{"id":3346,"date":"2026-10-29T08:07:00","date_gmt":"2026-10-29T06:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/?p=3346"},"modified":"2026-09-22T17:55:52","modified_gmt":"2026-09-22T15:55:52","slug":"kolda-1990-und-die-frage-was-von-dieser-gastfreundschaft-geblieben-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/kolda-1990-und-die-frage-was-von-dieser-gastfreundschaft-geblieben-ist\/","title":{"rendered":"Kolda 1990 \u2013 und die Frage, was von dieser Gastfreundschaft geblieben ist"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" data-attachment-id=\"3347\" data-permalink=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?fit=1672%2C941&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1672,941\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?fit=1024%2C576&amp;ssl=1\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?resize=1024%2C576&#038;ssl=1\" alt=\"img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1\" class=\"wp-image-3347\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?resize=768%2C432&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?resize=1536%2C864&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/www.zingg-dive.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/img_52818937-3834-4b8a-8cac-4ad0e9f32bd1.jpg?w=1672&amp;ssl=1 1672w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auf den Spuren des senegalesisch &#8211; afrikanischen Islams in der Haute Casamance in Kolda.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">von <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/ueber-den-autor-christoph-j-zingg\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2795\">Christoph J. Zingg<\/a> (Autor)<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eToleranz begann f\u00fcr mich in Kolda nicht mit einem theoretischen Bekenntnis. Sie begann mit einem farbigen Gewand, einer offenen Moschee und einer Familie, die mich drei Monate lang zu einem der Ihren machte.\u201c<\/strong><br>\u2014Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Einf\u00fchrung<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sechsunddreissig Jahre sind vergangen, seit ich 1990 drei Monate in Kolda im S\u00fcden Senegals verbrachte. Dennoch ist mir die Zeit bis heute gegenw\u00e4rtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damals war ich ledig, allein unterwegs und fasziniert von einer Kultur, die mir zun\u00e4chst fremd war. Mein Zugang zu Kolda entstand nicht \u00fcber einen Reiseveranstalter oder ein Hotel, sondern durch eine Brieffreundschaft. Ich lebte bei der einheimischen Familie meines Brieffreundes. Nicht als zahlender Gast am Rand des Familienlebens, sondern \u2013 so empfand ich es \u2013 wie ein Familienmitglied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich ass mit der Familie, teilte ihren Alltag und war in ihre sozialen Beziehungen eingebunden. Mein Christsein war kein Geheimnis. Dennoch \u2013 oder vielleicht gerade deshalb \u2013 wurde ich eingeladen, an einem Freitagsgebet teilzunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor der Moschee geschah etwas, das sich mir tief eingepr\u00e4gt hat: Ich wurde feierlich eingekleidet. Man legte mir farbenpr\u00e4chtige traditionelle Gew\u00e4nder an, wie sie meine Gastgeber mit dem besonderen Anlass und dem Besuch der Moschee verbanden. Es war keine Verkleidung im touristischen Sinn. Zumindest erlebte ich es nicht so. Es f\u00fchlte sich vielmehr an wie eine Form der Ehrerweisung und der vor\u00fcbergehenden Aufnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sollte die Moschee nicht als beliebiger Zuschauer betreten. Meine Gastgeber bereiteten mich auf den Eintritt in ihren religi\u00f6sen Raum vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Niemand verlangte von mir, meinen christlichen Glauben zu verleugnen. Niemand versuchte, mich zu bekehren. Ich durfte als Christ anwesend sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders beeindruckte mich der Imam. Er sprach mit mir offen \u00fcber Gott, den Staat und die Welt. Es war kein Verh\u00f6r und kein theologischer Wettbewerb. Ich hatte nicht das Gef\u00fchl, mich verteidigen zu m\u00fcssen. Unterschiedliche \u00dcberzeugungen standen im Raum, ohne dass einer von uns den anderen zum Schweigen bringen musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich f\u00fchlte mich sicher, respektiert, willkommen und angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute frage ich mich: War dieses Erlebnis Ausdruck einer Kultur, die in Kolda noch immer besteht? Oder erinnere ich mich an eine Offenheit, die inzwischen verschwunden ist?