sie jemanden?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist die Umgebung zu laut?<\/li>\n\n\n\n<li>Hat sie Angst?<\/li>\n\n\n\n<li>Wird sie \u00fcberfordert?<\/li>\n\n\n\n<li>Erinnert die Situation sie an eine fr\u00fchere Verletzung?<\/li>\n\n\n\n<li>Wird ihr Verhalten durch unsere Kommunikation verst\u00e4rkt?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn alles mit \u201eder Demenz\u201c erkl\u00e4rt wird, verschwinden Kontext und Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood wollte die neurologische Erkrankung nicht leugnen. Er wollte verhindern, dass sie zur alleinigen Erkl\u00e4rung des ganzen Menschen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kitwoods erweitertes Demenzmodell<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood beschrieb das Erleben und Erscheinungsbild einer Demenz als Zusammenspiel mehrerer Einflussfaktoren. H\u00e4ufig wird sein Gedanke in einer Formel dargestellt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>D = NI + H + B + P + SP<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei stehen die Buchstaben sinngem\u00e4ss f\u00fcr:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>NI \u2013 neurologische Beeintr\u00e4chtigung<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>H \u2013 Gesundheit und k\u00f6rperlicher Zustand<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>B \u2013 Biografie beziehungsweise Lebensgeschichte<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>P \u2013 Pers\u00f6nlichkeit<\/strong><\/li>\n\n\n\n<li><strong>SP \u2013 Sozialpsychologie beziehungsweise soziales Umfeld<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Formel ist keine medizinische Berechnung. Man kann Demenz damit weder messen noch einen Wert ausrechnen. Sie ist eine Denkst\u00fctze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie erinnert daran, dass beobachtbares Verhalten mehrere Ursachen haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Neurologische Beeintr\u00e4chtigung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Art und Auspr\u00e4gung der Hirnver\u00e4nderung beeinflussen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ged\u00e4chtnis<\/li>\n\n\n\n<li>Sprache<\/li>\n\n\n\n<li>Aufmerksamkeit<\/li>\n\n\n\n<li>Orientierung<\/li>\n\n\n\n<li>Impulskontrolle<\/li>\n\n\n\n<li>Planung<\/li>\n\n\n\n<li>Wiedererkennung<\/li>\n\n\n\n<li>r\u00e4umliche Wahrnehmung<\/li>\n\n\n\n<li>Verhalten und Pers\u00f6nlichkeit<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Alzheimer-Demenz kann sich anders zeigen als eine frontotemporale, vaskul\u00e4re oder Lewy-K\u00f6rper-Demenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood verharmloste diese Ver\u00e4nderungen nicht. Er widersprach lediglich der Vorstellung, sie erkl\u00e4rten jede einzelne Reaktion vollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>K\u00f6rperliche Gesundheit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch mit Demenz kann Schmerzen, Atemnot, Harnverhalt, Obstipation, Hunger, Durst, M\u00fcdigkeit oder Nebenwirkungen h\u00e4ufig nicht mehr eindeutig benennen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was als \u201eherausforderndes Verhalten\u201c bezeichnet wird, kann Ausdruck einer unbehandelten k\u00f6rperlichen Belastung sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine pl\u00f6tzlich unruhige Bewohnerin braucht deshalb nicht automatisch ein beruhigendes Medikament. Sie braucht zun\u00e4chst eine sorgf\u00e4ltige Beurteilung:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ist die Ver\u00e4nderung neu?<\/li>\n\n\n\n<li>Besteht ein Delir?<\/li>\n\n\n\n<li>Gibt es Hinweise auf Infektion?<\/li>\n\n\n\n<li>Hat sie Schmerzen?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist die Brille vorhanden?<\/li>\n\n\n\n<li>Funktioniert das H\u00f6rger\u00e4t?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist sie \u00fcberm\u00fcdet?<\/li>\n\n\n\n<li>Hat sich die Medikation ver\u00e4ndert?<\/li>\n\n\n\n<li>Ist die Umgebung \u00fcberfordernd?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung ersetzt keine medizinische Diagnostik. Sie erweitert sie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Biografie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen reagieren nicht nur auf die gegenw\u00e4rtige Situation. Sie reagieren auch aus ihrer Lebensgeschichte heraus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ehemaliger Landwirt, der jeden Morgen um f\u00fcnf Uhr aufsteht und zur T\u00fcr gehen m\u00f6chte, ist m\u00f6glicherweise nicht einfach \u201eweglaufgef\u00e4hrdet\u201c. Er folgt einer \u00fcber Jahrzehnte verankerten Tagesstruktur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine fr\u00fchere Hausfrau, die Geschirrt\u00fccher sammelt und Tische abwischt, zeigt m\u00f6glicherweise nicht bloss \u201estereotypes Verhalten\u201c. Sie nimmt eine vertraute, identit\u00e4tsstiftende T\u00e4tigkeit auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Frau, die bei der Intimpflege heftig abwehrt, kann Scham empfinden, die Pflegeperson nicht erkennen oder fr\u00fchere Grenzverletzungen erneut erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Biografisches Wissen macht Verhalten nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rbar. Aber es \u00f6ffnet Deutungsm\u00f6glichkeiten, die ein reines Defizitmodell verschliesst.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Pers\u00f6nlichkeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Demenz erzeugt keinen vollst\u00e4ndig neuen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pers\u00f6nlichkeitsz\u00fcge, Gewohnheiten, Werte und Bew\u00e4ltigungsmuster k\u00f6nnen trotz kognitiver Ver\u00e4nderungen fortbestehen oder deutlicher hervortreten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch, der sein Leben lang selbstst\u00e4ndig, zur\u00fcckhaltend oder kontrolliert war, wird Abh\u00e4ngigkeit m\u00f6glicherweise anders erleben als jemand, der Unterst\u00fctzung leichter annehmen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer fr\u00fcher stark auf Ordnung angewiesen war, kann auf Ver\u00e4nderungen besonders angespannt reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Konflikten immer ausgewichen ist, kann sich auch mit Demenz eher zur\u00fcckziehen als offen protestieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierte Pflege fragt deshalb nicht