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eine pers\u00f6nliche Erinnerung ist keine Statistik<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine einzelne Erfahrung kann nicht beweisen, wie \u201edie Menschen im Senegal\u201c oder \u201edie Muslime in Kolda\u201c grunds\u00e4tzlich sind. Drei Monate in einer Familie sind keine repr\u00e4sentative Untersuchung. Meine Erinnerung ist zudem von meiner damaligen Neugier, meiner pers\u00f6nlichen Beziehung zu meinem Brieffreund und der besonderen Gastrolle gepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch ist eine solche Erfahrung wissenschaftlich nicht wertlos. In der qualitativen Sozialforschung und Autoethnografie werden pers\u00f6nliche Erlebnisse als Zugang zu sozialen Wirklichkeiten verstanden. Entscheidend ist, sie nicht vorschnell zu verallgemeinern, sondern mit anderen Quellen abzugleichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Erinnerung sagt nicht: So war jeder Mensch in Kolda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sagt: Eine solche Begegnung war 1990 in Kolda m\u00f6glich. Eine muslimische Familie und ein Imam \u00f6ffneten einem christlichen Gast nicht nur ihr Haus, sondern auch einen religi\u00f6sen Raum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historische und aktuelle Forschung zeigt, dass diese Erfahrung keineswegs v\u00f6llig zuf\u00e4llig war.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kolda ist nicht einfach \u201eder S\u00fcden Senegals\u201c<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kolda liegt in der Haute-Casamance, der oberen Casamance, im historischen Fouladou oder Fulaadu. Die Region befindet sich in einem Grenzraum zwischen Senegal, Gambia, Guinea und Guinea-Bissau. Die heutigen Staatsgrenzen sind j\u00fcnger als viele der dortigen Familienbeziehungen, Handelswege, Sprachen und religi\u00f6sen Netzwerke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Senegal und Gambia unterscheiden sich politisch und kolonialgeschichtlich deutlich: Senegal wurde franz\u00f6sisch, Gambia britisch kolonisiert. Deshalb dominieren bis heute unterschiedliche Amtssprachen, Verwaltungstraditionen und Bildungssysteme. F\u00fcr die Menschen des s\u00fcdlichen Senegambia waren diese Grenzen jedoch nie undurchl\u00e4ssig. Ethnische, sprachliche, verwandtschaftliche und religi\u00f6se Beziehungen reichen \u00fcber sie hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vom 13. Jahrhundert bis in die 1860er-Jahre geh\u00f6rten grosse Teile der Region zum Einflussgebiet der Kaabu-Konf\u00f6deration. In den politischen Krisen des 19. Jahrhunderts erhoben sich Fulbe-Gruppen gegen teilweise ausbeuterisch gewordene Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Aus diesen K\u00e4mpfen entstand das Fulaadu, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts bestand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neue arch\u00e4ologische Forschungen zeigen, wie unzutreffend es w\u00e4re, die Geschichte Koldas lediglich als s\u00fcdliche Variante der Geschichte Dakars zu erz\u00e4hlen. W\u00e4hrend Dakar zum Zentrum der franz\u00f6sischen Kolonialherrschaft wurde, war die Region Kolda noch in den 1920er-Jahren nicht vollst\u00e4ndig kartiert und besteuert. Die franz\u00f6sische Herrschaft blieb lange begrenzt und musste sich lokaler Machtstrukturen bedienen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bemerkenswert ist die von Sirio Can\u00f3s-Donnay und Thierry Bald\u00e9 nachgewiesene kulturelle Kontinuit\u00e4t. Trotz politischer Umbr\u00fcche ver\u00e4nderten sich Siedlungsformen, materielle Kultur und lokale Machtvorstellungen lange erstaunlich wenig. Kaabu und Fulaadu sind bis heute gesellschaftliche Bezugspunkte. Gleichzeitig hinterliess die Kolonialzeit tiefe wirtschaftliche Spuren: k\u00fcnstliche Grenzen, exportorientierte Landwirtschaft und eine zunehmende Randlage innerhalb Senegals.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kolda war somit nie eine geschichtslose Peripherie. Die Region war ein politischer und kultureller Raum mit eigener Dynamik, lange bevor sie von Dakar aus verwaltet wurde. (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/0067270X.2025.2510759\">Can\u00f3s-Donnay &amp; Bald\u00e9, 2025<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie der Islam im s\u00fcdlichen Senegal heimisch wurde<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Islamisierung des s\u00fcdlichen Senegambia verlief nicht geradlinig. Sie war weder ausschliesslich eine Geschichte friedlicher Mission noch lediglich das Ergebnis religi\u00f6ser Kriege.