nur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWelche Demenz hat dieser Mensch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWer war und wer ist dieser Mensch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sozialpsychologie und Beziehungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier liegt Kitwoods bedeutendste Erweiterung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das soziale Umfeld ist nicht nur die B\u00fchne, auf der sich eine Demenz zeigt. Es kann das Erleben und Verhalten aktiv beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch kann durch respektvolle Begleitung ruhiger, aufmerksamer und beteiligter werden. Derselbe Mensch kann unter Hektik, Besch\u00e4mung, L\u00e4rm oder Kontrolle Angst, Widerstand und R\u00fcckzug entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet nicht, dass Pflegende jede Unruhe verursachen. Es bedeutet auch nicht, dass gute Beziehung jede Symptomatik verhindern kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es bedeutet:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Qualit\u00e4t der Begegnung ist ein klinisch, pflegerisch und ethisch relevanter Einflussfaktor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet Personsein?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood verwendete den englischen Begriff <strong>Personhood<\/strong>, im Deutschen meist mit Personsein \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personsein ist mehr als biologische Existenz. Es bezeichnet den Status, der einem Menschen in Beziehungen und im sozialen Zusammenleben zuerkannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch wird als Person behandelt, wenn andere:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ihn wahrnehmen<\/li>\n\n\n\n<li>ihn ansprechen<\/li>\n\n\n\n<li>seine Reaktionen beachten<\/li>\n\n\n\n<li>seine Geschichte respektieren<\/li>\n\n\n\n<li>ihn an Entscheidungen beteiligen<\/li>\n\n\n\n<li>seine Gef\u00fchle ernst nehmen<\/li>\n\n\n\n<li>seine Grenzen sch\u00fctzen<\/li>\n\n\n\n<li>ihm F\u00e4higkeiten zutrauen<\/li>\n\n\n\n<li>ihn nicht auf seine Diagnose reduzieren<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods relationale Definition l\u00f6ste auch Kritik aus: Bleibt ein Mensch nur dann eine Person, wenn andere ihm diesen Status zugestehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ethisch muss die Antwort lauten: nein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die W\u00fcrde eines Menschen h\u00e4ngt nicht davon ab, ob andere sie anerkennen. Sie besteht auch dann, wenn die Umgebung versagt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods St\u00e4rke liegt jedoch in der praktischen Beobachtung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personsein kann in Beziehungen gest\u00e4rkt \u2013 oder im Alltag fortlaufend verletzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der moralische Wert des Menschen bleibt bestehen. Aber sein erlebtes Personsein kann durch die soziale Umgebung gef\u00f6rdert oder untergraben werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die f\u00fcnf psychologischen Bed\u00fcrfnisse<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood beschrieb f\u00fcnf eng miteinander verbundene psychologische Bed\u00fcrfnisse. In vielen Darstellungen steht <strong>Liebe<\/strong> als verbindendes Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Trost<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trost bedeutet mehr als Beruhigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch braucht Sicherheit, W\u00e4rme und die Erfahrung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch bin mit meiner Angst, meinem Schmerz oder meiner Verwirrung nicht allein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trost kann entstehen durch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ruhige Anwesenheit<\/li>\n\n\n\n<li>eine vertraute Stimme<\/li>\n\n\n\n<li>eine Hand, sofern Ber\u00fchrung gew\u00fcnscht ist<\/li>\n\n\n\n<li>bekannte Musik<\/li>\n\n\n\n<li>ein vertrautes Ritual<\/li>\n\n\n\n<li>langsame, klare Kommunikation<\/li>\n\n\n\n<li>Schutz vor \u00dcberforderung<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2. Bindung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen ben\u00f6tigen verl\u00e4ssliche Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Demenz kann die F\u00e4higkeit, eine Person eindeutig zu erkennen, abnehmen. Das Gef\u00fchl von Vertrautheit und Sicherheit kann dennoch fortbestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch weiss vielleicht nicht mehr, wie die Pflegefachperson heisst. Aber er kann sp\u00fcren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBei diesem Menschen bin ich sicher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00e4ufig wechselndes Personal, unvorhersehbare Abl\u00e4ufe und st\u00e4ndig neue Bezugspersonen k\u00f6nnen diese Sicherheit erschweren.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>3. Einbeziehung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen m\u00f6chten dazugeh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Bewohner, der schweigend am Rand einer Gruppe sitzt, ist nicht automatisch beteiligt. Einbeziehung bedeutet, dass seine Anwesenheit bemerkt und seine m\u00f6gliche Beteiligung unterst\u00fctzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann heissen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ihn mit Namen ansprechen<\/li>\n\n\n\n<li>Blickkontakt aufnehmen<\/li>\n\n\n\n<li>ihm Zeit f\u00fcr eine Reaktion geben<\/li>\n\n\n\n<li>ihn in Gespr\u00e4che einbeziehen<\/li>\n\n\n\n<li>nicht \u00fcber ihn hinwegreden<\/li>\n\n\n\n<li>T\u00e4tigkeiten an seine F\u00e4higkeiten anpassen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>4. Besch\u00e4ftigung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood meinte damit nicht bloss Aktivierung oder Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besch\u00e4ftigung bedeutet, an einer f\u00fcr die Person bedeutsamen T\u00e4tigkeit beteiligt zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine standardisierte Bastelstunde ist nicht automatisch personzentriert. F\u00fcr jemanden, der nie gerne gebastelt hat, kann sie bedeutungslos oder sogar entw\u00fcrdigend sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bedeutsame Besch\u00e4ftigung kann sein:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Gem\u00fcse r\u00fcsten<\/li>\n\n\n\n<li>Handt\u00fccher falten<\/li>\n\n\n\n<li>Pflanzen giessen<\/li>\n\n\n\n<li>Musik h\u00f6ren<\/li>\n\n\n\n<li>beten<\/li>\n\n\n\n<li>Werkzeug sortieren<\/li>\n\n\n\n<li>einen Tisch decken<\/li>\n\n\n\n<li>Tiere beobachten<\/li>\n\n\n\n<li>mit einem Kind sprechen<\/li>\n\n\n\n<li>einfach am Alltag teilhaben<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist nicht die Aktivit\u00e4t an sich, sondern ihre Bedeutung f\u00fcr den Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>5. Identit\u00e4t<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen brauchen die Erfahrung, jemand Bestimmtes zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Identit\u00e4t wird getragen durch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Name<\/li>\n\n\n\n<li>Biografie<\/li>\n\n\n\n<li>soziale Rollen<\/li>\n\n\n\n<li>Beziehungen<\/li>\n\n\n\n<li>Werte<\/li>\n\n\n\n<li>Beruf<\/li>\n\n\n\n<li>Kultur<\/li>\n\n\n\n<li>Religion<\/li>\n\n\n\n<li>Sprache<\/li>\n\n\n\n<li>Gewohnheiten<\/li>\n\n\n\n<li>pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde<\/li>\n\n\n\n<li>Erinnerungen anderer Menschen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn eine Person selbst Teile ihrer Geschichte nicht mehr erz\u00e4hlen kann, tragen andere Mitverantwortung daf\u00fcr, diese Identit\u00e4t nicht auszul\u00f6schen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Pflegefachperson kann sagen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie waren Schreiner und haben viele M\u00f6bel selbst gebaut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit vermittelt sie nicht nur eine Information. Sie gibt dem Menschen ein St\u00fcck seiner sozialen Identit\u00e4t zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Liebe als verbindendes Zentrum<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kitwoods Modell werden die psychologischen Bed\u00fcrfnisse h\u00e4ufig als Bl\u00fctenbl\u00e4tter dargestellt, die sich um das Zentrum der Liebe gruppieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ist nicht romantische Liebe gemeint.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeint ist eine Haltung, in der der Mensch nicht als Aufgabe, St\u00f6rung oder Pflegeobjekt betrachtet wird, sondern als jemand, dessen Wohlergehen Bedeutung besitzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In professioneller Pflege muss Liebe nicht als privates Gef\u00fchl verstanden werden. Sie kann sich ausdr\u00fccken als:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Achtung<\/li>\n\n\n\n<li>Interesse<\/li>\n\n\n\n<li>Geduld<\/li>\n\n\n\n<li>Zugewandtheit<\/li>\n\n\n\n<li>Verl\u00e4sslichkeit<\/li>\n\n\n\n<li>Schutz<\/li>\n\n\n\n<li>Mitgef\u00fchl<\/li>\n\n\n\n<li>Respekt vor Grenzen<\/li>\n\n\n\n<li>Bereitschaft, den Menschen wirklich wahrzunehmen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Maligne Sozialpsychologie<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einer der st\u00e4rksten und zugleich provokativsten Begriffe Kitwoods ist die <strong>maligne Sozialpsychologie<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMaligne\u201c bedeutet b\u00f6sartig oder sch\u00e4digend. Kitwood bezeichnete damit allt\u00e4gliche Interaktionsformen, welche das Personsein eines Menschen untergraben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wort bedeutet nicht, dass Pflegende absichtlich b\u00f6se handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viele dieser Verhaltensweisen entstehen durch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zeitdruck<\/li>\n\n\n\n<li>\u00dcberforderung<\/li>\n\n\n\n<li>Personalmangel<\/li>\n\n\n\n<li>schlechte Vorbilder<\/li>\n\n\n\n<li>mangelnde Schulung<\/li>\n\n\n\n<li>Angst vor Risiken<\/li>\n\n\n\n<li>institutionelle Routinen<\/li>\n\n\n\n<li>fehlende Reflexion<\/li>\n\n\n\n<li>eine Kultur, die Aufgaben h\u00f6her bewertet als Beziehungen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade deshalb ist der Begriff unbequem: Auch gutmeinende Menschen k\u00f6nnen in einem belastenden System entpersonalisierend handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu Kitwoods beschriebenen Formen geh\u00f6ren \u2013 je nach \u00dcbersetzung \u2013 unter anderem:<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>T\u00e4uschung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch wird bewusst manipuliert, damit er etwas tut, ohne die Situation nachvollziehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Entm\u00e4chtigung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Person darf F\u00e4higkeiten und Entscheidungen nicht mehr selbst aus\u00fcben, obwohl sie dazu noch teilweise in der Lage w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Infantilisierung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein erwachsener Mensch wird wie ein Kind behandelt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSo, jetzt sind wir aber ein braves M\u00e4dchen und essen sch\u00f6n auf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Einsch\u00fcchterung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Druck, Drohung, k\u00f6rperliche Dominanz oder ein scharfer Ton sollen Gehorsam erzwingen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Etikettierung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch wird auf eine Kategorie reduziert:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>\u201edie Demente\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eder Wegl\u00e4ufer\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>\u201edie Aggressive\u201c<\/li>\n\n\n\n<li>\u201eder Schreier\u201c<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Stigmatisierung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Person wird aufgrund ihrer Diagnose als minderwertig, unberechenbar oder nicht mehr ernst zu nehmen behandelt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00dcberholen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Handlungen, Fragen oder Bewegungen werden so schnell ausgef\u00fchrt, dass der Mensch keine Chance hat, mitzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Invalidierung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gef\u00fchle und Wahrnehmungen werden bestritten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie haben doch keinen Grund, traurig zu sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verbannung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Person wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder isoliert, weil ihr Verhalten st\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Objektifizierung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der K\u00f6rper wird behandelt, als geh\u00f6re er nicht zu einem empfindenden Menschen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ignorieren<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es wird \u00fcber die Person hinweg gesprochen oder gehandelt, als w\u00e4re sie nicht anwesend.