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Historiker Aly Dram\u00e9 zeigt, dass sich der Islam in der mittleren Casamance seit dem 17. Jahrhundert durch unterschiedliche Prozesse institutionalisierte: durch Heirat, Verwandtschaft, koranische Bildung, Migration und die Gr\u00fcndung muslimischer Siedlungen \u2013 aber auch durch Zwang, Konflikte und Dschihadbewegungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Religion verbreitete sich also nicht nur von der Kanzel oder durch politische Eroberung. Sie gelangte \u00fcber Familienbeziehungen und das gemeinsame Leben in die Gesellschaft. Menschen unterschiedlicher Herkunft mussten aushandeln, wie Land, Ehe, Erziehung und religi\u00f6se Zugeh\u00f6rigkeit miteinander verbunden werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Geschichte enth\u00e4lt Gewalt und Machtk\u00e4mpfe. Sie enth\u00e4lt aber ebenso die F\u00e4higkeit, Fremde in soziale Beziehungen aufzunehmen. Gerade diese Verbindung von Religion, Familie und Gastfreundschaft hilft mir, mein Erlebnis von 1990 besser zu verstehen. Ich wurde nicht zuerst durch eine Institution aufgenommen, sondern durch eine Familie. Der Weg zur Moschee f\u00fchrte durch eine pers\u00f6nliche Beziehung. (<a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3998\/mpub.11535757\">Dram\u00e9, 2025<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welchen Islam erlebte ich?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Senegal ist heute zu rund 97 Prozent muslimisch. Die grosse Mehrheit der Muslime geh\u00f6rt zum sunnitischen Islam und ist zugleich mit einer sufischen Bruderschaft verbunden. Zu den wichtigsten geh\u00f6ren die Tijaniyya, die Muridiyya, die Qadiriyya und die Layene.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sufismus bezeichnet die spirituelle und mystische Dimension des Islams. Im Senegal sind die Bruderschaften jedoch weit mehr als religi\u00f6se Gebetsgemeinschaften. Sie bilden soziale Netzwerke, vermitteln Bildung, organisieren Solidarit\u00e4t und haben erheblichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Religi\u00f6se Autorit\u00e4ten \u2013 Marabouts, Kalifen und Imame \u2013 k\u00f6nnen zwischen Familien, Bev\u00f6lkerung und Staat vermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der senegalesische Staat ist verfassungsrechtlich s\u00e4kular. Religionsfreiheit und die Selbstverwaltung religi\u00f6ser Gemeinschaften sind gesch\u00fctzt. Gleichzeitig ist Religion im gesellschaftlichen Alltag viel sichtbarer und einflussreicher als in vielen europ\u00e4ischen Staaten. S\u00e4kularit\u00e4t bedeutet dort nicht, Religion aus der \u00d6ffentlichkeit zu verbannen, sondern unterschiedliche religi\u00f6se Gemeinschaften in einen gemeinsamen staatlichen Rahmen einzubinden. (<a href=\"https:\/\/2021-2025.state.gov\/reports\/2023-report-on-international-religious-freedom\/senegal\/\">US Department of State: Religious Freedom in Senegal<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es w\u00e4re allerdings zu einfach, den Sufismus pauschal als \u201etoleranten Islam\u201c zu bezeichnen. Keine religi\u00f6se Tradition ist aus sich heraus immer friedlich oder immer intolerant. Auch sufisch gepr\u00e4gte Gesellschaften k\u00f6nnen hierarchisch, patriarchalisch und in Fragen von Geschlecht und Sexualit\u00e4t ausgesprochen konservativ sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Offenheit, die ich erlebte, entstand nicht allein aus einer Glaubenslehre. Sie entstand aus dem Zusammenwirken religi\u00f6ser \u00dcberzeugungen, famili\u00e4rer Gastfreundschaft, lokaler Traditionen und der Entscheidung konkreter Menschen, mir Vertrauen entgegenzubringen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Gewand als Br\u00fccke<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im R\u00fcckblick erscheint mir das feierliche Einkleiden vor der Moschee als Schl\u00fcsselszene.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ethnologe Arnold van Gennep beschrieb \u00dcbergangsrituale als Abfolge von Trennung, Schwelle und Aufnahme. Victor Turner entwickelte daraus den Begriff der Liminalit\u00e4t: Menschen befinden sich f\u00fcr eine gewisse Zeit zwischen ihren bisherigen gesellschaftlichen Positionen. In solchen Momenten kann eine besondere Form der Verbundenheit entstehen, die Turner <em>Communitas<\/em> nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich weiss ich nicht, ob meine Gastgeber mein Einkleiden bewusst als \u00dcbergangsritual verstanden. Dennoch l\u00e4sst sich die Situation anthropologisch so deuten:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich trat aus meiner allt\u00e4glichen Rolle als europ\u00e4ischer und christlicher Besucher heraus. Vor der Moschee befand ich mich buchst\u00e4blich und symbolisch auf einer Schwelle. Durch das Gewand wurde ich nicht zum Muslim. Aber ich war auch nicht mehr nur der aussenstehende