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Aufzwingen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abl\u00e4ufe, T\u00e4tigkeiten oder Entscheidungen werden ohne echte Beteiligung durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vorenthalten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Information, Zuwendung, Wahlm\u00f6glichkeiten oder ben\u00f6tigte Unterst\u00fctzung werden nicht gegeben.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Beschuldigung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dem Menschen wird Fehlverhalten moralisch zugerechnet, obwohl seine M\u00f6glichkeiten durch die Erkrankung eingeschr\u00e4nkt sind.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Unterbrechung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Handlungen, Gedanken oder Gespr\u00e4che werden ohne Not gest\u00f6rt und nicht wieder aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verspotten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c4usserungen oder Verhaltensweisen werden l\u00e4cherlich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Herabw\u00fcrdigung<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch wird durch Worte, Gesten oder Tonfall erniedrigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Formen wirken nicht nur einzeln. Sie k\u00f6nnen sich im Alltag summieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch wird morgens ohne Begr\u00fcssung geweckt, schnell ausgezogen, gegen seinen Widerstand gewaschen, beim Fr\u00fchst\u00fcck \u00fcbergangen und sp\u00e4ter wegen seiner Unruhe medikament\u00f6s beruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jede einzelne Handlung mag im Arbeitsablauf erkl\u00e4rbar erscheinen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen ergeben sie m\u00f6glicherweise eine Welt, in der der Mensch kaum noch Einfluss, Orientierung, W\u00fcrde und Beziehung erlebt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Widerstand als Kommunikation<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods Ansatz ver\u00e4ndert den Blick auf sogenanntes herausforderndes Verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Statt zu fragen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie bringen wir die Bewohnerin dazu, mitzumachen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">fragen wir:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWas k\u00f6nnte sie mit ihrem Verhalten mitteilen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Widerstand kann bedeuten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ich verstehe nicht, was geschieht.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich erkenne Sie nicht.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie kommen mir zu nahe.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich habe Schmerzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich sch\u00e4me mich.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich brauche mehr Zeit.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich will selbst entscheiden.<\/li>\n\n\n\n<li>Diese Handlung passt nicht zu meiner Lebensweise.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich f\u00fchle mich bedroht.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich m\u00f6chte nicht ber\u00fchrt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>Ich habe Angst, aber finde die Worte nicht.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jeder Widerstand l\u00e4sst sich vollst\u00e4ndig entschl\u00fcsseln. Doch allein die Annahme, dass Verhalten Bedeutung besitzen k\u00f6nnte, ver\u00e4ndert die professionelle Haltung.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Positive Personarbeit<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood beschrieb der malignen Sozialpsychologie positive Formen der Begegnung gegen\u00fcber. In verschiedenen Fassungen und \u00dcbersetzungen werden unter anderem folgende Formen genannt:<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Anerkennen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch wird bewusst wahrgenommen und als eigenst\u00e4ndige Person angesprochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eGuten Morgen, Frau Keller. Ich bin Anna. Darf ich mich zu Ihnen setzen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Verhandeln<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Person wird an Entscheidungen beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eM\u00f6chten Sie zuerst fr\u00fchst\u00fccken oder sich zuerst waschen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Zusammenarbeiten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Handlung wird nicht an der Person, sondern mit ihr durchgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie waschen Ihr Gesicht selbst. Ich helfe Ihnen anschliessend beim R\u00fccken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Unterst\u00fctzen und erm\u00f6glichen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Umgebung wird so angepasst, dass vorhandene F\u00e4higkeiten genutzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Validieren<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gef\u00fchle und subjektive Erfahrungen werden anerkannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSie vermissen Ihr Zuhause. Dort haben Sie sich sicher gef\u00fchlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Halten<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch wird emotional getragen, wenn er Angst, Trauer oder Desorientierung nicht allein bew\u00e4ltigen kann.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Sch\u00f6pferisch sein<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es entsteht Raum f\u00fcr Ausdruck, Musik, Bewegung, Gestaltung und spontane Begegnung.