Fremde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kleidung \u00fcbersetzte meine Anwesenheit in eine Form, die Respekt vor dem religi\u00f6sen Ort ausdr\u00fcckte. Meine Verschiedenheit wurde nicht beseitigt. Sie wurde sozial tragbar gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend war dabei, dass die Einladung von innen kam. Ich drang nicht als Tourist in einen heiligen Raum ein. Familie und Imam legitimierten meine Anwesenheit. Sie signalisierten der Gemeinschaft und mir: Dieser Mensch darf hier sein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum diese Begegnung Vorurteile abbauen konnte<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Sozialpsychologie hilft, mein Erlebnis einzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gordon Allport formulierte 1954 seine sogenannte Kontakthypothese. Kontakt zwischen Angeh\u00f6rigen verschiedener Gruppen kann Vorurteile vermindern, besonders wenn bestimmte Bedingungen erf\u00fcllt sind: ein m\u00f6glichst gleichwertiger Status in der jeweiligen Situation, gemeinsame Ziele, Zusammenarbeit und die Unterst\u00fctzung durch anerkannte Autorit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Kolda waren nicht alle diese Bedingungen vollkommen erf\u00fcllt. Als europ\u00e4ischer Besucher verf\u00fcgte ich \u00fcber Privilegien, die meine Gastgeber nicht hatten. Dennoch gab es wichtige Elemente eines gelingenden Kontaktes:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Ich lebte nicht abgeschirmt, sondern \u00fcber l\u00e4ngere Zeit in einer Familie.<\/li>\n\n\n\n<li>Unser Kontakt beruhte auf einer pers\u00f6nlichen Brieffreundschaft.<\/li>\n\n\n\n<li>Wir teilten den Alltag und nicht nur einen inszenierten Festtag.<\/li>\n\n\n\n<li>Die Familie unterst\u00fctzte die Begegnung.<\/li>\n\n\n\n<li>Der Imam best\u00e4tigte durch seine Offenheit, dass der religi\u00f6se Austausch legitim war.<\/li>\n\n\n\n<li>Wir begegneten einander nicht nur als Vertreter zweier Religionen, sondern als konkrete Menschen.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine grosse Metaanalyse von Thomas Pettigrew und Linda Tropp untersuchte 515 Studien mit 713 unabh\u00e4ngigen Stichproben und mehr als 250\u2019000 Beteiligten. Das Ergebnis: Direkter Kontakt zwischen Gruppen vermindert in der Regel Vorurteile. Besonders wirksam sind l\u00e4ngerfristige Beziehungen und Freundschaften. Kontakt ist jedoch kein Automatismus. Unter Bedingungen von Angst, Konkurrenz oder starren Machtunterschieden kann er auch scheitern. (<a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/16737372\/\">Pettigrew &amp; Tropp, 2006<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine drei Monate in Kolda waren deshalb etwas anderes als ein kurzer Moscheebesuch. Ich betrachtete die Menschen nicht aus sicherer Entfernung. Ich war auf sie angewiesen, und sie liessen sich auf mich ein. Beide Seiten wurden f\u00fcreinander zu Personen statt zu abstrakten Kategorien wie \u201eder Christ\u201c, \u201eder Europ\u00e4er\u201c oder \u201edie Muslime\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>1990 war nicht \u00fcberall Frieden<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine pers\u00f6nliche Sicherheit darf nicht mit der politischen Lage der gesamten Casamance verwechselt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Konflikt zwischen dem senegalesischen Staat und dem Mouvement des Forces D\u00e9mocratiques de la Casamance, dem MFDC, hatte bereits 1982 begonnen. Forderungen nach Unabh\u00e4ngigkeit verbanden sich mit Erfahrungen politischer und wirtschaftlicher Vernachl\u00e4ssigung. Das Zentrum der bewaffneten Auseinandersetzungen lag vor allem in der westlichen und unteren Casamance, nicht in gleicher Intensit\u00e4t in Kolda.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Konflikt war trotz der Beteiligung einzelner religi\u00f6ser Pers\u00f6nlichkeiten kein Krieg zwischen Christen und Muslimen. Im MFDC fanden sich Menschen unterschiedlicher Religionszugeh\u00f6rigkeit. Auch die katholische Kirche nahm keine einheitlich separatistische Position ein und engagierte sich sp\u00e4ter stark in der Friedensvermittlung. (<a href=\"https:\/\/shs.hal.science\/halshs-02479100\">Foucher, 2018<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass ich mich 1990 sicher f\u00fchlte, war deshalb weder Einbildung noch ein Beweis daf\u00fcr, dass die ganze Region sicher war. Sicherheit hat unterschiedliche Ebenen. Politisch konnte eine Region von Konflikten betroffen sein, w\u00e4hrend ein Mensch innerhalb einer Familie, eines Dorfes oder einer religi\u00f6sen Gemeinschaft Schutz und Geborgenheit erlebte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war nicht anonym. Ich geh\u00f6rte zu jemandem. Die Familie meines Brieffreundes gab mir einen sozialen Ort \u2013 und dieser Ort sch\u00fctzte mich.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ist diese Offenheit in Kolda geblieben?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die deutlichste Antwort lautet: Der christlich-muslimische Dialog ist in Kolda weiterhin sichtbar und gesellschaftlich verankert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im November 2024 berichteten regionale Medien \u00fcber die enge Zusammenarbeit zwischen Ch\u00e9rif L\u00e9heib A\u00efdara, dem Kalifen der religi\u00f6sen Gemeinschaft von Sar\u00e9 Mamady, und Jean-Pierre Bass\u00e8ne, dem katholischen Bischof von Kolda. Der Kalif beschreibt den Bischof sinngem\u00e4ss nicht als Vertreter einer fremden Gemeinschaft, sondern als jemanden, mit dem er sich verbunden weiss. Der Bischof wirkt sogar an der Organisation der j\u00e4hrlichen muslimischen Ziarra von Sar\u00e9 Mamady mit. (<a href=\"https:\/\/www.dakaractu.com\/KOLDA-Le-dialogue-islamo-chretien-une-realite-au-Fouladou_a255524.html\">Dakaractu, 9. November 2024<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei der 51. Ziarra im Januar 2026 diskutierten vierzehn muslimische Religionsf\u00fchrer gemeinsam mit dem Bischof von Kolda \u00fcber Glauben, Erziehung, gesellschaftliche Werte, soziale Medien und den christlich-muslimischen Dialog. Der Kalif w\u00fcrdigte ausdr\u00fccklich die Gedanken des Bischofs \u00fcber Glauben, Liebe und Solidarit\u00e4t und rief zu Offenheit und Toleranz auf. (<a href=\"https:\/\/www.dakaractu.com\/51eme-edition-ziarra-annuelle-de-Sare-Mamady-Kolda-Perte-des-valeurs-educatives-derives-dans-les-reseaux-sociaux_a268754.html\">Dakaractu, 1. Februar 2026<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist mehr als eine diplomatische Begegnung zwischen Religionsfunktion\u00e4ren. Der Bischof ist in ein muslimisches Fest eingebunden \u2013 \u00e4hnlich wie ich 1990 als Christ in einen muslimischen Raum aufgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Erinnerung wirkt vor diesem Hintergrund nicht wie das Relikt einer untergegangenen Epoche. Die Grundhaltung interreligi\u00f6ser Gastfreundschaft scheint in Kolda fortzubestehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet nicht, dass ich heute automatisch in jeder Moschee dieselbe Erfahrung machen w\u00fcrde. Menschen, Familien und Moscheegemeinschaften unterscheiden sich. Aber eine Einladung wie jene von 1990 w\u00e4re im heutigen Kolda keineswegs unvorstellbar oder kulturfremd.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was sich ver\u00e4ndert hat<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kolda ist heute st\u00e4rker mit einer globalisierten und digitalen Welt verbunden. Mobiltelefone und soziale Medien ver\u00e4ndern Autorit\u00e4t, Familienkommunikation, Partnerwahl, religi\u00f6se Bildung und die Erwartungen junger Menschen. Bezeichnenderweise geh\u00f6rte bei der Ziarra 2026 gerade die Sorge um soziale Medien und den Verlust famili\u00e4rer Kommunikation zu den Hauptthemen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch die Folgen des Casamance-Konflikts sind nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberwunden. Im Februar 2025 erneuerten der Staat und ein Teil des MFDC ihre Verpflichtung zu Entwaffnung und Frieden. Das war ein bedeutender Fortschritt, aber kein umfassender Abschluss mit s\u00e4mtlichen Gruppierungen. Wirtschaftliche Benachteiligung, schwache Infrastruktur und die Folgen von Vertreibung und Unsicherheit bleiben Herausforderungen. (<a href=\"https:\/\/hdcentre.org\/news\/he-state-of-senegal-and-the-provisional-committee-of-the-unified-political-and-combat-wings-of-the-mfdc-take-a-major-step-in-the-casamance-peace-process\/\">Centre for Humanitarian Dialogue, 2025<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Arch\u00e4ologische und historische Forschungen beschreiben die Region Kolda heute als eine der wirtschaftlich schw\u00e4cheren Regionen Senegals \u2013 obwohl sie fr\u00fcher ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher Raum war. Diese Diskrepanz ist eine langfristige Folge kolonialer Grenzziehungen, wirtschaftlicher Randlage und ungleicher Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Schleust Senegal Menschen nach Europa?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage ist verst\u00e4ndlich, sollte aber anders gestellt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weder \u201eder Senegal\u201c noch \u201edie Gambier\u201c schleusen als V\u00f6lker Menschen nach Europa. Es existieren kommerzielle Schleusernetzwerke, die \u00dcberfahrten organisieren und an der Hoffnung oder Verzweiflung von Menschen verdienen. Manche Netzwerke sind lokal, andere grenz\u00fcberschreitend. Die Staaten selbst versuchen zugleich, irregul\u00e4re Abfahrten zu verhindern und Schleusung zu bek\u00e4mpfen \u2013 teilweise in enger und nicht unumstrittener Zusammenarbeit mit der Europ\u00e4ischen Union.