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Spielen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Humor und spielerische Interaktion d\u00fcrfen entstehen, sofern sie nicht auf Kosten des Menschen gehen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Geben<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Mensch mit Demenz wird nicht nur als Empf\u00e4nger von Hilfe gesehen. Auch er kann Zuneigung, Unterst\u00fctzung, Humor, Wissen oder Aufmerksamkeit geben.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Feiern<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Freude, Erfolge, Rituale und bedeutsame Momente werden geteilt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Entspannen<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jede Minute muss therapeutisch genutzt oder mit Aktivit\u00e4t gef\u00fcllt werden. Gemeinsame Ruhe kann Beziehung sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die genaue Zahl und \u00dcbersetzung dieser Formen variiert in der Literatur. Entscheidend ist ihr gemeinsamer Kern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Gute Pflege st\u00e4rkt das Personsein, statt es weiter zu verkleinern.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Dementia Care Mapping<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gemeinsam mit Kathleen Bredin und der Bradford Dementia Group entwickelte Kitwood das <strong>Dementia Care Mapping<\/strong>, kurz DCM.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sollte die Pflege aus der Perspektive der Menschen mit Demenz beobachtbar machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschulte Beobachtende erfassen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum unter anderem:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>womit sich die Person besch\u00e4ftigt<\/li>\n\n\n\n<li>wie beteiligt sie ist<\/li>\n\n\n\n<li>wie sich ihr Wohlbefinden oder Unwohlsein zeigt<\/li>\n\n\n\n<li>welche Interaktionen stattfinden<\/li>\n\n\n\n<li>welche Begegnungen das Personsein st\u00e4rken<\/li>\n\n\n\n<li>welche Begegnungen es untergraben<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ziel ist nicht, einzelne Mitarbeitende heimlich zu kontrollieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Idealerweise dient DCM als Kreislauf der Praxisentwicklung:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Beobachten<\/li>\n\n\n\n<li>R\u00fcckmelden<\/li>\n\n\n\n<li>Gemeinsam verstehen<\/li>\n\n\n\n<li>Massnahmen planen<\/li>\n\n\n\n<li>Pflege ver\u00e4ndern<\/li>\n\n\n\n<li>Erneut beobachten<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Methode versucht damit, eine schwer zug\u00e4ngliche Perspektive sichtbar zu machen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie k\u00f6nnte der Alltag aus der Sicht der Person mit Demenz erlebt werden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">DCM wurde international verbreitet und in Pflegeeinrichtungen eingesetzt. Die Umsetzung ist jedoch anspruchsvoll. Sie ben\u00f6tigt geschulte Beobachtende, Zeit, R\u00fcckmeldung, F\u00fchrung und die Bereitschaft des Teams, tats\u00e4chlich Ver\u00e4nderungen vorzunehmen. Ein aktueller Literatur\u00fcberblick beschreibt DCM deshalb weniger als isoliertes Messinstrument denn als komplexe Intervention zur Praxisentwicklung. <a href=\"https:\/\/journal.ilpnetwork.org\/articles\/10.31389\/jltc.270\">\u00dcbersicht zu Dementia Care Mapping<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was sagt die Forschung?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierte Demenzpflege ist heute in vielen Leitlinien und Versorgungskonzepten verankert. Die britische NICE-Leitlinie stellt die Person mit ihren Bed\u00fcrfnissen, Rechten und Pr\u00e4ferenzen ins Zentrum und betont die Einbeziehung von Angeh\u00f6rigen und Betreuungspersonen. <a href=\"https:\/\/www.nice.org.uk\/guidance\/ng97\/chapter\/Person-centred-care\">NICE: Person-centred care<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Systematische \u00dcbersichten zeigen insgesamt positive, aber nicht einheitliche Ergebnisse.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierte Interventionen k\u00f6nnen unter geeigneten Bedingungen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Agitation vermindern<\/li>\n\n\n\n<li>neuropsychiatrische Symptome reduzieren<\/li>\n\n\n\n<li>depressive Symptome beeinflussen<\/li>\n\n\n\n<li>Lebensqualit\u00e4t verbessern<\/li>\n\n\n\n<li>den Einsatz von Psychopharmaka verringern<\/li>\n\n\n\n<li>die Beziehung zwischen Personal und Bewohnern verbessern<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine systematische \u00dcbersichtsarbeit und Metaanalyse fand positive Effekte insbesondere auf Agitation, neuropsychiatrische Symptome und Depression. Die Wirkungen hingen jedoch von Dauer, Intensit\u00e4t, Schulung und Umsetzung der Interventionen ab. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC5322939\/\">Metaanalyse zur personzentrierten Demenzpflege<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist ein wichtiger Punkt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung wirkt nicht allein dadurch, dass eine Institution das Wort in ihr Leitbild schreibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine einmalige Schulung ver\u00e4ndert keine Pflegekultur, wenn:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Personal st\u00e4ndig wechselt<\/li>\n\n\n\n<li>Zeit systematisch fehlt<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00fchrung nur auf Abl\u00e4ufe und Kennzahlen achtet<\/li>\n\n\n\n<li>biografisches Wissen nicht zug\u00e4nglich ist<\/li>\n\n\n\n<li>Risiken jede Selbstbestimmung verdr\u00e4ngen<\/li>\n\n\n\n<li>Mitarbeitende selbst keine Wertsch\u00e4tzung erfahren<\/li>\n\n\n\n<li>reflexive Fallbesprechungen fehlen<\/li>\n\n\n\n<li>Beziehungspflege nicht als Arbeit anerkannt wird<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die wissenschaftlichen Grenzen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods Modell ist ausserordentlich einflussreich, aber nicht in jeder Hinsicht empirisch beweisbar.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ein normatives Modell<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personsein und W\u00fcrde sind nicht nur messbare Variablen. Sie enthalten ethische und philosophische Aussagen dar\u00fcber, wie Menschen behandelt werden sollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist keine Schw\u00e4che, muss aber benannt werden.