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menschen aus Kolda und anderen Regionen migrieren aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden: fehlende Arbeitsm\u00f6glichkeiten, wirtschaftliche Unsicherheit, famili\u00e4re Erwartungen, der Wunsch nach Bildung und gesellschaftlichem Aufstieg, Ver\u00e4nderungen in der Landwirtschaft und die Vorstellung, in Europa ein besseres Leben aufbauen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die gef\u00e4hrliche Atlantikroute f\u00fchrt von Senegal, Gambia oder Mauretanien zu den Kanarischen Inseln. Nach Angaben der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration erreichten 2024 rund 13\u2019600 senegalesische Staatsangeh\u00f6rige Europa \u00fcber irregul\u00e4re west- und zentralafrikanische Routen. (<a href=\"https:\/\/wca.iom.int\/senegal\">IOM Senegal<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Migranten sind dabei nicht einfach passive \u201eFracht\u201c. Viele treffen bewusste Entscheidungen unter sehr eingeschr\u00e4nkten Bedingungen. Schleuser nutzen diese Entscheidungen kommerziell aus. Menschenhandel beginnt dort, wo Menschen get\u00e4uscht, gezwungen oder zum Zweck ihrer Ausbeutung kontrolliert werden. Nicht jede bezahlte Fluchthilfe ist Menschenhandel, aber jede \u00dcberfahrt auf dieser Route kann in Ausbeutung und Lebensgefahr enden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur: Wer bringt diese Menschen nach Europa? Ebenso wichtig ist: Warum sehen so viele junge Menschen trotz der Todesgefahr keine ausreichende Zukunftsperspektive zu Hause?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die schmerzliche Grenze der Toleranz: Homosexualit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier muss ich meine positive Erinnerung einer schwierigen Gegenprobe aussetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1990 trat ich in Kolda als lediger christlicher Gast auf. Meine religi\u00f6se Identit\u00e4t war sichtbar und wurde respektiert. Meine sexuelle Orientierung und eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft standen nicht im Mittelpunkt der Begegnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute w\u00fcrde ich in einer anderen pers\u00f6nlichen Situation zur\u00fcckkehren: als Mann, der mit seinem Mann Sai verheiratet ist. Damit k\u00e4me neben der religi\u00f6sen Differenz eine weitere Identit\u00e4tsdimension hinzu \u2013 und diese wird im Senegal rechtlich und gesellschaftlich v\u00f6llig anders behandelt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen waren bereits 1990 nach Artikel 319 des senegalesischen Strafgesetzbuches von 1965 strafbar. Insofern besteht eine problematische Kontinuit\u00e4t. Im M\u00e4rz 2026 wurde die Gesetzgebung jedoch erheblich versch\u00e4rft. Gleichgeschlechtliche Handlungen k\u00f6nnen nun mit f\u00fcnf bis zehn Jahren Haft und hohen Geldstrafen geahndet werden. Zus\u00e4tzlich werden die \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung, \u201eVerherrlichung\u201c und Finanzierung entsprechender Aktivit\u00e4ten kriminalisiert. Berichte dokumentieren Verhaftungen, Gewalt, willk\u00fcrliche Behandlung und erhebliche gesellschaftliche Diskriminierung. (<a href=\"https:\/\/www.humandignitytrust.org\/country-profile\/senegal\/\">Human Dignity Trust, Stand 3. August 2026<\/a>\u2060)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das zwingt zu einer unbequemen Erkenntnis: Eine Gesellschaft kann Christen mit grosser Herzlichkeit aufnehmen und gleichzeitig homosexuelle Menschen ausgrenzen. Interreligi\u00f6se Toleranz bedeutet nicht automatisch ein liberales Verst\u00e4ndnis von Sexualit\u00e4t, Geschlecht und individuellen Menschenrechten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kann nicht wissen, wie meine damalige Gastfamilie heute auf mich und Sai reagieren w\u00fcrde. Es w\u00e4re unfair, ihr im Nachhinein Ablehnung zu unterstellen. Individuelle Menschen k\u00f6nnen sehr viel offener sein als Gesetze oder \u00f6ffentliche Debatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso falsch w\u00e4re es aber, aufgrund meiner positiven Erfahrung die reale Gefahr f\u00fcr LGBTQ-Personen zu verharmlosen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Erinnerung bleibt wahr. Sie ist nur nicht die ganze Wahrheit \u00fcber die Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Konstanz und Wandel auf einen