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Schwierige Ursachenzuordnung<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ein Mensch unruhig wird, l\u00e4sst sich nicht immer eindeutig feststellen, welcher Anteil auf neurologische Ver\u00e4nderungen, k\u00f6rperliche Beschwerden, Biografie, Umgebung oder Interaktion zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Faktoren wirken gleichzeitig und beeinflussen sich gegenseitig.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gefahr der Schuldzuweisung an Pflegende<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Begriff der malignen Sozialpsychologie kann so verstanden werden, als verursachten Pflegende das Leiden von Menschen mit Demenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das w\u00e4re verk\u00fcrzt und unfair.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pflegende handeln innerhalb von Systemen. Wer Beziehungspflege fordert, muss auch die Voraussetzungen schaffen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ausreichende Personalausstattung<\/li>\n\n\n\n<li>Kontinuit\u00e4t<\/li>\n\n\n\n<li>Ausbildung<\/li>\n\n\n\n<li>Supervision<\/li>\n\n\n\n<li>angemessene R\u00e4ume<\/li>\n\n\n\n<li>gen\u00fcgend Zeit<\/li>\n\n\n\n<li>unterst\u00fctzende F\u00fchrung<\/li>\n\n\n\n<li>interprofessionelle Zusammenarbeit<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Personzentrierung kann zur Leerformel werden<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fast jede Institution bezeichnet sich heute als personzentriert. Der Begriff verliert seinen Wert, wenn er nicht im Alltag \u00fcberpr\u00fcfbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die entscheidende Frage lautet nicht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eSteht Personzentrierung in unserem Leitbild?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWoran w\u00fcrde ein Bewohner heute konkret merken, dass er als Person z\u00e4hlt?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nicht jede Belastung ist kommunikativ l\u00f6sbar<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine schwere Demenz kann mit ausgepr\u00e4gten neuropsychiatrischen Symptomen, Schlafst\u00f6rungen, Wahrnehmungsver\u00e4nderungen, Impulsdurchbr\u00fcchen oder neurologisch bedingten Verhaltens\u00e4nderungen verbunden sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine wertsch\u00e4tzende Beziehung bleibt notwendig, aber sie ersetzt nicht:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>medizinische Diagnostik<\/li>\n\n\n\n<li>Schmerzbehandlung<\/li>\n\n\n\n<li>Delirabkl\u00e4rung<\/li>\n\n\n\n<li>Anpassung der Medikation<\/li>\n\n\n\n<li>psychiatrische oder neurologische Beurteilung<\/li>\n\n\n\n<li>Schutzmassnahmen bei akuter Gef\u00e4hrdung<\/li>\n\n\n\n<li>Entlastung der Angeh\u00f6rigen<\/li>\n\n\n\n<li>spezialisierte Pflege<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung bedeutet nicht, alles psychologisch zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kitwood, Rogers und Feil<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods Arbeit steht mehreren verwandten Ans\u00e4tzen nahe.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Carl Rogers<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211;> <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/tag\/carl-rogers-verstehen\/\" data-type=\"post_tag\" data-id=\"798\">Carl Rogers \u2013 Verstehen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rogers beschrieb Empathie, bedingungsfreie Wertsch\u00e4tzung und Kongruenz als Bedingungen hilfreicher Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood \u00fcbertrug eine verwandte Haltung auf die Demenzpflege und erg\u00e4nzte sie durch Biografie, soziale Umgebung, Pflegekultur und Personsein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Rogers fragt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWelche Beziehung erm\u00f6glicht pers\u00f6nliche Entwicklung?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood fragt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWelche Beziehung erh\u00e4lt und st\u00e4rkt das Personsein unter den Bedingungen einer Demenz?\u201c<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Naomi Feil<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8211;> <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/tag\/validation-in-der-pflegekommunikation-gefuehle-anerkennen\/\" data-type=\"post_tag\" data-id=\"797\">Validation in der Pflegekommunikation &#8211; Gef\u00fchle anerkennen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Feils Validation anerkennt die subjektive Wirklichkeit des desorientierten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood teilt diese Anerkennung, entwickelt aber ein breiteres Pflege- und Kulturmodell. Validation ist bei ihm eine Form positiver Personarbeit, aber nicht das gesamte Konzept.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\"><strong>Martin Buber<\/strong><\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods Denken wurde auch durch Martin Bubers Unterscheidung zwischen <strong>Ich\u2013Du<\/strong> und <strong>Ich\u2013Es<\/strong> beeinflusst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Ich\u2013Es-Beziehung wird der andere zum Objekt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">die Demenz<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">der Pflegefall<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">die Wegl\u00e4uferin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">das Zimmer 12<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Ich\u2013Du-Beziehung begegnet mir ein Mensch, der nicht vollst\u00e4ndig durch Kategorien erfasst werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Unterscheidung trifft den Kern personzentrierter Pflege.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet Kitwood f\u00fcr den Stationsalltag?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung beginnt nicht erst bei einem langen Biografiegespr\u00e4ch. Sie zeigt sich in kleinen Handlungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vor dem Betreten des Zimmers<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>anklopfen<\/li>\n\n\n\n<li>auf eine Reaktion warten<\/li>\n\n\n\n<li>sich vorstellen<\/li>\n\n\n\n<li>erkl\u00e4ren, weshalb man kommt<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>W\u00e4hrend der Pflege<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>den Menschen direkt ansprechen<\/li>\n\n\n\n<li>Blickkontakt suchen, ohne ihn zu erzwingen<\/li>\n\n\n\n<li>eine Handlung ank\u00fcndigen<\/li>\n\n\n\n<li>ausreichend Zeit f\u00fcr Reaktionen geben<\/li>\n\n\n\n<li>vorhandene F\u00e4higkeiten nutzen<\/li>\n\n\n\n<li>Zustimmung beobachten<\/li>\n\n\n\n<li>Widerstand nicht automatisch brechen<\/li>\n\n\n\n<li>Intimit\u00e4t und Scham sch\u00fctzen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bei wiederholten Fragen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht nur antworten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDas habe ich Ihnen schon dreimal gesagt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern fragen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWelche Unsicherheit kehrt mit dieser Frage immer wieder zur\u00fcck?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bei Unruhe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht nur dokumentieren:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eBewohnerin l\u00e4uft ziellos umher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern beobachten:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Wann beginnt die Unruhe?<\/li>\n\n\n\n<li>Wohin geht sie?<\/li>\n\n\n\n<li>Was geschieht davor?<\/li>\n\n\n\n<li>Was beruhigt sie?<\/li>\n\n\n\n<li>Sucht sie jemanden?<\/li>\n\n\n\n<li>Gibt es eine fr\u00fchere Tagesstruktur?<\/li>\n\n\n\n<li>Welche k\u00f6rperlichen Ursachen sind m\u00f6glich?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Im Rapport<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht sagen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFrau Keller war wieder schwierig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFrau Keller wehrte die K\u00f6rperpflege ab, als zwei Personen gleichzeitig auf sie einredeten. Als nur eine Pflegeperson ruhig erkl\u00e4rte und ihr den Waschlappen gab, \u00fcbernahm sie Gesicht und Oberk\u00f6rper selbst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zweite Form beschreibt Verhalten, Kontext, m\u00f6gliche Ausl\u00f6ser und hilfreiche Interventionen. Sie sch\u00fctzt die Person vor einer dauerhaften Etikettierung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet Kitwood f\u00fcr Angeh\u00f6rige?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Angeh\u00f6rige erleben oft, dass der vertraute Mensch sich ver\u00e4ndert. Das kann Trauer, Wut, Schuld, \u00dcberforderung und Hilflosigkeit ausl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Satz \u201eDer Mensch ist noch da\u201c darf diese Trauer nicht romantisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manches geht tats\u00e4chlich verloren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>gemeinsame Erinnerungen<\/li>\n\n\n\n<li>vertraute Gespr\u00e4chsformen<\/li>\n\n\n\n<li>Rollen<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00e4higkeiten<\/li>\n\n\n\n<li>Zukunftsvorstellungen<\/li>\n\n\n\n<li>gegenseitige Verl\u00e4sslichkeit<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung verlangt nicht, diesen Verlust zu leugnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie l\u00e4dt dazu ein, gleichzeitig nach dem zu suchen, was noch erreichbar ist:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>eine vertraute Stimme<\/li>\n\n\n\n<li>Ber\u00fchrung<\/li>\n\n\n\n<li>Musik<\/li>\n\n\n\n<li>Humor<\/li>\n\n\n\n<li>Rituale<\/li>\n\n\n\n<li>Ger\u00fcche<\/li>\n\n\n\n<li>ein gemeinsamer Blick<\/li>\n\n\n\n<li>eine kurze emotionale Verbindung<\/li>\n\n\n\n<li>das Gef\u00fchl von Sicherheit<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch kann den Namen seines Partners vergessen und dennoch auf dessen N\u00e4he reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kann ein gemeinsames Erlebnis nicht mehr erz\u00e4hlen und trotzdem die damit verbundene Emotion sp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beziehung ver\u00e4ndert sich. Sie endet nicht automatisch mit dem Verlust des biografischen Ged\u00e4chtnisses.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet Kitwood f\u00fcr F\u00fchrung?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierte Pflege kann nicht allein an einzelne Mitarbeitende delegiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fchrung muss Bedingungen schaffen, unter denen sie m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dazu geh\u00f6ren:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>stabile Bezugspersonen<\/li>\n\n\n\n<li>ausreichend Zeit f\u00fcr Beziehung<\/li>\n\n\n\n<li>zug\u00e4ngliche Biografieinformationen<\/li>\n\n\n\n<li>Fallbesprechungen<\/li>\n\n\n\n<li>Schulung in Demenz und Kommunikation<\/li>\n\n\n\n<li>medizinische Abkl\u00e4rung bei Verhaltens\u00e4nderungen<\/li>\n\n\n\n<li>eine Kultur ohne Besch\u00e4mung<\/li>\n\n\n\n<li>Unterst\u00fctzung nach belastenden Situationen<\/li>\n\n\n\n<li>Beteiligung von Angeh\u00f6rigen<\/li>\n\n\n\n<li>R\u00e4ume, die Orientierung erm\u00f6glichen<\/li>\n\n\n\n<li>die kritische Pr\u00fcfung unn\u00f6tiger Regeln<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Station kann nicht glaubw\u00fcrdig personzentriert arbeiten, wenn Mitarbeitende selbst nur als austauschbare Funktionstr\u00e4ger behandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier entsteht eine wichtige Parallele:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer Personsein sch\u00fctzen soll, braucht selbst eine Arbeitskultur, in der er als Person wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Personzentrierung und Multiversit\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwoods Ansatz ber\u00fchrt auch die Multiversit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen mit Demenz unterscheiden sich nicht nur in ihrer Diagnose. Sie bringen mit:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>unterschiedliche Sprachen<\/li>\n\n\n\n<li>Kulturen<\/li>\n\n\n\n<li>Religionen<\/li>\n\n\n\n<li>Familienbilder<\/li>\n\n\n\n<li>Geschlechtsidentit\u00e4ten<\/li>\n\n\n\n<li>Berufe<\/li>\n\n\n\n<li>Bildungsgeschichten<\/li>\n\n\n\n<li>soziale Rollen<\/li>\n\n\n\n<li>Erfahrungen von Krieg, Migration oder Ausgrenzung<\/li>\n\n\n\n<li>individuelle Vorstellungen von N\u00e4he, Scham und Autonomie<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine standardisierte Pflege kann diese Verschiedenheit leicht \u00fcbersehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Multiversit\u00e4t bedeutet hier nicht nur, Unterschiede zu respektieren. Sie bedeutet, diese Unterschiede in die gemeinsame Gestaltung der Pflege einzubeziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Mensch darf auch mit Demenz kulturell, religi\u00f6s und biografisch verschieden bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Personzentrierung fragt: Wer ist dieser Mensch?