Blick<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-fixed-layout\"><tbody><tr><td><strong>Dimension<\/strong><\/td><td><strong>Kolda 1990<\/strong><\/td><td><strong>Kolda und Senegal heute<\/strong><\/td><\/tr><tr><td>Christlich-muslimische Beziehungen<\/td><td>Pers\u00f6nlich erfahrene Offenheit und Einladung in die Moschee<\/td><td>In Kolda weiterhin institutionell und \u00f6ffentlich sichtbar<\/td><\/tr><tr><td>Meine gesellschaftliche Rolle<\/td><td>Lediger, christlicher und ausl\u00e4ndischer Gast<\/td><td>Verheirateter Mann in einer gleichgeschlechtlichen Ehe<\/td><\/tr><tr><td>Homosexualit\u00e4t<\/td><td>Bereits seit 1965 kriminalisiert, f\u00fcr mich damals nicht sichtbar im Zentrum<\/td><td>Seit M\u00e4rz 2026 wesentlich sch\u00e4rfere Strafen und zus\u00e4tzliche Verbote<\/td><\/tr><tr><td>Casamance-Konflikt<\/td><td>Seit 1982 im Gang, haupts\u00e4chlich weiter westlich konzentriert<\/td><td>Deutliche Friedensfortschritte, aber nicht alle Konfliktfolgen beseitigt<\/td><\/tr><tr><td>Kommunikation<\/td><td>Brieffreundschaft und unmittelbares Familienleben<\/td><td>Mobiltelefone und soziale Medien ver\u00e4ndern Familien und Autorit\u00e4ten<\/td><\/tr><tr><td>Migration<\/td><td>Regionale und internationale Mobilit\u00e4t bereits vorhanden<\/td><td>Gef\u00e4hrliche Atlantikroute und organisierte Schleusung st\u00e4rker sichtbar<\/td><\/tr><tr><td>Gastfreundschaft<\/td><td>F\u00fcr mich konkret, famili\u00e4r und religi\u00f6s erfahrbar<\/td><td>Aktuelle Beispiele sprechen f\u00fcr eine bemerkenswerte Kontinuit\u00e4t<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>War meine damalige Wahrnehmung zu romantisch?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein \u2013 aber sie war notwendigerweise unvollst\u00e4ndig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich muss meine Erinnerung nicht widerrufen, nur weil ich heute mehr \u00fcber Konflikte, Armut, Migration oder die Verfolgung homosexueller Menschen weiss. Ich habe die Offenheit, Sicherheit und Gastfreundschaft nicht erfunden. Sie waren Teil meiner gelebten Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig darf ich aus einer liebevollen Familie kein vollkommenes Land konstruieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kolda war 1990 weder ein Paradies noch ist es heute zu einem Ort allgemeiner Intoleranz geworden. Gesellschaften bewegen sich nicht auf einer einzigen Achse von \u201eoffen\u201c zu \u201egeschlossen\u201c. Sie k\u00f6nnen in einem Bereich erstaunlich integrativ und in einem anderen hart ausgrenzend sein. Sie k\u00f6nnen historische Gastfreundschaft bewahren und zugleich politische oder moralische Grenzen versch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt darin die wichtigste Erkenntnis meiner R\u00fcckschau: Toleranz ist keine feste nationale Eigenschaft. Sie ist eine soziale Praxis. Sie muss in jeder Beziehung und gegen\u00fcber jeder Minderheit neu verwirklicht werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Kolda als fr\u00fche Erfahrung von Multiversit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute w\u00fcrde ich meine damalige Erfahrung als eine fr\u00fche Begegnung mit dem bezeichnen, was ich <a href=\"https:\/\/www.zingg-dive.ch\/blog\/multiversitaet-wenn-vielfalt-beginnt-gemeinsam-wirklichkeit-zu-gestalten\/\" data-type=\"post\" data-id=\"2889\">Multiversit\u00e4t<\/a> nenne:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diversit\u00e4t beschreibt, dass Menschen verschieden sind. Multiversit\u00e4t beschreibt, wie diese Verschiedenheit zu einer gemeinsamen St\u00e4rke wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Menschen in Kolda beseitigten unsere Unterschiede nicht. Ich blieb Christ, sie blieben Muslime. Der Imam musste meine Weltsicht nicht \u00fcbernehmen, und ich musste die seine nicht annehmen. Trotzdem konnten wir \u00fcber Gott, Staat und Welt sprechen. Ich konnte mit einer muslimischen Familie leben und an ihrem religi\u00f6sen Leben teilnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus Verschiedenheit entstand Beziehung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Erfahrung bleibt allerdings unvollendet, solange diese M\u00f6glichkeit nicht auch Menschen offensteht, deren sexuelle Orientierung oder Lebensform von der gesellschaftlichen Mehrheit abweicht. Die beeindruckende christlich-muslimische Verst\u00e4ndigung in Kolda zeigt, dass kulturell verankerte Toleranz m\u00f6glich ist. Gerade deshalb darf man hoffen und fordern, dass der Kreis der Zugeh\u00f6rigkeit weitergezogen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich weiss nicht, ob ich heute noch einmal genau dieselbe Erfahrung machen k\u00f6nnte. Aber die aktuellen Berichte