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Multiversit\u00e4t fragt zus\u00e4tzlich: Wie kann seine Verschiedenheit unsere gemeinsame Wirklichkeit mitgestalten?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine praktische Pr\u00fcffrage<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor jeder Intervention k\u00f6nnte die Pflegefachperson innerlich fragen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn dieser Mensch sich vollst\u00e4ndig ausdr\u00fccken k\u00f6nnte \u2013 wie w\u00fcrde er wahrscheinlich erleben, was wir gerade mit ihm tun?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Frage liefert keine sichere Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber sie unterbricht den Automatismus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie erinnert daran, dass hinter jeder Pflegemassnahme ein Mensch steht, der etwas erleben, empfinden und m\u00f6glicherweise ablehnen kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tom Kitwood hat die Demenzpflege nicht dadurch ver\u00e4ndert, dass er die Krankheit verharmloste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er ver\u00e4nderte sie, indem er den Menschen wieder sichtbar machte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Modell erinnert uns:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Verhalten hat h\u00e4ufig Bedeutung.<\/li>\n\n\n\n<li>Beziehungen beeinflussen Wohlbefinden.<\/li>\n\n\n\n<li>Biografie bleibt wichtig.<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00e4higkeiten d\u00fcrfen nicht vorschnell abgesprochen werden.<\/li>\n\n\n\n<li>k\u00f6rperliche Ursachen m\u00fcssen sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcft werden.<\/li>\n\n\n\n<li>die soziale Umgebung kann Sicherheit oder Bedrohung erzeugen.<\/li>\n\n\n\n<li>Personsein kann im Alltag gest\u00e4rkt oder verletzt werden.<\/li>\n\n\n\n<li>W\u00fcrde endet nicht mit dem Verlust kognitiver F\u00e4higkeiten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielleicht wichtigste Ver\u00e4nderung liegt in der Sprache.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDie Demente in Zimmer zw\u00f6lf muss noch gewaschen werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eFrau Keller braucht heute Unterst\u00fctzung bei der K\u00f6rperpflege. Sie f\u00fchlt sich sicherer, wenn wir langsam vorgehen und sie m\u00f6glichst viel selbst \u00fcbernehmen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beide S\u00e4tze k\u00f6nnen dieselbe Aufgabe beschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nur einer sieht den Menschen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der Mensch verschwindet nicht hinter der Demenz. Er verschwindet dort, wo wir aufh\u00f6ren, ihm als Menschen zu begegnen.<\/strong><br>-Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lies auch unter:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ethik-und-moral-in-der-pflege\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2762\">Ethik und Moral in der Pflege<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ethisch-entscheiden-wenn-es-keine-einfache-richtige-antwort-gibt\/\" data-type=\"post\" data-id=\"3008\">Ethisch entscheiden \u2013 wenn es keine einfache richtige Antwort gibt<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/die-moebiusschleife-des-menschlichen-verbindet-kommunikation-gruppendynamik-psychologie-und-systemdenken\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2475\">Die M\u00f6biusschleife des Menschlichen<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur und weiterf\u00fchrende Quellen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood, T. (1997). <em>Dementia Reconsidered: The Person Comes First<\/em>. Open University Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kitwood, T., &amp; Bredin, K. (1992). <em>Towards a Theory of Dementia Care: Personhood and Well-being<\/em>. Ageing and Society, 12(3), 269\u2013287.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brooker, D. (2007). <em>Person-Centred Dementia Care: Making Services Better<\/em>. Jessica Kingsley Publishers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dewing, J. (2008). Personhood and dementia: Revisiting Tom Kitwood\u2019s ideas. <em>International Journal of Older People Nursing, 3<\/em>(1), 3\u201313.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kim, S. K., &amp; Park, M. (2017). Effectiveness of person-centered care on people with dementia: A systematic review and meta-analysis. <em>Clinical Interventions in Aging, 12<\/em>, 381\u2013397. <a href=\"https:\/\/pmc.ncbi.nlm.nih.gov\/articles\/PMC5322939\/\">Volltext<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">National Institute for Health and Care Excellence. <em>Dementia: Assessment, management and support for people living with dementia and their carers<\/em>. <a href=\"https:\/\/www.nice.org.uk\/guidance\/ng97\/chapter\/Person-centred-care\">NICE-Leitlinie<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quasdorf, T., Riesner, C., Dichter, M. N., Dortmann, O., Bartholomeyczik, S., &amp; Halek, M. Dementia Care Mapping und die Entwicklung personzentrierter Pflegepraxis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Surr, C. A., et al. Forschung zu Dementia Care Mapping und personzentrierter Praxisentwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom Kitwood: Der Mensch verschwindet nicht hinter der Demenz &#8211; Warum Personsein, Beziehung und W\u00fcrde wichtiger sind als die Diagnose<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":3435,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[636,668],"tags":[611,802],"class_list":["post-3432","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kommunikation-sprache","category-pflege-gesundheiswesen","tag-gruppendynamik","tag-tom-kitwood-der-mensch-verschwindet-nicht-hinter-der-demenz-warum-personsein"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - 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