aus Kolda geben mir Anlass, den Menschen dort die Offenheit meiner Erinnerung nicht abzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht w\u00fcrde ich wieder eingekleidet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht w\u00fcrde wieder ein Imam mit mir \u00fcber Gott, Staat und Welt diskutieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber ich w\u00fcrde heute mit weiteren Fragen vor ihm sitzen: Kann eine Gemeinschaft ihre religi\u00f6se Identit\u00e4t bewahren und zugleich homosexuellen Menschen W\u00fcrde, Sicherheit und Freiheit zugestehen? Kann die Gastfreundschaft, die mir als Christ entgegengebracht wurde, auch meinen Mann einschliessen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Antwort darauf kenne ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ich weiss, dass mir Kolda 1990 etwas gezeigt hat, das auch heute g\u00fcltig bleibt: Fremdheit muss nicht in Feindschaft enden. Ein heiliger Raum kann sich \u00f6ffnen, ohne seine Bedeutung zu verlieren. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Gott muss nicht mit dem Sieg einer Seite enden. Und eine Familie kann einen Fremden aufnehmen, bis er sich nicht mehr fremd f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eDie Menschen von Kolda verlangten nicht, dass ich Muslim werde. Sie machten mir Platz in ihrer Moschee, ihrer Familie und ihrer Welt. Frieden beginnt vielleicht dort, wo Zugeh\u00f6rigkeit keine Gleichf\u00f6rmigkeit verlangt \u2013 und W\u00fcrde keine Ausnahme kennt.\u201c<\/strong><br>\u2014Christoph J. Zingg<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2e3b<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Literatur und Quellen<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allport, G. W. (1954). <em>The Nature of Prejudice<\/em>. Addison-Wesley.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Can\u00f3s-Donnay, S., &amp; Bald\u00e9, T. (2025). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/0067270X.2025.2510759\">Kings, warriors and shifting towns: The struggle for power in the Upper Casamance (Senegal), 1830\u20131960<\/a>\u2060. <em>Azania: Archaeological Research in Africa<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dakaractu. (2024, 9. November). <a href=\"https:\/\/www.dakaractu.com\/KOLDA-Le-dialogue-islamo-chretien-une-realite-au-Fouladou_a255524.html\">Kolda: Le dialogue islamo-chr\u00e9tien, une r\u00e9alit\u00e9 au Fouladou<\/a>\u2060.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dakaractu. (2026, 1. Februar). <a href=\"https:\/\/www.dakaractu.com\/51eme-edition-ziarra-annuelle-de-Sare-Mamady-Kolda-Perte-des-valeurs-educatives-derives-dans-les-reseaux-sociaux_a268754.html\">51\u00e8me \u00e9dition de la ziarra annuelle de Sar\u00e9 Mamady<\/a>\u2060.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dram\u00e9, A. (2025). <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.3998\/mpub.11535757\"><em>The Institutionalization of Islam in Southern Senegal: Intermarriage, Qur\u2019anic Education, and Jihad<\/em><\/a>\u2060. University of Michigan Press.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Foucher, V. (2018). <a href=\"https:\/\/shs.hal.science\/halshs-02479100\">The Mouvement des Forces D\u00e9mocratiques de Casamance: The Illusion of Separatism in Senegal?<\/a>\u2060<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Human Dignity Trust. (2026). <a href=\"https:\/\/www.humandignitytrust.org\/country-profile\/senegal\/\">Senegal: Laws criminalising LGBT people<\/a>\u2060.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pettigrew, T. F., &amp; Tropp, L. R. (2006). <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/16737372\/\">A meta-analytic test of intergroup contact theory<\/a>\u2060. <em>Journal of Personality and Social Psychology, 90<\/em>(5), 751\u2013783.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Turner, V. (1969). <em>The Ritual Process: Structure and Anti-Structure<\/em>. Aldine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Van Gennep, A. (1960). <em>The Rites of Passage<\/em>. University of Chicago Press. Originalwerk ver\u00f6ffentlicht 1909.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolda 1990 \u2013 und die Frage, was von dieser Gastfreundschaft geblieben ist: Auf den Spuren des senegalesisch &#8211; afrikanischen Islams in Kolda.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[637],"tags":[611,789,608],"class_list":["post-3346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-myanmar-burma-international","tag-gruppendynamik","tag-kolda-1990-und-die-frage","tag-kommunikation"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.7 - 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